Eine zweite Chance

5.

Innig, das hatte Tharo gesagt, und das war bei den Caley die Umschreibung für Sex. Sie waren innig zusammen, das verhieß Ray schon einmal etwas Nettes. Allerdings musste er nun noch vorsichtig in Erfahrung bringen, was Tharo zuvor in Sachen Mensch in Erfahrung hatte bringen können.

Zögerlich begann er: "Du hattest deinen Gefährten länger als Mare, oder?" Er schüttelte kurz den Kopf und fügte hastig an: "Ich will das nicht wieder in Erinnerung bringen, wenn es schmerzlich ist. Nur... ich... ich habe nur schon Caley getroffen, die nicht wussten, wie man mit Menschen zusammen ist."

Und das war nicht sonderlich angenehm gewesen. Es war kein Meta gewesen, aber auch die Puppen hatten ein ganz offensichtlich verschiedenes Verständnis vom Zusammensein als Menschen. Ihnen reichte es tatsächlich, regungslos zusammen zu liegen. Das hatte Ray verwirrt und unbefriedigt zurückgelassen.

Der Lärm der verschiedenen Feiern drang nur noch gedämpft zu ihnen, als sie Hand in Hand über einen mit dunklem Vulkanstein gepflasterten Weg gingen, in den hier und dort geschliffene Kristalle eingefügt worden waren. Im Licht der Monde wirkte es, als hätten sie den Himmel nicht nur über sich, sondern auch zu ihren Füßen. Tharo blieb stehen und zog Ray leicht herum, so dass sie voreinander standen. Mit dem Zeigefinger seiner freien Hand hob er Rays Kinn an und sah ihm weich lächelnd in die Augen.

"Ich habe mit meinem Gefährten unsere Puppe großgezogen, und wir sind ein Stück miteinander gewandert. Nach ein wenig Anlaufschwierigkeiten habe ich ihn jedes Mal glücklich gemacht. Du musst keine Sorge haben. Ich will dich auch glücklich machen." Versonnen betrachtete er das schmale Gesicht und ertappte sich nur einen Augenblick später dabei, wie er es mit zarten kleinen Küssen zu bedecken begann.

Wenn er es nicht besser gewusst hätte, dann hätte Ray seinen letzten Lohn darauf verwettet, dass der Caley in ihn verschossen war. Die Küsse und die Erinnerung daran, dass sein letzter Lohn in einem Rauswurf mit der Rettungskapsel bestanden hatte, verwischten seine Sorge wegen der Verliebtheit. Er schmiegte sich enger an Tharos Brust und genoss das Spiel. Mit den Fingern begann er, die Zeichnung zu ertasten.

Tharo gab ein zufriedenes Brummen von sich, ehe er sich ganz diesen süßen Zärtlichkeiten hingab. Erst, als er dabei war, seine Hände in Rays Hose gleiten zu lassen, was den Mann zum Erschauern brachte, merkte er, dass sie noch immer auf dem Weg standen. Alles, was er brauchte, um Ray ein unvergessliches Erlebnis zu bereiten, war in keiner Weise griffbereit. Er zögerte nur minimal, ehe er seinen Schatz auf den Arm hob, so dass er ihn auf dem Weg ins Haus immer wieder drücken und küssen konnte. Ihn loszulassen war ihm einfach nicht mehr möglich. Nur wenig später setzte er Ray sacht auf der Kante seines Bettes ab und kniete vor ihm hin, so dass sie fast auf gleicher Höhe waren.

"Du bist so schön, Kleiner", sagte er mit einem tiefen Seufzen. Endlich streifte er ihm die Weste von den Schultern, warf seine eigene gleich daneben und barg das Gesicht an Rays Brust. Sanft nippte er mit den Lippen über die glatte Haut, kostete hier und da mit der Zungenspitze und genoss es, ihn so dicht bei sich zu haben.

Ray war noch immer etwas schockiert davon, dass Tharo ihn einfach getragen hatte. Er hätte es beim ersten Mal in verletztem Zustand nicht zulassen dürfen. Er war außerdem keine siebzehn mehr, aber dennoch hatte das Erlebnis seine Selbstsicherheit ein Stück mehr erschüttert.

"Tharo, ich bin ein Mensch und schon vierzig. Ich bin sicherlich nicht schön. Außerdem, nur für den Fall, dass wir noch einmal ausgehen, will ich gern selber laufen, wenn ich nicht verletzt bin." Ray versuchte, seine Würde zu wahren, obwohl er bereits von einer Gänsehaut überzogen auf das Lager zurück kroch, um Tharo mehr Raum zu geben. Sein Hemd hatte er eingebüßt, und die Shorts folgte dem schon sehr bald, ohne dass sie aufhörten, einander zu küssen.

Ray fühlte sich trotz der Sorgen schon bald besser als jemals zuvor. Überhaupt war Tharo unerhört gut. Gut im Küssen; er erwischte sehr zielstrebig die richtigen Stellen mit der Zunge, um Ray aufstöhnen zu lassen. Er war gut im Streicheln, im Umfassen, im Drücken und im Ausziehen. Ray hatte bislang noch keinen so perfekten Liebhaber gehabt, und das Gefühl, das ihm die dunkle Stimme überjagte, gepaart mit dem Gefühl, das die großen Hände mehr und mehr verursachten, brachte Ray endlich dazu, aufstöhnend zu rufen: "Meine Güte, werd' nicht noch besser, sonst bin ich verloren!"

Hätte er gewusst, dass das erst der Anfang war, er hätte vielleicht aus Angst die Flucht ergriffen.

Tharo hatte seit Kevins Tod kein inniges Zusammensein mehr so sehr genossen wie das mit Ray. Er liebte, wie Rays Körper im gedämpften Licht der von Tüchern verhüllten Lampen schimmerte, liebte die Laute, die der Mann von sich gab, liebte es, wie er sich unter seinen Liebkosungen wand, wie er nach ihm griff. Er liebte den Geschmack von Rays feuchter Haut, wie er erschauderte, wenn Tharo eine besonders empfindliche Stelle fand und liebte es ganz besonders, als er sich endlich mit ihm verband. Es war eine herrliche Erfüllung, und er zog sich auch nicht zurück, nachdem Ray in seinen Armen gekommen war.

Ekstase, das war es. Und das ganz ohne Zuhilfenahme von teuren Drogen. Und faszinierend war zudem, dass Tharo es ebenfalls gefühlt hatte. Ray bemerkte, als er von der Höhe der Gefühle wieder herunterkam, dass nicht nur er ihr Zusammensein derart genossen hatte. Auch Tharos Gesicht war von dem Glühen erfüllt.

Wenig darauf erhielt Ray nicht nur eine neue Erinnerung für die Worte 'richtig guter Sex', sondern auch für die Worte 'einfach unglaubliche Nacht'. Kuscheln nach dem Sex auf Caleyart war phänomenal gut für ein weiteres und noch ein weiteres Aufflammen des Begehrens.

 

Als Ula am nächsten Mittag wie versprochen in die Schlafkammer platzte, war Ray erschöpft und brauchte sehr dringend eine Dusche, aber so glücklich und zufrieden war er sicher auch noch nie zuvor in seinem Leben gewesen.

Tharo konnte sich nicht dazu überwinden, ihn schon allein zu lassen, deswegen kam er mit ihm ins Bad. Dadurch dauerte das Duschen zwar recht lang, aber er fühlte sich so ausgeglichen und entspannt wie schon seit Ewigkeiten nicht mehr, als sie schließlich sauber und angezogen waren. Er verabschiedete Ray mit einem langen Kuss, ehe er ihn Ulas Obhut überließ. Das Gefühl, dass er es lieber gehabt hätte, wenn der Mensch mit ihm weiter gereist wäre, überraschte ihn. Es war ein latentes Sorgen, ob es ihm gut gehen würde, ob Zusa und Jaho richtig auf ihn acht geben würden; nicht, dass ihm etwas geschah! Menschen waren so empfindlich und zerbrechlich.

"Er ist nicht Kevin", sagte er laut und grinste über seine eigenen verdrehten Gedanken. Aber Ray war ein Mensch, und es hatte ihm sehr gut getan, sich mit ihm zu verbinden. Vielleicht gab es tatsächlich einen Unterschied, weil sein Gefährte menschlich gewesen war. Er schnalzte mit der Zunge ob dieser Idee, dann machte er sich auf, um Mare zu suchen. Mare sollte das unbedingt auch einmal probieren.

Er fand ihn am Strand, nachdem er sich durch den halben Ort gefragt und begonnen hatte, sich Sorgen zu machen. Mare sah schön aus, wie eine Lichtgestalt mit seinem hellen Haar und der hellen Haut vor dem schwarzen Vulkangestein, aus dem auch der Sand bestand. Schön und traurig. Er sollte nicht so allein sein! Das war nicht gut für ihn.

"Mare!" Energisch schritt Tharo zu ihm hin.

Überrascht sah Mare auf und lächelte unbewusst bei Tharos Anblick. Die Ruhe hatte seinem Freund gut getan und die Nacht mit dem kleinen Mann offensichtlich auch. Das war der Tharo, den er kennengelernt hatte, groß, kraftvoll und voller Energie, den nichts so leicht aus der Ruhe bringen konnte.

Mare wünschte sich, ein bisschen so wie er sein zu können. Tharo würde auch ohne Puppe und Gefährten ein ausgefülltes Leben haben, dessen war er sich sicher. Aber seit Mares Puppe mit dem Gefährten in Richtung seiner neuen Heimat gezogen war, fühlte Mare sich leer. Dieses einsame Gefühl war in ihm, seit er Jon verloren hatte, und noch immer machte er sich bittere Vorwürfe, dass er das Ausmaß von Jons Anpassungsstörung nicht erkannt hatte.

Es war von Anfang an nicht einfach gewesen. Nachdem Mare Jon auf einer Raumstation als seinen Gefährten erkannt und sie eine herrliche Nacht miteinander verbracht hatten, war es beständig schlimmer geworden. Jon wollte nichts mit ihm zu tun haben, wollte nicht glauben, dass es schmerzte, wenn sie getrennt waren, glaubte nicht daran, dass eine Larve in Mare zu wachsen begonnen hatte. Er war wütend, regelrecht cholerisch, und mehrere Male hatte er Mare sogar geschlagen. Doch Mare liebte ihn, und er war sich sicher, es wäre alles gut geworden, wenn sie nur diese schwierige erste Zeit hinter sich gebracht hätten. Als Jon jedoch schließlich sogar weit von ihm weg in ein anderes System hatte reisen wollen, statt sich zu beruhigen und freiwillig mitzukommen, hatte Mare sich dafür entschieden, ihn mit Hilfe von Schlafmittel nach Hause zu bringen.

Jon war ausgerastet, als er auf Caley zu sich gekommen war. Er hatte so sehr getobt, dass zwei andere Meta Mare zu Hilfe gekommen waren, um ihn zu beruhigen. Mare wusste noch heute nicht, wie es Jon gelungen war, sich sofort wieder in die Raumfähre einzuschiffen, aber plötzlich war er weg gewesen. Und als die nächste Fähre kam und Mare ihm außer sich vor Sorge folgen konnte, war es zu spät gewesen. Jon war an Einsamkeit gestorben.

Mare schauderte, als Tharos dunkle Stimme ihn in die Gegenwart zurückholte. Er ergriff die auffordernd ausgestreckte Hand und ließ sich hochziehen, direkt in Tharos Arme.

"Du sollst nicht immer so grübeln", schalt Tharo und küsste ihn herzhaft. "Und du solltest dich mal mit einem Mensch verbinden, nicht immer nur mit mir. Menschen machen, dass man sich gut fühlt."

Mare erwiderte die Umarmung und kuschelte sich mit einem Lächeln an ihn. "Du machst auch, dass ich mich gut fühle. Sorg' dich nicht immer so viel um mich. Ich bin keine Puppe mehr."

Tharo brummte nur und zog ihn mit sich mit.


© by Jainoh & Pandorah