Eine zweite Chance

6.

Während Mare stiller wurde, blühte Tharo geradezu auf. Solange Mare ihn kannte, hatte Tharo nie vor dem Verlöschen gestanden, aber jetzt war er weiter davon entfernt denn je. Er lachte viel, feierte ausgelassen, und manchmal dachte Mare, dass seine Zeichnung kräftiger geworden war; die kupferfarbenen Linien auf seiner Brust wirkte mit einem Mal eher blutrot. Ganz deutlich hing es mit dem kleinen Mann namens Ray zusammen. Bei den Blicken, die Tharo ihm zuwarf, hätte man beinahe auf den Gedanken kommen können, dass sie Gefährten waren; Tharo war wachsam, aufmerksam und immer darauf bedacht, dass es dem Mensch gut ging.

An dem Tag, an dem Zusa, Jaho und Ula natürlich mitsamt Ray aufbrachen, um zur nächsten Insel zu reisen, war Tharo so grummelig und missmutig, dass Mare ihm vorschlug, dass sie die gleiche Fähre nehmen könnten. Auf frühere Nachfragen hatte Tharo schlichtweg abgestritten, dass er mit Ray zusammen sein wollte; immerhin hatte er einen Gefährten gehabt, und es gab keinen anderen für ihn. Deswegen erklärte Mare hinterhältig, dass er die Steppen der nächsten Insel gerne noch einmal sehen wollte, ehe sie weiterreisten.

Es war ein Umweg und würde Zeit brauchen, wenn sie diese und nicht die am Folgetag fahrende Fähre nehmen würden. Doch Tharo zögerte keinen Atemzug, ihm zuzustimmen, und Mare bekam ein schlechtes Gewissen, weil er wusste, dass die Entscheidung aus Sorge geschah. Der Gedanke hielt sich während der kurzen Überfahrt, die zu einem großen Teil von Weißfleckentümmlern begleitet wurde, und blieb die folgenden Tage, die sie in dem Dorf verbrachten, das sich mit niedrigen weitläufigen Häusern in ein flaches Tal schmiegte.

Mares Selbstvorwürfe verflogen erst, als sie auf kräftigen Reitochsen zum nächsten Ort aufbrachen, einem ausgetretenen Pfad folgend, den es schon seit Ewigkeiten gab. Die Insel war riesig, eine der größeren des gesamten Planeten, und die weiten Steppen machten, dass Mare sich fühlte, als könnte er leichter atmen. Der Himmel erstreckte sich in einem unglaublich klaren Blau über der gelben Graslandschaft, nahe des Horizonts wanderte eine Viehherde gemächlich über die Hügel, und weit über ihnen kreiste ein Raubvogelpaar. Die Luft hatte die Schwüle der tropischen Inseln verloren und war rein, aber angenehm warm. Zufrieden lächelte Mare in sich hinein und war dankbar, hier zu sein.

Einen Fluch unterdrückend schlug Ray den sicherlich millionsten Feuerkäfer fort. Sie waren hübsch, leuchteten und umtanzten die Wandergruppe. Sie taten nichts Böses, verbreiteten ihren Schimmer wie kleine Feen, aber sie nervten ihn, verdammt noch einmal.

Wütend starrte er voran. Das Reiten nervte ihn, verdammt noch einmal, genauso. Das merkwürdige Trockenfleisch, das er vor zwei Tagen noch würzig gefunden hatte, nervte und der verdammte Juckreiz auf seiner Brust nahm wieder zu. An der einen Achsel hatte er sich in der Nacht eine Stelle aufgekratzt, die brannte nun, weil er etwas schwitzte.

Ula nervte ihn auch. Munter plappernd kommentierte die wilde Puppe alles und jeden in der Umgebung, machte Handstand auf dem breiten Kopf des Büffels, auf dem er eigentlich brav reiten sollte, und versuchte auch sonst, die Aufmerksamkeit von Mare zu erheischen, den er bislang noch aus der Ferne und vermutlich eher aus Spaß anhimmelte. Das nervte Ray, weil ihn beim Anblick von Mares heller Haut die Eifersucht sehr biss. Auf dieser hellen, schönen Haut sah man die dunklen Finger von Tharo streicheln, und damit begann sein Ärger eigentlich so richtig.

Als er genug vom Ärgern und nach den Feuerkäfern schlagen hatte, schloss er brummend die Augen und hielt sich schlicht an Ula fest, wenn dieser einmal vor ihm saß. Ganz der Wildfang, der Ula nun einmal war, hatte er natürlich schon nach dem ersten Abschnitt des Ritts die Zügel übernommen und Ray auf den hinteren Sitz im Doppelsattel verbannt.

Ulas Begeisterung für das Wandern stieg mit jedem Tag. Gerade die wilden Herden auf der Steppe hatten es ihm angetan. Nicht selten folgte er bei ihren Pausen mit einigen Farmern auf kleinen Ponies einer solchen Herde auf die Steppe hinaus, wo sie im Galopp die Leittiere einfingen. Er hatte Jaho und Zusa bereits vor dem Aufbruch sehr ernsthaft erzählt, dass er wirklich hoffte, seinen Gefährten erst in der aufregenden Ferne zu finden.

Allerdings meinte er nach einer Nacht mit Ray, dass er keinen Menschen finden wollte. "Du bist mir zu klein, auch wenn du süß bist."

Die ersten Dörfer waren noch fast wie sein eigenes gewesen. Schwarzes Vulkangestein, Edelsteine, Pfähle unter Wegen und Häusern. Doch auf dieser Insel endlich stießen sie auf das ersehnte Neue. Die Steppe mit den wogenden Gräsern und den bizarr geformten wenigen Bäumen bot einen Lebensraum für derart viele neue Tiere, dass Ula am Abend schon nicht mehr wusste, welche er gesehen hatte. Außerdem konnten sie reiten. Das war herrlich! Schnell waren die zähen Ochsen mit den klobigen Doppelsätteln nicht gerade, aber man hatte Übersicht, und die kleinen Raubkatzen in der Steppe hatten Angst vor ihnen. Ein wenig bedauerte Ula das, gern hätte er eine dieser Raubkatzen einmal aus der Nähe gesehen, aber Jaho und Zusa verhinderten jeden Versuch einer Schleichjagd.

Und in ihrer momentanen Wandergruppe war Mare. Ula liebte es, den einsamen Meta anzusehen, ihm Scherze zuzurufen, um ein seltenes Lächeln in das schöne Gesicht zu zaubern, und er liebte es, Mares Zeichnung auf dem Bauch zu betrachten. Silbern war sie, so hell war der Meta. Fast kreisrund umgab sie seine Mitte und sah wunderschön und perfekt aus an ihm.

Ula machte eine Show daraus, dass er stets die hellblonden Puppen zuerst umarmte und ihnen Mare zeigte und meinte, dass er sich so einen Gefährten erhoffte. Mare selbst wagte er nicht zu umarmen oder zu küssen, obgleich er es sich vorgenommen hatte. Er wagte es nicht, weil er Mare nicht stören wollte. Die Einsamkeit und das ausgeprägte Ruhebedürfnis des Meta waren das einzige, das Ula in der Zeit der Wanderung gut im Zaum halten konnte. Wenn Mare schlief, schlich Ula bedächtig auf Zehenspitzen umher. Wenn er eine Rast brauchte, verlangte Ula resolut, dass sie sofort anhalten sollten.

Er war erbost, dass einer Bitte um baldige Rast am zweiten Tag auf der Steppe nicht nachgegeben wurde, weil einer der andere Meta meinte, dass sie bald an eine Furt gelangen würden, an der eine Feuerstelle und ein Unterstand mit einer Wand zur Windseite eingerichtet war. Der Wind war gerade in der Nacht empfindlich kalt. Erst in der Nacht zuvor, der ersten Nacht unter freiem Himmel für die Gruppe, hatte Ula schrecklich gefroren und war fast in Ray hineingekrochen, weil er nur seine Decke hatte. Den Umhang hatte er dem schlafenden Mare bereits umgelegt, weil dieser sich so zusammengekauert hatte.

Zum Glück aller in der Gruppe kamen sie schon bald an den Rastplatz. Man beschloss, eine lange Pause zu machen und am anderen Mittag nach einem Bad im Fluss unter warmer Mittagssonne erst weiter zu ziehen.

Mare war erleichtert, als Tharo ihren Reitochsen anhalten ließ und aus dem Sattel sprang. Noch bevor er selbst absteigen konnte, war Tharo bereits an seiner Seite und half ihm. Mare schämte sich deswegen, aber sagte nichts. Er fühlte sich kalt und still, und nicht einmal Tharos beständige Fürsorge und Nähe konnte etwas daran ändern. Während er mühsam half, das Lager aufzuschlagen, begann sich der Gedanke in Mare festzusetzen, dass es an der Zeit war zu gehen. Die Müdigkeit in ihm wurde größer, und die Vorstellung, sich aufzulösen, hatte etwas Verlockendes. Er hatte ein schönes Leben gehabt, hatte seinen Gefährten gefunden und eine wundervolle Puppe großgezogen, die nun ihrerseits bei dem Gefährten war.

Als er Blicke auf sich spürte, hielt er darin inne, Wurzeln für die Suppe zu schneiden, und hob den Kopf. Die schrägen Sturmaugen von Ula beobachteten ihn, wie sie ihn so oft die letzten Tage beobachtet hatten. Mare spürte ein wenig Wärme in sich zurückkehren und musste lächeln. Puppen bewirkten einfach immer, dass man sich besser fühlte, und Zusas ungebändigter Sohn hatte sich erstaunlich rücksichtsvoll um ihn bemüht. Er würde einmal ein herrlicher Meta sein, ein Gefährte, wie Mare ihn sich vor Jon erträumt hatte. Ula lächelte ebenfalls und zeigte dabei seine niedlichen Grübchen.

Einen Moment lang erwiderte Mare den Blick, dann legte er das Messer beiseite und drehte sich im Sitzen zu seinen Sachen um. Am Morgen war er nicht dazu gekommen, Ula den Umhang zurückzugeben, und mit einem Mal hatte er das Bedürfnis, es genau jetzt zu tun. Auf das ordentlich gefaltete Bündel legte er als Dankeschön einen breiten Oberarmreif, der mit einem Spiralmuster und Federn verziert war, dann stand er auf und ging um das Feuer herum zu der Puppe. "Danke dir, Ula. Das war lieb von dir. Aber heute Nacht wirst du ihn selber brauchen."

Ula hob die Hände abwehrend und wedelte mit ihnen. "Nein, nein. Wir Puppen schlafen zu viert unter den Decken, das wird ja viel zu warm. Ich will, dass du ihn trägst, Mare." Er blinzelte und lächelte dann. "Ich bin nur Puppe und kann dich nicht beschützen, aber mit dem Umhang kann ich es ein wenig tun."

Mare fühlte ein weiches, warmes Gefühl in sich aufsteigen, es war ein wenig wie bei seinem Sohn. Beinahe hätte er Ula umarmt. Aber er wollte nicht, dass der Kleine sich am letzten Abend zu sehr an ihn gewöhnte.

"Die Puppe, die dich erkennt, wird den besten Gefährten haben, den man sich nur wünschen kann", sagte er leise. Eigentlich hatte er das Bündel ablegen wollen, aber er brachte es nicht übers Herz. Stattdessen hielt er ihm nur den Reif hin. "Dann nimm aber den dafür als Dank."

Ula nahm den Reif vorsichtig an und streifte ihn gleich unter dem Hemd, das er gegen den Wind trug, über einen Arm. Er zog den Ärmel hinauf, so weit er konnte und verrenkte sich etwas, um den Reif zu betrachten. "Er passt und ist sehr schön, Mare. Vielleicht finde ich meinen Gefährten noch nicht so bald, dann kann ich ihn lange bei mir haben."

Neugierig kauerte er sich neben den Meta und fragte ihn nach den fremden Welten aus. Die anderen Inseln reichten für seine Abenteuerlust schon fast nicht mehr aus. Fasziniert ließ er sich die Merkwürdigkeiten der Menschen erklären und warf hin und wieder Blicke auf Ray, der sehr missmutig unter einer Decke versteckt lagerte und etwas von einer Allergie und Salben faselte. Rays Laune nahm mit jedem Tag etwas mehr ab, so empfand Ula es. Noch vor zwei Tagen hatten sie miteinander gelacht, heute konnte Ray alles nur fürchterlich finden und kommentierte Ulas Scherze mit giftigen Blicken.

© by Jainoh & Pandorah