Eine zweite Chance

7.

Tharo sorgte sich so sehr um Mare, dass er kaum noch Aufmerksamkeit für anderes hatte. Mare wirkte wie eine Puppe vor dem Erlöschen, und das mochte Tharo nicht zulassen. Er hatte ihn zu gern dafür. Aber er fürchtete sich davor, dass er nicht genug war. Mare hatte es von Anfang an schwer gehabt, er hatte seinen Gefährten erst nach langer Zeit und fern von Caley gefunden, Jon hatte schwerste Anpassungsstörungen gehabt und war gestorben, bevor die Larve geboren gewesen war. Tharo hingegen hatte noch nicht einmal alle Inseln bereist, ehe er Kevin begegnet war; Kevin war von ihm begeistert gewesen, und die Anpassungsstörung hatte sich eher darauf beschränkt, dass sie im Bett hatten lernen müssen, was dem anderen gefiel, und das war nicht sonderlich schwer gewesen. Tharo vermutete, dass darin der Grund lag, warum es ihm so viel besser ging.

Er führte die Ochsen vom Fluss fort, wo er sie getränkt hatte, und band sie an einen Pfosten an, an dem Jaho schon Stroh ausgebreitet hatte. Ohne sein Zutun suchte sein Blick bereits wieder nach Mare, und Tharo lächelte, als er ihn mit Ula entdeckte. Die Nähe von Puppen tat seinem Freund immer gut, und auch jetzt wirkte er gesünder. Als Mare über einen Scherz von Ula sogar auflachte, wurde Tharos Lächeln zu einem freudigen Grinsen.

Kräftig klopfte er die Ochsen noch mal auf die Seiten, ehe er mit beschwingtem Schritt zum Feuer zurückkehrte. Zusa kabbelte sich freundschaftlich mit Jaho, wer auf der Feuerseite schlafen würde; Mare, Ula und einer der Meta, die mit ihnen reisten, kümmerten sich um den Abendeintopf, sein Gefährte schnitt das Brot in dicke Scheiben. Tharo runzelte die Stirn, als er Ray unter seiner Decke entdeckte. Der kleine Mensch sah gar nicht gut aus, blass, kränklich und traurig; es versetzte Tharo einen Stich.

Tharo umrundete das Feuer und ging bei ihm in die Hocke. Besorgt musterte er ihn und fühlte gleich nach seiner Stirn, ob er zu warm war. "Hey Kleiner, geht 's dir nicht gut?"

Die Berührung tat Ray gut, und so versuchte er ein Lächeln. "Es ist nichts. Mir bekommt das Wandern noch nicht so gut, ich bin so etwas nicht gewohnt." Er tat seine Sorgen und Probleme ab, obwohl alles in ihm danach schrie, sich Tharo an die Brust zu werfen und ihn darum zu bitten, nicht mit Mare, sondern ihm das Lager zu teilen. Das kam bestimmt nicht in Frage. "Ich bin nur etwas erschöpft."

Tharo legte ihm die Hand auf die Wange und streichelte ihn mit dem Daumen. Er hatte beinahe vergessen, wie schön es sich anfühlte, den Mann zu berühren und zu umsorgen.

"Dann müssen wir besser auf dich aufpassen", verkündete er und küsste ihn auf den Mundwinkel. "Ruh' dich aus, ich bin gleich wieder da."

Noch einmal küsste er ihn, dieses Mal auf die Lippen, ehe er aufstand und zu seinem Lagerplatz ging. Im Vorbeigehen drückte er Mare, aber holte dann eine Flasche mit eingekochtem Fruchtsaft aus seinem Gepäck, um damit und etwas Honig ein leckeres Getränk für Ray zu mischen. Es würde ihm gut tun. Mit dem Becher kehrte er zurück, drückte ihn dem kleinen Mann in die Hand und kniete hinter ihm nieder. Nach einem weiteren neckenden Kuss auf den verlockenden Nacken begann er, ihm die Verspannungen aus den Schultern zu massieren.

"Du wirst dich bald daran gewöhnen", tröstete er und widmete sich einer Stelle zwischen den Schulterblättern, die sich besonders hart anfühlte.

Ray senkte den Kopf und entließ seinen Atem, den er unbewusst angehalten hatte. Die kräftigen Finger gruben sich genau richtig in seine verspannte Muskeln, und die Nähe zu dem großen Körper wärmte ihn durch und durch. Wenn Ray sich mit Puppen ein Lager teilte, fühlte er sich nie so wohl. Verwirrt schloss er die Augen und nippte nur hin und wieder an dem Saft. Tharo hörte bald mit der Massage auf und umarmte ihn von hinten. Sie saßen dicht beieinander, bis die anderen Meta zum Essen riefen.

Die warme Suppe, die sie bereits am Vortag gegessen hatten, schmeckte mit einem Mal köstlich, die Steppe, die bedrohlich gewirkt hatte, sah an diesem Abend malerisch aus. Eine Herde großer Büffel und Laufvögel zog in der Nähe durch die Furt an ihnen vorüber, und während Ray sich am Tag noch über den Gestank der Büffel beschwert hatte, bemerkte er nun ihr seidiges Fell, die hübschen Ohren und außerdem die schönen Augen der Laufvögel. Er hatte Freude an den geschickten Bewegungen von kleinen affenartigen Tierchen, die auf den Büffeln lebten und sie von Parasiten befreiten. Er konnte sogar mit den Puppen lachen und kuschelte sich zufrieden seufzend an ein Puppenpärchen an, nachdem er beim Abwasch geholfen hatte.

 

An diesem Abend sortierte Mare durch seine Sachen. Das meiste bekam Tharo, ein paar Schmuckstücke bestimmte er für Ula, ein hübscher Gürtel war für Ray, und auch für Zusa und Jaho legte er ein kleines Geschenk beiseite. Der Gedanke, dass sie sich darüber freuen würden, füllte ihn mit einem warmen Frieden.

Nach dem Essen spürte er beständig den Blick aus Tharos dunkelblauen Augen auf sich, aber sein Freund hinderte ihn weder, noch versuchte er, ihn dazu zu überreden zu warten. Mare war ihm dankbar dafür. Natürlich wusste er, dass Tharo traurig sein würde, aber er würde ihn auch verstehen, und zum Glück war Ray da, der ihn trösten konnte. Als sie sich schließlich zusammen unter eine Decke kuschelten, war Tharos Umarmung besonders fest.

Mare lag die Nacht über wach, spürte den gleichmäßigen Atem seines Freundes, das Kitzeln im Nacken und die Wärme, während er den Sternenhimmel betrachtete. Er fühlte sich nicht mehr so erschreckend müde, sondern nur ruhig und still.

Als der Himmel sich violett zu färben begann, wand er sich vorsichtig aus Tharos Armen und stand leise auf. Es war nicht vorsichtig und leise genug, Tharo erwachte trotzdem. Sie umarmten einander, und einen langen Moment hielten sie sich fest. Schließlich küsste Mare Tharo sacht auf die Wange, löste sich von ihm und ging ohne einen Blick zurück in die Steppe hinaus. Die Sonne schob sich langsam über den Horizont und begrüßte ihn mit ihren ersten Strahlen. Mare begann sich leicht zu fühlen, als er ihr entgegen ging.

 

Ula hatte keine weitere Gelegenheit gehabt, Mare oder Ray zu beobachten, denn nach ihrer Gruppe war noch eine andere Reisegruppe an der Feuerstelle angekommen, mit vielen suchenden Puppen, die in anderer Richtung weiterwandern würden. Ula war vollauf damit beschäftigt gewesen, die anderen Puppen kennenzulernen und nach den anderen Inseln auszufragen. Einige sagten ihm dann auch, dass eine Mauer mit Nischen für vergangene Puppen gleich ein Stück weiter in die Steppe hinein unter zwei besonders großen Bäumen zu finden sei.

"Die Morgensonne streichelt die dort schlafenden Geister wach und bringt die Geschenke zum Funkeln. Es ist wunderschön. Ich hab es auf meiner ersten Reise gesehen", erzählte ihm eine Puppe, die allein mit zwei weiteren die zweite Wanderung unternahm.

Und als der Morgen kam, um die dunklen, mondlosen Stunden der Nacht abzuwechseln, stieß diese Puppe Ula wach. "Pst... Lauri und ich werden noch einmal zur Mauer gehen und Geschenke hinlegen. Willst du uns begleiten, Ula?"

Natürlich rappelte Ula sich auf und folgte den beiden auf einem schmalen Pfad, der erst am Fluss entlang und dann zu zwei prächtig in der Mitte der Steppe aufragenden Turmbäumen führte. Tiere hielten sich fern. Sie spürten vermutlich die Geister, die ihre Ruhe wünschten.

Lauri und die anderen Puppe legten vorn an der Mauer einige Kettchen und schöne Federn von Laufvogeljungen ab. Ula schob eine Laufvogeleierschale dazu, die sanft im Morgenlicht schimmerte. Er gähnte und sah sich um, erst dann bemerkte er, dass sie nicht allein waren. Er konnte nicht erkennen, wer hinten bei der Mauer saß und in das Morgenlicht blickte, aber es musste ein Meta sein, vielleicht auch ein Mensch. Kurz überlegte Ula, ob auch die lange allein gewanderten Menschen vergingen, dann beschwerte Lauri sich, dass seine Füße zu kalt würden und er umkehren wollte.

Ula flüsterte zurück: "Geht vor. Ich will weiter hinten noch leere Nischen für meine Kettchen finden." Leise ging er auf die einsame Gestalt zu und zuckte zusammen, als er seinen Umhang mit den leuchtend roten Bommeln erkannte. Zwei schnelle Schritte brachten ihn direkt vor Mare. Fassungslos starrte er in das friedliche Gesicht hinunter.

Mare hatte das Rascheln und Flüstern gehört und gehofft, dass die Puppen nicht bis zu ihm kommen würden. Leider hatten ihm leise Schritte gesagt, dass seine Hoffnung nicht erfüllt wurde; dennoch wurde er überrascht, als ausgerechnet Ula vor ihm stand.

Besorgt runzelte er die Stirn und richtete sich halb auf. "Ula, was... du solltest nicht allein hier sein, das ist zu gefährlich. Geh mit deinen Freunden zurück."

"Gefährlich. Pah! Wenn du hier sein kannst, kann ich es erst recht." Ula stemmte eine Hand auf die Hüfte und legte den Kopf schief, um Mare herausfordernd anzusehen. Natürlich reagierte der müde Meta nicht mehr auf seinen Scherz. Er nickte nach kurzem Überlegen einmal und lächelte ihn leicht an, bevor er sich vor ihn ins feuchte Gras kniete. "Wenn du wirklich gehen willst, Mare, weil du so allein bist, dann... will ich dich zum Abschied küssen, damit du eine schöne Reise hast."

Sachte, um ihn nicht zu erschrecken, legte Ula seine Hände an das schöne Gesicht und wollte sich gerade zum Kuss vorbeugen, als er erschrocken zurück zuckte.

Mare erbebte, als ein Schauer durch ihn hindurch fuhr; seine Augen weiteten sich verwirrt. Er hatte sich die letzten Tage nicht mehr wie ein Meta gefühlt, sondern wie eine Puppe, die vergeblich ihren Gefährten suchte, und nun fühlte er sich wie damals, als er Jon das erste Mal berührt hatte. Aber das war nicht möglich! Wie sollte das sein können? Er war bereits Meta, Jon war vergangen, und Ula konnte doch unmöglich...

Ula blinzelte und setzte sich auf seine Fersen zurück, um Mare im Morgenlicht eingehend zu betrachten. Die ohnehin so schönen rosafarbenen Augen leuchteten ihm entgegen wie das Perlmutt der seltensten Muscheln, und in den Haaren spielten ebenfalls schimmernde Reflexe.

"Verdammt noch einmal, Mare! Ich wollte Meta sein! Verdammt, dabei schwimme ich so gern, und von welcher Insel kommst du noch einmal? Ich wollte doch noch weit weit wandern!" Er hob eine Hand und zählte an den Fingern. "Vermutlich kann ich schon in eins, zwei, drei, vier Tagen nicht mehr so viel laufen und reiten und springen, weil die Larve dann irgendwann zu groß sein wird und ich aufpassen muss. Dann wachse ich auch noch, und alles wird mir weh tun und dann... bist du auch noch Meta. Und... Pah, ich komm nicht darüber weg, verdammt! Ich wollte Meta sein!" Er ließ sich neben Mare fallen, das nasse Gras war ihm egal. Lächelnd hob er eine Hand. "Aber wenn du so schön bist wie jetzt, darfst du auch Meta sein. Nur gehen darfst du nicht, einverstanden?"

Noch immer ungläubig starrte Mare ihn an. Ula spürte es, und eine Puppe irrte sich nie darin; dafür war das Gefühl zu eindeutig. Ganz behutsam, als wollte er Spinnweben berühren, ohne sie zu zerstören, griff Mare nach Ulas Hand und suchte den Blick der schönen Sturmaugen. Wärme begann ihn zu erfüllen, strömte von den schlanken Fingern durch seinen ganzen Körper und wurde gefolgt von einem prickelnden, empor sprudelnden Glücksgefühl, das ihn lächeln und schließlich auflachen ließ.

Mare ließ sich neben Ula sinken und zog seinen kleinen Gefährten noch immer lachend in den Arm. "Wie könnte ich gehen, wenn du doch alles bist, was ich mir je gewünscht habe, Ula? Ich bin so froh! So froh!"

"Ein Glück, ich hatte schon Angst, dass du trotzdem gehst, weil du schon deine Puppe hattest." Ula schob Mare noch einmal von sich, um seine Hände unter das feste Hemd fahren zu lassen. "Deine Zeichnung ist so schön, ich freue mich schon, wenn wir einander ergänzen werden. Ich freue mich, wenn wir uns verbinden können. Es wird ja noch ein wenig dauern."

Auf Mares Schoß kniend küsste er seinen Gefährten nun doch einige Male, bis er schließlich lachend ausrief: "Oh je, ich bin schon hungrig! Geht es schon los?! Ich freu' mich so! Ich freu' mich so auf alles, auf dich, auf die Puppe. Wie soll sie nur heißen, wird sie deine Augen haben? Oh, wäre das schön!" Hastig drückte Ula Mare noch einmal an sich und noch einmal, bevor er aufsprang. "Du bist schon ganz kalt geworden. Auf mit dir! Ich muss etwas essen, und du brauchst eine trockene Hose."

Mare lachte glücklich über die beschützende Art seines kleinen Gefährten, die noch gar nicht so recht zu seiner Größe und dem zarten Puppenkörper passen wollte. Rasch stand er auf, legte einen Arm um Ula und hüllte sie beide in den weiten Umhang. Er fühlte schon jetzt, dass er Ula die nächste Zeit kaum würde loslassen können, und das war nicht nur deswegen, weil Ula zu wandeln begonnen hatte.


© by Jainoh & Pandorah