Eine zweite Chance

1.

Als Sunray zum ersten Mal bewusst die Augen aufschlug, um verwundert in den strahlend blauen Himmel zu blicken, fragte er sich, ob er überhaupt lebte. Doch die Schmerzen in seinem Kreuz und in den Armen vom wilden Paddeln und der etwas deutlichere, brennende Schmerz der Schürfwunde an der Hüfte von seiner unsanften Landung zeigten ihm, dass dem so war. Tote fühlte nichts, glaubte er zumindest, und das Paradies tat sicherlich weniger weh.

Seine ersten Worte, an das freundliche Gesicht über ihm gerichtet, waren rau und heiser geflüstert, weil er so schrecklich geschrien hatte.

Erst vor Wut, als die Bande, für die er sich auf den Edelsteinschmuggel eingelassen hatte, ihn undankbar vor die Tür gesetzt hatte. Sie hatten ihn nicht einmal ausgezahlt, sondern gleich im Nichts des Alls zwischen dem äußeren Gürtel mit seinen vielen kleinen und zumeist verkommenen Raumhäfen und dem Daryllischen System in eine Überlebenskapsel gestoßen.

Dann hatte er den gesamten taumelnden Flug zu diesem ihm fremden Planten über geschrien. Einfach, weil er nicht ohne Geschrei hatte untergehen wollen und er gewusst hatte, dass sie ihn per Funk abhören konnten. Sollten sie doch glauben, dass er elendig verglüht war. Heiß geworden war es in der Kapsel alle Male.

Dann hatte er geschrien, weil er sich auf dem heißen vulkanischen Boden der Insel verbrannte, an den die Kapsel angetrieben war. Er war sofort in die Kapsel zurückgesprungen und hatte dann nach einem Rundumblick die Brandung vor einem Riff in der nicht allzu großen Entfernung gesehen.

Er hatte zwar nicht erkennen können, ob dahinter eine Insel lag, aber besser als auf dem kochenden Stein gegrillt zu werden, war der Versuch einer Selbstrettung auf jeden Fall. Entschlossen, nicht kampflos zu sterben, hatte er aus dem Helm einen Schöpfeimer gebastelt, um das immer wieder in die Kapsel laufende Wasser auszuschöpfen, und aus den gepolsterten Kopfstützen und der Reling am Einstieg hatte er ein passables Ruder zusammengeflickt.

Er war den Tag über unermüdlich gepaddelt, immer auf die Brandung zu. Als die Nacht sich über das Meer gesenkt hatte, waren eine ganze Reihe gleißend heller Monde aufgegangen. Sie hatten ihm ein Schauspiel gezeigt, das ihn abermals zum Schreien gebracht hatte. Riesenhafte fliegende Fische hatten sich in gewaltigen Schwärmen aus dem Wasser erhoben und auf der Suche nach Beute die oberen Wasserschichten durchpflügt.

Sie waren ihm nicht selten beängstigend nahe gekommen, aber zu seinem Glück hatte nur einmal ein Flügel seine Kapsel gestreift, sonst hatten sie keinerlei Notiz von ihm genommen. Anscheinend hatten sie das rundliche schwarze Ding nicht als Beute oder Gegner angesehen.

Nach der durchwachten Nacht, in der er nicht gewagt hatte zu paddeln, hatte er noch einmal fast den gesamten nächsten Tag verbissen gearbeitet, dann war er mit einer rauen Brandung über einen Korallenwall hinweg in einen natürlichen Hafen geschlagen, wo er von einigen Männern mit flachen Fischerbooten eingeholt worden war. Er war beinahe sofort in Ohnmacht gefallen und war erst in einer hellen Stube auf einem Bett liegend wieder erwacht.

Seine ersten Worte waren durch das ganze Geschrei sehr leise geflüstert, aber dennoch bemühte er sich um höfliche Umgangsformen und wandte gleich drei der gängigsten lokalen Sprachen an, um seinen Namen zu sagen. "Ich bin Raymond Chester, vielen Dank für die Rettung."

Eine dunkle Stimme antwortete ihm freundlich in der Universalsprache der Menschen. "Ach, heiser ist er auch, Zusa. Koch noch einen Kräutertee mit Palmhonig für seinen Hals."

Das Wesen sah humanoid aus, trug sein Haar etwas ungepflegt wild um den Kopf und wirkte sehr kräftig auf Ray, so dass er keinen Widerspruch wagte. Bereits nach wenigen Minuten klärten sich seine Gedanken so weit, dass er fragen konnte: "Wo bin ich denn gelandet? Was ist mit der Rettungskapsel geschehen?"

"Oh. Du bist bei mir und Zusa, ich bin Jaho. Wir sind Fischer hier auf der Insel. Dein schwarzes Boot ist vorhin gesunken, aber wir haben deine Tasche herausgeholt. Willst du sie haben?"

Ray schüttelte den Kopf und ließ sich auf das Bett zurücksinken. Jaho zog einen Vorhang zurück und legte den Blick auf den blauen Himmel frei und ein Windspiel aus hübschen Glasteilchen, die sich in einer lauen Brise umeinander drehten. Das Windspiel fesselte Rays Blicke, und nach und nach wurde ihm klar, dass es nicht Glas war, das dort hübsch bunt klimperte. Er war Experte für Edelsteine, und dieses waren verdammt große Klunker. Der unbesorgte Überfluss an ihnen zeigte Ray mit einem Schlag, wo er war. Es konnte nur einen Ort geben, an dem man ein Windspiel aus Edelsteinen von der Größe eines Taubeneis herstellte.

"Caley?", flüsterte er fragend.

Jaho drehte seinen großen Körper ungemein wendig zurück. "Ja, so nennt man uns am Raumhafen." Die dunkelroten Zeichnungen auf seinem Rücken liefen auch nach vorn noch etwas weiter. Die Mähne glänzte im Sonnenlicht. Nicht ungepflegt, sondern schlicht wild waren die Haare.

Raymond schloss seufzend die Augen. "Ein Glück bin ich über vierzig." Und es war das erste Mal, dass er es als Glück ansah und das erste Mal, dass er sein Alter laut vor Zeugen eingestand.

 

Tharo lächelte, als sich das Fährschiff der Insel näherte. Es war ein herrlicher Anblick, wie sich das satte Grün des Urwalds über dem leuchtenden Blau des Meeres erhob. Zahllose Edelsteine glitzerten im Sand des Strandes und umzogen die Insel bei Sonnenschein mit einem Band aus Licht.

Er legte einen Arm um Mares Hüfte und drückte den anderen Meta an sich. Er mochte es gerne, ihn zu spüren, auch wenn sie keine Gefährten waren. Sie hatten sich noch auf der Wanderung mit ihren Puppen getroffen und waren zusammen geblieben, auch nachdem beide Puppen ihre Gefährten gefunden hatten. Mare und er fühlten sich einander nahe, schon allein dadurch, dass sie beide menschliche Partner gehabt und sie verloren hatten. Tharo genoss es nun, da er nicht einmal mehr seinen Sohn bei sich hatte, um so mehr, Mare zu umsorgen und zu verwöhnen.

Er drückte einen Kuss auf die blonde, weiche Mähne des kleineren Mannes. "Schade, dass unsere Söhne nicht hier sind. Ich mochte die Insel schon auf meiner Wanderung so gerne. Mein Kleiner wird sie lieben, wenn er mit seiner Puppe hier vorbeikommt, da bin ich mir sicher."

Mare lehnte den Kopf an seine Schulter und schmiegte sich enger an ihn, aber antwortete nicht. Tharo sorgte sich ein wenig um ihn, seit Mares Puppe Ron nicht mehr bei ihnen war. Viel zu oft war Mare melancholisch, hing düsteren Gedanken nach und erinnerte Tharo damit manchmal an Puppen kurz vor dem Erlöschen, weil sie die Hoffnung auf einen Gefährten verloren hatten.

Je näher sie der Insel kamen, desto mehr Einzelheiten konnte man ausmachen. Das Dorf war auf Pfählen über einer Flussmündung errichtet worden; kleine Hängebrücken verbanden die Häuser, die vielfach mit den reichen Edelsteinschätzen geschmückt waren, die das Meer so freigiebig schenkte. Am Steg waren schon neugierige Puppen versammelt, und Tharo vermisste, dass sein kleiner Wirbelwind nicht mehr aufgeregt neben ihm stand, auch wenn er natürlich sehr froh war, dass sein Sohn seinen Gefährten gefunden hatte.

Fröhlich wurden sie begrüßt, als das Schiff angelegt hatte; und auch wenn es für Überraschung sorgte, dass zwei Meta, die nicht zusammengehörten, miteinander reisten, wurden sie sofort von einem älteren Paar eingeladen.

 

Ray beobachtete das rege Treiben am Fährhafen an diesem Tag nicht zum ersten Mal. Aber zum ersten Mal stand er in der prallen Sonne, in Shorts und einem leichten ärmellosen Hemd. Sein Spitzname Sunray entstammte leider nicht seiner Liebe für die tropische Sonne.

Die ersten Tage bei seinen Gastgebern Jaho und Zusa waren zudem im täglichen Kampf zwischen seinem Sinn für Bekleidung und der gnadenlosen schwülen Hitze des Urwalds vergangen, bis die Hitze gewonnen hatte. Ein Mann hatte nicht die Beine für Shorts, schon gerade ein Mann in den Vierzigern wie er. Und, Ray gab es nur ungern zu, inmitten der vielen süßen Puppen, insbesondere verglichen mit der überaus umtriebigen und unbesorgten Puppe von Zusa, fühlte er sich alt.

Auch jetzt war der kleine Ula bereits mit allen neuen Puppen bekannt geworden und hatte einige zu Feiern eingeladen. Zusa und Jaho würden Ula in den nächsten Tagen auf die traditionelle Wanderung über alle Inseln von Caley führen, und Ray war eingeladen, ebenfalls mit ihnen zu wandern. Sie hatten ihn adoptiert, wie es ihm schien, und er fühlte sich noch viel zu deprimiert, um allein sein zu wollen.

"Ula! Ich gehe nach Haus, es wird mir zu heiß in der Sonne!" Ray hatte eigentlich nur Ula hinterher winken wollen, als sein Blick auf ein Metapaar fiel, an dem irgendetwas nicht ganz stimmte. Eigentlich ein normales Paar. Sie waren auf der Rückreise, nachdem ihre Puppe den Partner gefunden hatte. Aber etwas störte Rays Bild von den Caley, und als er über zwei Brücken in Richtung Markt gegangen war, fiel es ihm ein, und er blickte zurück.

"Die Zeichnungen passen ja gar nicht. Merkwürdig. Ich frage Jaho mal danach." Und es zog seinen Blick noch einmal zurück zu dem größeren der beiden Meta.

 

Tharo wunderte sich nicht, dass Mare am Abend keine Lust auf die Feiern hatte. Er war schon den ganzen Tag so trübsinnig gewesen. Wenn er sich nicht aufmuntern ließ, war Ruhe immer das, was am besten half. Tharo überlegte eine lange Weile, ob er bei ihm bleiben sollte, aber es war Mare, der ihn schließlich wegschickte.

"Ich bin einfach nur müde, Tharo. Mach dir nicht immer so viele Gedanken", schimpfte er mit einem Lächeln. Seine rosafarbenen Augen blitzten sogar ein wenig schalkhaft auf, als er verkündete: "Wenn du so weitermachst, fühle ich mich wieder wie eine Puppe! Das willst du doch sicher nicht. Ich warne dich, als Puppe war ich sehr empfindlich und ängstlich. Willst du dich wirklich damit herumplagen?"

Grinsend zog Tharo ihn an seinen großen Körper, umfing ihn mit den Armen und küsste ihn herzhaft. "Also warst du als Puppe nicht viel anders als jetzt, willst du mir das sagen?"

"Du fieses Monster!" Mit einem kleinen Lachen schmiegte Mare sich an ihn und vergrub für einen Moment das Gesicht in Tharos Mähne, dann sah er ernst auf. "Ich bin so froh, dass du hier und für mich da bist. Aber jetzt gehst du feiern, ja?"

Prüfend betrachtete Tharo das hübsche Gesicht, kam zu dem Schluss, dass Mare vielleicht wirklich nur erschöpft war und nickte. Zart küsste er einen Wangenknochen entlang und biss ihm ins Ohr, ehe er leise versprach: "Wenn ich zurück bin und du bist noch wach, verbinden wir uns, wenn du magst." Dadurch würde er Mare an den Erinnerungen an die Feier teilhaben lassen können. Und da Tharo gedachte, sich zu amüsieren, würde das seinen Freund bestimmt aufmuntern.

Während Mare sich in das große Bett kuschelte, brachte Tharo seine schwarze Mähne mit ein wenig Öl zum Schimmern und befand, dass er mit seiner leuchtend blauen Weste und der dunkleren Hose bestens gekleidet war. Schmuck fehlte vielleicht noch, seinem Gefühl nach zumindest, aber er war immerhin Meta, das war nicht passend.

"Du schmückst dich?" Verwunderung erfüllte Mares Stimme.

"Nein, ich habe nur..." Tharo drehte sich zu ihm um, sah in das überraschte, helle Gesicht und hielt inne. Erst jetzt fielen ihm seine Vorbereitungen wirklich auf. Ja, was hatte er? Er hatte sich keine Gedanken mehr um sein Aussehen gemacht, seit er als Puppe seinen Gefährten gesucht und es so aller Welt gezeigt hatte. Doch jetzt war er Meta, er hatte einen Gefährten und eine Puppe gehabt. "Ich weiß nicht. Ohne meinen Schatz fühle ich mich manchmal wieder selbst wie eine Puppe. Vielleicht sollte ich..."

Auch diesen Gedanken, der ihm eben gekommen war, vollendete er nicht. Die Idee war zu verrückt. Er war keine Puppe mehr, und nur Puppen machten sich auf die Wanderung über die Inseln, um einen Gefährten zu finden. Für Tharo gab es keinen Gefährten mehr. Resolut ging er zu Mare hin und küsste ihn zum Abschied. Dann verließ er das Gästezimmer, um sich zu den Feiernden zu gesellen.


© by Jainoh & Pandorah