Eine zweite Chance

4.

Mare liebte die Insel mit den heißen Quellen, und Tharo merkte, dass es tatsächlich gut für sie beide war, dass sie einige Zeit nicht weiterreisten. Mare war noch immer erschöpft, als wäre er zu schnell und zu viel gewachsen, ohne genug zu essen.

Tharo hingegen war unausgeglichen und empfindlich. Jeder unbedachte Kommentar griff ihn an, Puppen in Wandlung zu sehen, irritierte ihn, und selbst in Mares Armen und verbunden mit ihm lauerte eine beständige Dunkelheit in seinen Gedanken, die der in den schrecklichen Wochen nach Kevins Tod glich. Erst hatte er gedacht, dass er sich nach seiner Heimat und seinem Vater sehnte, aber die letzte Fährfahrt, die ihn ja eigentlich näher an sein Ziel brachte, hatte ihn nur rastloser gemacht.

"Wir werden eine Weile hier bleiben", hatte Mare ihm am Vorabend des Tages, an dem das Fährschiff ablegen sollte, energisch verkündet und sein Kinn auf diese unnachahmlich sture Art vorgeschoben, von der Tharo gelernt hatte, dass es keinen Widerspruch gab. "Ich mache mir Sorgen um dich. Du brauchst Ruhe und musst dich entspannen. Und dafür ist das hier genau der richtige Ort." Das Paar, bei dem sie untergekommen waren, hatte gerne zugestimmt, sie noch länger zu beherbergen.

Mit einem Seufzen versenkte Tharo seinen großen Körper tiefer in das warme Wasser des Beckens und schloss genießerisch die Augen. Mare hatte Recht; es war herrlich und vertrieb die Anspannung, die ihn unbewusst beherrscht hatte. Das Wasser dämpfte die Laute um ihn her, das fröhliche Schwatzen der Puppen, das dröhnende Lachen eines Meta. Mare hatte versprochen, ihn später zu massieren, wenn sie sich in ihrem Zimmer wiedertrafen. Tharo freute sich darauf.

Eine bekannte Stimme holte ihn aus seinem weichen Treiben. Blinzelnd richtete er sich auf, schüttelte das Wasser aus Mähne und Ohren und sah sich um. Ein breites Grinsen überzog gleich darauf sein Gesicht, als er den Wildfang aus dem Pfahldorf erkannte, der mit einem wahren Kriegsschrei in ein volles Becken sprang. Geschickt landete er inmitten der Puppen, die erst quietschend auswichen, um sich dann auf ihn zu stürzen. Tharo lachte aus vollem Hals, so witzig erschien ihm der Anblick.

Als Ray um die Ecke bog, sah er, dass Ula sich bereits mit allen anwesenden Puppen bekannt gemacht hatte. Es waren nur wenige Meta da, aber einen erkannte er doch. Tharo. Sein Herz machte einen Satz und schlug schneller weiter, als das Lachen sich direkt in seinem Bauch niederließ. Ihm war danach, sofort zu dem Mann hinzugehen, um ihn zu umarmen. Der kräftige nackte Körper wirkte einladender als das Wasser, als alles, was er sich in diesem Moment vorstellen konnte. Um nicht aufdringlich zu sein, legte er sein Handtuch mit Bedacht in eine sichere Ecke und stieg in ein anderes, kleineres Becken, den Rücken zu Tharo gewandt.

Noch immer grinsend sah Tharo sich um, ob nicht Ulas Vater oder vielleicht gar der niedliche Mensch ebenfalls hier waren. Das Grinsen wurde zu einem freudigen Strahlen, als er Ray tatsächlich entdeckte. Abgewandt von ihm saß der kleine Mann nur wenige Schritte von ihm entfernt und hatte ihn offensichtlich gar nicht bemerkt. Kurzerhand stieg Tharo aus dem Wasser und ging zu Ray hinüber.

"Hey, Kleiner! Schön, dich wiederzusehen!", sagte er herzlich und kam ohne Umstände zu ihm in das Becken. Es war eng, aber das störte Tharo nicht, als er den Mann freudig in eine Umarmung zog.

Eben noch war Ray müde gewesen, erschöpft vielleicht sogar und hatte sich gefühlt, als hätte er sich einen Sonnenbrand zugezogen. Doch Tharo lenkte ihn wunderbar von all dem Ärger und den Unannehmlichkeiten der vergangenen Tage ab. Eben noch hatte er sich allein und in Ruhe waschen wollen, jetzt streckte er sich aus, genoss die Umarmung von Tharo und ließ sich alle Zeit, während sie Erfahrungen von den verschiedenen Inseln austauschten. Als Ula zu ihm kam, um von verschiedenen Feiern zu berichten, fühlte Ray sich sogar frisch genug, um zu zweien zuzusagen.

Ula aber machte einen großen Teil von Rays guter Laune gleich darauf wieder zunichte, indem er Tharo mit strahlenden Augen ansah und dann in die Hände klatschend fragte: "Bist du nicht der Meta mit dem schönen Gefährten? Wie geht es ihm denn? Reist ihr noch zusammen?"

"Ich reise mit Mare, dem hellen, kleinen Meta, wenn du den meinst." Gemütlich raffte Tharo Ray mit einem Arm enger an sich und streichelte ihm über die Seite, ehe er die Hand auf der Hüfte ruhen ließ und nur noch mit dem Daumen liebkoste. "Er ist ein bisschen erschöpft, deswegen sind wir noch hier. Aber wenn wir bei mir ankommen, geht es ihm bestimmt wieder besser."

"Ihr hattet menschliche Gefährten, nicht?" Besorgt blickte Ula Tharo ins Gesicht und ignorierte genau wie der Meta, dass Ray versuchte, sich aus der Umarmung zu lösen. "Deswegen könnt ihr allein weiterleben, nicht wahr? Ich mag die Menschen, sie sind schön und machen Spaß, aber ich mag doch lieber einen Caley als Schatz finden." Entschlossen stand er auf und folgte einigen Puppen, die ihn zu einem Spiel eingeladen hatten.

Nachdenklich stand Ray aus dem Wasser auf. "Ich muss noch einige Dinge tauschen", murmelte er undeutlich, während er zu seinem Handtuch ging. "Wir sehen uns bestimmt auf einer Feier, nicht?"

"Das will ich hoffen. Ich bin auf jeden Fall da." Tharo räkelte sich gemütlich; er war herrlich entspannt und fand den Anblick des nassen, nackten Menschen zudem auch sehr herrlich. Hoffnungsvoll begannen seine Gedanken, sich in eine ganz bestimmte Richtung zu drehen. Vielleicht hatte Ray am Abend Lust darauf, sich mit ihm zu verbinden. Er drehte sich auf den Bauch, stützte sich mit den Unterarmen am Beckenrand ab und sah zu Ray hoch. "Versprich mir, dass du kommst."

Überrascht nickte Ray und meinte leichthin: "Bis heute Abend, dann lerne ich den hübschen Mare endlich auch einmal kennen." Rasch schlang er sich das Handtuch um und lief hinter Ula her. "Warte, Ula! Lauf nicht zu weit weg! Ich weiß nicht mehr, wo wir untergekommen sind!"

Der Nachmittag und Abend verliefen unter den üblichen Erledigungen nach Eintreffen auf einer neuen Insel recht ruhig. Ray tauschte die gewünschten neuen Kleidungsstücke, er half als Gegenleistung bei einem Schmuckhändler aus. Für Zusa und Jaho erstand er auch gleich noch wärmere Hemden und für Ula ein wenig Honig.

Nach dem Abendessen bei dem Schmuckhändler fand Ray seine kleine Caleyfamilie nach einigem Herumfragen wieder. Natürlich hatte Ulas Wildheit sich bereits herumgesprochen, nachdem der Kleine sich beim Tauchen in der Bucht nicht mit Muscheln, sondern einem ausgewachsenem Schnapperfisch auf dem Steg hatte blicken lassen.

Zu seinem Schrecken stellte Ray fest, dass er in diesem Dorf mit zwei Puppen das Lager teilen sollte, die noch nicht auf der Suche waren und weniger auf Feiern aus. Er hoffte daraufhin, dass er auf der Feier vielleicht per Zufall noch ein weniger belegtes Schlaflager finden würde, aber machte sich keine zu großen Hoffnungen. Ausgerechnet hier ballten sich wegen des schlechten Wetters mit rauer See in Richtung Süden gerade sehr viele wandernde Familien.

Ray war zu zwei Feiern eingeladen, aber wählte eine aus, bei der mehr Meta vertreten waren, um Tharo wiedersehen zu können. Den Tag über hatte er sich gut gefühlt, aber zugleich mehr und mehr nach den breiten Schultern und der weichen, tiefen Stimme zu sehnen begonnen. Tharo hatte ihn so merkwürdig angesehen, ob er nicht mehr mit dem zarten Meta zusammen war? Vielleicht waren sie von Anfang an nur zusammen gewandert? Waren Caley über ihre Gefährten hinaus vielleicht nicht so treu, wie er es immer beobachtet hatte?

Ray verwarf die Grübelei und machte sich in seinen neuen Sachen, dieses Mal Metakleider, auf den Weg zu der Marktstraße, wo die Feier stattfinden würde. Fröhliche Puppen und müßige Meta säumten den Weg. Hier und dort grüßte man ihn, einige Puppen kannten ihn gar als Sunray und drückten ihm Küsse auf, weil er ihnen Schmuckstücke hergestellt hatte. So kam er nicht mal allein zu dem kleinen Platz, auf dem bereits Musik spielte und berauschende Getränke ausgeschenkt wurden.

 

Tharo hatte schon Ausschau nach dem kleinen Mann gehalten und freute sich, als er ihn endlich inmitten von Puppen ankommen sah.

"Hey Ray, hier sind wir!" Er richtete sich zu seiner vollen Größe auf und winkte von der anderen Seite des Feuers her. Ray winkte zurückhaltend zurück, aber kam direkt zu ihm und Mare hin. Tharo konnte nicht anders, als den Mann direkt an sich zu drücken und ihn zur Begrüßung zu küssen. "Schön, dass du da bist! Und gut schaust du aus. Keine Puppenkleider heute. Mare, das ist Ray. Ray, mein Freund Mare."

Auch Mare umarmte Ray. "Tharo hat viel von dir erzählt. Ich freue mich, dich endlich einmal kennenzulernen", sagte er fröhlich und reichte ihm gleich einen Becher mit Dattelwein.

Mare war aus der Nähe betrachtet noch viel hübscher als in Rays Erinnerung. Sanfte, rosafarbene Augen strahlten aus dem gebräunten Gesicht. Die helle Mähne umrahmte ihn wie ein Strahlenkranz, und der Körper war nicht zu verachten. Die Zeichnung auf dem Bauch war ebenfalls fast silbrig und passend zierlich geraten.

Als Mare sich mit dem Weinschlauch den Gastgebern und anderen zuwandte, seufzte Ray leise. "Er ist wirklich wunderschön. Was ist denn mit seinem Gefährten passiert? War er krank?"

Tharos Arm fühlte sich sicher an und warm, ohne zu heiß zu sein. Der leichte Atem, der Ray über das Gesicht streifte, als Tharo sich dichter zu ihm beugte, um leise reden zu können, entfachte ein regelrechtes Feuer in seiner Brust. Sein Herz hüpfte aufgeregt, und Ray seufzte zutiefst verärgert, weil er sich doch fest vorgenommen hatte, niemals mehr verliebt zu sein. Lust und Liebe, beschloss er gleich darauf, waren zweierlei Dinge.

"Er hatte eine schlimme Anpassungsstörung und ist mit der Raumfähre weggefahren. Mare ist ihm natürlich sofort gefolgt, aber es hat zu lange gedauert. Sein Gefährte hat die Trennung nicht überlebt." Es machte Tharo traurig, darüber nachzudenken. "Mare musste sogar die Larve allein großziehen. Es ist kein Wunder, dass er so erschöpft ist. Aber es geht ihm schon besser." Rasch küsste er Ray auf die Schläfe, was ihn gleich wieder fröhlich werden ließ. "Und was ist mit dir? Hast du dich schon entschieden, ob du hier bleiben willst? Magst du die Inseln?"

"Ich weiß noch nicht so recht. Erst einmal werde ich hier gebraucht und komme durch. Bislang ist es mir aber zu warm hier. Anpassungsstörung? Nicht überlebt? Das muss schlimm gewesen sein." Ray nahm einen Schluck aus dem Lederbecher, der gerade herumgereicht wurde. "Da bin ich ja froh, dass es Mare nun wieder ganz gut geht. Wart ihr zusammen auf der Wanderung eurer Puppen? Haben sie ihre Gefährten gefunden?" Ray ließ sich am Rand eines Brunnens nieder und zog die Beine an, damit niemand darüber stolperte.

"Wir haben uns unterwegs getroffen, haben verschiedene Fähren genommen, sind uns wieder begegnet, und irgendwann einfach zusammen weiter gereist. Unseren Puppen geht es gut, sie haben beide ihre Gefährten gefunden und beide als zweite gewandelt. Das hätte ich bei meinem Kleinen nicht gedacht." Tharo lachte leise, und für die nächste Zeit war er damit beschäftigt, von der Reise und seiner Heimatinsel zu erzählen. Als er nach einer Weile Hunger bekam, beugte er sich vor und küsste Ray auf einen Mundwinkel. "Warte, bin gleich wieder da."

Bei einem der langen Tische, die man für das Fest nach draußen getragen hatte, belud er zwei Teller mit gebratenem Fisch, Fruchtsalaten, gesottenen Wurzeln und anderen Leckereien und kehrte damit samt einem großen Bechern Feigensaft zu Ray zurück. Er stellte seine Last ab, setzte sich zu ihm und zog ihn dann gleich an sich, so dass der kleine Mann mit dem Rücken an ihn gelehnt zwischen seinen Beinen saß.

"Hm, besser so", brummte er und schmuste für einen Moment das Gesicht an seinen Nacken. "Du fühlst dich so gut an, dass ich dich immerzu berühren will. Ich hoffe, du hast Hunger."

Ray lächelte, während er ein Erschaudern versteckte. Tharo fühlte sich so gut an. Die anderen Meta, die ihn so in den Arm genommen, geküsst oder umsorgt hatten, hatten sich warm angefühlt, freundlich, lieb. Tharo fühlte sich heiß an, nach Begehren und nach mehr. Unsicher blickte Ray zu ihm hoch, als er sich mit etwas Undefinierbarem füttern ließ.

"Ich muss bald zurück zu meinem Lager und sehen, wie viel davon übrig ist", teste er mutig an. "Ich bin mit zwei Puppen untergebracht, bei meinem Glück sind es sicherlich schon fünf geworden."

Tharo sah ihm in die Augen und lächelte. Sacht strich er ihm mit den Fingerkuppen über die Wange, dann über die Lippen und küsste ihn, so weich er konnte.

"Du könntest mit zu mir kommen", sagte er mit bewusst tiefer Stimme.

Ray hob die Augenbrauen und blickte ein wenig besorgt über den Platz mit den tanzenden Paaren. Das war doch schon wieder zu sehr, was er wollte. Verlieben in einen Caley stand aber nicht auf dem Plan. Rasch bemühte er sich, sein Zaudern zu kaschieren.

"Wenn ich nicht wüsste, dass Caley nie flirten, würde ich behaupten, du tust es gerade." Er stand auf und klopfte seinen Hosenboden sauber. "Ich komme mit", verkündete er dann entschlossen und grinste ein wenig. "Da drüben ist Ula. Ich will ihn nur schnell verpflichten, mir am Nachmittag den Weg zu unseren Gastgebern zurück zu zeigen."

Ula murrte ein wenig, aber versprach, dass er Jaho oder Zusa sagen wollte, wohin ihre adoptierte menschliche Puppe sich verlaufen hatte. Als Tharo dazu trat, um den Weg anzusagen, klatschte er jedoch in die Hände. "Da mache ich das doch selber, dann kann ich deinen schönen Mare noch einmal ansehen und vielleicht küssen. Ich muss ihn unbedingt einmal küssen!"

Ray seufzte und sah theatralisch zu Tharo hoch. "Natürlich tut er das nicht für mich, der Racker. Jetzt musst du mich auf jeden Fall trösten."

Mit einem breiten Grinsen legte Tharo einen Arm um Rays Schultern. "So lange und innig du willst, mein Kleiner."

Er war froh, dass er durch Kevin wusste, was Menschen im Bett gut gefiel. Einige Dinge waren ja doch eher ungewöhnlich, und Tharo wollte den hübschen Mann sehr gerne glücklich machen. Jeder Moment, den er mit ihm verbrachte, ließ ihn sich wohler und entspannter fühlen, und er wollte das mit ihm teilen. Wenn er ehrlich zu sich war, wünschte er es sich sogar in genau diesem Augenblick so sehr, dass er keine Lust mehr auf die Feier hatte.

Ray noch dichter an sich raffend sagte er zu Ula: "Ich bin mir sicher, dass sich Mare freuen wird. Von einer Puppe wie dir geküsst zu werden, macht ihn auf jeden Fall glücklich." Dann wurde sein Grinsen breiter. "Aber jetzt muss ich einmal an jemand anderen als Mare denken." Ungeduldig zog er Ray mit sich durch die Feiernden.


© by Jainoh & Pandorah