Eine zweite Chance

8.

Tharo hatte Mare nachgeschaut, bis er nicht mehr zu sehen gewesen war. Traurigkeit erfüllte ihn, und er begann, seinen Freund zu vermissen. Ganz von allein suchte sein Blick das Lager, auf dem Ray schlief. Er entdeckte den hellen Schopf unter der großen Decke, und Tharo musste an sich halten, um nicht zu dem Mann zu gehen, ihn an sich zu ziehen und ihn damit zu wecken, auch wenn er sich danach sehnte, ihn zu spüren. Stattdessen entfachte er das Feuer neu, holte Wasser vom Fluss und füllte es in den Teekessel um. Während es warm wurde, sah er nach den Ochsen, fütterte sie und ging dann erneut nach dem Wasser schauen.

Tharo begann, sich allein zu fühlen; alle anderen schliefen tief und fest, ein paar frühe Grillen zirpten, irgendwo sang ein Vogel. Die Sonnenstrahlen brachten den Morgentau auf den Gräsern einem glitzernden Meer gleich zum Funkeln, und Tharos Gedanken wanderten immer wieder von den Erinnerungen an Mare zu dem Bedürfnis, bei Ray zu sein und sich wärmen zu lassen.

Endlich kochte das Wasser, und Tharo warf gedankenlos Teeblätter in den Kessel. Dann schob er die großen flachen Steine näher an das Feuer, damit sie heiß werden konnten, und mischte einen Teig für Fladenbrot zusammen. Ray würde sich bestimmt über frisches Brot freuen.

Zwei Puppen kamen aus der Richtung zurück, in die Mare gegangen war; offensichtlich hatten sie den erloschenen Puppen Geschenke gebracht. Doch sie plapperten so fröhlich, dass es unwahrscheinlich war, dass sie Mare gesehen hatten. Begeistert halfen sie ihm beim Backen, und der Duft von frischem Brot entlockte Tharo ein kleines Lächeln. Mit einem ordentlichen Schlag Honig und Butter würde es Ray gut schmecken.

Plötzlich hielt er es nicht mehr aus. Er überließ die Teigschale ganz den Puppen und sprang auf, um Ray zu wecken und sich zu vergewissern, dass es ihm gut ging. Stattdessen blieb er stehen und starrte blinzelnd und mit schmal zusammengekniffenen Augen in den Sonnenaufgang. Doch erst, als er sich mit einer Hand gegen die blendenden Strahlen abschirmte, konnte er glauben, was er sah. Mare und Ula kamen gemeinsam zurück, Arm in Arm, und etwas in Ulas besitzergreifender Geste, in seiner Art, sich zu bewegen, ließ Tharo stutzen. Dann sah er das Leuchten in Mares Gesicht, das Lächeln.

Tharo winkte wild, ehe er begeistert rief: "Zusa! Jaho! Aufwachen! Ihr verpasst das beste!"

Zusa blinzelte und wurde dann vollends geweckt, weil Jaho aufsprang und ihnen beiden die Decke wegzog. Schimpfend setzte er sich auf und wollte Tharo gerade darauf hinweisen, wie spät sie alle erst eingeschlafen waren, als er Ula entdeckte, von Mares Arm und Umhang umgeben. Die beiden wurden von der Sorte glücklichem Strahlen umgeben, für die es nur einen Grund geben konnte. Mare hatte tatsächlich einen zweiten Gefährten finden können. Oder vielmehr hatte Ula vermutlich ihn gefunden, denn Ula war nicht die Sorte Puppe, die sich finden ließ.

Jahos nachdenklicher Kommentar brachte alle in der Gruppe dazu, das Glück der beiden erst recht zu verstehen. "Nicht nur Puppen vergehen an solch einem Ort. Mare hat die letzten Tage schon sehr kalt und leise gewirkt, nicht wahr? Zusa, dein wilder Schatz hat großes Glück gehabt."

Und so schalt Zusa seine Puppe erst einmal tüchtig aus, weil Ula Mare nicht früher angefasst hatte, bevor er die beiden umarmte, küsste und gleichzeitig lamentierte, dass er schnell wieder in sein Dorf ans Meer zurück wollte.

Ray hatte sich verschlafen aufgesetzt und freute sich still mit einer Tasse Tee darüber, dass Mare eine zweite Chance auf Glück erhalten hatte. Eine der älteren Puppen, die ihre zweite Runde über die Inseln drehten, erklärte leise, was es mit dem Vergehen auf sich hatte.

"Bei den Menschen ist es eine Anpassungsstörung. Sie können ohne den Caley nicht sein und sterben kläglich im Kampf. Bei den Caley ist es Einsamkeit. Sie vergehen leise, wenn sie allein zu müde geworden sind. Meist sind es Puppen, aber hin und wieder auch ein einsamer Meta."

Rays Blick glitt sofort zu Tharo zurück. Er wirkte so kräftig, und am Abend zuvor hatte er auch zufrieden ausgesehen, nicht leise oder müde. Um Tharo musste man sich offenkundig keine Sorgen machen. Der große Meta lachte und scherzte mit Ula und Mare und half den anderen dabei, noch mehr Brote zu backen, um genug Vorrat für den Tag mit einer Puppe in Wandlung zu haben.

Tharo hätte nicht gedacht, dass der Tag herrlich werden würde; doch dass Mare nicht nur zurückgekommen war, sondern auch noch in Ula einen Gefährten gefunden hatte, machte ihm so gute Laune wie schon lange nicht mehr. Er konnte ihn nicht einmal um sein Glück beneiden. Seine Laune wurde sogar noch besser, als ihm bewusst wurde, dass er mit Ray zusammen reiten würde, denn natürlich trennten sich Mare und Ula nicht voneinander.

Nur wenig später saß Tharo hinten im Doppelsattel und hielt Ray vergnügt im Arm, während er an ihm vorbei lenkte. Es war schön, keine Sorgen mehr um Mare zu haben zu haben, und so machte er Ray auf all die Dinge aufmerksam, die er die Tage zuvor nicht hatte sehen können, und hatte zu allem etwas zu erzählen oder zu erklären.

Als sie am Abend das Küstendorf erreichten und mit großem Hallo und Glückwünschen ob der Wandlung Ulas begrüßt worden waren, wollte er gerade auf die Frage, wie viele Plätze er für die Nacht brauchte, ganz selbstverständlich zwei antworten, als er hörte, wie Zusa Ray mit einbezog. Seltsam verwirrt hielt Tharo inne und sagte nach einem Moment Pause, dass er allein war.

 

Ray war hin- und hergerissen zwischen der Freude über Ulas rasche Partnerfindung und dem Wunsch, noch mehr von dem Planeten sehen zu können, auf den es ihn verschlagen hatte. Den Ritt über, an Tharo geschmiegt hatte er sich derart wohl gefühlt, dass er noch viel weiter hätte wandern wollen.

Ray hatte auf dem Ritt mit Tharo jeden Moment genossen. Er hatte die Schönheit der Steppe mit einem Mal wahrgenommen, hatte die Feuerkäfer romantisch gefunden und den Ritt trotz schmerzender Muskeln wundervoll. Tharo hatte ihn im Arm gehalten und viel mit ihm geredet, hatte ihn wie eine Caleypuppe geherzt und ihm vieles erklärt.

Ray hatte versucht, all die Kleinigkeiten zu behalten. Es war herumgereichtes Wissen. Von wenigen biologischen Arbeiten durch Menschen abgesehen, gab es auf Caley keinerlei Schriften. Die meisten Inseln und viele Tierarten waren noch nicht erforscht und würden es auch vermutlich nie werden, denn die Daryller passten sehr gut auf, wie viele Menschen nach Caley kamen.

Touristen gab es gar nicht, und selbst die Gruppe der Aussteiger, die auf Caley ihr Glück versuchen wollte, wurde genauestens beobachtet und kontrolliert. Der einzige Raumhafen befand sich im Schatten einer Daryllischen Raumstation, vor der eigentlich immer Kreuzer und Shuttle bereit lagen. Ray wunderte sich noch immer, dass seine Rettungskapsel nicht abgeschossen worden war, dass ihm niemand gefolgt war. Andererseits hatten sie seine Flugbahn vermutlich berechnet und beschlossen, dass er die Reise nicht überleben würde.

Aber als sie am Abend im Dorf ankamen, wollten die Zweifel an seiner Fitness und Wandertauglichkeit nicht mehr enden. Und das, obgleich sie erst zwei Inseln gesehen hatten. Noch immer waren sie aus der Krokodilsformation, wie Forscher auf Caley die Inselgruppe nannten, nicht hinausgekommen.

Die Steppeninsel wurde von zwei Flüssen durchzogen, an jeder Mündung lag ein Dorf, eines auf jeder Seite der Insel. Der Fluss auf dieser Seite führte durch Erze bedingt ein süßlich-metallisches grünes Wasser. Es sah malerisch aus, auch wenn der Schein trog, denn auch hier lebten in den Gewässern etliche der nicht ungefährlichen Schlangenkrokodile, die auch einmal eine Puppe erbeuteten, wenn es ihr einfiel, in der Nacht, in den Fluss zu fallen. Es war ein verhältnismäßig großer, weit ausgedehnt liegender Ort, von dem drei Fährlinien fort führten.

Zusa und Jaho wollten Ula im Dorf an der Meeresküste noch ein wenig bei der Wandlung beistehen. Nach einigen Wochen würde man sich trennen. Das Metapaar wollte heim zu den Fischerbooten und ihrem Haus. Ganz selbstverständlich gingen sie davon aus, dass Ray mit ihnen wandern würde. Ula würde Mare folgen, der immerhin Meta der Beziehung war, wenn auch Ula dies noch immer zum Anlass für Beschwerden und Unglauben nahm.

Eine selten verkehrende Fähre würde Zusa und Jaho samt ihrer menschlichen Puppe Ray, wie die zwei schon planten, zurück in die Nähe ihrer Insel bringen. Die zwei anderen Fähren führten zu einer Inselkette im Norden, von der aus man den normalen Wanderweg über eine Wüsteninsel verfolgen konnte, sowie zu einer Insel, von der aus man in recht kurzer Zeit über eine andere Inselgruppe hinweg zum Raumhafen gelangte.

Ray fragte sich nun einmal, ob er wirklich auf Caley bleiben und nicht vielleicht zum Raumhafen weiterreisen sollte. Zudem fragte er sich insgeheim, wohin Tharo weiterreisen würde. Ob der große Meta sich nun einsam fühlte? Tharo machte nicht den Anschein. Auf Fragen nach seinem Gefährten hin gab er zwar zu, dass er allein war, er würde auch allein bei Gastgebern wohnen, aber es schien ihn nicht so zu stören wie Mare.

Als Ray mit seiner Caley-Familie und ihren Gastgebern am Tisch zum Abendessen saß, kam noch eine weitere Möglichkeit der Reise für ihn auf. Eine Gruppe Menschen war ebenfalls in diesem Ort aufgetaucht und auf die Häuser verteilt worden. Die drei Männer reisten mal mit dieser Gruppe, mal mit jener nach Wunsch über Caley und folgten nicht dem Wanderweg. Ihre weitere Reise, so erzählte der Gastgeber ihnen, würde sie über den Wüstenweg weiter nördlich und dann zur Falterformation führen.

Diese war zum einen bergig und nicht so heiß wie die Vulkaninseln im Süden, und zum anderen fanden sich dort wohl nicht nur Edelsteine, sondern auch Gold- und andere Erzvorkommen, die durch freies Schürfen gewonnen wurden. Es gab auf jeden Fall Bedarf für einen Juwelier, der damit umzugehen wusste. Wieder fragte Ray sich, ob Tharos Wanderung in diese Richtung führte. Er beschloss, den großen Meta am Abend auf der Feier nach seinen Plänen zu fragen. Ray gab auch für sich zu, dass er sich schlicht nach dem Körper und der Stimme sehnte, dass er Tharo einfach wieder nahe sein wollte.

Als Mare und Ula sich zum Schlaflager zurückzogen, weil Ulas Hüften zu schmerzen begannen, verabschiedete er sich in Richtung der Feiern auf den Höfen umher.


© by Jainoh & Pandorah