Eine zweite Chance

10.

Es waren zwei der schlimmsten Tage in Tharos Leben, während er auf die Fähre wartete, ohne etwas tun zu können. Er machte sich bitterste Vorwürfe, dass er so blind gewesen war. Die Zeichen waren doch so deutlich gewesen! Und spätestens, als Mare und Ula sich erkannt hatten, hätte er darauf kommen können, dass auch er einen Gefährten hatte!

Mare kümmerte sich um ihn, so gut es ging, ohne dabei Ula zu vernachlässigen, aber es gab nicht viel, was er tun konnte. Er überredete seinen Gefährten sogar, dass sie mit Tharo fahren mussten. Tharo wollte gar nicht daran denken, warum sein Freund das tat, aber der Gedanke, dass er zu spät kommen könnte, schlich sich hinterhältig an ihn heran und fraß sich unerbittlich in ihm fest.

Mare war es auch, der den Fährschiffern die Situation erklärte, so dass sie sofort zustimmten, so früh wie möglich am nächsten Tag abzulegen. Nachts war die Überfahrt wegen der fliegenden Fische unmöglich, sonst hätten sie auch das getan. Bisher hatte Tharo Schiffsfahrten immer genossen, doch dieses Mal war ihm das Boot zu langsam. Er wollte vorweg schwimmen, um es zu ziehen, hinterher schwimmen und es schieben und pusten, um die Segel zu füllen, doch natürlich tat er nichts von alle dem, sondern tigerte rastlos über Deck.

Als sie in der Wüstenstadt anlegten, wartete er nicht einmal darauf, dass die Fähre sicher vertäut war. Er sprang sofort von Bord und fragte den ersten Meta, ob ein einsamer Mensch in der Stadt war. Und dann rannte er, wie er noch nie zuvor in seinem Leben gerannt war.

 

Ray hatte sich erst einmal sammeln müssen, dann hatte er mit Hilfe seiner Gastgeber und etlicher besorgter Puppen, die mehr im Weg gewesen waren, als ihm zu helfen, seine wenigen Habseligkeiten in eine Tasche geräumt und hatte es nicht gewagt, in dieser Nacht zu schlafen. Am anderen Morgen würde die Fähre eintreffen. Am anderen Morgen konnte er endlich zu Tharo zurückkehren. Doch die Zeit wurde knapp. Es war schlimmer und schlimmer geworden in den Tagen der Wartezeit. Das Frieren, die Verzweiflung und die Müdigkeit. Diese bleierne Müdigkeit.

Ray hatte einmal gehört, dass die meisten Menschen so sehr litten, weil sie die Verbindung nicht wollten, weil sie das Zusammensein ablehnten, das den Caley unausweichlich war. Diese Menschen konnten dann nicht schlafen und waren zugleich müde. Sie waren schlapp, aber auch aggressiv. Er hingegen wollte das Zusammensein, und er war nur müde, todmüde, und es machte ihm Angst. Er wollte die Beziehung, mehr als alles andere. Er wollte Tharo, hoffte, dass es Tharo war, der zu ihm gehörte.

Er hatte sich mit Tee aufrecht gehalten und an den Ofen in der Küche geschmiegt. Immer und immer wieder waren Schauer durch seinen Körper gewandert, und er hatte mehr und mehr gefroren. Ein dazugerufener Puppenhelfer konnte nur wenig tun. Das Fieber mit kühlen Tüchern senken, zugleich den restlichen Körper warm halten, mit Ray reden und ihn wecken und wach halten. Er hatte einen Tee aufgebrüht und besorgt gemurmelt, dass Ray binnen weniger Tage verlöschen würde, wenn er seinen Gefährten nicht fand.

Am Morgen, nachdem ihm eine Puppe mitgeteilt hatte, dass die Fähre eingelaufen war, machte Ray sich mühsam an der Wand abgestützt und von einem Schwarm besorgter Puppen umgeben wieder auf den Weg in den Hafen. Ein Meta hatte ihn tragen wollen, aber Ray musste sich bewegen, um nicht einzuschlafen. Er lehnte jede Hilfe ab. Den Blick auf das Pflaster mit den schönen Mosaiken gerichtet, ging er mit kleinen Schritten durch die noch wenig belebten Gassen.

"Ray!" Tharo sah ihn lange, bevor er ihn erreicht hatte; Erleichterung erfüllte ihn, dass sein Schatz noch lebte, aber er sah furchtbar aus, krank und blass und kurz vor dem Verlöschen, und so brüllte er den Namen, so laut er konnte, damit Ray ihn hörte, damit er wusste, dass er da war. "Ray!"

Tharo stürzte zu ihm hin, Puppen stoben aus seinem Weg, Meta wichen ihm aus. Endlich stand er vor ihm und konnte seinen kleinen Menschen in die Arme schließen. Das Gefühl war herrlich, auch wenn Ray sich viel zu kalt anfasste und seine Bewegungen schwach und kraftlos waren. Tharo fühlte sich selber schwach, vor Glück und Freude. "Ray, mein Schatz, mein Liebling, mein Süßer..."

Verwirrt ließ Ray sich hochheben und umarmen. Er war zu müde, um sich zu wehren oder Fragen zu stellen. Doch auch mit geschlossenen Augen spürte er, wie die Wärme zu ihm zurückkehrte. Die Angst vor dem kalten Vergehen verschwand, und Ruhe kehrte in ihn zurück. Er lächelte matt und überließ sich den starken Armen, während er einfach einschlief.

Tharo achtete kaum auf den Meta, der ihn mitnahm und ihn in das Gästehaus führte, in dem Ray die letzten Tage untergebracht gewesen war. Er hatte nur Augen für seinen Schatz, der so klein und hilflos in seinen Armen wirkte.

Vorsichtig legte er ihn auf dem Bett ab und legte sich zu ihm, ohne ihn auch nur einen Moment loszulassen. Schwieriger wurde es, sich und ihn auszuziehen, damit sie sich so eng wie möglich spüren konnten, aber er ließ sich auch dabei nicht helfen. Sorgfältig ruckelte er Ray zurecht, damit sich ihre Zeichnungen ergänzen konnten, und erst dann fühlte er, wie Ruhe ihn zu erfüllen begann. Mit einem Aufseufzen schloss er die Augen; auch er hatte kaum Schlaf bekommen, und nur Momente später war er eingenickt.

 

Genüsslich streckte sich Tharo, als er erwachte. Alles in und um ihn war warm und wohlig, und er fühlte sich herrlich. Herrlich, aber hungrig. Er blinzelte, dann fiel ihm ein, wo er war und was geschehen war. Gleich musste er nach Ray schauen, obwohl er ihn durch die Zeichnungen spüren konnte. Sein Schatz war längst nicht mehr so blass und schlief friedlich, anstatt kurz vor dem Verlöschen zu stehen. Er war warm, lebendig und da.

Ein heißer Glücksschauer rann durch Tharos Körper und ließ ihn kribbelig zurück. Sie hatten sich gefunden, er war nicht mehr allein, sie würden eine Puppe haben! Die Welt war mit einem Schlag so schön, dass er es nicht mehr im Bett aushielt.

Vorsichtig schob er seinen Schatz von sich, vergewisserte sich noch einmal, dass es ihm gut ging, dann zog er sich nach einer raschen Dusche an und lief in die Küche. Wenig überraschend traf er neben zwei Puppen und den Meta, denen das Haus gehörte, Mare und Ula an. Mare briet Omelettes, während Ula ihn von hinten umarmt hielt und an ihm vorbei auf die Pfanne schaute. Nach einer fröhlichen Begrüßung und der Versicherung, dass alles in Ordnung war, sammelte Tharo ein üppiges Essen zusammen, ehe er mit dem Tablett wieder im Schlafzimmer verschwand.

Im Schlaf hatte sich Rays Stirn sorgenvoll gerunzelt, so dass Tharo erst einmal das Frühstück auf ein Nebentischchen stellte und sich zu seinem Schatz legte. Lächelnd fuhr er die Runzeln nach, die sich daraufhin glätteten, dann küsste er zart seine Mundwinkel, die Nasenspitze und wieder den Mund. Er hätte ihn gerne schlafen lassen, aber befürchtete, dass Ray die letzten Tage zu wenig gegessen und getrunken hatte; deswegen fuhr er mit den Liebkosungen fort, bis Ray sich zu regen begann.

Einige Male versuchte Ray, sich den neckenden Fingern zu entziehen. Dunkel erinnerte er sich noch, dass er in Begleitung von einigen Puppen zum Hafen gehen wollte, aber was danach war, kam ihm wie ein Traum vor. War sein kräftiger, wunderschöner Tharo aufgetaucht? Hatte er es tatsächlich rechtzeitig geschafft? Wieder kitzelte ihn etwas, und er versuchte, es fortzuschieben, erwischte eine Faust voller Haare und quälte langsam seine Augen auf.

"Tharo." Ray lächelte und versuchte, sich etwas von dem Caley zu entfernen, um ihn besser sehen zu können. "Hast du tatsächlich das Pech, dass du jetzt noch einen Menschen am Hals hast?" Er schüttelte den Kopf und seufzte. "Dabei bin ich vierzig. Ich bin zu alt für solche Dinge, oder?"

Tharo grinste breit. "In der Nacht, in der wir uns verbunden haben, schienst du mir nicht zu alt für irgendetwas zu sein. Und das hier", ein wenig umständlich schob er eine Hand zwischen ihre Körper, um liebevoll über Rays Zeichnung zu streicheln, "sieht mir auch nicht so aus, als seist du zu alt für eine Verbindung. Was das Pech betrifft..." Er küsste Rays Nasenspitze und sah ihm dann zufrieden in die Augen. "Wieso soll ich es als Pech bezeichnen, dass ich jenseits aller Hoffnung einen zweiten Gefährten gefunden habe? Einen Gefährten, von dem ich kaum die Finger lassen kann, der mich will und der so schön und süß ist wie du. Ich würde eher sagen, dass ich unerhörtes, unverschämtes, unfassbares Glück habe."

Ray lachte auf. "Stimmt, mit dir bin ich nicht zu alt. Ein Glück, dass ich gerade nichts anderes vor hab'." Er stockte und blickte in Tharos Gesicht hinauf. "Ich habe ja die Zeichnung bekommen und mir dann gedacht, dass es wegen dir sein muss und nicht wegen einer Puppe. Puppen wie Ula merken es doch sofort, wenn die Verbindung beginnt. Wie hast du es denn gemerkt?" Verändert sah Tharo nicht gerade aus, strahlender vielleicht und wenn irgend möglich noch kraftvoller, aber eigentlich war er der alte, wundervolle Tharo geblieben.

Tharo küsste ihn einmal herzhaft. "Na, ich habe mich so erschreckt und aufgeregt, als ich von Mare gehört habe, dass du gegangen bist, dass sich unsere Larve gerührt hat. Mach das nie wieder, hörst du? Einfach so weglaufen!"

"Einfach so?! Du hast mich doch quasi weggeschickt mit deinem Gerede davon, eine Puppe zu finden. Pah!" Ray versuchte, die Arme zu verschränken, aber konnte dies nicht tun, weil Tharo im Weg war.

"Larve?", fragte er dann zaghaft nach. "Ich dachte, dass du schon eine Puppe hattest."

"Klar hatte ich schon eine Puppe; Menschen können ja keine bekommen, und Kevin war Mensch, genau wie du es bist. Deswegen muss ich eben zwei kriegen." Tharo zog Ray wieder eng an sich, als sein Schatz den Widerstand aufgab. "Ich habe dich nicht weggeschickt, aber ich habe von einem Caleygefährten geredet, weil Ula Caley ist und Mare gefunden hat. Ich habe gedacht, dass es vielleicht nur so noch einmal klappen kann. Dabei wollte ich die ganze Zeit doch nur bei dir sein." Mit einem kleinen, wohligen Brummen, weil Ray so gut roch und sich wunderbar anfühlte, schmuste er sein Gesicht an Rays Hals. "Es sollte halt so sein, dass wir uns erst im letzten Moment finden. Damit wir uns dann um so mehr freuen können."

Ray seufzte und ergab sich der unschlagbaren Caleylogik. Eigentlich hatte Tharo ja Recht. Der Sex war schon wunderbar gewesen, und Ray sehnte sich danach. Aber erst die Trennung von Tharo hatte ihm gezeigt, wie warm es zusammen war, wie sicher und wie sehr genau das, was er wollte. Die weitere Wanderung und sein restliches Leben lang würde er nie wieder vergessen, dass er auf Caley durch all die Schicksalsschläge zuvor wirklich mit Macht in sein Glück gestürzt worden war. Das Schicksal, an das die Caley bei der Suche nach ihrem Gefährten so fest glaubten, führte die Wege eben doch.

Er schmiegte sich mit geschlossenen Augen an seinen Gefährten und seufzte leise. "Ich bin froh, dass ich hier gelandete bin, Tharo. Sonst würde ich vermutlich noch immer in irgendwelchen Raumstationen auf Arbeit hoffen, einsam in Cafés sitzen und nicht im Geringsten wissen, was Glück ist."

Was Glück war, wusste er nun. Ganz genau sogar. Es war riesengroß, hatte eine wilde Mähne und eine herrliche Brummstimme.


© by Jainoh & Pandorah
 
Ende