Eine zweite Chance

2.

"Ula! Warte bitte!" Ray keuchte bereits und verfluchte, dass er sich von Ula hatte aus dem Haus locken lassen. Ula turnte an der Brüstung hinunter und ignorierte die Treppe mal wieder. Als Ray die Treppe zum Strand erreicht hatte, konnte er die dunklen Haare samt einem Aufschimmern des reichlichen goldenen Schmucks der Puppe eben noch zwischen zwei Feuern weiter hinten verschwinden sehen.

Die Monde erstrahlten und brachten den Strand umher zum Glitzern und Leuchten, so dass ihm erneut die Haare zu Berge standen, allein bei dem Gedanken, über wie viel Reichtum er mit nur einem Schritt ging. Als ehemaliger Juwelenprüfer wäre er hier im Schlaraffenland, wenn er auch nur einen dieser Klunker ausführen dürfte. Aber darauf stand die Todesstrafe, oder zumindest vermuteten alle, dass die Daryller diese Form der Strafe gewählt hatten, wenn mal wieder ein Agent, Forscher oder Schmuggler verschwunden war.

Ula turnte lachend die anderen Treppen zur Brüstung wieder hinauf zu einer der Feiern. Er war eine wilde Puppe mit dunkelbraunem Haar, das sich schon bei ihm als Puppe unbändig um das Gesicht lockte. Sunray folgte ihm etwas langsamer, auch weil er noch nicht sicher war, ob er überhaupt Lust auf die Musik und das ausgelassene Tanzen hatte.
Einige Meta begrüßten ihn und winkten ihm zu. Für die dunkleren Stunden der Nacht wurde bereits getrocknetes Treibholz aufgetürmt. Einige Caley begannen, mit ihren Handtrommeln und anderen Instrumenten Musik zu machen, es wurde auch so schon ausgelassen getanzt. Die Puppen spielten und liebten und träumten vom Glück mit dem wahren Partner.

Ray lächelte, blieb sinnend stehen. Ula war bereits in der Menge um einen Grill mit Fisch verschwunden. Statt sich zu den anderen zu gesellen, ging Ray den Strand ein wenig hinunter, von den Stimmen fort und blickte dann über das Riff hinweg zu den ersten Schwärmen fliegender Fische. Aus der Ferne betrachtet machten sie ihm nicht mehr so viel Angst. Er zog die Schuhe aus und badete seine Zehen in dem wannenwarmen Wasser.

Der weiche Sand umspülte mit jeder Welle seine Knöchel und grub ihn mehr und mehr ein. Das waren Momente, in denen er gar nicht mehr fort wollte von Caley. Endlich zog er seine Füße heraus und machte einige Schritte in Richtung des ersten Feuers, um dort etwas zu trinken, als ein brennender Schmerz ihn daran erinnerte, dass Zusa ihn gewarnt hatte, ohne Sandalen am Strand zu gehen.

"Verdammte...!" Zischend hob Ray den Fuß an und untersuchte seine Fußsohle im nur langsam schwindenden Licht der Monde. Eine der scharfkantigen Muscheln hatte ihn verletzt. Grummelnd zog Ray den einen Schuh an und begann, zur Treppe zurück zu humpeln. Ula brauchte er nicht Bescheid geben. Der Racker war ohnehin längst weitergezogen.

Gegen den Pfosten einer Hausplattform gelehnt sah Tharo aus halb geschlossenen Augen auf das Meer hinaus; der warme Wind zauste seine Mähne, die ausgelassenen Stimmen der Puppen drangen vom Strand und vom Marktplatz her zu ihm hin. Er hörte einen spitzen Aufschrei, gleich darauf ein fröhliches Kreischen, das ihn grinsen ließ. Eine Gruppe Puppen jagte sich über die Hängebrücken und fegte an ihm vorbei. Tharo sah ihnen hinterher, stieß sich ab und folgte ihnen dann gemächlich.

Als er die Treppe hinabstieg, bemerkte er unten am Strand die charakteristische Gestalt eines Menschen – zu klein für einen Meta, zu groß für eine Puppe. Unvermittelt musste er an Kevin denken, seinen toten Gefährten. Tharo hielt inne und seufzte. Er vermisste ihn so sehr. Dann bemerkte er, dass der Mensch humpelte. 'Armes Ding!'

Er sprang die letzten Stufen hinab und ging ihm schnell entgegen. Der Mensch war tatsächlich nicht groß, kleiner sogar noch, als Kevin es gewesen war, und das schmale Gesicht war in dem Versuch angespannt, den Schmerz zu unterdrücken. "Hast du dich verletzt? Lass mal sehen."

Ray zuckte zusammen und fuhr herum. Dabei verlor er den Halt und trat zu fest auf. "Aahhtatatata..."

Ein Meta war im Schutz des Lärms von ihm unbemerkt näher gekommen. Im grellen Licht der Monde konnte Ray deutlich sehen, dass der andere schwarzhaarig und sehr groß war. Die Größe wurde durch die Umstände bei der Wandlung entschieden. Je gefährdeter der Gefährte war, desto größer wurde der Meta und desto schneller wuchs er auch. Die Meta gefielen Ray insgesamt, auch wenn er es ärgerlich fand, wie anhänglich und auf den Partner fixiert sie waren. Dieses Modell gefiel ihm gar noch etwas besser. Vermutlich lag es an der tiefen Stimme, sie berührte ihn auf eine angenehme Art. Und als der Meta sich noch etwas genähert hatte, erkannte er den Neuankömmling vom Mittag wieder, der den von der Zeichnung unpassenden Gefährten gehabt hatte.

"Schweig still, mein Herz, er ist verheiratet", flüsterte Ray sich zu und versuchte ein Lächeln, während er sich aufrichtete. "Ich bin vorhin in eine Muschel getreten", sagte er lauter. "Dumm von mir, ich bin ja oft genug davor gewarnt worden."

Tharo erwiderte das Lächeln überrascht. Er hatte Menschen schon immer gemocht, nicht erst seit Kevin; sie waren allesamt so niedlich in der Art. Aber dieser hier war ein ganz besonders hübscher. Die großen Augen gaben ihm ein wenig den liebenswerten Charme einer Puppe, und das Gesicht war Meta genug, um attraktiv zu sein. Tharo fühlte eine Art Beschützerinstinkt in sich aufwallen, den Wunsch, den kleinen Mann an sich zu ziehen, ihn zu drücken und seinen Schmerz für alle Zeit vergessen zu machen.

'Ich kann nicht jeden Menschen mitnehmen, über den stolpere', dachte er amüsiert. 'Heute bin ich aber auch in einer seltsamen Stimmung.'

"Lass mal sehen", forderte er den Mann auf und ging vor ihm in die Hocke. "Stütz dich ruhig an mir ab."

Unglücklich hob Ray seinen Fuß an, aber hielt sich lieber an dem Treppengeländer fest. Er wollte einem schönen Meta nicht näher sein, als er musste, wenn dieser doch eh gleich voller Freude zu seinem Gefährten zurückkehren würde. Dennoch war die Nähe angenehm, wärmend.

"Ich bin Ray, man nennt mich auch Sunray", stellte er sich vor und starrte auf die dunkle Zeichnung auf der Brust des anderen.

"Ich bin Tharo." Er drehte den Fuß vorsichtig weiter um, damit mehr Licht darauf fiel, und streifte den Sand ab. Die Muschel hatte einen Schnitt hinterlassen, nichts Ernstes, aber es blutete und sah schmerzhaft aus. "Na, das müssen wir schon versorgen. Nicht, dass es dich krank macht. Menschen sind so empfindlich."

Tharo stand auf und hob Ray kurzerhand auf den Arm. Es war der einfachste Weg; um ihn zu stützen, war der Mensch einfach zu klein.

Seufzend fügte Ray sich in sein Schicksal und schlang einen Arm um Tharos Hals. "Danke."

Es war ohnehin vergebens, einen Meta, der sich kümmern wollte, davon abzuhalten. Menschen, das hatte Ray gelernt, waren zu groß und ungeschickt geratene Puppen. Die Meta waren alle immer ganz erpicht darauf, ihn zu verwöhnen. Sie hatten ihn ja auch in diese schrecklichen Puppenklamotten gestopft. Ärmelloses Hemd und Shorts. Verärgert betrachtete er seine Beine, die über Tharos kräftigen Arm baumelten. Sie waren wenigstens haarlos, er hatte sie einmal dauerhaft enthaaren lassen, wie auch sein Gesicht. Das Rasieren nervte, und haarige Beine fand er ekelig.

Tharo trug ihn zum nächsten heilkundigen Fischer, nachdem er sich bei einigen Feiernden erkundigt hatte. Ray kannte das Metapaar noch nicht, aber wurde sofort auf den Küchentisch gesetzt und von zwei Meta und drei Puppen versorgt und umsorgt. Im warmen Licht einiger Kerzen betrachtete er seinen Retter, um sich von dem Brennen in der Wunde abzulenken. "Du bist heute angekommen, nicht wahr?"

"Stimmt." Tharo zog eine junge Puppe beiseite, um sie auf den Arm zu nehmen und einmal rasch zu knuddeln. Der Kleine wuselte in dem Bemühen, hilfreich zu sein, doch nur im Weg herum. "Ich bin auf dem Heimweg. Und du? Suchst du einen Gefährten?"

Ray zischte leise, als ein mit Kräutersud getränktes Tuch auf die Wunde gedrückt wurde. "Nein. Ich bin hier abgestürzt und weiß nicht, ob ich weg will oder nicht." Er half beim Verarzten, indem er seinen Finger auf die Schleife vom dicken Verband drückte und versicherte, dass er diesen bis zum nächsten Abend in Ruhe lassen würde.

"Ich lebe bei Zusa und Jaho", beantwortete er dann die Frage, ob er übernachten wollte. Dieses Haus beherbergte ohnehin bereits zu viele Puppen auf der Wanderschaft.

Tharo drückte die Puppe noch einmal, ehe er sie absetzte, dann zauste er Ray durch die sehr kurzen Haare und stellte fest, dass sie nicht zum Zausen geeignet waren.

"Ich bring dich zu ihnen", entschied er kurzerhand und hob den kleinen Mensch wieder hoch, nachdem er sich bei den Fischern bedankt hatte. "Nicht, dass du unterwegs über den Verband stolperst."

Ray erinnerte ihn ein wenig an Kevin; sein Schatz war immer so schrecklich unvorsichtig gewesen, nicht aus Freude an der Gefahr, sondern weil er nie die Gefahren gesehen hatte, selbst wenn man ihn warnte. Diese Blindheit hatte ihn schließlich an einer Klippe abstürzen lassen, von der aus er einfach nur die Aussicht hatte genießen wollen. Tharo drückte Ray enger an sich, als er die Hütte verließ.

Indigniert brachte Ray seine Frisur wieder in Ordnung. Als er spürte, wie Tharo erschauderte, meinte er rasch: "Ist nicht so schlimm, Tharo. Wirklich nur ein Kratzer. Nimm am Brunnen dort vorn die linke Brücke, dann ist es nicht mehr weit."

Tharo folgte den Richtungsangaben bis zu einer Hütte, deren im Mondlicht glitzernder Edelsteinschmuck Fische und anderes Meeresgetier darstellte. Es brannte Licht, und einige Puppen tollten durch die Zimmer, aber die Meta waren nicht daheim. Unsicher runzelte Tharo die Stirn, als er Ray vorsichtig zu Boden gleiten ließ. Die Puppen wären da, wenn es Ray nicht gut ginge, und die Wunde war wirklich nur klein, dennoch gefiel ihm der Gedanke nicht, den Menschen allein zu lassen.

"Du kommst zurecht?", fragte er besorgt.

Ray lachte auf. "Aber natürlich. Danke für deine Hilfe. Jetzt geh aber zu deinem Gefährten zurück. Die Puppen und ich werden noch einen Tee trinken, dann ist es schon nur noch halb so schlimm."

Das Lachen beruhigte Tharo auf eine nette Art. "Ich habe keinen Gefährten mehr", antwortete er und dachte gleichzeitig an Mare und daran, dass sie sich verbinden wollten. Er lächelte. "Du bist ein süßer Mensch. Ich hoffe, du findest deinen Gefährten bald." Zum Abschied drückte er Ray noch einmal, küsste ihn auf den Mund und verließ dann die Hütte.

Ray nickte. Als ihm der Satz klar wurde, sagte er mit Verspätung: "Keinen Gefährten mehr?" Er hatte immer geglaubt, dass die Meta gemeinsam starben. "Wie kann das sein?"

Ula stürmte durch die Tür herein und lenkte ihn gleich darauf ab. "Wir werden bald wandern, ich freue mich schon so so so so!" Vor Übermut machte er einen Handstand auf dem Tisch.

Ray brühte sich einen Tee auf und ließ sich seufzend auf der Küchenbank nieder, die für Meta gemacht war und daher viel zu hoch für ihn. Versonnen rührte er in seiner Teetasse, und während um ihn her das übliche fröhliche Chaos entbrannte, sah er das milde, besorgte Gesicht seines Retters wieder vor sich. Diese Stimme, sie hatte ihn so angenehm umgeben, dunkel und weich. Ray schloss lächelnd die Augen. Zum Träumen wurde man nie zu alt, nur aufwachen sollte man nicht vergessen.

© by Jainoh & Pandorah