Willkommen an Bord

"Wie lange?!" Graue Augen musterten den Überbringer der Hiobsbotschaft Unheil verkündend, auch wenn das energische, kantige Gesicht mit der kräftigen Hakennase vollkommen ruhig zu sein schien. Lediglich die angespannten Kiefermuskeln verrieten noch Tarraks Ärger, während er mit ausgreifenden Schritten neben dem ein wenig klein geratenen Adjutanten von General Cheis herlief. Kadetten und Crewmitglieder wichen respektvoll an die Wand des lang gestreckten Korridors zurück, um sie vorbeizulassen.

"Zwei Monate, Captain Mekjahor", wiederholte der Adjutant geduldig, wenn auch ein wenig außer Atem, und reichte ihm einen Brief mit dem Siegel der Erdallianz. "Er wird sich die Schulungen hier auf der Jamiroquai ansehen und sich ein Bild über die Erfolge machen. Es hat nichts damit zu tun, dass man Ihnen misstraut oder Ihre Methoden missbilligt. Die Jamiroquai ist nicht die einzige, die einen Beobachter an Bord bekommt. Insgesamt wird nach Wegen gesucht, die Ausbildung effektiver und kürzer zu machen. Je nachdem, wie der Bericht ausfallen sollte, kann es allerdings sein, dass er auch länger bleibt. Bis zu sechs Monate sind vorgesehen."

"Auch das noch." Mürrisch zog Tarrak die strohblonden Brauen zusammen und sah auf den dunkelhaarigen Mann an seiner Seite hinab, der zwischendurch mehrmals fast joggte, um mit ihm Schritt halten zu können. Unwillig verlangsamte er sein Tempo ein wenig. Er hasste es, Leute an Bord zu haben, die jede seiner Gesten analysierten und auswerteten, jeden Satz, den er von sich gab, auf pädagogische Inhalte überprüften. Aber es brachte nichts, dagegen zu wettern, der Adjutant konnte genauso wenig dafür wie er. Er öffnete den Brief und überflog kurz dessen Inhalt. "Und was für ein Mensch ist dieser Kerl?"

"Sein Name ist Claudius von Theben, ein engagierter junger Mann, der sich sehr dafür eingesetzt hat, auf Ihr Schiff zu kommen. Es mag der Überschwang der Jugend mitspielen, der Ihren Einsatz im letzten Krieg bewundert. Aber dennoch ist er sehr gewissenhaft", erklärte der Adjutant geduldig und von Tarraks Unwillen sichtlich unberührt. "Er ist übrigens bereits an Bord; er will sich privat erst einmal ein Bild vom Schiff und der Crew machen, ehe er seinen Posten wahrnimmt. Ich denke, er wird sich im Laufe des Tages bei Ihnen melden, um sich vorzustellen."

Tarraks Augen verengten sich kaum merklich, als er den jungen Mann, den er noch nicht einmal gesehen hatte, als jemanden einordnete, der seine Nase nicht aus fremder Leute Angelegenheiten heraushalten konnte. Die nächsten zwei bis sechs Monate würden mit Sicherheit anstrengend werden.

Er brachte den Adjutanten noch zu den Andockschleusen, wo dieser direkt wieder zur Erde aufbrach. /Nun, immerhin haben sie den Anstand besessen, es mir persönlich zu sagen und nicht einfach eine Nachricht zu schicken/, grummelte Tarrak vor sich hin, während er in sein Quartier zurückkehrte. Angenehmer machte es den Gedanken an die nächsten Monate trotzdem nicht.

Erst nach einer heißen Dusche ein Luxus, der nur den Offizieren und Lehrkräften zur Verfügung stand fühlte er sich wieder etwas besser. Während er mit einem Tuch seine blonden Haare trocken rubbelte, bis sie wild in alle Richtungen abstanden, stellte er sich am Replikator sein Abendessen zusammen. In Gedanken ging er bereits den Dienstplan für den folgenden Tag durch. /Taktikstunden mit den Offiziersanwärtern, Besprechung mit den Lehrern.../

In dem Moment schrillte der Signalton des Intercoms durch den Raum und ließ ihn sich zum wiederholten Mal wünschen, er hätte einen angenehmeren gewählt. Doch er würde ihn auch weiterhin nicht ändern; etwas anderes bekam ihn kaum wach, wenn er erst einmal schlief. Grollend warf er sich seinen Morgenmantel über und hastete zu der Ecke, in der das Gerät positioniert war. Energisch hieb er auf den Knopf, der das schreckliche Geräusch unterbrach, um die Bildverbindung aufzubauen.

Die Nachricht kam aus den Gästequartieren, wie ihm der kleine Monitor anzeigte, gleichzeitig mit der Frage, ob er das Gespräch entgegennehmen wollte. Genervt verdrehte Tarrak die Augen, als ihm sein unfreiwilliger Besucher unangenehm in Erinnerung gerufen wurde.

"Ja", knurrte er das Display an, sich nicht im geringsten darum scherend, dass er alles andere als repräsentativ angezogen war. Wenn der Kerl ihn stören musste, dann sollte er es auch mitbekommen. Trotzdem glättete er seine Miene, ohne sich allerdings die Mühe zu geben, ein Lächeln aufzusetzen.

Schneetreiben auf grauem Grund empfing ihn, nachdem die Verbindung hergestellt war. Tarrak runzelte die Stirn. Das fehlte gerade noch, Störung im Kommunikationskanal. "Von Theben? Sind Sie das? Können Sie mich hören?"

Einen Moment war es still, dann antwortete ihm eine verzerrte, von Rauschen überlagerte Stimme. "Captain Mekjahor? Mein Intercom scheint nicht zu funktionieren. Ich kann Sie kaum verstehen, geschweige denn sehen."

Tarrak strich sich die Haare mit beiden Händen aus dem Gesicht, was sie ein wenig bändigte, und starrte unwillig auf die hellen Punkte, die über den Monitor tanzten. "Erst einmal Willkommen an Bord, von Theben. Es tut mir leid, dass das Gerät defekt ist. Ich schicke einen Techniker vorbei, der das in Ordnung bringt. Was kann ich für Sie tun?"

Wieder war ein Augenblick lang nichts zu hören, ehe die Stimme antwortete. "Danke. Ich wollte mich eigentlich vorstellen, doch das scheint mir auf diese Art im Moment unmöglich. Darf ich Sie stören und vorbeikommen? Immerhin werden wir die nächste Zeit eng zusammenarbeiten; ein angenehmer Einstieg wäre da nur wünschenswert."

Tarrak zog die Brauen zusammen und presste die Lippen aufeinander. Auch das noch. Der Kerl war unverschämt! Sich bei ihm einzuladen. /Sag nein, und die Sache ist gegessen./ Doch er wusste, dass es keine gute Idee wäre. Von Theben würde es mit Sicherheit als einen Affront betrachten, das taten Bürschchen mit einem Von vor ihrem Namen meistens. Und wenn er etwas noch mehr hasste als Schnüffler an Bord, so war das Unfrieden. Außerdem würde er ihn so oder so treffen müssen. Er zuckte mit den Schultern, erinnerte sich daran, dass der andere das nicht sehen konnte. "Kommen Sie vorbei. A 3-1-3, finden Sie das oder soll ich jemandem Bescheid sagen, der Sie führt?"

"Ich kenne mich auf Schiffen dieser Klasse aus, ich komme zurecht", erklärte von Theben, und Tarrak ärgerte sich über den amüsierten Unterton, den man trotz des Rauschens noch wahrnehmen konnte. /Überschwang der Jugend, die meinen Einsatz im letzten Krieg bewundert? Mit Sicherheit nicht./ Einmal abgesehen davon, dass es da nicht viel zu bewundern gab. Er hatte Glück gehabt, was ein unvorsichtiges, verzweifeltes Manöver angegangen war, hatte durch den Zufall, der ihn zur rechten Zeit am rechten Ort hatte sein lassen, einige Schiffe der Allianz retten können und gleichzeitig verloren, was ihm am wertvollsten gewesen war. Man hatte ihn als Helden gefeiert und niemand hatte gesehen, dass dieser Held nur noch ein Haufen Scherben und zerbrochener Träume gewesen war.

"Gut, ich erwarte Sie dann in einer halben Stunde", entgegnete er harsch und beendete die Übertragung abrupt. Großartig, was er sich da wieder eingehandelt hatte. Einen Moment lang starrte er auf das nun wieder dunkle Display, dann wählte er einen anderen Kanal und bestellte einen Techniker zu den Räumen von Thebens.

Während der halben Stunde, die er noch hatte, zog er seine Uniform an und räumte ein paar herumliegende Sachen beiseite, bis sein Quartier so weit hergerichtet war, dass er fremde Besucher empfangen konnte. Grollend dachte er daran, dass er eigentlich Kareskar, seinen ersten Offizier und besten Freund zu einem guten Wein und einer Partie Schach hatte einladen wollen und dass er das vermutlich vergessen konnte. Es sei denn, er hatte Glück und von Theben würde früh wieder gehen.

Der Laut der Türklingel war ebenso schrill wie der seines Intercoms, und sie ertönte viel zu früh, was Tarrak endgültig zu dem Schluss kommen ließ, dass dieser Tag gelaufen war. "Öffnen", knurrte er, ohne sich dabei stören zu lassen, eine Uniformjacke in den Schrank in seinem Schlafzimmer zu hängen. Als er das leise Zischen hörte, mit dem die Tür auf- und dann wieder zu glitt, rief er in den Nebenraum "Sie sind zu früh, von Theben. Ich bin gleich bei Ihnen, machen Sie es sich bequem."

Es kam keine Antwort, was Tarrak dazu brachte, irritiert die Brauen zu heben und noch mehr Groll gegen den jungen Mann zu entwickeln. Lauter als nötig schloss er den Schrank, zog seine Jacke zurecht, richtete sich auf und kehrte in den Wohnbereich zurück.

Von Theben zumindest vermutete er, dass es von Theben war stand mit dem Rücken zu ihm und sah zum Fenster heraus, aus dem man im Moment einen schönen Blick auf die Erde hatte. Doch Tarrak interessierte sich nicht für die Aussicht, musterte stattdessen seinen ungebetenen Gast. Was ihn überraschte, war, dass der junge Mann alles andere als formell gekleidet war.

Schwarze, matt schimmernde Hosen schmiegten sich wie eine zweite Haut an die langen, schlanken Beine und verschwanden in kniehohen, ebenfalls schwarzen Stiefeln. Das Oberteil war nicht minder eng, wenn auch aus matterem Material, und betonte die schmalen Hüften genauso wie die schlanke Taille. Die langen Ärmel, an deren Oberseiten sich ein schlichtes Muster aus leicht glitzerndem Garn entlang zog, liefen zum Handrücken hin spitz zu und waren mit einem schmalen Silberring jeweils am Mittelfinger befestigt, wie Tarrak an der feingliedrigen, vierfingrigen Hand sah, die locker auf dem Fensterrahmen ruhte. Schwarzes, glänzendes Haar fiel in weichem Schwung bis zur Mitte des Rückens hinab; ein Teil war zusammengefasst und mit einer schlichten, silbernen Spange auf dem Hinterkopf gebändigt worden und offenbarte die langen Ohren mit den mehrfachen Spitzen eines Kemjasheri.

/Fünf Spitzen... Aber schwarzes Haar, nicht in der Farbe von Herbstlaub/, ging es Tarrak durch den Kopf und er fühlte einen schmerzhaften Stich im Herz. Doch einfarbig war ungewöhnlich für dieses Volk, besonders schwarz, was die Farbe von Schmerz und Trauer war und unter Umständen den nahen Tod ankündigen konnte. Meistens hatte Kemjasheri-Haar eine Grundfarbe und unzählige Strähnen in all ihren Varianten. Wenn es sich grundlegend änderte, war das immer ein Zeichen für Veränderung auch der Person. So konnten junge Kemjasheri schneeweißes Haar haben, wenn sie sich alt fühlten, während viele alte noch immer die volle Pracht an Farben trugen.

In dem Moment nahm von Theben die schlanke Hand vom Fensterrahmen; Tarrak bemerkte verwundert, dass sie zitterte. Langsam wandte sich der junge Mann um, und Tarrak erstarrte, als er in das zarte, blasse Gesicht sah. Auch wenn die Haarfarbe eine andere war, nicht mehr das weiche Kastanienbraun mit Strähnen in den verschiedensten Rot- und Brauntönen, das er kannte, war doch sonst alles so, wie er es in qualvoller Erinnerung hatte. Die vollen, weichen Lippen, deren Küsse ihn in den Wahnsinn treiben konnten. Die kleine Nase mit dem kessen Schwung. Die großen, von langen, dichten Wimpern umrahmten Augen in einem hellen Olivgrün, das Angst, Hoffnung und Sehnsucht offenbarte und ihm den Atem raubte.

Tarraks Kopf war wie leergefegt, als er den anderen anstarrte. Nur allmählich bildeten sich wieder Gedanken, kamen Bilder, Erinnerungen zurück. Der Einschlag der schweren Geschütze in den D-Bereich seines Schiffes, das an jenem verfluchten Tag im Krieg unter seinem Befehl gestanden hatte. Die Explosion, die jeden von den Beinen gefegt und das Schiff für kurze Zeit außer Kontrolle hatte geraten lassen. Weitere Explosionen. Warnmeldungen überall auf den Monitoren, Alarmstufe Rot. Angst. Er konnte seine Stimme wieder hören, die harsch und schnell, jedoch noch immer beherrscht Befehle erteilt hatte.

Er hatte das Schiff gerettet. Er hatte den größten Teil seiner Crew gerettet. Aber der Mann, den er liebte, war in dem Bereich gewesen, den die Geschütze getroffen hatten. Im D-Bereich. Das folgende Manöver, geflogen aus verzweifelter Wut und Schmerz, hatte mit mehr Glück als Verstand der Flotte den Vorteil gebracht, den sie gebraucht hatten. Man hatte ihn gelobt, man hatte ihn geehrt. Und er hatte nur sterben wollen, seinem Geliebten folgen. Doch irgendwie hatte er sich durchgebissen. Und jetzt... /... kann nicht sein... nur Trümmer... es waren nur Trümmer... es kann nicht... nichts hat dort überleben können... keine Überlebenden, haben sie gesagt.../

"Das Intercom war nicht defekt. Ich habe es manipuliert", flüsterte der andere Mann, die Stimme so warm und weich wie eh und je, und unterbrach den wirren Fluss seiner Gedanken. "Ich wollte nicht, dass du mich über den Bildschirm das erste Mal nach all der Zeit wieder siehst."

"Yo'var." Tarraks Lippen formten den geliebten Namen, doch es war kein Laut zu hören. Er konnte sich nicht rühren, hatte das Gefühl, wenn er auch nur einen Schritt machte, würden ihm die Beine unter dem Körper wegsacken. Sein Herz hämmerte derart hart gegen seinen Brustkorb, dass jeder Schlag schmerzte. Fast eigenständig tastete seine Hand nach Halt am Türrahmen. /Er ist es... warum... kann ich.../

Yo'var kam langsam, wie zögernd näher. Sein Gang war steifer, als Tarrak ihn in Erinnerung hatte, und er hinkte, hatte die geschmeidige Anmut eingebüßt, die ihn wie jeden seines Volkes ausgezeichnet hatte, doch er war unbestreitbar schön, unbestreitbar begehrenswert, unbestreitbar... er.

"Warum...?", fragte Tarrak und verstummte wieder, obwohl ihm so viele Fragen auf der Zunge lagen. Warum war er hier? Wie hatte er überlebt? Warum erst jetzt?

"Mein Volk hat mich gefunden", antwortete Yo'var so leise, dass er kaum zu verstehen war. "Ich hatte mich in eine Rettungskapsel gerettet. Sie war defekt und trudelte durch das All. Es ist ihnen gelungen, mich ins Leben zurückzurufen. Ich habe fast zwei Jahre gebraucht, um mich zu regenerieren. Fast zwei Jahre, in denen mich die Familie meiner Mutter gepflegt hat. Sie wollten nicht, dass ich wieder zu dir zurückkehre. Erst als sich mein Haar schwarz gefärbt hat, haben sie es mir gestattet."

"Schwarz...", wiederholte Tarrak, noch immer kaum hörbar. Dann richtete er sich abrupt auf und trat mit ein paar schnellen Schritten seinem ehemaligen Geliebten entgegen, streckte die Hand nach ihm aus. Das Bedürfnis, ihn anzufassen, sich davon zu überzeugen, dass er real war, wirklich hier auf seinem Schiff, wurde übermächtig. Die grünen Augen hielten ihn gefangen, als seine Finger die weiche, blasse Haut der Wange berührten, und der leichte Schauer, der durch den Kemjasheri ging, übertrug sich auch auf ihn. /Er ist da... wirklich hier... er lebt.../

Die Gedanken waren nicht mehr zu fassen, als sie von einer verwirrenden Vielfalt der Gefühle davon geschwemmt wurden. Glück, Zweifel, Angst, gemischt mit Ungläubigkeit, dass Yo'var wirklich wieder bei ihm sein sollte. Dass er lebte. Hier war. Dass er ihn berühren konnte.

"Es... wird sich wieder ändern, wenn ich... hier bei dir sein kann", wisperte Yo'var. Er stand vollkommen reglos, als würde er es nicht mehr wagen, sich zu bewegen. Nur seine zarten Nasenflügel bebten ein wenig bei jedem Atemzug und die leicht geöffneten Lippen, die im kühlen Licht der Deckenlampen glänzten, zitterten. Doch nichts glich dem sehnsuchtsvollen, hilflosen, flehenden Ausdruck in den tiefen, grünen Augen, die Tarraks Blick festhielten, baten, hofften.

Kaum spürbar glitt Tarraks Hand weiter, ertastete ein Netz an feinen Narben, welches die helle Ebenmäßigkeit der Haut unterbrach und das er erst jetzt bemerkte.

"Sie... werden vielleicht... wieder gehen." In Yo'vars leiser Stimme klang Angst mit, die Tarrak heraushörte, obwohl er sie zu verbergen suchte. In den Augen der Kemjasheri mussten sie ihn vollkommen entstellen, im ganzen Universum gab es kein Volk, das so sehr auf ein makelloses Erscheinungsbild achtete. Der Körper war ein Geschenk ihrer Göttin, und als solcher musste er erscheinen. Perfekt und ohne die geringste Entstellung. Diese Narben in Verbindung mit dem hinkenden Gang mussten ihn für sie hässlich machen.

"Sie stören mich nicht", murmelte er, als er ihnen bis zu dem geschwungenen Ohr folgte. Er strich den unregelmäßigen Rand entlang, wie er es in der Vergangenheit so oft getan hatte, um sich dann in die seidige Fülle des Haares zu wühlen. Die schweren Strähnen glitten durch seine Finger, fielen weich zurück, als er sie losließ.

"Ta'ari", hauchte Yo'var den so vertrauten Kosenamen, ein Wort voller Liebe, das lange Zeit nur Trauer bei Tarrak geweckt hatte. Jetzt rief es wieder Zärtlichkeit hervor, das Wissen, geliebt zu werden, jenseits allem, was er sich jemals erträumt hatte. Ta'ari, in der Sprache der Kemjasheri das Herz und gleichzeitig die Kraft, ohne die Leben nicht möglich war. Yo'var hob langsam die Hand, legte seine kühlen Finger auf die suchenden Tarraks, ohne den Blick von ihm zu lösen. "Ich habe dich... so sehr vermisst..."

Tarrak tastete sich über die Schulter und den Nacken zum Hinterkopf des anderen Mannes vor, umfasste ihn, während er spürte, wie Yo'vars Hand seinen Arm hinab glitt und in dessen Beuge liegen blieb. So oft hatte er davon geträumt, ihn wieder berühren, küssen zu dürfen, ihn wieder bei sich zu haben, dass er sich fühlte, als sei auch das hier nur ein Traum. Ein Traum, der sich auflösen würde, wenn er sich zu schnell bewegte, zu viel forderte. Kaum merklich verstärkte er den Druck auf Yo'var, und dieser folgte der Bewegung, kam näher zu ihm, einen kleinen Schritt, der dennoch nicht die Entfernung aufhob.

Tarrak wusste, was der andere wollte, was er forderte. Ehe sie zusammen gekommen waren, hatten sie einen langen Weg zurücklegen müssen, voller Missverständnisse durch unausgesprochene Gedanken, voll Schmerz durch Konventionen, durch falsche Angst. "Ich... habe dich auch vermisst. Mehr als Worte sagen könnten..." Seine raue, ein wenig kratzige Stimme, der man normalerweise anhörte, dass er gewohnt war, Befehle zu erteilen und auch noch den größten Lärm zu übertönen, war nur noch ein heiseres Wispern.

Dieses Mal gab Yo'var ihm vollkommen nach, als er ihn wieder wie fragend und nur zögernd in seine Richtung zog. Als wäre er weit entfernt beobachtete Tarrak, wie die zarten Lider langsam über die tiefen, grünen Augen sanken, die dichten Wimpern einem Paar schwarzer Schwingen gleich, wie Yo'var sein Gesicht hob, um ihm entgegen zu kommen, wie er ihm seine Lippen anbot, unsicher fast, wie bei ihrem ersten Kuss. Einen Moment lang verharrte Tarrak, spürte den süßen Atem, der seine Haut streifte, die Wärme, die von Yo'var ausging. Angst zog sich mit feinen, kleinen Stichen durch seinen Körper, warnte ihn, verhöhnte ihn. Träumend... traumhaft... unwirklich...

Dann berührten sich ihre Lippen. Die weiche Nachgiebigkeit, die ihn empfing, vertrieb die Angst und die Unsicherheit, ließ keinen Platz mehr für Gedanken, nur noch für Gefühle. Kurz trennten sie sich, nur um sich sofort wieder zu begegnen. Tarraks Augen schlossen sich, sperrten alles außer dem Gefühl aus. Sacht erkundeten sie einander, Fremdes suchend, Vertrautes findend.

Tarrak knabberte an der weichen Unterlippe, streifte sie mit seinen, zupfte, streichelte, immer so behutsam, als würde sich Yo'var auflösen, wenn er zu verlangend wurde. Und Yo'var erwiderte seine Zärtlichkeiten mit der gleichen Vorsicht, unsicher und zaghaft, wie aus Angst, nach all der Zeit zu weit zu gehen.

Eine Ewigkeit schien dieses erste Erkunden, das zögernde Herantasten zu dauern, ehe Tarraks Zungenspitze sich hervorwagte. Atemlos ließ er sie über die samtige Oberfläche gleiten, folgte dem sanften Schwung der Oberlippe, dann dem der vollen Unterlippe, fuhr den Spalt nach, an dem sie sich trafen.

Mit einem kaum hörbaren Wimmern öffnete sich Yo'var ihm, und Tarrak ließ seine Zunge in den warmen Mund gleiten, kurz nur, um ihn zu kosten. Der Geschmack war von der gleichen betörenden Süße wie der Atem, mit einem leichten Unterton wie von Nuss, vertraut und doch fremd durch die vergangenen Jahre.

Als er sich zurückzog und erneut nur die Lippen küsste, lehnte sich Yo'var vor und schmiegte sich endlich an ihn, als wollte er die Nähe wieder herstellen. Nahezu scheu legte sich die freie Hand auf Tarraks Brust und blieb dort ruhen. Doch so unschuldig, wie die Geste war, gab sie Tarrak dennoch den Mut, seinen Arm um den schlanken Körper zu schlingen und ihn etwas enger an sich zu ziehen.

Wieder seufzte Yo'var auf, wagte seinerseits einen schüchternen Vorstoß. Tarrak spürte die feuchte Zunge über seine Lippen gleiten, kribbelnde Spuren hinterlassend, wo immer sie ihn sanft streichelte, dann weiter vordringend, langsam seine Zähne erkundend. Tarrak kam ihm entgegen; ihm entfuhr ein leiser Laut, als sich ihre Zungen berührten. Vorsichtig streichelte er daran entlang, auslotend, wie weit er gehen konnte, wie weit er gehen durfte. Yo'var ging darauf ein, und während sie einander behutsam liebkosten, wanderten die schmalen Hände des Kemjasheri über Tarraks Oberkörper, seine Schultern, bis sie sich sacht in seinen Nacken legten.

Ein Schauer rann Tarraks Rücken hinab, als die schlanken Finger mit seinem Haar zu spielen begannen. Unwillkürlich drückte er ihn enger an sich, spürte, wie sich der geschmeidige Körper an seinen schmiegte, als wollte er mit ihm verschmelzen. Und in dem Moment schien es, als seien die Jahre ausgelöscht, in denen sie sich nicht gesehen hatten, die Angst vor dem erneuten Kennenlernen hatte sich aufgelöst. Nur die Sehnsucht nach dem anderen war zurückgeblieben, verlangend, verbrennend, verzehrend.

Yo'vars Hände gruben sich in Tarraks blondes, zerzaustes Haar, die nachgiebigen Lippen pressten sich fester auf seine. Tarraks kehliges Stöhnen mischte sich mit dem leisen Gurren von Yo'var, als er seine Zunge tiefer in dessen Mund schob. Mit einem Mal konnte er nicht mehr genug von dem anderen bekommen, als er ihn zu erforschen, zu erobern begann. Ihre Zungen umkämpften einander, rieben sich, tanzten vor und zurück. Yo'var klammerte sich an ihn, der Griff in Tarraks Haaren wurde fast schmerzhaft, doch dieser fühlte es kaum, als sich ein Bein um seine Hüfte schlang und ihn so nah wie möglich an den anderen zog. Seine Arme umfingen den zerbrechlichen Körper mit einer Kraft, als wollte er ihn in sich ziehen, um ihn nie wieder loszulassen.

Eine Ewigkeit erstürmten sie einander, bis die Bewegungen erneut vorsichtiger, liebevoller wurden, während Yo'vars Bein langsam wieder herabsank, Tarraks Seite entlang streichend, streichelnd; ihr Griff lockerte sich, ließ Raum zum Atmen, als sich ihre Lippen trennten, nur um sich wieder und wieder in kleinen, zarten Küssen zu finden, während sie zu Luft zu kommen versuchten.

Als Yo'vars Lider sich öffneten und er Tarrak ansah, hatten seine Augen das tiefe, intensive Grün der Freude, die auch Tarrak in sich spürte, übersprudelnd und noch immer ungläubig, atemberaubend und unfassbar zugleich. In diesem Moment gab es nichts außer ihm und diesem Mann. Er hielt seine Welt in den Armen, die so unbegreiflich aus dem Nichts zu ihm zurückgekommen war, und fühlte sich, als würde er schweben.

Glücklich erwiderte er das atemberaubende Lächeln seines Geliebten. "Willkommen an Bord", wisperte er leise.


Pandorah
Ende