Das blaue Licht

Es war einmal vor langer, langer Zeit, da diente ein Soldat mit Namen Tiberius in einem langen Krieg fern der Heimat unter seinem König. Er focht in vielen Schlachten und war dem König immer treu ergeben. Doch in der letzten Schlacht wurde er so schwer verletzt, dass er nicht mehr weiterkämpfen konnte. Die Heilkundigen sagten ihm, dass er auch nach seiner Genesung nie wieder im Heer würde dienen könne.

Als der König dies hörte, sprach er zu Tiberius: "Bei mir hat niemand Platz, der nicht kämpfen kann. Und jemand, der mir nicht dient, bekommt auch keinen Sold. Den letzten Lohn behalte ich ein für deine Pflege, die teuer genug war. Pack deine Sachen und geh!"

Tiberius wurde aus dem Lager gejagt mit nichts, als seiner Kleidung am Leib und einem kleinen Bündel mit einem harten Kanten Brot. Er war weit weg von daheim und wusste nicht ein, noch aus, wusste nicht, wie er sein Leben fristen oder auch nur zurück kommen sollte. Und er war zornig auf den König, der so hartherzig war, obwohl Tiberius ihm gut gedient hatte. Doch ihm blieb nichts übrig, als sich zu Fuß auf den langen Heimweg zu machen.

Die Tage vergingen, und Tiberius wurde immer hungriger und vom Laufen immer müder, seine Wunden schmerzten tagein, tagaus. Des Nachts fror er ohne Decke und des Tags schmachtete er in der Sonne. Schließlich kam er in einen Wald. Hier brannte die Sonne nicht so stark und er fand mehr Wasser, doch zu essen gab es nichts. Eines Tages erreichte er eine kleine Hütte. Hoffnungsvoll klopfte er an.

Ein gebeugter Mann mit einem Gesicht wie verdorrte Erde und Haar wie mit Eis bedeckter Fels öffnete ihm. "Was willst du?", verlangte er abweisend mit krächzender Stimme zu wissen.

"Gutes Väterchen, habt Ihr nicht etwas zu essen für mich?", fragte Tiberius. "Ich will Euch auch gerne Hilfe leisten, wenn ihr für einen Burschen Verwendung habt, der kein Schwert mehr schwingen kann."

Der Alte betrachtete ihn misstrauisch, aber nickte dann nach einem Atemzug. "Grabe mir den Garten um, und du sollst nicht hungrig bleiben."

Er versorgte Tiberius' Wunden, dann gab er ihm Schaufel und Hacke, so dass dieser mit der Arbeit beginnen konnte. Doch bis zum Abend war er noch lange nicht fertig, so schwach war er schon. Dennoch gab ihm der Alte zu essen, ein Häuflein Stroh in der Ecke seiner Stube und eine zerschlissene Decke, so dass Tiberius die Nacht satt und einmal nicht frierend verbrachte. Auch die folgenden Tage arbeitete er in dem Garten, und jeden Abend schlief er gut und jeden Morgen erwachte er ein Stückchen kräftiger. Bald war der Garten herrlich hergerichtet, und die Pflanzen darin wuchsen und gediehen.

"Du bist ein fleißiger Bursche", sagte der alte Mann zufrieden. "Willst du nicht noch länger bleiben? Der nächste Winter kommt, und ich brauche Brennholz geschlagen und gestapelt, wenn der Schnee so hoch liegt, dass ich nicht aus der Türe komme."

"Gerne, Väterchen", stimmte Tiberius gutmütig zu. Ihm war es recht. Der Alte war gut zu ihm und hatte ihn trotz allem Misstrauen aufgenommen, und das dankte er ihm von Herzen.

Also verbrachte er die nächsten Tage damit, Holz im Wald zu schlagen, Scheite zu hauen und diese hinter der Hütte und im Verschlag zu stapeln. Mit dem Schwert mochte er nicht mehr gut kämpfen können, doch hierfür waren seine Arme kräftig genug. Des Abends saß er mit dem alten Mann am Feuer im Kamin, und sie redeten und lachten bis tief in die Nacht.

Schließlich war genug Holz gesammelt, und Tiberius dachte an den Aufbruch. Seine Eltern und die Schwestern würden ihn vermissen, vielleicht hielten sie ihn gar für tot. Selbst wenn es ihm gut ging hier im Wald, so wollte er die Familie doch nicht im Ungewissen lassen. Also sprach er zu dem alten Mann: "Väterchen, ich danke Euch für alles, was Ihr für mich getan habt, doch ich muss wieder los. Meine Familie vermisst mich, und ich fühle mich stark genug, den langen Weg auf mich zu nehmen."

Der Alte sah ihn erst betrübt an, doch dann blinzelte er listig. "Magst du noch einen letzten Dienst für mich tun? Du wirst es nicht bereuen."

"Wenn es nicht zu lange dauert, will ich Euch gerne noch ein Mal behilflich sein." Tiberius nickte.

"Wenn du dem Pfad zur alten Eiche folgst und noch darüber hinaus bis zu dem Berge gehst", erzählte der Alte, "findest du eine Höhle. In dieser Höhle ruht das blaue Licht. Berühre nichts als das Licht und bringe es mir."

"Das sollte zu schwer nicht sein", antwortete Tiberius freundlich. "Das will ich gerne tun."

Noch einmal warnte ihn der alte Mann eindringlich, nichts als das Licht anzufassen, dann brach Tiberius auf. Der Weg wurde ihm nicht lang, sein Schritt war leicht, und er freute sich über den Wald und die Vögel, die für ihn sangen. Als er die Höhle erreichte, ging er ohne zu zaudern hinein. Es war nicht dunkel, wie er erwartet hatte, sondern von einem leichten, blauen Schein erfüllt, in dem er gut seinen Tritt fand.

Als er ein Stück weit vorgedrungen war, bemerkte er ein Funkeln am Rand in einer Nische und sah neugierig hinein. Edelsteine in allen Größen und Farben lagen dort auf einem Haufen, doch getreu seines Versprechens berührte er sie nicht. Bald kam er an Bergen von Goldmünzen vorbei, dann schlängelte sich der Weg durch kostbare Ketten, die von den Wänden hingen, führte an Truhen voller Ringen und Säcken voller Geschmeide vorbei. Auch wenn Tiberius dachte, dass er mit einer Handvoll dieser Reichtümer bis an sein Lebensende ausgesorgt hätte und auch seine Eltern und Schwestern keine Sorgen mehr haben müssten, hielt er sich an sein Wort.

Schließlich erreichte er eine unscheinbare Nische, in der eine kleine Kugel lag, von der das blaue Licht ausging. Tiberius nahm sie vorsichtig, fast erwartend, dass etwas Unheilvolles geschah, doch kein Drache erschien, kein Erdbeben brachte die Höhle zum Einsturz.

Der Rückweg war bedeutend kürzer, und all die Reichtümer waren verschwunden. Tiberius blinzelte im Sonnenschein, als er wieder ins Freie trat. Die Kugel, die in der Höhle noch so schön blau geleuchtet hatte, erlosch und wurde zu einem gewöhnlichen, grauen Kiesel. Ein wenig sorgenvoll fragte sich Tiberius, ob er sie zerstört hatte, aber ging mit dem Kiesel den Weg zurück.

Der alte Mann hatte ihn schon sorgenvoll erwartet, und als Tiberius den Garten betrat, kam er ihm freudig entgegen. "Du hast das Licht? Du hast es! Ich sehe es dir an! Gut, gut, Junge, du hast ein reines Herz." Er legte seine faltigen Hände um Tiberius', als dieser ihm den Stein reichen wollte. "Nein, behalte es. Das ist mein Abschiedsgeschenk an dich. Wann immer du Hilfe brauchst, wärme den Stein in deinen Händen, bis er sein Leuchten offenbart, dann wird Hilfe kommen."

Tiberius dankte dem alten Mann, doch der ließ ihn nicht allein mit dem Stein gehen, sondern sorgte dafür, dass er gut mit Proviant und einem kleinen Säcklein Münzen für die weitere Wanderung ausgerüstet war. Dann erst umarmten sie einander, und Tiberius brach auf.

Er wanderte Tag um Tag, Woche um Woche, ohne einer Menschenseele zu begegnen oder auch nur Spuren von menschlicher Siedlung zu finden. Das Land war herrlich und wild, und Tiberius konnte die Vorräte des Alten durch Jagd und Früchte ergänzen und seinen Durst an zahlreichen Bächen und Quellen stillen, doch er sorgte sich, dass er nie daheim ankommen würde.

Schließlich erreichte er eine Wüste, die sich endlos weit vor ihm ausdehnte. Entmutigt setzte er sich auf einen Stein, trank von seinem Wasser und wusste nicht ein, noch aus. Da fiel ihm der Stein ein, den ihm der Alte gegeben hatte, und er holte ihn aus seinem Beutel. Auch im hellen Sonnenschein der Wüste wirkte er nur wie ein unscheinbarer Kiesel, aber Tiberius nahm ihn voller Vertrauen in beide Hände.

Nach wenigen Atemzügen spürte er, wie der Stein sich erwärmte; ein leichtes Pulsieren erfüllte ihn, und dann floss blaues Licht zwischen Tiberius' Fingern hervor, das so hell war, dass man es sogar in der Mitte des Tages sehen konnte. Staunend öffnete er die Hände und betrachtete den Stein, der keiner mehr war. Er hielt eine Kugel aus blauem Licht in der Hand. Diese schwebte empor, dehnte sich aus und noch ehe Tiberius sich versah, stand der alte Mann vor ihm. Freudig begrüßten sie sich, denn sie hatten einander vermisst.

"Wie kann das sein?", fragte Tiberius schließlich, nachdem sie sich mit dem, was der Alte mitgebracht hatte, im Schatten eines kleinen Busches zum Mahle setzten.

Da lachte der Alte vergnügt. "Ich bin ein alter Mann, wie du weißt. Aber ich bin älter als jeder Baum des Waldes, älter als der Wald selbst. Ich bin so alt wie das Gebirge, in dem die Höhle liegt, aus der du das blaue Licht geholt hast. Es ist ein Teil meines Herzens, denn ich bin der Berggeist und Hüter dieser Berge. Manchmal ist es einsam, aber als du kamst, hast du mir die Einsamkeit vertrieben. Da habe ich dich lieb gewonnen wie einen Sohn. Wofür braucht mein Sohn nun Hilfe, dass er den Berggeist ruft?"

Ehrfürchtiges Staunen erfasste Tiberius, und einige Atemzüge lang konnte er den alten Mann nur ansehen. Als er seine Stimme wiedergefunden hatte, sprach er: "Väterchen, ich danke dir. Ich irre seit Wochen durch das Land, und was für dich ein Wimpernschlag ist, ist für mich eine lange Zeit meines Lebens. Und nun liegt diese große Wüste vor mir. Weißt du einen Weg, wie ich schneller nach Hause kommen kann?"

Der Berggeist nickte. "Nichts leichter als das", sagte er und nahm Tiberius auf den Arm, der so stark und sicher war wie Fels.

Fort ging es im Sauseschritt. Das Land flog unter ihnen hinweg, es ging durch die Wüste, über Seen, über Flussläufe und fruchtbare Äcker. Sie passierten Zeltdörfer von Hirten, große Städte, deren Häuser mit goldenen Dächern gedeckt waren, kleine Bergdörfer, die sich an Hänge pressten, dann wieder ausgedehnte Siedlungen, deren Häuser so weit auseinander lagen, dass sie kaum zueinander zu gehören schienen. Sie flogen durch Tag und Nacht, und schließlich hielten sie an den Mauern von Tiberius' Heimatstadt. Tiberius dankte dem Berggeist von Herzen, dann verabschiedeten sie sich.

"Vergiss nie, dass du mich jederzeit rufen kannst. Vergiss nie das blaue Licht", sagte der alte Mann, dann war er so schnell verschwunden, dass Tiberius gedacht hätte zu träumen, stünde er im Mittagslicht nicht vor dem vertrauten, hohen Tor. Er durchschritt es mit Vorfreude und eilte durch die überraschend leeren Straßen, um zu seiner Familie zu kommen. Bestimmt hatte der Vater schon eine Totenmesse lesen lassen. Bestimmt grämten sich die Mutter und Schwestern um seinen Verlust und weinten bittere Tränen.

Doch sein Weg wurde blockiert. Alle Einwohner der Stadt hatten sich an den Seiten der Hauptstraße versammelt, und in deren Mitte zog eine Prozession dahin. Soldaten marschierten stolz in leuchtenden Uniformen, und Tiberius erkannte seine alten Waffenbrüder. Wagen rollten zwischen den einzelnen Truppen, beladen mit Beutestücken aus fernen Landen. Gefangene mit exotischen Gesichtern und in fremdartiger Kleidung wurden vorgeführt, seltsam anmutende Tiere in rollenden Käfigen wurden von Pferden gezogen.

"Hoch lebe der König!", rief die Menge, doch die Gesichter waren verhärmt. Der Krieg, der so weit weg ausgetragen worden war, hatte viel Geld gekostet.

Dann kam der König selbst heran, stolz aufgerichtet auf seinem prächtigen Ross, angetan mit ausgefallensten Stoffen und teuerstem Geschmeide, die Krone funkelte juwelengeschmückt auf seinem Haupt. Tiberius fühlte Zorn, als er daran dachte, wie der Mann ihn zum Sterben aus dem Heer gestoßen hatte. Doch jetzt war er stärker als je zuvor. Seine Wunden waren verheilt, der Berggeist hatte ihn zu alter Kraft zurückgeführt.

Tiberius drängte sich voll gerechtem Zorn vor, doch verhielt im Schritt. Beim König, zwei Pferdelängen hinter ihm, ritt sein Sohn, Prinz Valerian. Tiberius hatte ihn einige Male gesehen, als sie beide noch Knaben gewesen waren, damals, als er in den Dienst des Königs getreten war. Doch jetzt war der Knabe zu einem Manne gereift, und was für ein Mann war er geworden! Tiberius konnte den Blick nicht von ihm wenden, sein Herz schlug wild.

Die Sonne schimmerte auf dem goldenen Haar des Prinzen, seine Züge waren schön und ebenmäßig wie die einer Statue, aber von Wärme und Leben erfüllt. Die schlanke Gestalt bewegte sich mit geschmeidiger Grazie, seine zierlichen Hände hielten die Zügel des Pferdes in sicherem Griff. Aber es waren die Augen, die Tiberius bannten. Sie waren blau wie der Himmel, blau wie die See – von dem gleichen warmen Blau wie das Leuchten, das den Berggeist rief.

Da drehte Valerian den Kopf, und ihre Blicke trafen sich. Der Prinz lächelte überrascht, unwillkürlich zügelte er sein Pferd, aber folgte dann sofort wieder seinem Vater. Doch während er vorbei ritt, ließen sie nicht die Blicke voneinander.

Auch als er schon vorbei und außer Sicht war, sah Tiberius noch lange in die Richtung, in der der Prinz verschwunden war. Ein Plan begann sich in seinem Kopfe zu formen. Ein Plan, wie er Rache am König nehmen und gleichzeitig Valerian wiedersehen konnte.

Er ging nicht nach Hause an diesem Abend, sondern mietete sich im besten Gasthaus der Stadt ein und ließ sich von dem Geld, das der Berggeist ihm gegeben hatte, schöne Kleider machen. Als die Nacht einbrach, nahm er den Stein in die Hand, bis er leuchtete. Es brachte ihn zum Lächeln, da er an die Augen des Prinzen erinnert wurde.

Als der Berggeist erschien, bat er ihn: "Kannst du in den Palast gehen und mir den Prinzen bringen? Er soll mir die Dienste eines Knechtes tun, da sein Vater mich so schlecht behandelt hat."

Der Berggeist betrachtete Tiberius nachdenklich. "Du willst einen anderen büßen lassen für das, was der König getan hat?", fragte er mit gerunzelter Stirn, die wie gefurchtes Erdreich schien.

Da errötete Tiberius und wandte den Blick ab, aber antwortete nicht. Der Alte trat mit felsschwerem Schritte zu ihm, hob Tiberius' Kopf an und sah ihm geradewegs in die Augen. Sein Antlitz wurde mild, als er die Liebe in ihnen sah, dann lächelte er.

"Ich hole den Prinzen. Aber sei gewarnt. Es ist mir ein leichtes, für dich jedoch ein gefährliches Unterfangen", sagte er und verschwand.

Tiberius wartete mit klopfendem Herzen. Nur wenig später kam der Berggeist zurück, den Prinzen im Arm. Er setzte ihn ab und sprach: "Im Morgengrauen komme ich wieder und bringe ihn zurück." Damit verschwand er erneut.

Ganz wach schien Valerian nicht zu sein, seine herrlichen Augen waren halb geschlossen und starrten ins Leere. Tiberius schauderte leicht und wusste nicht recht, was er tun sollte, da so gar keine Reaktion von dem Prinzen kam. Wie anders war der schöne Mann auf seinem Pferd gewesen!

"Gut, da du hier bist, kannst du tun, für was ich dich bestimmt habe", sagte er schließlich. "Auf, auf, fege die Stube!"

Gehorsam holte Valerian Besen und Kehrschaufel und machte sich an die Arbeit. Als er fertig war, hieß Tiberius ihn, ihm die Stiefel auszuziehen und diese schön glänzend zu putzen. Danach musste er ihm bei Tische aufwarten. Doch wann immer Tiberius die Befehle ausgingen, stand Valerian nur stumm und steif da und sagte und tat nichts. Tiberius war erleichtert, als der Berggeist mit dem ersten Hahnenschrei kam und den Prinzen zurück ins Schloss und in sein Bett brachte.

Valerian aber eilte, nachdem er lange ausgeschlafen hatte, zu seinem Vater und erzählte ihm von dem seltsamen Traum, den er in der Nacht gehabt hatte. "Mir war, als sei ich durch die Stadt getragen und in das Zimmer eines reichen Mannes gebracht worden, dem ich als Knecht dienen musste. Und als ich erwachte, war ich so erschöpft, als hätte ich dies nicht nur geträumt."

Misstrauisch sah der König ihn an. "Der Traum könnte wahr gewesen sein. Ich habe auf meinen Reisen viel gesehen, von dem ich dachte, es sei nur ein Feenspiel. Ich sage dir, stecke dir in der Nacht die Taschen voller Erbsen, mache ein kleines Löchlein hinein, dass du sie unterwegs verlierst und die Soldaten deiner Spur folgen können."

Der Prinz tat, wie ihm geheißen und legte sich am Abend mit gefüllten Taschen in sein weiches Himmelbett zur Ruhe.

Auch an diesem Abend rief Tiberius den Berggeist. "Bitte, hole mir den Prinzen erneut, Väterchen. Aber lass ihn dieses Mal nicht schlafen. Ich will ihn sprechen, nicht befehlen."

Da lächelte der Alte fein und verschwand. Nur wenig später kam er mit dem Prinzen im Arm wieder, der tief und fest schlief, doch kaum berührten seine Füße den Boden, erwachte er. Der Berggeist jedoch verschwand unauffällig. Er hatte gemerkt, wie auf dem Weg zum Gasthaus die Erbsen aus der Tasche des Prinzen gefallen waren, und so verteilte er in der ganzen Stadt auf allen Straßen und in allen Gassen Erbsen, so dass die Soldaten zwar suchen, aber nichts finden mochten.

Tiberius freute sich, als Valerians Augen ihn überrascht und wach ansahen.

"Gestern hast du mir gedient, heute mögen wir gleich an einem Tische sitzen", sagte er.

"Es war kein Traum!", rief Valerian aus. "Und ich kenne dich! Du bist der Mann, den ich beim Zug durch die Stadt gesehen habe." Er freute sich herzlich, ihn wiederzusehen.

Die ganze Nacht saßen sie beieinander, redeten und lachten. Doch als Tiberius auf Nachfragen Valerians erzählte, warum er ihn hatte entführen lassen und was der König ihm angetan hatte, da wollte der Prinz ihm keinen Glauben schenken.

Mit dem ersten Hahnenschrei kam der Berggeist, ließ Valerian einschlafen, bevor der Prinz ihn sehen konnte, und brachte ihn schlafend zurück ins Schloss und in sein Bett.

Valerian aber eilte, kaum dass er erwacht war, voll Freude zu seinem Vater. "Es ist kein Traum gewesen! Ich habe einen wundervollen Mann getroffen, und wir haben die ganze Nacht zusammen verbracht."

Der König sah das Leuchten in den Augen seines Sohnes, und sein Herz wurde hart. Denn es gab das Gesetz, dass wenn der Prinz heiratete, der König abdanken musste. Doch er gab sich freudig und schickte seine Soldaten los, der Erbsenspur zu folgen. Sie kehrten jedoch unverrichteter Dinge zurück und berichteten, dass es in der Nacht Erbsen geregnet haben müsste, alle Straßen seien voll davon.

Arglistig sagte da der König zu seinem Sohn: "Wenn er dich zweimal geholt hat, holt er dich auch noch ein drittes Mal. Behalte heute Nacht deine Schuhe an, und wenn du dort bist, verstecke sie. Die Soldaten werden sie schon finden."

"Das will ich tun", versprach glücklich der Prinz, der es kaum erwarten konnte, Tiberius wiederzusehen, aber dachte bei sich, dass er den Mann doch lieber fragen wollte, wo er wohnte.

Als an diesem Abend Tiberius den Berggeist rief und ihn bat, den Prinzen erneut zu holen, schüttelte der Alte bedenklich den Kopf und berichtete von der Erbsenlist. "Wer weiß, was sich der König dieses Mal einfallen lässt. Es ist zu gefährlich."

Doch Tiberius wollte nicht auf die Vorsicht hören, zu sehr sehnte er sich nach seinem Prinzen. "Bitte, Väterchen, ein einziges Mal noch helfe mir. Dann werden wir schon einen Weg finden, wie wir zusammen sein können."

Der Berggeist zauderte, doch gab dann Tiberius seinen Willen und brachte Valerian erneut. Die beiden Männer fielen einander sofort in die Arme und tauschten innige Küsse, so sehr hatten sie einander vermisst. In dieser Nacht redeten sie nicht viel, und als der Morgen graute, schliefen sie erschöpft Arm in Arm ein.

Als der Berggeist kam, um Valerian zurück ins Schloss zu bringen, sammelte er zwar die Nachtkleidung des Prinzen ein und nahm sie mit, die Schuhe aber, die Valerian unter dem Bett verborgen hatte, bemerkte er nicht.

Der König jedoch hatte die Nacht keinen Schlaf finden können, und als der erste Hahn seinen ersten Schrei tat, schickte er seine Soldaten auf die Suche nach den Schuhen seines Sohnes. Man fand sie unter dem Bette Tiberius', schlug diesen in Ketten und brachte ihn in den Kerker des Schlosses.

Der König jubelte, dass der Entführer gefangen war, doch Valerian erschrak. "Vater, warum sperrst du ihn ein? Er ist ein guter Mann, und ihm gehört mein Herz."

"Ich kenne ihn", antwortete der König und setzte eine traurige Miene auf. "Er ist ein Lügner und Betrüger und hat beinahe für meinen Untergang gesorgt. Ich werde nicht zulassen, dass er meinen einzigen Sohn zerstört."

Valerian spürte sein Herz schon brechen, als er sich jedoch an Tiberius' Worte erinnerte. Konnte es sein, dass der Vater nicht die Wahrheit sprach? Er gab sich, als würde er ihm glauben und ging betrübt von dannen. Doch kaum war er außer Sicht des Königs, eilte er davon und befragte die Wachen, ob sie den Gefangenen kennen würden. Da bekam er erzählt, dass sein Geliebter ein Soldat seines Vaters gewesen war und treu gedient hatte. Er erfuhr auch, dass der König Tiberius aus seinem Dienst gestoßen hatte, als er zu verletzt gewesen war, um weiter zu kämpfen.

Voller Angst und Empörung schlich sich Valerian in die Kerker, ohne zu wissen, wie er seinen Liebsten befreien sollte, aber fest entschlossen, lieber zu sterben, als ihn schmachten zu lassen. Tiberius freute sich sehr, seinen Prinzen zu sehen, denn jetzt wusste er, dass er gerettet war. Durch die Gitter hindurch umarmten und küssten sie einander.

"Ich glaube dir nun", sagte Valerian traurig. "Doch jetzt scheint es zu spät. Aber ich werde alles versuchen, um dich zu retten."

Da lächelte Tiberius und nahm die Hände seines Liebsten. "Dann gehe in das Zimmer zurück, in dem wir uns getroffen haben und bringe mir mein Beutelchen. Wenn es dir gelingt, mir das zukommen zu lassen, wird alles gut."

Valerian versprach es und eilte davon, nachdem Tiberius ihm den Gasthof genannt hatte. Er fand den Beutel und brachte ihn zu seinem Geliebten, aber musste dann eilen, damit seine Abwesenheit nicht auffiel. Tiberius jedoch nahm den Stein in seine Hände, und mit dem blauen Leuchten erschien auch der Berggeist. Mit einem Blick sah er, in was für einer Lage sich der junge Mann befand. "So hat der alte König also wirklich eine List gehabt. Aber sei ohne Furcht, mein Sohn. Folge ihnen, wohin sie dich führen; nimm nur das blaue Licht mit. Dann wird dir nichts geschehen."

Auf solche Art getröstet barg Tiberius das Licht nahe seines Herzens. Dann machte er es sich in der feuchten Zelle auf seinem kleinen Strohhaufen so gemütlich, wie es ging und holte den Schlaf nach, den er in der Nacht nicht bekommen hatte.

Am anderen Morgen wurde er vor Gericht geführt, und auch als Valerian aussagte, dass er freiwillig bei ihm geweilt und obwohl Tiberius sonst nichts Böses getan hatte, so wurde er von den gekauften Richtern zum Tode verurteilt. Man führte ihn in Ketten zum Richtplatz hin. Vor dem Priester musste er niederknien und sollte seine Sünden beichten. Doch als Tiberius so tat, als würde er beten, legte er in Wahrheit die Hände um das Licht an seinem Herzen.

Es begann zu glühen und zu strahlen; Tiberius' Ketten fielen ab, und nur einen Wimpernschlag später stand der Berggeist bei ihm. Er schlug die falschen Richter und die Soldaten zu Boden und verschonte auch den König nicht, der Tiberius so schlecht behandelt hatte. Valerian aber eilte zu seinem Geliebten hin, und sie umarmten einander fest.

"Erschlage meinen Vater nicht", bat der Prinz. "Er mag kein guter Mensch sein, aber er ist mein Vater."

Da bat auch Tiberius den Berggeist um des Königs Leben. Der Berggeist aber lächelte listig und sprach: "Gerne will ich ihm das Leben schenken, wenn ihr hier und jetzt mit des Königs Segen heiratet."

Der König wand sich und suchte nach Auswegen, doch es gab kein Entrinnen. Und so vermählte der Priester, der Tiberius die Beichte hatte abnehmen sollen, den Prinzen und den Soldaten unter den Augen der Richter und des Berggeistes als Trauzeugen, und der Prinz wurde der neue König des Reiches.

Tiberius konnte endlich seiner Familie die frohe Nachricht bringen, dass ihr lange vermisster Sohn und Bruder lebte, und holte sie zu sich in den Palast, so dass alle Söhne seiner Schwestern Prinzen wurden. Das Reich aber erlebte eine goldene Blütezeit unter der Regentschaft von Valerian und Tiberius. Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute – glücklich und einander in tiefer Liebe zugetan.


Ende