Eine zweite Chance

9.

Es war seltsam für Tharo, ohne Mare zu sein und zu wissen, dass sie weder gemeinsam weiterreisen, noch zusammen wohnen würden. Diese Pläne waren ein fester Bestandteil seiner Zukunft gewesen. Dass Mare einen Gefährten hatte und glücklich war, machte es natürlich beträchtlich leichter, als wenn er einsam und kalt erloschen wäre. Aber Tharo fühlte sich dennoch allein, als er inmitten fröhlicher Puppen und Metapaare zu Abend aß. Auch wenn das Gefühl nicht einmal annähernd an das heran kam, was Mare empfunden haben musste, konnte er doch ein wenig nachvollziehen, warum sein Freund hatte vergehen wollen.

Große, grüne Puppenaugen musterten ihn hungrig und lenkte seine Aufmerksamkeit weg von den trüben Gedanken, nur einen Moment später hatten sich schlanke Arme um seinen Hals geschlungen. Die zierliche Puppe kicherte und drückte ihm einen feuchten Kuss auf die Wange. "Och schade! Ich hatte so gehofft, du wärst mein Mare!"

Schallend lachte Tharo auf und knuddelte den Kleinen einmal liebevoll durch. Er behielt ihn während des Essens bei sich und ließ sich von dem nimmermüden Plappermaul erzählen, welche Inseln er alles schon gesehen hatte. Nach dem Essen schenkte er ihm ein Kettchen, weil er ihm die gute Laune zurückgebracht hatte, und half dann seinen Gastgebern bei den letzten Handgriffen für ein Festessen.

Während sich draußen schon die Feiernden versammelten, schnitt er noch einige letzte Birnen als Dekoration für einen bunten Fruchtsalat zurecht. Als er die große Holzschale nach draußen brachte und zu den anderen Leckereien auf einen der Tische stellte, fiel sein Blick direkt auf Ray. Der hübsche Mann wippte zum Takt eines Trommelstücks, das eine Gruppe von Puppen zum Besten gab. Die Bewegung ließ seine bestickte Weste leicht schwingen, die er über einem langarmigen grünen Hemd trug. Ein leichtes Lächeln lag um seine Lippen und brachte Tharos Herz erfolgreicher als der Rhythmus zum Tanzen.

"Hey, Ray", brummelte er und sah mit einem breiten Lächeln auf ihn herab.

Ray brauchte sich nicht umsehen, die Stimme allein machte, dass er lächelte und dass sein Herz schneller schlug. Er sah dennoch über die Schulter zu Tharo und grinste ihn an. "Na? Haben sie dich gut untergebracht?" Seine Laune stieg jedes Mal, wenn er in Tharos Nähe sein durfte.

"Zu weit weg von euch", befand Tharo und umarmte Ray. Gleich erfüllte ihn wieder Zufriedenheit, es war schon verrückt. "Und du, alles okay bei dir? Oder musst du wieder mit einem summenden Puppenschwarm dein Bett teilen?"

"Nein, ich bin dieses Mal nur mit der Puppe der Gastgeber untergebracht, und der Kleine schläft zur Zeit viel bei dem Freund, mit dem er gemeinsam wandern wird." Ray naschte etwas Obst von einem Teller und lehnte eines der Getränke aus vergorener Ziegenmilch mit einem leichten Wedeln der Hände ab. "Ich hab dich auf der Wanderung heute nicht fragen können, aber wohin wanderst du von nun an, Tharo?" Er lehnte sich an den Tisch und blickte mit einem Mal nervös zu den spielenden Puppen. "Meine Pläne sind durch Ulas rasches Glück unübersichtlich geworden, weil ich zu viele Möglichkeiten habe."

Gutmütig lachte Tharo auf. "Willst du noch eine Möglichkeit haben, damit du dich gar nicht entscheiden kannst? Ich wandere nach Hause, es ist nicht mehr weit. Willst du mitkommen?" Der Gedanke, dass Ray eine andere Richtung einschlagen könnte, kam überraschend. Er war unangenehm, beinahe schmerzhaft, und ließ Tharo die Stirn runzeln.

"Na ja. Vielleicht liegt ein Stück meines Weges ja auf deinem Weg." Unsicher überlegte Ray, ob er zugeben sollte, dass er Tharo gern länger als Weggefährten hätte oder ob es zu aufdringlich von einem Menschen war, einen einsamen Caley dergestalt anzugraben.

Tharo wollte gerade grinsend noch einmal wiederholen, dass sein Weg wirklich nicht mehr lang war und nur noch über ein paar Inseln führte, als ihn ein anderer Gedanke die Stirn erneut runzeln ließ. Da war etwas in Rays Art, wie er gerade so an ihm vorbeisah und doch aus den Augenwinkeln zu ihm hinlugte, das etwas in seiner Erinnerung aufblitzen ließ; etwas, von dem Kevin irgendwann einmal gesprochen hatte.

"Du bist aber nicht verliebt in mich, oder?", fragte er geradeheraus. "Du weißt, dass Caley sich nicht so verlieben, wie Menschen das tun."

Ein kühler Schauer durchfuhr Ray. Verliebt. War er das? Unwillkürlich schüttelte er den Kopf. "Nein. Ich hab mich nur an dich gewöhnt. Ich bin nur ein Mensch und wandere lieber mit Caley, die ich schon kenne." Der Gedanke daran, wie gut sie einander kannten, ließ ihm das Blut ins Gesicht schießen. "Aber wenn es dir lieber ist, nicht mit einem Menschen zu wandern... ich meine, wenn es dich erinnert..."

"Dann ist es gut. Ich will dir nicht weh tun, weil du auf Dinge hoffst, die ich nicht geben kann, weil ich Caley bin." Zufrieden beugte Tharo sich zu ihm und küsste ihn, das hatte er schon viel zu lange nicht mehr getan. "Aber du willst länger auf Caley bleiben? Hm, vielleicht... vielleicht kommst du dann mit zu mir, und... wir ziehen gemeinsam los." Der Gedanke kam zögerlich hervor, auch wenn er sich bereits eingenistet hatte, nachdem Tharo Mare mit Ula gesehen hatte. "Ich glaube, ich mache nur einen kurzen Halt bei meinem Vater und erzähle ihm, wo und wie mein Sohn den Gefährten gefunden hat. Dann gehe ich und schaue, ob es für mich nicht vielleicht doch noch einen Gefährten gibt. Was meinst du, ist das ein guter Plan?"

"Mare hat einen zweiten Gefährten gefunden, warum nicht also du auch? Ich finde, das ist ein guter Plan." Und Ray fand gleichzeitig, dass er gelogen hatte. Der Gedanke, Tharo mit seinem Caleygefährten glücklich vereint zu sehen, genau wie Mare und Ula es nun waren, zernagte seine gute Laune. Rasch stand er auf. "Ich gehe besser schlafen, die Wanderung hierher war anstrengend. Gute Nacht, Tharo."

Tharo sah die Dunkelheit, die mit einem Mal Rays Augen umwölkte. Er wollte ihn an sich ziehen und sie wegknuddeln und -küssen, aber er hatte den unschönen Verdacht, dass er es nur schlimmer machen würde. Weil Ray eben doch diesem Menschengefühl anheim gefallen war. Unglücklich fuhr er mit gespreizten Fingern durch wilde Mähne. "Schlaf gut, Ray."

 

Die nächsten Tage waren für Ray fürchterlich. Immer wieder liefen Tharo und er sich über den Weg, Tharo blieb ebenfalls noch etwas im Ort, um Mare und Ula beizustehen, bevor auch er weiter wandern wollte. Ray mochte nicht einfach fortgehen, und zudem war er von dem Wunder der Wandlung beeindruckt. Ula hatte beständig Sorge um Mare, obgleich die zwei schier unzertrennlich waren. Diese Sorge, so erklärte Zusa ihm, machte, dass Ula vermutlich groß werden würde. Ein Caley wurde so groß, wie er sein musste, um den Partner zu schützen. Je mehr Gefahren umher herrschten, desto größer wurde der Caley.

Hinzu kam, dass Ula einfach groß und stark werden wollte, um Mare ausreichend stützen zu können, wo dieser doch Meta war, obwohl er nicht gerade über großes Durchsetzungsvermögen verfügte. Ulas Schübe von Wachstum konnte man sehen. Von einem Tag auf den anderen passten ihm Kleider nicht mehr, und er aß Unmengen.

Nicht selten wollte Ray gerade mit Broten, Obst oder einem Eintopf zu Mare und Ula, damit Ulas mächtiger Appetit gelindert werden konnte, aber drehte sich um und lief davon, weil er Tharos Stimme hörte. Schlimmer war es, wenn Tharo ihn zuerst entdeckte, zu ihm kam und ihn umarmte. Etwas in Ray zerbröselte seinen Mut und seine Unabhängigkeit zu nichts, wenn Tharos Stimme ihn umgab, wenn Tharos kräftiger Körper ihn wärmte.

Es war schließlich so schlimm, dass er beschloss, möglichst bald ohne alle, die er kannte, weiter zu wandern. Neue Gesichter, lustige Puppen, vielleicht ein paar Menschen, vielleicht mal wieder Sex mit einem anderen Mann, das war es, was er brauchte. Ablenkung. Gleich am anderen Morgen begann er, auf dem Basar zu arbeiten, um sich die Ausrüstung für die Wüsteninsel zusammenstellen zu können.

Schon am nächsten Morgen schiffte er sich sehr früh auf der Fähre ein, mit der fast alle wandernden Puppen den Ort verlassen würden, so auch Lauri und Fleo, die beiden Puppen, die mit ihnen durch die Steppe gewandert waren. Dank der beiden konnte er sich rasch in eine neue Wandergemeinschaft einfügen. Er verbrachte den Tag auf See nicht sonderlich angenehm, stechendes Sehnen nach Tharo begann, ihn mehr und mehr zu erfüllen. Der Juckreiz an seiner Achsel hatte erneut begonnen, ihn zu quälen. Er schlief schlecht, als er versuchte, sich auszuruhen und fror im Wind auf See.

Sie kamen in der Abenddämmerung in einem sehr interessanten Ort an. Es war regelrecht eine Stadt. Hohe Mauern aus hellem Stein umgaben die Häuser gegen den Wüstenwind. Die Gässchen wanden sich zwischen zweistöckigen Häusern hindurch, auf deren Dächern Wasserzisternen angebracht waren. Ray wurde gebeten, sich im allgemeinen Badehaus zu waschen, um Wasser einzusparen. Der Markt war durch farbenfrohe Baldachine überdacht beim Hafen eingerichtet, und dort lag auch das Badehaus. Lauri und Fleo zerrten Ray gut gelaunt dorthin, und nach dem Bad besorgten sie Ray lindernde Creme für seine schuppige gereizte Haut auf der Brust.

Sie wollten die Nacht über natürlich erst einmal mit allen Puppen des Ortes feiern, und Ray war nur wenig überrascht, als Lauri am anderen Morgen erst zurückkehrte und das auch noch allein. Fleo hatte seinen Gefährten gefunden und begann die Wandlung. Lauri war traurig, weil er nun allein auf seiner zweiten Runde um die Inseln wandern musste, so dass Ray den Morgen über damit beschäftigt war, die kleine Puppe zu trösten.

Typisch für Caley war Lauri natürlich schon wenig nach Mittag nicht mehr allein, sondern hatte sich zwei Familien angeschlossen, die ihn sogleich adoptierten und verwöhnten. Dafür fühlte Ray sich an seinem ersten Tag in der Wüstenstadt merkwürdig leer und allein. Kalt war ihm auch, obgleich alle Caley sich nur noch äußerst spärlich bekleideten. Mit schleppendem Gang, seinen Umhang um sich gezogen, suchte Ray auf dem Basar nach Arbeit und fand recht bald einen Händler, der Gürtelschnallen mit Edelsteinen verziert haben wollte.

Ray lenkte sich den Tag über mit Arbeit ab und ging am Abend nach einem spärlichen Essen und einem heißen Tee in das Badehaus, weil ihm noch kälter geworden war. Vor der Nacht wollte er sich im heißen Wasser und vielleicht bei einer Massage der dort tätigen Meta gründlich aufwärmen. Eine Überraschung beendete seine Ruhe gänzlich. Der Meta, der ihm beim Ausziehen half, stockte in der Bewegung und drehte Ray dann ins Licht der Monde, das durch schmale Fensterspalten in den mit farbenfrohen Mosaiken ausgelegten Raum fiel.

"Kleiner, wo ist denn dein Meta? Habt ihr euch vielleicht nicht genug berührt heute, dass dir so kalt ist?"

Ein Schauer überzog Ray. "Mein Meta?"

"Das ist eine Zeichnung, die hier durchbricht. Du hast einen von uns zum Meta gemacht, weißt du etwa nicht wen?"

Hilflos hob Ray die Schultern und betrachtete die feinen Linien, die durch seine Haut brachen, genauer. Die Zeichnung der Meta. Seine schien rot zu sein, kupferrot. Sie bedeckte weite Teile der Brust und zog sich unter den Achseln auf den Seiten noch weiter. Er schloss die Augen und ließ sich auf den Beckenrand sinken.

"Oh nein! Was mache ich denn jetzt nur?! Ich habe wirklich keine Ahnung. Die Puppe muss betrunken gewesen sein oder hat schon geschlafen, oder..." Tharo tauchte vor seinen Augen auf. "Was mache ich denn nur?", wiederholte er leise. "Ich will nicht sterben, ich will nicht, dass ein Meta allein sein muss."

Er brach in Tränen aus und musste von den Meta im Badehaus zu einem Schlafraum getragen werden, weil er zu schwach war und zu sehr fror.

 

Tharo erwachte missgelaunt, was selten war. Aber mit den Sorgen um Ray ins Bett zu gehen und gleich beim Aufwachen schon wieder sein trauriges Gesicht in den Gedanken zu haben, machte ihn nun einmal nicht glücklich. Er zermarterte sich den Kopf, wie er ihm helfen konnte, aber ihm wollte nichts einfallen. Der Kleine brauchte einen Meta, der ihn glücklich machte, warum nur hatte er sich ausgerechnet Tharo in sein hübsches Köpfchen gesetzt? Und warum konnte Tharo einfach nicht die Finger von ihm lassen und es ihm damit ein wenig einfacher machen? Doch immer, wenn er den Mann sah, musste er ihn umarmen, drücken, ihn küssen und sich vergewissern, dass es ihm gut ging.

Griesgrämig duschte er, noch griesgrämiger zog er sich eine Hose und eine Weste über und verließ dann das Haus, ohne auch nur etwas gegessen zu haben. Er musste Ray sehen und mit ihm reden. Jetzt. Doch als er das Haus betrat, in dem Ray untergekommen war, ließ der Anblick von Mare und Ula, die an dem wuchtigen Tisch saßen, seine Laune noch viel tiefer sinken. Ula futterte natürlich, was die Teller hergaben, und ein wunderschöner und lebendiger Mare wurde nicht müde, ihm immer neue Gerichte anzureichen. Ulas Haare waren bereits struppig und zerzaust, seine Glieder streckten sich und wurden unansehnlich.

Tharo wollte nach einem geknurrten "Morgen" wieder nach draußen verschwinden, um sich seine üble Laune erst einmal aus dem Körper zu schwimmen, doch Mare hielt ihn auf. "Ray hat heute morgen die Fähre mit den blauen Segeln genommen und zur Wüstenstadt übergesetzt. Habt ihr euch gestritten?"

"WAS?!?" Tharo starrte ihn aus Augen an, die nur noch Schlitze waren. Er scherte sich nicht darum, dass Ula wachsam aufhörte zu essen, bereit, seinen Schatz sofort zu beschützen. Diese Nachricht machte Tharo wütend, weil er sich auf der Stelle schrecklich zu sorgen begann. Und in dem Moment spürte er noch etwas. Etwas in sich, das auf den Schreck und die Wut reagierte. Tharo dachte, dass sein Herz aussetzen müsste, und es machte es nicht besser, dass Mare ihn sehr verwirrt ansah und seine Zeichnung mit neuem Interesse musterte.

"Du... trägst eine Larve!", stellte Mare vollkommen überrascht fest.

Tharo drehte auf der Stelle um und jagte zum Hafen hinab. Er hatte kaum Hoffnung, dass er die Fähre noch erreichen würde, aber das brachte ihn lediglich dazu, noch schneller zu rennen. Als er endlich am Anlegesteg stand, konnte er nur noch verzweifelt aufbrüllen. Nicht einmal mehr das Segel war zu sehen. Beinahe wäre er einfach ins Wasser gesprungen, um hinterher zu schwimmen, doch zum Glück kam er noch rechtzeitig zur Vernunft. Wenn er jetzt eine so große Dummheit beging, würde sein Schatz noch viel mehr zu leiden haben.

Fieberhaft dachte er darüber nach, wie viel Zeit er hatte. Ray und er hatten sich am Vorabend das letzte Mal berührt und waren seit Ewigkeiten nicht mehr innig zusammen gewesen, das reichte nicht weit. Sein Schatz würde so leiden! Spätestens am Abend würde er merken, dass ihm etwas fehlte. Die Fähre kam frühestens den Abend darauf zurück, und würde dann noch einen ganzen Tag brauchen, um wieder überzusetzen. Mindestens drei Tage wäre Ray alleine. Drei lange, fürchterliche Tage!


© by Jainoh & Pandorah