Die Alten Geister

26.

Shen erwachte so, wie er eingeschlafen war, seinen kleinen Feuervogel sicher im Arm und mit dem Wissen, dass er nicht aufstehen musste, wenn er nicht wollte. Kurz darauf trieb ihn jedoch ein dringendes Bedürfnis aus dem Bett. Rasch zog er seine Hose über und verschwand aus dem Zimmer.

Nachdem er zurückgekehrt war, schenkte er sich einen Becher des Tees vom Vorabend ein. Während er ihn trank und den schalen Geschmack der Nacht vertrieb, dachte er an die Küsse zurück, die Tsusu und er geteilt hatten. Lächelnd ließ er seinen Blick über die schmale Gestalt gleiten, die unter den Felldecken nur zu erahnen war. Mit einem Mal war die Entfernung zu groß.

Shen schenkte sich Tee nach, goss einen Becher für Tsusu ein, dann zog er sich wieder aus und kam zu seinem Geliebten unter die Decke zurück. Vorsichtig, um ihn nicht zu wecken, schmiegte er sich an seinen Rücken, legte er einen Arm um ihn und vergrub das Gesicht wie schon am Vorabend in dem weichen, duftenden Haar.

Ein kühler Körper drängte sich an ihn und Tsusu, in Träume um die Finsternis und das kalte Wasser dort unten gefangen, schlug unwillig danach, bevor er allmählich erwachte. Murmelnd kniff er die Augen, dann rieb er sie mit beiden Fäusten und schob sich aus dem Lager, um zum Bad auf dem Flur gehen zu können. Das Hemd bedeckte dank seiner Länge genug von ihm, so dass er keiner Hose bedurfte.

Dennoch erinnerte er sich an Shen und in diesem Zusammenhang an den kühlen Körper, nach dem er geschlagen hatte. Leise ging er zum Lager zurück, aber Shen war schon wach. "Hab ich dich eben gerade getroffen?"

Shen lachte leise und nickte. "Nicht gerade die Art Morgenbegrüßung, die ich von meinem sanften Geliebten erwartet hätte."

Im gleichen Moment dachte er bei sich, dass Tsusu einfach hinreißend süß aussah. Das Hemd war ein wenig zu groß, vielleicht lag es aber auch nur daran, dass Tsusu so zierlich und dünn war. Der Ausschnitt war nicht zugebunden, so dass es nun zur Seite rutschte und beinahe, aber eben nur beinahe eine Schulter freigab. Der untere Saum reichte bis fast zur Mitte der Oberschenkel und ließ Wünsche aufkommen, dass sich Tsusu unvorsichtig bewegen möge, damit man mehr zu sehen bekam. Das sonst so ordentliche orangefarbene Haar war durch den Schlaf zerzaust und verlieh dem zarten Gesichtchen etwas verboten Sinnliches.

Auffordernd streckte Shen die Hand nach ihm aus, ohne den Blick von ihm abwenden zu können. Wie nur kam es, dass er einen ehemaligen Schmuck so liebte und begehrte? Er hatte es jedes Mal gemeint, wenn er zu Rho gesagt hatte, sie seien zu dürr und unansehnlich.

Aber Tsusu war mehr als nur ein Schmuck. Es war, wie er war, das ihn schön machte. Seine Art zu reden und zu denken, seine Fürsorge und seine Sanftheit, die nichts mit Demut, sondern seinem weichen Herz zu tun hatte. Sein Mitgefühl und seine Aufmerksamkeit. Die Art, sich zu bewegen und den Kopf schief zu legen. Sein Lachen, seine Stimme, die überraschte Verwunderung in seinen Augen, wenn etwas Schönes geschah, das er nicht erwartet hatte. Und so viel mehr...

"Das tut mir leid. Ich bin es nicht gewohnt, dass jemand vor mir auf ist. Yami hat es in unserer Zeit zusammen nur ein einziges Mal geschafft, vor mir wach zu sein." Tsusu fröstelte in der Kühle des Raums, aber ging noch schnell zur Waschschale, um sich das Gesicht mit einem feuchten Tuch einmal abzureiben. Nachdem er ihren Hitzestein in den Halter geschoben hatte und ein Teekesselchen mit frischem Wasser und Kräutern zu seihen anfing, kämmte er sich die Haare und steckte sie ein wenig um den Kopf hoch.

Endlich war der Tee fertig und mit zwei frischen Schalen kam er zu Shen zum Bett und krabbelte unter die Decken. "Hier. Das ist meine Angewohnheit. Yami hat jeden Morgen frisches Wasser oder Tee von mir bekommen."

"Ich bin kein verwöhnter Prinz aus dem Licht, der die Augen nicht einmal dann aufbekommt, wenn ihm die Sonne direkt ins Gesicht scheint." Shen runzelte die Stirn. Es gefiel ihm nicht, mit Yami verglichen zu werden, als müsste er sich genauso verhalten. "Ich bin immer vor dir wach gewesen."

"Weil ich so erschöpft war. Ich habe es gern, dem Mann, den ich liebe, beim Aufwachen zuzusehen." Tsusu reichte ihm die Teeschale mit einem Blick in seine Augen. "Wirst du Rho wirklich überreden können, dass wir hier noch eine Nacht bleiben? Er sah mir sehr unglücklich aus gestern."

Shen lächelte. Tsusu hatte auch eine herrlich leichte Art, ihn dazu zu bringen, düstere Anwandlungen zu vergessen. Er nahm einen Schluck Tee und widersprach ihm nicht, auch wenn er daran zweifelte, dass Tsusu so einfach vor ihm aufstehen konnte.

"Das hat nichts mit Überreden zu tun. Wir brauchen Ruhe. Alle. Auch er. Man darf die Stille nicht herausfordern, indem man ihr so erschöpft begegnet." Im Zweifelsfall würden sie die Zimmer neu aufteilen müssen, aber er hoffte, dass Rho und Yami ihre Probleme klären würden, wenn sie ohne zusätzliche Ohren miteinander reden konnten.

Zufrieden stellte Tsusu seinen Becher auf dem Tischchen ab und rutschte tiefer unter die Decken. "Ruhe, das klingt herrlich." Er gähnte und streckte sich, dann zog er das Hemd über den Kopf und legte es neben das Bett, um sich gleich darauf noch tiefer einzukuscheln. "Dann schlafe ich noch ein wenig, ja?"

"Hm." Shen streckte sich neben ihm aus, aber er dachte nicht ans Schlafen. Er spürte das weiche schwarze Fell einer Nachtkatze an seiner nackten Haut, aber darunter die Form von Tsusus Körper. Sich über ihn beugend küsste er sanft einen Mundwinkel, dann den anderen, ehe er den Kopf wieder hob und Tsusu ansah. Er hatte recht gehabt, den Anblick würde er nicht müde werden. Nach einem langen Moment legte er seine Lippen ganz auf Tsusus und begann ihn sanft zu locken, während er nur mit den Fingerspitzen kleine Kreise auf der schmalen Schulter zeichnete.

Tsusu beantwortete die Küsse erschaudernd und legte eine Hand an Shens Wange, aber er schob ihn nach einer kleinen Weile wieder von sich, um sein Gesicht ernsthaft zu betrachten.

"Ich sollte dich eigentlich erst meinen Eltern und Großeltern vorstellen, Shen. Ich bin ein Schmuck, für uns ist die Ernsthaftigkeit des Angebots sehr wichtig", erinnerte er endlich sanft.

Shen küsste seine Nasenspitze, beide Augenlider und dann erneut die Lippen. "Ich bin in der Stille aufgewachsen. Hier probiert man gerne aus, ob man gut zusammen passt, ehe man sich bindet." Vorsichtig platzierte er einen weiteren Kuss in der kleinen Kuhle zwischen den Schlüsselbeinen, ehe er aufsah und widerstrebend die Hand von Tsusus Brust nahm, wo sie sich hingeschlichen hatte. "Bist du dir sicher, dass wir es auf die Art der Lichten tun sollten?" Er sehnte sich nach ihm, aber wenn Tsusu darauf bestand, würde er seine Wünsche respektieren.

Tsusu kicherte. "Nein. Je länger du mich küsst, umso weniger sicher bin ich mir." Er verzog den Mund. "Es ist dir ernst, das weiß ich. Aber du musst mir versprechen, dass du es meinen Eltern und gerade meinen Großeltern nicht verrätst." Er streichelte Shen über das Gesicht. "Sie werden sich ohnehin wundern, wie es kommt, dass ich einen Stillen bringe. Einen Händler und nicht den lichten Prinzen, der mich erwählt." Er ließ die Hand sinken. "Ich hoffe, dass sie dich annehmen werden, Shen. Ich würde mich so ungern gegen sie stellen."

Mit einem Mal begann Tsusu sich zu sorgen. Vielleicht warteten seine Eltern nur darauf, dass er Heim kam, um ihn zu verheiraten. Sie erwarteten eigentlich, dass aus ihm Kinder hervorgingen, die in der Familientradition zu Schmuckgeliebten ausgebildet werden konnten.

Shen sah die Dunkelheit, die sich über Tsusus Gesicht legte und wünschte sich, sie vertreiben zu können. "Ich bin recht wohlhabend, ich kann dir ein gutes Leben bieten. Ist es da so schlimm, wenn ich kein Prinz bin? Mögen sie keine Stillen?"

Tsusu seufzte leise und lehnte sein Gesicht an Shens Schulter. "Du bist Stiller. Du bist hell, groß, hast keine Haarfarbe. Sie würden befürchten, dass du für unsere Kinder eine Stille an dich binden würdest. Kinder mit Stillen werden nun einmal nicht Schmuck. Außerdem...." Tsusu hob den Blick, um Shens Gesichtsausdruck zu studieren. "Außerdem würdest du ihnen sicherlich erzählen, was du davon hieltest, deine Kinder zum Schmuck ausbilden zu lassen. Das wäre schlecht. Sehr schlecht wäre es sogar, wenn du das meinen Großeltern erzählst. Oh... ich mache mir schon wieder Sorgen!" Unglücklich suchte er im Gesicht seines Geliebten nach der gewohnten Sicherheit.

"Du hast Geschwister. Du bist nicht einmal der Älteste. Sollen andere die Tradition deiner Familie fortführen." Shen hatte bis zu diesem Augenblick nicht einmal daran gedacht, überhaupt eine Frau an sich zu binden, gleichgültig aus welchen Gründen. Er hob die Felldecke an und rutschte nah an Tsusu heran, dann zog er den leichten Körper auf sich. "Ich habe dich schon einmal gefragt. Ich frage dich noch einmal. Was erträumst du dir für die Zukunft? Den liebenden Mann und die langen Reisen kann ich dir bieten. Willst du Kinder? Was möchtest du tun, wenn ich in der Stille und im Schimmern bin, um all die Dinge zu holen, die dir ein schönes Leben geben werden?"

Tsusu verdrehte die Augen und ließ sich, weil Shen ihn nicht los ließ, auf ihn sinken. "Ich möchte eigentlich nur bei dir sein können und singen." Er blinzelte und stützte sein Kinn auf die Hände, die er auf Shens Brust gelegt hatte. "Schöne Kinder zu haben war ein Traum von mir, aber das träumt sich jeder Schmuck, denke ich."

"Gut", sagte Shen gemütlich und strich mit flachen Händen langsam den Rücken seines Geliebten hinab; am Ansatz des verlockenden Hinterns kehrte er wieder zurück, um dann die Oberarme zu liebkosen und den Weg erneut aufzunehmen. Es fühlte sich gut an, Tsusus Haut war so weich wie sein Haar.

"Wenn wir Kinder haben sollten, auf die eine oder andere Art, werden sie auf jeden Fall schön sein." Aber kein Schmuck. Das sah Tsusu durchaus richtig. "Mein Traum ist es, dich nicht mehr gehen zu lassen und dich glücklich zu machen", fügte er hinzu, um gleich darauf die Finger in Tsusus Haar zu vergraben und seinen Kopf für einen Kuss zu sich zu ziehen.

"Du machst mich glücklich." Atemlos schloss Tsusu die Augen. "Fast schon zu sehr."

Da er auf Shen lag, wurde Tsusu sich sehr schnell seiner Erregung bewusst. Eigentlich war es unziemlich für einen Schmuck, sich derart an den Geliebten zu pressen. Aber Tsusu entschuldigte sein Verhalten gleich damit, dass er und Shen schon so lange nur geschaut hatten und er ihn schon zu lange hatte begehren müssen. Mit einem leisen Seufzen öffnete er die Beine und schob eines zwischen Shens Beine, während er den Kuss innig erwiderte.

In dem Moment wusste Shen, dass es kein langsames ausgedehntes Lieben werden würde, und er hoffte nur, dass Tsusu so etwas nach so langer Wartezeit nicht verlangte. Ihm war danach, seinen Geliebten zu verschlingen und alles auf einmal zu machen.

Tsusu fester umfangend rollte er mit ihm herum und stützte sich gleich ab, um ihn mit seinem Gewicht nicht zu erdrücken. Einen Herzschlag lang sah er ihm in das bereits leicht gerötete Gesicht; dann begann er wieder, ihn zu küssen, auf den Mund, den Hals, die Schultern, während er mit einer Hand bereits an Tsusus Seite hinab strich, zur Hüfte und zum Oberschenkel hin.

Erschrocken brachte Tsusu ein Piepen hervor, das in ein leises Stöhnen überging. Er hätte nicht gedacht, dass der Stille so wild werden würde. Mit einem kleinen Lächeln begann er, die Küsse zu erwidern, wahllos auf Shens Hals und Gesicht, während er ihm durch die Haare streichelte.

Shen genoss die vorsichtigen Liebkosungen genauso, wie er es genoss, Tsusus Körper zu erkunden, ihn zu riechen und die leisen Laute zu hören. Sich über Tsusus Beine kniend zog er sich ein wenig zurück, um die Brust gut erreichen zu können. Hier und dort platzierte er leichte Bisse, kostete die warme Haut mit der Zungenspitze und konnte nur einen Moment später den dunklen Brustwarzen nicht widerstehen. Er senkte den Mund über eine, neckte sie und saugte daran, ehe er sich der anderen widmete.

Über alles Denken hinaus streckte Tsusu sich dem Mund seines Geliebten entgegen und griff ihm fest in die Haare, ließ sie sich entschuldigend los, um Shen gleich darauf wieder die Finger in seine Schultern zu graben. Mit Yami war er noch nie so erregt gewesen, sie hatten sich immer sanft und zurückhaltend geliebt, nie so leidenschaftlich.

Mehr Aufforderung brauchte Shen nicht als diese offensichtlichen Zeichen, dass Tsusu genauso voller Lust war wie er. Mit einem leisen Knurren legte er sich auf ihn, drängte sich zwischen seine Beine und schob eine Hand unter den runden Hintern.

Irgendwie gelang es ihm, einen letzten Rest an Beherrschung zu bewahren, bis er sicher sein konnte, dass auch Tsusu dicht vor dem Höhepunkt war, dann gab er sich ganz den Gefühlen hin, die durch seinen Körper rauschten.

Später lagen sie eng aneinander geschmiegt in den Fellen, Shen streichelte träge den Rücken und das Haar seines Geliebten, betrachtete das entspannte Gesicht und liebte das verträumte Lächeln darin. Er hob den Kopf und küsste ihn auf die Nasenspitze, aber sank dann gleich auf das Lager zurück, als ob die Bewegung schon zu viel Anstrengung gewesen wäre.

Seine Gedanken drifteten zu ihrer Reise zurück; wie Blasen im Wasser stiegen Erinnerungen empor, bis sie die Oberfläche erreichten, platzten, zurück sanken und anderen Raum gaben. Kleine Erlebnisse Tsusus Lächeln, als er ihm Pilze reichte; die vor Staunen aufgerissenen Augen beim ersten Anblick des Lebens im Schimmern, ein Streifen ihrer Finger in der Dunkelheit. Und einschneidende Erfahrungen die Entdeckung, dass Tsusu ihnen folgte; die dunklen Momente in den Lebensnussschalen, die Angriffe der Geister.

Unwillkürlich zog Shen seinen kleinen Schatz näher an sich. Wenn er es verhindern konnte, würde Tsusu niemals wieder in die Finsternis hinabsteigen müssen. Sollten andere die Geister zur Ruhe singen. Nachdenklich sah er in das schöne, zarte Gesicht, in die Feueraugen, die seinen Blick erwiderten. Ohne den zierlichen Sänger wäre jedoch auch er nicht mehr zurückgekehrt. Rho hätte ihn vielleicht bei dem Angriff des Fischs retten, jedoch nicht aus dem Traum der Geister zurückholen können. Ohne Tsusu wäre er bei Nuoh geblieben.

Vorsichtig berührte er die von ihren Küssen leicht geschwollenen Lippen mit den seinen. Ob Tsusu das wusste? Er strich ihm eine Haarsträhne aus der Stirn, genoss ihre seidige Weichheit.

"Ohne dich wäre ich bei den Geistern geblieben", sagte er unvermittelt.

Tsusu erschauderte leicht und schob sich noch dichter zu seinem Geliebten. Endlich flüsterte er: "Ohne dich wäre auch ich nun bei den Geistern. Wir haben einander gerettet, Shen, wir alle." Er fühlte Hitze in seinen Wangen, aber fügte an: "Ich bin so stolz, dass ich meinen Anteil daran hatte, so glücklich, dass du lebst, dass du... mir gehörst."

Rasch versteckte er sein Gesicht an der kräftigen Schulter des Stillen. Dessen raue Finger streichelten ihn so richtig, genau unter dem Po entlang. Tsusu erschauderte erneut, dieses Mal aus einem vollkommen anderen Grund.

 

Rho erwachte davon, dass Yamis Haar ihn an seiner Nase kitzelte. Träge öffnete er die Augen und streckte sich einmal. Die Erinnerung an den Abend zuvor machte ihn glücklich und nervös zugleich. Er hatte nicht geplant, dass der schöne Heiler sich ausgerechnet in ihn verschoss, und noch immer war er der Meinung, dass es einfach daher kam, dass Yami die Einsamkeit ohne Schmuck überwinden musste.

Er war dennoch glücklich über den Moment und freute sich darauf, Io und vor allen Dingen den Gelehrten von seiner Reise zu berichten. Mit Yami an seiner Seite. Noch einmal, so schwor Rho sich, sollte das Wissen um die Beruhigung der Geister nicht verloren gehen. Leise wusch er sich und zog sich an, bevor er aus der Küche ein Tablett mit süßem Brot und Tee holte, damit Yami noch nicht den Raum verlassen musste.

Als Yami erwachte, fühlte er sich so wohl wie schon lange nicht mehr. Sein Bett war warm und weich, er war sauber, und die schlimme Müdigkeit war gewichen, selbst wenn noch eine gewisse Erschöpfung im Hintergrund lauerte. Hinter einem dicken Vorhang sickerte Licht in das Zimmer und ließ die wärmende, helle Sonne erahnen, die weit über den Kronen schien. Es war von anderer Qualität als das Glühen der Hitzesteine und das Flackern der Spinnwebkugeln und es machte gute Laune.

Er streckte sich genüsslich von den Fingerspitzen bis zu den Zehen durch, dann rollte er sich noch einmal zusammen, um einfach das Gefühl von Sicherheit zu genießen. Doch lange hielt er es nicht mehr im Bett aus, besonders als er sich daran erinnerte, dass Rho und er einander wieder nahe waren. Aber Rho war nicht da. Voll neuer Energie stand Yami auf und zog den Vorhang zurück, um das gefilterte Licht in den Raum zu lassen und es ganz auszukosten. Es war so viel mehr, als sie die letzte Zeit gehabt hatten.

Immer wieder zum Fenster hinsehend und den Anblick von weiter entfernten Ästen genießend, die er ohne die Hilfe einer Spinnwebkugel erkennen konnte, wusch er sich rasch. Er zuckte leicht zusammen, als er die Tür gehen hörte und wandte halb den Kopf, um sich zu vergewissern, dass es Rho war. Ihm ein kleines Lächeln zuwerfend, wurde ihm mit einem Mal bewusst, dass er nackt war, und auch wenn es ihn zuvor nie gestört hatte, machte es nun, dass er ein wenig errötete. Er beeilte sich, in seine Kleidung zu kommen.

Rho hatte Yami kurz angesehen, aber wandte sich hastig ab, um das Tablett auf den Tisch zu stellen. Der Prinz fühlte sich offensichtlich schon wohl genug mit ihm, um vor ihm nackt zu sein. Es machte noch mehr, dass er sich wie ein Schmuck fühlte. Er wischte den Gedanken dennoch fort und deckte den Tisch für sie beide.

"Ich habe bei Shen und Tsusu einmal angeklopft, aber die beiden sind noch nicht auf. Sie haben jedenfalls nicht geantwortet. Aber Shen hat mir gestern schon gesagt, dass wir hier noch eine zweite Nacht schlafen werden." Er seufzte. "Ich denke, dass ich einen Boten vorweg schicken werde, damit Io weiß, dass wir zurückkehren. Unten im Schankraum werde ich gleich nach dem Essen einmal fragen, ob vielleicht ein Händler oder Bote in der Nähe ist, der heute noch aufsteigen will."

Yami nickte. "Sag ihm, dass Io auch einen Boten mit der gleichen Nachricht an meine Krone senden soll."

Nachdenklich betrachtete er den Kriegerprinzen, während er sich zu ihm an den niedrigen Tisch setzte. Beinahe schien er wieder weiter entfernt zu sein. Yami bedankte sich für das Essen, ehe er nach einer Scheibe des süßen Brotes griff und es mit viel Vergnügen in den Tee tunkte. Nach der langen, entbehrlichen Reise fühlte er sich beinahe dekadent dabei, und er konnte ein wenig verstehen, warum viele der Stillen so von den Lichten dachten. "Shen und Tsusu werden froh sein, dass sie endlich einmal Ruhe und Zeit für sich haben."

"Du bist überraschend verständnisvoll." Rho sah Yami forschend an. "Ich bin immer viel zu rücksichtslos gegen meine Schmuckgeliebten gewesen. Habe ihre Empfindlichkeit nicht bedacht, habe ihre Gefühle nicht beachtet. Sie haben mich immer nur genervt." Er senkte den Kopf. "Vermutlich weil ich mir nie die Zeit genommen habe, auf sie einzugehen."

"Das mag man kaum glauben, bei all der Rücksicht, die du auf mich nimmst." Yami betrachtete Rhos Gesicht und entdeckte noch immer Anspannung in ihm. Ob sie schwinden würde, bevor sie das Licht erreicht hatten? Oder würde sie selbst da nicht weichen? Er begann zu fürchten, dass sie sogar anhalten könnte, bis er sich aus Rhos Umgebung entfernt hatte. Allein der Gedanke, ohne ihn in den Palast zurückzukehren, brachte seinen Bauch dazu weh zu tun.

Schweigend tunkte er noch ein Stück Brot in seinen Tee, aber es bereitete ihm keine so große Freude mehr. Vielleicht war es nur Rhos Art, diejenigen in seiner Nähe schützen zu wollen, und er verwechselte es mit Liebe. Shen brauchte keinen Schutz, und er hatte Tsusu zu seiner Pflicht erklärt. Also blieb nur noch Yami. Vielleicht war das alles.

"Du hast gesagt, du würdest mir helfen, einen neuen Schmuck zu finden. Ich will keinen. Ich brauche keinen an meiner Seite, weil dort einer erwartet wird. Wenn es nur darum gegangen wäre, hätte ich auch Tsusu nicht zu mir genommen. Wenn man es einzig deswegen tut, weil es erwartet wird und man sich dadurch eingeschränkt fühlt, kann man kaum viel Liebe für jemanden entwickeln. Ich will dich, Rho. Niemanden sonst und keinen Schmuck. Sondern nur dich an meiner Seite." Er atmete tief durch und sah auf. "Ich habe Angst, dass du es nicht einmal versuchen willst, weil du überall nur Hindernisse siehst. Oder dass du die Hindernisse siehst, weil du es nicht wirklich willst."

Rho war rot geworden, weil Yami ihm eine so gefühlvolle Rede hielt. Obgleich Yami keinerlei Schmuck an sich trug und nur eine sehr schlichte Tunika, die zudem ein wenig zu weit von seinen Schultern hing und seine Haare hier und dort noch immer verzottelt waren, war er ein wirklicher Prinz. Bewundernswert und sicher. Rho verliebte sich noch mehr in ihn als zuvor. Er ging um den Tisch herum und betrachtete den Heiler kurz, dann kniete er sich vor sein Sitzpolster und umfasste die zarten Hände.

"Ich gehöre dir, Yami. Das verspreche ich dir." Rho schloss die Augen und lehnte seine Stirn gegen Yamis Finger. "Ich schwöre, es ist mir ernst. Ich bin glücklich, dass auch du so ernsthaft fühlst."

Yami spürte eine Welle der Zärtlichkeit und des Glücks in sich emporsteigen. Leise seufzte er auf, er konnte sich des Lächelns nicht erwehren, das mit diesen Gefühlen kam. Sanft löste er eine Hand aus Rhos Griff und strich ihm über die Wange, streichelte ihm Strähnen hinter sein spitzes Ohr zurück. Dann umfing er das runde Gesicht mit beiden Händen und sah es lange einfach nur an.

"Ich liebe dich", flüsterte er, streckte sich ein wenig und beugte sich vor, um Rho weich auf den Mund zu küssen. Einmal, zweimal, doch dann konnte er sich nicht mehr von ihm trennen und schlang die Arme um ihn.

Lachend drückte Rho seinen Schatz einmal an sich, dann schob er sich zu ihm auf das Sitzpolster, um ihn auf seinen Schoß ziehen zu können.

"Hm. Ich freue mich mit einem Mal doch auf die Heimkehr", murmelte er leise an Yamis Ohr, bevor er es sachte küsste.

Yami schmiegte sich eng an ihn und seufzte noch einmal auf, voller Zufriedenheit und Glück. Genau so wie jetzt wollte er sich immer fühlen. Und niemand würde ihm das kaputt machen. Wenn sie beide wirklich wollten, würde es einen Weg geben. Es gab immer einen Weg. Sie hatten selbst einen in die Finsternis gefunden, um dort gegen Geister, Kälte und Gift zu siegen.


© by Jainoh & Pandorah