Die Alten Geister

25.

Sie erreichten das Dorf am Nachmittag des nächsten Tages, als das Licht bereits zu schwinden begann. Mehrere Baumhöhlen gruppierten sich um zwei große Äste, verbunden durch Treppen, Hängebrücken und Leitern. Shen sah Yami das erste Mal seit Tagen wieder lächeln, und die Auswirkung auf Tsusu war noch viel umwerfender. Sein kleiner Schatz sah aus, als wollte er vor Erleichterung weinen. Von Rho war jedoch auch weiterhin nur ein angespannter Rücken zu erkennen.

Shen freute sich auf ein Zimmer, auf die Möglichkeit, sich ausgiebig zu waschen und auf ein ausgedehntes Essen, das aus mehr als Suppe und Fleisch bestand. Sie würden lange und in Sicherheit schlafen können, und Shen plante, sich Rho zu widersetzen, wenn dieser sofort am folgenden Tag aufbrechen wollte. Sie brauchten alle Ruhe. Ohne Wachen, ohne Gefahren.

Shen winkte den zwei Frauen zu, die auf der Stachelbarriere standen, die das Dorf sowohl nach oben, wie auch nach unten abgrenzten. Dieser Schutz, der Raubtiere abhielt, war normal für Siedlungen so weit unten in der Stille. Die beiden waren dabei, einen gebrochenen Haltepfeiler zu reparieren. Grüßend hob eine der beiden die Hand.

Während sie die Wendeltreppe zum Dorf emporstiegen, wurde ihnen in der unteren Barriere die Falltür geöffnet. Man empfing sie freundlich, auch wenn das Dorfoberhaupt, ein großgewachsener, breitschultriger Mann, bedauernd mitteilte, dass sie bereits Gäste hatten. Die Fremden würden sich zwei Zimmer teilen müssen.

Shen freute sich im Stillen darüber, während er gleichzeitig die Einladung zu einem geselligen Abendessen ausschlug und darum bat, dass sie es am nächsten Tag nachholen konnten. Als er die Finsternis erwähnte, weiteten sich die Augen des Oberhauptes in einer Mischung aus Respekt und Unglauben.

Shen atmete erleichtert auf, als er endlich die Tür hinter Tsusu und sich schließen konnte. Das Felllager, das an einer Wand des kleinen, nahezu runden Zimmers errichtet war, wirkte unglaublich anziehend. Doch jetzt konnte Shen auch die Entschuldigung verstehen. Das hier war kein Raum für zwei Männer, sondern er war für Paare gedacht. Er grinste leicht, als er den Rucksack abstellte. Ebenso verlockend war allerdings die Wanne. Das Wasser dampfte, erhitzt durch die im Boden eingelassenen Steine.

Shen zog die schweren Vorhänge vor das Fenster, das durch ein kunstvoll geformtes Gitter gesichert war. Er strich mit dem Blick einmal über das eingewebte Motiv, eine stilisierte angreifende Schleichkatze, die nächtens böse Geister fernhalten sollte; dann trat er zu seinem erschöpften Geliebten und strich ihm kurz über die Wange.

"Ich hole uns etwas zu essen und zu trinken. Es könnte ein wenig länger dauern." Indirekt gab er ihm dadurch zu verstehen, dass er sich waschen konnte, ohne dass Shen ihn stören würde.

Tsusu lächelte, weil Shen ihm Zeit allein einräumen wollte. Er nickte leicht und begann gleich, in dem Rucksack nach seinem Kamm zu suchen. Heißes Wasser zum Waschen kam ihm wie der Himmel vor. Er war müde und erschöpft von Rhos schrecklichem Tempo, auch wenn er verstehen konnte, dass der Prinz zurückkehren und von seinen Erfahrungen berichten wollte.

Dazu kam noch, dass Yami und Rho beide seltsam still geworden waren. Stiller noch als Shen, und das war wirklich eine Kunst. Fast glaubte Tsusu, dass Yami und Rho sich vielleicht gestritten haben könnten. Bloß wann? Sie waren doch immer zusammen gewesen.

Ein anderer Gedanke drängte sich mehr in den Vordergrund, während er zart duftende Seifen verwendete und es genoss, dass er saubere weiche Tücher hatte. Seine alten Kleider erschienen ihm derart abstoßend, dass er sie nicht mehr anziehen wollte. Er schob sie zu einem Haufen zusammen, den er in einer Ecke des Raumes zu ignorieren versuchte, während er in die Felle und Tücher auf das Schlaflager gekuschelt seine Haare kämmte.

Shen ließ sich Zeit. Die Zimmer und die Verpflegung waren zwar kostenlos, weil das Gastrecht in der Stille als ernste Pflicht gesehen wurde. Aber er zahlte mit einem der Steine, den er bei ihrem letzten Aufenthalt in einer der Ruinen mitgenommen hatte, um frische Kleidung zu bekommen und ihre alte waschen zu lassen. So tief unten war er nicht allzu viel wert, im Licht hingegen wäre der gleiche Stein einer Kostbarkeit gleich gekommen. Zudem erstand er Haaröl für Tsusu, vergewisserte sich, dass bei dem Essen ausreichend fleischlose Kost für seinen Schatz dabei war und kehrte mit dem schweren Tablett und einem Kleiderbündel unter dem Arm zu ihrem Zimmer zurück. Er klopfte an und wartete auf eine Antwort, bevor er eintrat.

Tsusu in den Fellen gab ein derart hübsches Bild ab, dass er stockte und erst einmal nur starren konnte. Nach einem langen Moment schloss er die Tür, ehe er das Tablett zum Lager trug und es auf das niedrige Tischchen daneben stellte, dann reichte er Tsusu das Ölfläschchen. Er wollte ihn küssen, aber das saubere Gesicht und die feuchten Haare machten ihm bewusst, wie dreckig er selbst war. Deswegen lächelte er nur, legte die saubere Kleidung ab und ging zum Waschtisch. Allein der heiße Dampf war schon angenehm. Ohne weitere Umstände zog er sich aus, brachte die beiden Häufchen Dreckwäsche vor die Tür und stieg dann in die Sitzwanne.

Nicht übermäßig diskret beobachtete Tsusu den Stillen, dem er angehören wollte, beim Baden. Was er sah, erregte ihn trotz seiner Müdigkeit. Aber er wusste, dass es schlechtes Benehmen war, und sicherlich würde er sich nicht beim Starren erwischen lassen. Als Shen sich wieder zu ihm umwandte, war Tsusu dabei, seine Haare mit dem Öl und seinem Kamm zu trocknen, anscheinend vollkommen in diese Tätigkeit vertieft.

Shen brauchte nicht lang, ehe er sich mit ebenfalls nassen Haaren zu Tsusu in die Felle setzen konnte. Es war ein beinahe unwirkliches Gefühl. Tsusu hatte auf ihn gewartet, und sie aßen gemeinsam von den warmen und gut gewürzten Speisen.

Tsusu lehnte sich ein wenig dichter zu Shen, biss einmal neckend von seinem Brot ab und meinte: "Ich hätte nie geglaubt, dass ich einmal so froh über Kräutersuppe sein würde."

"Nach so einer Reise weiß man die einfachen Dinge zu schätzen." Shen ließ eine der dichten Strähnen von Tsusus Haar, das nun herrlich glänzte, durch seine Hand gleiten. Er hatte vergessen, wie weich es sein konnte und genoss das Gefühl. Nie würde er müde werden, es zu bewundern. Mit einem Mal wurde ihm bewusst, dass sie aus der Finsternis zurückgekehrt waren. Lebendig. Tsusu war bei ihm, und sie würden sicher das Licht erreichen.

"Du bist schön", sagte er leise. "Immer. Aber jetzt ganz besonders."

Tsusu sah Shen in die Augen und begann Glück zu fühlen. Er war müde, seine Füße schmerzten, er war vermutlich sogar zu dünn für einen Schmuck geworden, und seine Haare waren noch lange nicht in gutem Zustand. Aber er hatte alles, was er wollte, gleich bei sich. Vor allen Dingen den Mann, den er schmücken würde, an den er sich binden wollte. Tränen stiegen ihm in die Augen. Um sie zu verbergen, schmiegte Tsusu sich an Shen heran. Erst beim Kontakt mit der warmen Haut fiel ihm ein, dass sie beide nackt waren, und er wurde rot.

Shen legte einen Arm um den zierlichen Mann, um ihn zu halten und an sich zu drücken. Mit der freien Hand streichelte er über das Haar, das schwer und dicht über Tsusus Rücken fiel. Tsusu war wirklich die größte Kostbarkeit, die er je von einer Reise mitgebracht hatte, und er würde ihn nie wieder hergeben.

Shens Herz schlug schneller, als wollte es mit den Gefühlen mithalten, die ihn plötzlich füllten. Er wollte ihm sagen, was ihn bewegte, weil er sich sicher war, dass der ehemalige Schmuck das erwartete und er ihn glücklich machen wollte. Aber er fand keine Worte. Sein Versuch wurde nur zu einem Seufzen, als er Tsusus Kinn anhob, glänzende Augen und rote Wangen sah. Es war jenseits von Worten, was er empfand. Eine lange Weile sah er ihn nur an, dann küsste er ihn weich.

Tsusu genoss es, dass sie nicht auf Yami oder Rho achten mussten und schon gerade nicht auf irgendwelche feindlich gesinnten Tiere oder Geister. Hier waren nur sein Geliebter und er, in weichen Fellen und Tüchern, mit einem sehr gut funktionierenden Hitzestein, der den Raum in schwach rotes Schimmern tauchte. Shens Gesicht sah geheimnisvoll aus und aufregend, als der Stille Tsusu unter sich bettete und ihm in die Augen sah, ohne auch nur ein Wort zu verlieren.

Sie küssten sich eine lange Zeit, aber immer wieder unterbrach Tsusus Gähnen sie, bis er sich nur noch an Shen heran kuschelte und nichts weiter tun konnte, als seine Augen zu schließen.

Shen zog eines der Felle über sie, dann schloss er beschützend die Arme um den zarten Körper, schob ein Bein über Tsusus und vergrub das Gesicht in seinem Haar, den warmen, frischen Duft genießend. So wollte er einschlafen, so wollte er auch wieder aufwachen und spüren, dass sein Geliebter sicher und bei ihm war.

 

Rho wurde davon geweckt, dass ihn jemand an der Schulter rüttelte und bat, doch im Gästezimmer weiter zu ruhen. Er war aus Rücksicht auf Yami aus dem Raum gegangen, als der Heiler baden wollte. Offenbar war er nach dem Abendmahl einfach eingeschlafen. Leise bedankte Rho sich bei dem Wirt und schlich sich in das Schlafzimmer.

Yami war jedoch noch auf und schien mit frischer Kleidung beschäftigt zu sein. Rho dachte schuldig daran, dass Shen sie vermutlich bestellt hatte. "Wenn du noch auf bist, Yami, dann kann ich auch noch ein Bad nehmen, nicht wahr?"

"Natürlich, Rho." Unglücklich erinnerte Yami sich, dass er darauf gehofft hatte, dass sie jeder einen Raum haben würden. Gleich nach der Entschuldigung des Dorfoberhauptes hatte er wider besseren Wissens gewünscht, sein Zimmer wenigstens mit Tsusu teilen zu können oder auch mit Shen. Er wusste nicht, was er falsch gemacht hatte, aber seit dem Gespräch in der Finsternis war Rho auf sehr höfliche Art abweisend, wenn er überhaupt einmal da war.

Das einzige, was er sich vorstellen konnte, war wirklich, dass er ihm zu nahe gekommen war. Aber während der langen, anstrengenden Wanderung durch die Dunkelheit hatte Yami feststellen können, dass es für ihn nicht nah genug war. Sein Liebeskummer war zurückgekommen, und dieses Mal richtete er sich allein auf Rho. Er war anders als der wegen Tsusu, kein Vermissen und Sehnen nach etwas, das wunderschön gewesen war und ein Ende gefunden hatte, sondern ein Trauern um das, was nie würde sein können.

Rasch zog er das Hemd über und schlüpfte in die Hose. Noch während er den Gürtel band, war er schon auf dem Weg zur Tür. Er würde Rho nicht bedrängen, wenn sich der Mann so unwohl mit ihm fühlte. Er würde nicht einmal den Anschein erwecken. Er zwang sich zu einem halben Lächeln.

"Du hast mir Zeit für mich gelassen, ich gebe den Gefallen gern zurück." Noch ehe Rho antworten konnte, hatte er den Raum bereits verlassen.

"Yami!" Rho seufzte. Im Schankraum war niemand mehr und Yami würde vermutlich gleich wieder zu ihm zurückkommen. Er überlegte kurz, ob er ihm folgen sollte, aber entschied dann, dass er das Bad nutzen und sich herrichten würde. Eine Nacht mit ordentlichem Schlaf könnte ihm zusätzlich helfen, Yami ihre Lage besser zu erklären.

Yami fühlte sich allein und dumm, als er im Flur stand und Rhos Ruf hörte. Der Boden war unangenehm kalt unter seinen nackten Füßen, aber nichts würde ihn dazu bringen, jetzt zu Rho zurückzugehen. Seine Augen brannten, aber er ließ die Tränen nicht zu. Er war froh darüber, dass die anderen Gäste bereits in ihren Zimmern waren und er ihnen so wenigstens nicht begegnen konnte. Er hatte das Gefühl, die hochgewachsenen Stillen sahen verächtlich auf ihn herab. 'Ich bin müde, sonst würde ich nicht so denken.'

Fröstelnd schlang er die Arme um sich und tappte leise durch den Flur und eine Treppe hinab zu einem von weiteren Gittern verschlossenen Balkon. Kühle Nachtluft wehte herein und spielte mit seinem feuchten Haar. Er sollte sich eigentlich gut fühlen. Er war sauber; sie hatten die Finsternis hinter sich gelassen; ein weiches, warmes Bett wartete auf ihn; keine Gefahren drohten; das Essen war lecker gewesen. Mit den Fingerkuppen fuhr Yami die Streben des Gitters nach, die in ihrer Form Speerspitzen nachempfunden waren, und sah an ihnen vorbei in die Dunkelheit hinaus.

Trotz seiner Angst und trotz aller Sorge war die Reise in die Finsternis hinab schöner gewesen als das, was eine freudige Heimkehr hätte werden sollen, voller Jubel und Erwartung, ins Licht zurückzukommen.

'Es wird nicht ganz die Art von Erleichterung sein, die ich erwartet habe', dachte er sarkastisch. 'Aber es wird mir gut tun, wenn wir getrennt sind. Und ihm auch. Dabei wollte ich ihm doch nur...' Er unterdrückte den kleinen Traum, den er geträumt hatte, und schauderte leicht in einer kalten Böe. Er würde einsam sein.

Einen Moment lang gestattete er sich noch die Traurigkeit, dann lenkte er seine Gedanken bewusst auf die Dinge, die er würde tun müssen, wenn er wieder daheim war. 'Rho hat Recht. Ich werde mir schnell einen neuen Schmuck... ich will keinen neuen Schmuck.'

Schließlich, als er meinte, dass genügend Zeit vergangen war, ging er langsam zu dem Zimmer zurück, das er mit dem Kriegerprinzen teilte. Er klopfte an und wartete einen Moment, ehe er eintrat.

Rho hatte sich gebadet und war lediglich mit seiner frischen Hose bekleidet auf einer Seite des Schlaflagers unter die Decken und Felle gekrochen. Der Schlaf wollte sich nicht einstellen, so sehr er ihn auch nötig hatte. Er starrte zur Tür und hoffte, dass Yami ihn nicht so lang warten lassen würde. Er wusste, dass er sein Versprechen an Shen noch an diesem Abend einlösen musste.

Als der Prinz mit den fast weißen Haaren endlich leise und schüchtern beinahe ins Zimmer zurückkehrte, begrüßte Rho ihn mit den Worten: "Es ist meine Schuld, Yami. Ich sollte darunter leiden, nicht du. Du zuletzt."

Verwirrt sah Yami ihn an, bevor er die Tür schloss. Gleich darauf merkte er, wie angenehm warm es drinnen war, und das ließ ihn noch mehr frösteln. Auch wenn ihm nicht nach sprechen und Rhos Nähe war, war ihm sehr wohl danach, in die dicken Felle zu kriechen und sich darin einzugraben. Im rötlichen Glimmen des Hitzesteins zog er sich das Hemd über den Kopf und huschte zum Lager hin, um sich erst dort der Hose zu entledigen und rasch unter eine Decke zu schlüpfen. Ihm entfuhr ein erleichterter Seufzer, und er kuschelte sich tiefer ein, auch um sich vor Rho zu verstecken.

"Was kannst du dafür?", fragte er schließlich mit geschlossenen Augen. Immerhin redete Rho mit ihm, was er die letzte Zeit vermieden hatte. "Dich trifft genauso wenig Schuld wie Tsusu. Ich erwarte zu viel. Das tut mir leid."

"Tsusu?" Rho blinzelte Yami an, dann fragte er mehr von Yamis Nacktheit, als dem schon wieder schief gelaufenen Gespräch verwirrt: "Wovon sprichst du?"

Yami runzelte die Stirn. Rho war kein Mann, der Scherze auf Kosten der Gefühle anderer machte. Er öffnete die Augen und fand sich ohne Vorwarnung in Rhos Blick gefangen. Warum musste er so warm und gleichzeitig bekümmert schauen? Es war fast zu viel, um es zu ertragen, und es tat Yami im Bauch weh.

Er biss sich auf die Unterlippe und atmete gegen die Enge in seiner Kehle an, ehe er sagen konnte: "Er liebt mich, aber nicht auf die Weise, wie ich es mir gewünscht habe. Und bei dir ist es genau das gleiche."

Rho seufzte und senkte den Kopf, während er sich an die Wand gelehnt aufsetzte.

"Nein", meinte er endlich leise. "Es ist nicht das gleiche bei mir."

"Ist es nicht?" Yami schloss die Augen wieder, er wollte ihn nicht ansehen und sich wünschen, er könnte ihn berühren. "Wahrscheinlich nicht, du hast Recht. Ich habe mich in dich verliebt, aber ich bin dir damit nur lästig."

Mit einem kleinen Aufschluchzen drehte er sich weg, rollte sich zusammen und bis sich auf die Lippen, um Rho nicht hören zu lassen, dass er weinte.

Tonlos meinte Rho: "Nein. Ich liebe dich, aber du bist zu gut, zu wertvoll." Er streckte eine Hand nach Yami aus, aber verharrte. "Ich wollte dir nicht weh tun und dich gar nicht erst in Versuchung führen. Unsere Kronen sind nicht gut miteinander gestellt. Das wird sich sicherlich nicht geändert haben. Deine Krone braucht dich. Meine Krone braucht mich."

Die Überraschung ließ Yamis Tränen versiegen. Mit aufgerissenen Augen starrte er an die gegenüber liegende Wand. Rho... liebte ihn? Hastig wischte er sich über das Gesicht, aber konnte sich nicht zu ihm umdrehen. Ganz langsam kribbelte Verstehen in ihm empor. Rho liebte ihn. Ohne sich zu bewegen lächelte er das Fell an und sagte es sich stumm einige Male vor. Er hatte nichts falsch gemacht. Schließlich rollte er doch herum und sah in das ernste Gesicht empor, das so verletzlich wirkte, dass Yami es nicht wagte, ihn zu berühren.

"Schlechte Beziehungen kann man verbessern", flüsterte er. "Und das würde bestimmt helfen, sie ganz gewaltig zu verbessern."

Rho schloss die Augen. "Unsere Kronen, Yami, sind verfeindet. Seit unsere Gelehrten zurückdenken können verfeindet. Womit es begann, kann niemand mehr sagen. Aber es würde mir unmöglich sein, einfach bei dir im Palast zu leben. Es wäre noch unmöglicher, wenn du in meiner Krone leben solltest. Das wäre bei unserem Unterschied im Stand nicht machbar." Er ballte eine Hand zur Faust. "Es ginge höchstens, wenn ich als dein Schmuck einziehen würde. Aber hast du schon einmal einen so hässlichen Schmuck wie mich gesehen?"

Yami setzte sich auf und rutschte näher zu ihm heran. Dass Rho ihn nicht liebte, war ihm als das einzige Hindernis erschienen. Er wollte keine anderen zulassen. Er wollte ihm nahe sein, sehnte sich nach ihm. Die Vernunft und das Pflichtbewusstsein des Kriegerprinzen waren immer schon Dinge gewesen, die Yami an ihm bewundert hatte, und er bewunderte sie auch jetzt, selbst wenn sie ihm lästig waren. Er strich ihm vorsichtig eine Strähne aus der Stirn, dann betrachtete er Rhos Gesicht und verliebte sich nur noch mehr. In dem Moment schwor er sich, dass er alles versuchen würde, damit sie zusammen kommen konnten.

"Du bist nicht hässlich. Du bist du", sagte er und meinte jedes Wort genau so, dann ging er jedoch zu dem wesentlich ernsteren Thema über. "Ich mag der Kronprinz sein, Rho, aber ich bin nicht nur der Kronprinz. Ich bin ein Heiler, und als solcher kann ich den Pflichten eines Königs nicht ohne weiteres nachkommen. Ich werde ohnehin nur mit Hilfe einer meiner Schwestern regieren können, wenn nicht sogar nur als Symbol auf dem Thron. Wir müssten nicht im Palast leben. Mein Volk kommt zu mir, damit ich ihm helfe. Es würde immer noch kommen, wenn ich mich mit einem Mann aus der Sternkrone verbinde, um einen Frieden zu beginnen."

Rho glaubte nicht daran, aber er war zum einen zu müde, um Argumente zu finden, zum anderen zu verliebt in Yami. "Nein... vielleicht kannst du immer noch behaupten, dass ich ein einfacher Jäger bin", meinte er nach einer Weile und kam sich nicht unbedingt schlau vor. "Ich werde Io fragen, ob es eine Lösung gibt."

"Doch", antwortete Yami nachdrücklich. Er rutschte zurück in seine Felle und fragte dann zaghaft: "Hältst du mich wieder? Wie... in der Finsternis. Ich habe mich nie sicherer gefühlt als da."

Rho lächelte und nickte. "Davon habe ich seit der Finsternis geträumt, seitdem habe ich nicht mehr richtig schlafen können vor Sorge."

Er nahm seinen Mut zusammen und beugte sich rasch über Yami, um ihn auf den Mundwinkel zu küssen. Danach rutschte er dichter an den Heiler heran und legte einen Arm um ihn. Trotz seiner Aufregung schlief er fast sofort ein.

Yami spürte die Nähe, die kleine Stelle, an der Rhos Lippen ihn berührt hatten, den starken Körper, der sich von Decken getrennt an ihn schmiegte und konnte sein Glück kaum fassen. Er legte seine Hand über Rhos und schob seine Finger zwischen die des anderen Mannes.

'Wir werden zusammen bleiben', versprach er sich und ihm noch einmal stumm. 'Wir könnten die Kronen vereinen... obwohl, dann müsste ich mich mit Io verbinden, nicht mit dir.'

Er grinste im Halbschlaf, und während er tiefer darin versank, wurden seine Pläne immer wilder und undurchführbarer, bis sie nur noch Träume waren.


© by Jainoh & Pandorah