Eine zweite Chance

3.

In den nächsten Tagen war Ray durch seinen heilenden Fuß nicht in der Lage, zu den Feiern zu gehen, aber die Abfahrt der nördlichen Fähre ließ er sich nicht entgehen. Mit einem nur noch dünnen Verband in seiner Sandale konnte er mit Zusas Hilfe zum Hafen humpeln.

Händler, Puppen und Meta auf der Wanderschaft und einige versprengte, abenteuerlustige Menschen bildeten ein buntes Gewusel. Gerade auf den tropischen Inseln waren mehr Menschen anzutreffen als weiter im Süden, wo es kälter und unwirtlich sein sollte. Die Route dieser Fähre führte zu einer Insel, auf der interessante Tropfsteinhöhlen zu sehen waren sowie zwei Dörfer. Ray hatte bereits beschlossen, dass er seine Gastgeber begleiten wollte, wenn sie nach der Feier zu Ulas Ehren, wenn der Kleine fünf wurde, losziehen wollten. Es hatten sich bereits Fischer gefunden, die sowohl das Haus bewohnen, als auch die beiden Boote verwenden wollten, bis Zusa und Jaho zurückkehren würden.

Ray lehnte sich an die Brüstung oberhalb vom Hafenbecken und schaute auf die Stege hinunter. Der obere Pfahlweg hatte den unglaublichen Vorteil, dass er überdacht war. Ausgezeichneter Schutz vor der gleißenden Sonne am Morgen und dem täglichen Regenguss am Nachmittag hatten gemeinsam mit der Nähe zum Hafen eine Vielzahl kleiner Händler und Tauschwilliger angelockt, so dass unter den Palmdächern immer viel los war. Es gab Getränke, Schatten und viel zu sehen. Vor allem hatte man einen direkten Blick auf den Hafen unten, auf alle, die abreisen wollten oder gerade eintrafen.

Zwei Fähren lagen an diesem Morgen noch im Hafen. Insgesamt drei Fähren verkehrten hier, die Insel bildete einen Knotenpunkt für eine Vielzahl kleiner Inseln in diesem Vulkanmeer. Das war für die Verhältnisse auf Caley offenbar schon eine recht gute Anbindung. Und das, obwohl Stürme zu manchen Zeiten den Fährverkehr für einige Tage lahm legten.

Eine Fähre hatte leuchtend rote Sonnensegel, die andere strahlend weiße. Raymond wollte Zusa gerade fragen, auf welcher sie fahren würden, als er auf dem Steg zum Schiff mit dem roten Segel Tharo gehen sah. Ihn zu sehen, erzeugte ein freudiges Prickeln in Ray. Die Sorte Prickeln, die er eigentlich nicht mehr fühlen wollte. Seine Beziehungen waren zuvor auch nur sexueller Natur gewesen und nicht gerade von Dauer. Die wenigen Male, die er sich auf längere Sachen eingelassen hatte, waren etwas bis hin zu sehr schlimm schief gegangen. Die letzte Beziehung hatte ihn gar seine Ersparnisse gekostet.

Um sich davon abzulenken, zeigte Ray hinunter und sagte Zusa: "Da geht Tharo. Der große Meta mit der schwarzen Mähne. Er hat mir geholfen, als ich diesen dummen Unfall hatte."

Zusa lachte freudig auf und brüllte hinunter: "Hey, Tharo! Gute Reise und vielen Dank, dass du dem Kleinen geholfen hast!"

Die kleine Menschengruppe auf der Fähre mit den weißen Segeln in Richtung Norden lachte auf, und Ray spürte, dass er rot wurde, obwohl er eigentlich keinen Grund haben sollte. Unglücklich winkte er ebenfalls hinunter.

Tharo drehte sich um, als er die Rufe hörte. Einer der Dorffischer grüßte fröhlich vom oberen Pfahlweg her; Zusa war sein Name, erinnerte sich Tharo. Neben ihm stand Ray. Der Mann wirkte klein und einsam und ließ in Tharo den Wunsch wach werden, dass seine Familie früher mit ihrer Puppe aufgebrochen wäre. Dann hätten sie gemeinsam reisen und er sich um ihn kümmern können.

Er hielt Mare kurz am Arm fest und deutete hoch zu dem Menschen. "Da ist der Kleine, von dem ich dir erzählt habe. Ich will nur rasch fragen, wie es ihm geht, dann komme ich nach." Er drückte Mare einen Kuss auf die Schläfe und gab ihm seine Tasche, dann schob er sich an ein paar Meta vorbei und sprang die Treppe zum oberen Pfahlweg empor.

"Hey Zusa!" Tharo winkte, knuddelte dann aber den regelrecht erschrocken schauenden Ray. Ihn anzufassen fühlte sich gut an. "Na, Kleiner? Wie geht 's? Die Fähre legt gleich ab. Was macht dein Fuß?" Im Sonnenlicht war der Mensch noch hübscher, und Tharo fiel auf, dass er zwei unterschiedliche Augen hatte, eines war grün, eines braun.

Ray machte sich frei, so höflich er konnte. Natürlich hatte ein alleinstehender und dazu noch wundervoller Meta bereits einen Gefährten gefunden. Und in dem Augenblick fiel ihm auch wieder ein, wie er sie am Tag der Ankunft zusammen gesehen hatte. Die Zeichnungen passten nicht, sie hatten ihr Zusammensein erwählt. Kannten Caley die dumme menschliche Liebe doch?

"Danke, der Fuß heilt rasch. Ich werde mit der Familie wandern können, wenn Ula soweit ist. Ula, komm doch mal!" Umständlich stellte Ray Ula vor und verwies auf den Gefährten unten am Steg.

Ula hatte weniger Hemmungen, er kletterte auf das Geländer und lachte. "So ein schöner Meta! So schön stark wie Tharo will ich auch werden und dann will ich so einen schönen Gefährten!"

Zusa hob ihn von der Brüstung herunter. "Lass uns dichter zu den Fähren gehen, Schatz. Nachher verpasst du die Abfahrt und kannst deinen Freunden nicht mehr winken. Ray bleibt hier oben, nicht wahr?"

Ray nickte und wandte sich Tharo wieder zu. "Eine gute Reise für dich und deinen Gefährten."

"Wir bleiben vielleicht zusammen, aber Mare ist nicht mein Gefährte", sagte Tharo freundlich, aber bestimmt und küsste Ray erneut. "Pass auf dich auf. Sei vorsichtig." Im Vorbeigehen wuschelte er Ula durch die Haare und grinste. "Und du wirst bestimmt so groß wie ich. Du wirst ein Gefährte, wie man ihn sich nur wünschen kann." Ula würde auf sich und auf seinen Schatz Acht geben können, da war sich Tharo sicher.

Er kehrte zu dem wartenden Mare zurück und fühlte sich gut, als dieser ihn mit einem Lächeln empfing. Sie würden bestimmt zusammen bleiben. Er nahm die Tasche entgegen, zog den anderen Meta an sich und ging Arm in Arm mit ihm zur Fähre, ohne sich noch einmal umzuschauen.



Wenn Ray von einer Erdkolonie oder seiner Wohnung in dem größten Raumhafen erdwärts aufgebrochen war, um ein paar Tage auf Schmuggeltour zu gehen oder für eine der Mafiaverbindungen Diamanten als Zahlungsmittel zu überprüfen, dann hatte er schrecklich viele Dinge mitgenommen. Man musste doch auf alles vorbereitet sein. Das Wetter konnte kippen, man konnte sich den Magen verderben oder eine heiße Verabredung haben und nette Klamotten brauchen.

All die vielen Sorgen um Verlaufen, Unfälle, Enttäuschungen oder Krankheiten gab es auf Caley nicht. Man kannte wildes Packen riesenhafter Taschen nicht und auch nicht die Sorge, ob man ausreichend passende Kleidung dabei hatte. Auf Caley bereitete sich eine Familie auf die unter Umständen fünfjährige Wanderung auch umfangreich vor, aber eher in dem Sinne der Abschiedsfeiern. Derer gab es einige im Haus der Fischer.

An Vorbereitungen für die Wanderung besorgten Zusa, Jaho und Ula sich schlicht die großen, buntbestickten Umhängetaschen, in denen sie Wechselhemden verstauten, sowie einige praktische Kleinigkeiten als Zahlungsmittel, in ihrem Fall Nähnadeln aus Fischgräten und Messerchen mit Muschelgriffen.

Ein großes scharfes Messer, mit dem alles geschnitten wurde von Brot über Obst bis hin zu Fleisch durfte nicht fehlen. Man sah keinen Meta ohne ein solches Messer. Einige wildere Puppen wie Ula trugen ebenfalls Messer bei sich, meist waren die Schneiden jedoch nicht sonderlich scharf und die Handgriffe eher niedlich verziert als praktisch geformt.

Entschlossen, wenigstens halbwegs als Meta durchzugehen, erstand Ray im Tausch gegen einen Großteil seiner mitgebrachten Kleidung am Tag vor der Abreise ein großes Messer mit geschnitztem Handgriff aus dem Scheitelbein der geflügelten Fische und eine große buntbestickte Tasche. Er passte sich seinen Gastgebern an, indem er lediglich seine Juweliersinstrumente, eine Lupenbrille im festen Etui und drei Zangen, sowie einen Laserlöter einsteckte, eine kleine Toilettentasche und nur einen Satz Wechselkleidung.

Darüber hinaus trugen alle Meta noch ein großes, fest gewebtes und in zwei Lagen gefüttertes Tuch bei sich, das sowohl als Sonnenschutz als auch als Schutz vor Wind auf den Fähren und als Bett auf den langen Fahrten diente. Ray erhielt sein Tuch von Nachbarn mit einer Weberei geschenkt. Es war hellbeige mit grünen eingewebten Blumen, was ihn wieder aufseufzend daran denken ließ, dass er als Puppe angesehen wurde.

Die Familie verabschiedete sich mit einer letzten Feier, und in einem Pulk aufgeregter Puppen und schwatzender Meta wanderte Ray am frühen Morgen verkatert zum Hafen, immer darauf bedacht, Jahos breite Schultern mit der schwer darüber fallenden schwarzen Mähne nicht aus den Augen zu verlieren.

Er war aufgeregt wie eine Puppe. Nicht so schrecklich nervös wie einige, nicht so wild entschlossen auf ein Abenteuer hoffend wie Ula, aber ein Kribbeln und Krabbeln in seinem Magen machte, dass er nicht einmal die wenigen Stunden vor der Abfahrt hatte schlafen können. Das Krabbeln schien sich nun am Morgen gar auf seiner Haut niedergelassen zu haben. Ungehalten kratzte er sich über die Brust und knöpfte sein Hemd weiter auf.

Seine erste Fahrt mit der Fähre war für Ray nicht sonderlich angenehm. Sie kamen wegen ungünstiger Winde schlechter als geplant voran und mussten auf See übernachten. Die Fähre ankerte im Schutz eines Riffs. Ray fand keinen Schlaf, weil es auf dem Deck zu laut war und weil diese gefütterte Decke zu warm und zu ungemütlich war für ihn.

Außerdem lagen um ihn her Metapärchen, die natürlich wenig Rücksicht auf seine Einsamkeit nahmen und sich verbanden. Es war kein wirklicher Sex, aber es sah verdammt danach aus und war verdammt noch einmal genau das, was ihm seit Monaten fehlte. Grummelig starrte er am anderen Morgen vom Bug aus mit seinem Becher Tee in den Händen auf die nächste Insel, die nach der nächtlichen Pause nun beständig näher kam.

Das Dorf an der Küste war in schwarze Steinklippen gehauen, überall funkelten auch hier Edelsteine als Rahmen für die ungleichmäßigen Fenster, als Zierde vor den Fensterläden, als Wegmarkierung. Der Hafen war reichlich bevölkert. Winkende Puppen, Handel treibende Meta und einige Handwerker, die ihren Dienst anboten, warteten bereits auf die Neuankömmlinge. Juweliere gab es nicht viele, und so verbrachte Ray die Tage in diesem Dorf damit, Schmuckstücke, schöne Kämmchen und Gürtelschnallen für die Puppen herzustellen und Essbesteck zu reparieren. Auf diese Art konnte er gut Tauschhandel betreiben.

Sie wurden sehr unkompliziert von einer Familie aufgenommen, und Ray musste das Bett mit zwei Puppen teilen. Zu seinem Glück waren die beiden meist unterwegs, so dass er bei der nächsten Fährfahrt sogar ausgeschlafen war. Sie fuhren noch zwei weitere Inseln an, und obwohl Ray sich auf diese Reise gefreut hatte, sank seine Laune stetig. Er war dankbar, als Jaho um eine Pause auf der nächsten größeren Insel bat, weil er mit Hilfe eines Schneiders neue Kleider für die nächsten Inseln herstellen wollte. Die Händler empfahlen, dass man sich für die Nächte wärmer kleidete, und so wollte auch Ray sich neu ausstaffieren.

Mit einigen Schmuckstücken als Tauschmaterial und Ula im Schlepp, der neue Schuhe brauchte, strebte er auf den Markt zu, der auf dieser Insel in einer großen Tropfsteinhöhle untergebracht war. Die vielen Nischen beherbergten kleine Werkstätten. Eine Unmenge interessanter Dinge gab es zu bestaunen, und Ray wurde nicht selten von Ula weiter gezerrt. Ein Hinweisschild ließ Ray schließlich aufseufzen. "Ula. Dort hinten ist das Bad. Ich brauche eines, dringend. Willst du mit mir kommen, oder willst du lieber einen Schuhmacher finden?"

Ula legte den Kopf schief und blinzelte mit seinen trügerisch ernsthaften grauen Augen. "Ich komme mit", entschied er dann. "Viele nackte Puppen sind immer besser als jeder neue Schuh."

Begeistert beschloss er auch gleich, dass Ray und er in einer warmen Quelle baden sollten, bevor sie sich einseifen und richtig säubern wollten. Seufzend zog Ray seine alten Sachen aus und gab sie samt seiner Decke zum Waschen, bevor er mit einem Handtuch und einem Schwamm bewaffnet zu der heißen Quelle ging. Ula war natürlich schon vorweg gerannt.


© by Jainoh & Pandorah