Das dunkle Licht

1.

Miro fühlte Neugierde und auch Vorahnungen in sich, als er aus dem Landungsshuttle stieg, die schwarze Tuchtasche in der einen Hand, das Geschenk für die Mönche in der andere. Während er zu der kleinen Holzpagode auf dem Hügel in der Nähe ging, die ihm von dem Sprecher der Senechen, die für die nächsten Wochen seine Gastgeber sein würden, gewiesen worden war, murmelte er stetig Wörter in der ihm noch viel zu fremden Sprache der Ji-Won vor sich hin.

Der Landeplatz war ein Stückchen verbrannte, staubige Erde inmitten eines sehr unwegsamen Regenwaldes. Fliegen umschwirrten ihn, und er pries die Umsicht seines Volkes, stets in Kampfkleidung auszugehen, einmal mehr. Gleich darauf verfluchte er sie, denn die schwarzen festen Hosen und langarmigen Hemden waren nicht gemacht, um in tropischer Sonne zu marschieren. Zudem ging es nicht steil, aber stetig bergan.

Die Pagode hatte zunächst so klein ausgesehen, aber wurde zum einen immer größer, je näher Miro auf sie zuwanderte, zum anderen hatte er die Wegstrecke deutlich unterschätzt; er war durchgeschwitzt, als er endlich auf der Anhöhe in den rettenden Schatten treten konnte. Klingelnde Wimpeln säumten den Durchgang, lenkten den Blick nach oben in das hohe Dach hinauf.

Im Innenraum herrschte dämmriges Licht und stetiger Luftzug von einigen Ventilatorflügeln weit oben unter der Decke. Ringsum saßen eine ganze Reihe von Männern und Frauen, zur Hälfte waren es andere Karkaesen so wie er. Hochgewachsen, militärisch, die auffallenden Haare in Orange, Violett oder Rot waren überall kurz geschnitten.

Als er in den Raum trat, erhoben sich die Karkaesen zudem und grüßten ihn zackig, erkannten ihn nicht nur an seinen Abzeichen, sondern vermutlich auch von den Bannern, die sein Gesicht gezeigt hatten, nachdem er das Alter eines Kriegers erreicht hatte.

Er salutierte nicht, sondern wies die anderen zurecht. "Wir sind hier nur als Einzelpersonen, ohne Namen, ohne Stand und ohne Rang. Salutiert erst auf dem Schiff wieder, wenn wir abreisen." Dann ließ er sich auf einen Eckplatz nieder, der noch frei war. Ein leises Murmeln hatte sich kurz über den anderen Köpfen erhoben, und mit unverhohlener Neugierde ließ Miro den Blick über die Gesichter der Ji-Won schweifen.

Sie sahen sich alle verdammt ähnlich. Schwarzes Haar und dunklere Haut, die Augen frappierten durch die stechenden Farben. Spitze Ohren hatte Miro hingegen schon häufiger gesehen. Er lehnte sich nach einem Rundumblick entspannt zurück und nahm von einem der Mönche, die sie betreuten, dankend einen Becher Wasser entgegen, um mit geschlossenen Augen seine Kräfte zu sammeln und zu warten. Er dachte an die Weissagung, die er noch auf ihrem Heimatplaneten erhalten hatte. 'Ein dunkles Licht zu einem hellen. Ein unausweichlicher Weg.'

 

Unwillig presste Jae-Sun die Lippen zusammen bei den Ehrenbekundungen für den Karkaesen, der eben den Raum betreten hatte. Er sah nicht viel anders aus als die anderen, groß, madenblass, mit feurigen Haaren. Ihre Gesichter waren alle gleich, nur an den verschiedenen Rottönen der Haare und den Abzeichen ihrer Uniformen konnte man sich orientieren. Die meisten hatten stechende Augen, was gut zu einem Volk passte, das von einem Planeten zum nächsten zog, um ihn zu erobern, ohne Verstand und ohne Sinn.

Jae-Sun war nicht der einzige, der den Waffenstillstand und den daraus resultierenden Vertrag inakzeptabel fand, aber er gehörte damit der Minderheit an. Mit ausdruckslosem Gesicht sah er zu den Karkaesen hinüber, den Feinden seines Volkes, die ihren Planeten hatten einnehmen wollen und dabei kläglich gescheitert waren. Auch wenn sie es nun schon seit Jahren versuchten, konnten sie dem Feueratem des großen Drachen Won nichts entgegensetzen. Dass sie dennoch nicht davon abgelassen hatten, zeugte allein von dummer Sturheit.

Aber anstatt sie sich daran aufreiben zu lassen, hatte der Rat mit knapper Mehrheit nicht nur beschlossen, dass ihnen ein Friedensangebot gemacht werden sollte, nein, er lud die Feinde sogar noch auf den Planeten, in die Häuser, in die Betten und mitten in die Herzen der Familien ein.

Jedes Adelshaus der Ji-Won war verpflichtet worden, seine ledigen Kinder mit den Kindern der obersten Herrscherfamilien, den Generälen und Offizieren der Karkaesen zu verheiraten, um auf diese Weise das mit Sicherheit engste und größte Bündnis der gesamten Geschichte des Planeten einzugehen. Und da seine Eltern am eindringlichsten für diese Lösung gesprochen hatten, war Jae-Sun als Thronfolger davon nicht ausgeschlossen. Im Gegenteil, es wurde von ihm auch noch erwartet, dass er mit gutem Beispiel voran ging.

Erst hatte er sich strikt geweigert, auf diesen Mond in diesen Tempel zu gehen, um die Feinde kennen zu lernen und sich mit ihnen vertraut zu machen, selbst nachdem sein Vater es ihm befohlen hatte. Doch dann hatte er die Chance gesehen, die sich dadurch bot. Hierher zu kommen ermöglichte ihm herauszufinden, was die Karkaesen im Schilde führten. Und wenn er Beweise für einen Verrat fand, konnte er diese unmögliche Massenhochzeit verhindern.

 

Miro hatte nach einer Weile des Schweigens genug davon, sich von den unheimlichen Wesen anstarren zu lassen, die er viel lieber als eines ihrer besiegten Völker begrüßt hätte. Er öffnete die Augen und blickte sich wieder um unter ihnen. Sie sahen alle gleich aus und alle gleich böse auf ihn. Diese unheimlich blöde Idee, sich mit ihnen zu verheiraten, um näher an ihre große Waffe zu geraten, war seinem Vater von Beratern unterbreitet worden. Er hatte den Vorschlag durch einen neutralen Boten einschleusen lassen in das verbarrikadierte Land.

Es hatte Miro verwundert, dass die Ji-Won darauf eingegangen waren. Nicht so sehr hatte es ihn verwundert, dass er als nächstes den Befehl erhalten hatte, sich mit dem Prinzenkind, vermutlich einer verweichlichten Tochter, die noch nicht anderweitig verheiratet war, zu verbinden, um den Frieden der Völker einzuläuten.

Frieden hatten die Karkaesen noch nie bewirkt. Sie waren eine Heeresrasse, sie führten Krieg. Zur Verteidigung, zur Eroberung, aber sie verbanden sich nicht in romantischer Absicht mit ihren Feinden. Bis zu diesem Jahr jedenfalls. Noch vier Monate Zeit verblieben, um eine Lösung für das Problem der Ji-Won zu finden, sonst stand Miro und einigen anderen eine Ehe bevor, in der sie alles verlieren konnten. Niemand kannte das fremde Volk.

Er warf einen letzten Blick in der Runde herum, dann sprach er den nächsten männlichen Ji-Won an und stellte sich ein wenig ungelenk in ihrer Sprache bei ihnen vor. "Mein Name lautet Ka'Simiro. Ich fühle mich geehrt, dass ich diese Aufgabe für mein Volk übernehmen darf."

Es überraschte Jae-Sun, dass sie sich die Mühe gemacht hatten, die Sprache der Ji-Won zu lernen. Aber vermutlich hatten sie die gleichen Gründe dafür wie er. Nachdem er sich erst einmal entschieden hatte, hatte er sich wildentschlossen ebenso mit der ihren vertraut gemacht. Natürlich hatte die Zeit nicht gereicht, um mehr als die Basis zu erlernen, was denkbar ungeeignet war, um den Gesprächen der Karkaesen zu lauschen und dadurch mehr über sie zu erfahren. Zusätzlich waren seine Bemühungen dadurch erschwert worden, dass es auf Won weder Lehrbücher noch Lehrer dafür gab.

"Ich bin Jae-Sun. Der König befahl und ich folgte", antwortete er dennoch mit einer abgeänderten Floskel in der fremden Sprache, um die Höflichkeit zurückzugeben. Schuldig wollte er ihnen nichts bleiben. Dann wechselte er jedoch in seine eigene zurück, da seine Kenntnisse zu gering waren. "Ich hoffe, dass diese Zusammenkunft unseren Völkern Verständnis und Frieden bringt."

Beeindruckt neigte Miro einmal seinen Kopf, um dem anderen seine Achtung auszusprechen. Verärgert nahm er wahr, wie all die anderen Karkaesen es ihm nachtaten und sich vor den Fremden verneigten. "Befohlen ist es auch mir, aber ich gehe voran", erwiderte er, jedoch mehr lakonisch denn stolz. Zu seinem Glück kamen etliche Mönche herein und verneigten sich vor allen, reichten ihnen Brote und stellten dann den Sprecher vor.

Miro mochte die stummen Mönche von Senech. Ihre Reptilienkörper mit den stillen Gesichtern, denen einzig die gütigen braunen Augen Wärme verliehen, erzeugten in ihm Ruhe und Zufriedenheit. Sie waren kräftig, konnten hervorragend kämpfen, doch die Senechen hatten sehen müssen, was unsinniges Kämpfen bewirkte. Seit einigen Jahrhunderten waren sie ohne Weibchen, waren nun mehr darauf eingestellt, nach und nach zu sterben und als Rasse auszusterben.

Der Sprecher des Klosters, in dem sonst nur geschwiegen wurde, verneigte sich in die Runde und erklärte dann, dass sie zu Fuß noch ein Wegstück hinter sich bringen müssten. Er entschuldigte sich für die Umstände, ohne es wirklich entschuldigend zu meinen, wenn man sein Grinsen dabei betrachtete.

Als sich die ersten gerade erhoben, winkte er jedoch ab und erklärte ihnen, dass sie immer zwei nebeneinander hergehen würden, jeweils von einem stummen Mönch geführt. "Wir haben die Aufgabe, euch einander näher zu bringen, tretet vor, wenn ich die Namen nenne."

Jae-Sun hielt sich davon ab, verächtlich die Lippen zu schürzen und brachte mit einem Blick eine kleine Gruppe Ji-Won zum Schweigen, die ihrem Unmut durch verärgertes Gemurmel Luft gemacht hatte. Es brachte ihm ein freundliches Lächeln seiner Cousine ein, die einzige seiner Familie, die ebenfalls hier war. Im Gegensatz zu ihm wollte sie dem Treffen wenigstens eine Chance geben.

Jae-Sun seufzte lautlos. Wahrscheinlich waren die Wohnhäuser ebenfalls gemischt, und er fluchte allein bei dem Gedanken, für mindestens drei Monate mit den Karkaesen auf engstem Raum zu leben. Drei Monate, in denen er auch keine Möglichkeit haben würde, zu seinem besten Freund Kontakt aufzunehmen, denn dieser war kein Adliger und somit nicht zu dieser irrsinnigen Hochzeit verpflichtet. Es war nicht das erste Mal, dass Jae-Sun ihn beneidete, aber mit Sicherheit eines der intensiveren.

Widerstrebend oder neugierig fanden sich die ersten Pärchen, je nachdem welcher politischen Fraktion der jeweilige Ji-Won angehörte, und schließlich stand auch Jae-Sun auf, als sein Name genannt wurde. Der Sprecher des Klosters lächelte ihm zu, in den braunen Augen einen Ausdruck, als hätte er gerade etwas unendlich Lustiges ausgeheckt, ehe er den nächsten Namen aufrief. "Ka'Simiro."

Ausgerechnet das Generalssöhnchen, dem seine Leute derart hinterher rannten, dass sie nicht einmal auf einen Befehl hin die Ehrungen unterlassen konnten. Dennoch war Jae-Sun nicht unzufrieden. Ka'Simiro war der einzige, der in der Wartezeit die Stille zwischen ihren Völkern unterbrochen hatte, und wenn jemand mehr über die Pläne der Karkaesen wusste, dann mit Sicherheit er.

 

Schweigend betrachtete Miro die Reihe seiner Leute und verglich das Aussehen der kräftigen, hochgewachsenen Körper, der akkurat geschnittenen flammfarbenen Haare und schwarzen Uniformen gegen die zum Teil nicht nur deutlich kleineren, sondern auch sehr zierlichen Ji-Won mit ihren verspielten und reich verzierten Kleidern, deren Sitz in der schwülen Hitze des tropischen Waldes schon gelitten hatte.

Er trat zu dem offensichtlich in ihrer Politik weiter oben stehenden jungen Mann. Nachdenklich begann er die Wanderung, die zu ihrem Glück aus dem stickigen Wald und einem stetig fallenden Regen, der die Kleider unerträglich und den schmalen Pfad glatt machte, immer weiter hoch führte, bis sie nach einigen Stunden des ermüdenden Gehens bei einer weiteren Holzpagode die Baumgrenze erreichten und ein frischer Wind sie alle zum Erschaudern brachte.

Zu einer Unterhaltung war es nicht gekommen. Zum einen fanden neben Miro sicherlich auch die anderen keine Worte für ein geeignetes Gespräch, zum anderen blieb ihnen schon sehr bald nur noch wenig Atem, um nicht unter Seitenstechen zu leiden. Die Höhe tat ein Übriges. Die meisten sahen atemlos, durchnässt, verdreckt und verärgert aus, als sie in den großen, trockenen Raum traten.

Der Sprecher der Senechen verneigte sich erneut und wies dann auf einige große Tische, auf denen fremde Kleidung lag. Weite Hosen, flache, weiche Schuhe und blaue Wickelhemden, die ärmellos waren und viel Bewegungsfreiheit ließen. Als Zugeständnis an die frische Bergluft hingen dahinter an der Wand ordentlich aufgereiht braune weite Ponchos, die Miro so dermaßen unkleidsam vorkamen, dass er wünschte, ihm wäre nicht so kalt.

Erst als der Sprecher ihnen sagte, dass sie nach ihrem Namen sehen sollten, um sich dann die neuen Sachen anzuziehen, fiel Ka'Simiro auf, dass es nur den einen Raum gab. Zögerlich fragte er den Ji-Won neben sich "Sollten wir nicht draußen warten, bis sich eure Frauen sich umgekleidet haben?" Die weiblichen Karkaesen kannten keine Scham, aber von vielen anderen Völkern war Miro es gewohnt, dass sich die Geschlechter voreinander versteckten.

Irritiert sah Jae-Sun ihn an, und wieder wurde ihm bewusst, wie wenig er die Karkaesen kannte. Ein schlechter Anfang für einen guten Plan, der dringend geändert werden musste. Er wollte gerade antworten, als ihm auffiel, dass sowohl die Ji-Won wie auch die Feuerköpfe sich mehr oder minder bewusst langsam den Kleidertischen näherten, verunsichert davon, dass ihre Anführer zu zögern schienen. "Uns stört es nicht, uns voreinander zu zeigen. Ist es bei euch anders?" Energisch ging er zu einem Tisch hin, ließ seine Blicke über die schlichte Kleidung streifen, auf der Suche nach den Schriftzeichen für seinen Namen.

"Nein. Erfreulich, dass es Gemeinsamkeiten gibt." Und Miro fand es wirklich erfreulich. Zum einen konnte er so die Körper der Ji-Won näher betrachten, weil es im Gedränge ohnehin unvermeidlich war, zudem kamen sie einander durch die gleichförmige Kleidung noch einmal näher. Nicht nur äußerlich. Mehrfach beobachtete Miro mit verstecktem Grinsen, wie sich Karkaesen und Ji-Won bei den Wickelhemden zu helfen begannen, anders war die Kleidung nur schwer anzulegen.

Die Mönche gingen durch die Grüppchen hindurch und teilten warme Brühe aus, halfen beim Umkleiden, zeigten die Wickeltechnik und schafften die Kleidung der Karkaesen und der Ji-Won fort. Miro war nicht beunruhigt. In ihrem Staat war es üblich, den Namen und die Heernummer in alle Kleidungsstücke einzutragen, er würde seine Sachen schon zurück erhalten.

Jae-Sun fühlte sich in der neuen Kleidung unwohl. Sie glich in keiner Hinsicht den schräg geknöpften Hemden mit den Stehkragen und den Hosen, die er gewohnt war, und dass er seine Stiefel gegen halbhohe Schuhe tauschen musste, missfiel ihm. Dass sie hingegen die Siegelringe und ihre Ohrklemmen mit den Wappen der Adelshäuser, die durch zarte Kettchen mit einem Stecker im Ohrläppchen verbunden waren, abgeben mussten, störte ihn nicht, auch wenn er sehen konnte, dass es viele weitaus mehr zögern ließ als alles zuvor. Zum Leidwesen seiner Eltern legte er beides des öfteren ab, um sich unerkannt auf den lebhaften Feiern in den Dörfern herumzutreiben, die einen ganz anderen Charme hatten als die steifen Bälle bei Hofe.

Er grinste beinahe, als er das Schmuckstück in einen flachen Teller legte, mit dem einer der Mönche herumkam. Den Siegelring hatte er bereits zu Hause gelassen, woran die wenigsten der Ji-Won gedacht hatten. Doch das kronprinzliche Siegel auf solch eine Unternehmung mitzunehmen, mitten unter die Feinde, war ihm nicht als ratsam erschienen.

Nachdem sie sich mit der Brühe gestärkt hatten, wurden sie weitergeführt und zu ihren Zimmern gebracht, um sich dort ausruhen zu können, wie der Mönchssprecher ihnen freundlich versicherte. Die Unterkünfte lagen in dem kleinen Dorf, das sich um drei Tempel gebildet hatte. Die einfachen Holzhäuschen waren alle gleich aufgebaut. Sechs Zimmer umgaben jeweils einen überdachten Hof, in dem ein Brunnen und kleinere Sitzgruppen zum gemütlichen Beisammensein einluden.

Jae-Suns anfängliche Befürchtungen wurden noch übertroffen, als er entdeckte, dass Ji-Won und Karkaesen nicht nur in einem Gebäude untergebracht waren, sondern dass die zuvor bestimmten Paare sich auch noch ein Zimmer teilen mussten. Kleine Räume, die nicht sehr reichhaltig ausgestattet waren, zudem gab es pro Hof nur ein Bad und eine Küche. Jae-Sun hätte nicht einmal im Traum daran gedacht, dass er selber würde kochen müssen. Die Überraschung darüber verdrängte sogar die Verärgerung über das geteilte Zimmer.

Miro blickte zweifelnd auf das niedrige Bett mit der dünnen Matratze. Dann wanderte sein Blick unauffällig hinüber zu dem schlanken Ji-Won, der ihm als Partner zum Lernen zugeteilt worden war. Sie waren schweigend in die Räume getreten und schwiegen noch immer, als hätten sie das Gelübde ebenso abgelegt. Während draußen in der nächtlichen Schwärze ungewohnte Gerüche und Geräusche ihn nervös und rastlos machten, vernahm Miro, wie die Mönche, die mit ihnen und weiteren der ungleichen Paare hier wohnten, sich bettfertig machten und recht rigoros das Licht löschten.

"Es ist eigentlich Schlafenszeit, aber ich... fühle mich zu rastlos", gab er zu und warf Jae-Sun einen unsicheren Blick zu. Außerdem würden sie sich mit den Wickelhemden helfen müssen. Die Nachtwäsche lag ordentlich gefaltet und sanft duftend auf der hellen Bettwäsche, die aus Laken in verschiedenen Erdtönen bestand. Wie um sich selbst zu widersprechen gähnte Miro einmal und ließ sich doch auf das niedrige Bett fallen, bevor er die weichen Schuhe abstreifte.

Jae-Sun setzte sich auf sein Bett und ließ sich nach hinten sinken. Der Pferdeschwanz störte, und so zerrte er mit einer Hand das weiche Lederband heraus, das ihn hielt. Eigentlich trug er die Haare nur auf diese Art, wenn er kämpfen musste, doch er hatte es für diese Mission als passend erachtet.

Warum nur hatten seine Eltern und der Rat für diese irrsinnige Hochzeit gestimmt? Natürlich war die Isolation durch die Kriegsschiffe nicht angenehm, besonders auch, weil man die Blockade selbst mit bloßem Auge bei Tag und bei Nacht sehen konnte. Und dann gab es noch die Pessimisten, die sich ängstigten, dass ihre Verteidigung, der Atem des Drachen, irgendwann erschöpft sein könnte. Jae-Sun schnaubte abfällig. Der Atem des Drachen war unerschöpflich.


Kommentare, Kritiken, Lob?
 
by Meike "Pandorah" Ludwig & Jainoh