Das dunkle Licht

3.

"Würdet ihr wirklich jeden Befehl eures Generals befolgen?"

Miro hatte an vielen Abenden versucht, eine Unterhaltung zu beginnen, aber in den ersten Tagen waren sie zu erschöpft gewesen und in der Sprache des anderen noch nicht genügend bewandert, um wirklich reden zu können. Allmählich lag das Schweigen zwischen ihnen eher daran, dass jeder für sich noch immer den Feind vor sich sah. Er wandte sich aus tiefen Gedanken aufgeschreckt um und musste einen Moment lang überlegen. "Ja." Er nickte. "Darauf beruht unsere Sicherheit."

"Auch, wenn er offensichtlich sinnlose Befehle gibt? Ich meine nicht Befehle, hinter denen noch etwas Geheimes vermutet werden könnte, sondern schlicht dumme."

Verwirrt ließ Miro sich auf dem Schlaflager nieder und fuhr sich mit den Fingern durch die kurzen orangegesträhnten Haare, um sie aus der Stirn zu bekommen. "Es gibt keine dummen Befehle." Er blinzelte zu Jae-Sun hinüber und fragte überlegend "Du bist aus der Oberschicht, das ist schon mal klar. Mir ist auch klar geworden, dass du es gewohnt bist, Befehle zu ignorieren. Ist es das? Dass du denkst, wenn dir ein Befehl nicht zusagt, befolgst du ihn einfach nicht?"

Jae-Sun grinste. "Wenn mir ein Befehl nicht zusagt, prüfe ich, ob er Sinn macht oder nicht. Wenn er keinen Sinn macht, befolge ich ihn nicht. Und genau das gleiche macht jeder unserer Barone, Herzöge, Freiherren... schlicht jeder Adlige. Natürlich gibt es Grenzen; der Rat hat mit der Mehrheit beschlossen, dass wir auf euer Angebot eingehen wollen. Deswegen sind auch die hier, die nicht damit einverstanden sind. Um dem eine Chance zu geben. Aber wenn sie einsehen, dass es nicht tragbar ist, werden sie sich dagegen wenden, gleichgültig, was Rat und Königspaar sagen."

"Deswegen sind auch die hier, die nicht einverstanden waren", wiederholte Miro und lächelte leicht. "Alle, die hier sind, benehmen sich, als seien sie nicht einverstanden. Ganz offensichtlich findet ihr also, dass es ein dummer Befehl ist." Die Unterhaltung hatte begonnen, und Miro wollte etwas ansprechen, das ihn schon länger beschäftigte. "Wie werden die Ehen in deinem Volk sonst geschlossen?" Aufmerksam betrachtete er das ihm mittlerweile so vertraute Gesicht von Jae-Sun und versuchte, die Mimik zu interpretieren.

"Nein, es finden eben nicht alle, dass es ein dummer Befehl ist. Die Mehrheit ist einverstanden gewesen, sonst wären wir nicht hier. Die Aufgaben der Mönche sind es, die Unwillen hervorrufen. Aber sie werden erledigt. Allein daran kannst du schon sehen, dass wir gewillt sind, dem Bündnis eine Chance zu geben." Jae-Sun rutschte gegen die Wand zurück und zog ein Bein an. "Ansonsten schließen wir Ehen so, wie es uns gefällt. Manche nach politischen Gesichtspunkten, manche nach gefühlsmäßigen. Manche auch nach beiden, das sind die glücklichsten."

"Politisch und gefühlsmäßig. Ihr sucht nicht die am besten passenden Partner und verbindet eure Familien der Freundschaft halber." Sinnend tippte Miro sich gegen das Kinn. "Das ist interessant. Gefühlsmäßig. Meinst du, dass ihr euch der Verliebtheit wegen verheiratet?"

Jae-Sun nickte, während er sich fragte, wie der Karkaese es trotz des stechenden Blicks aus seinen dunkelgrünen Augen schaffte, so nachdenklich, beinahe verträumt zu wirken. "Sicher. Aber wie definierst du die am besten passenden Partner? Da gibt es ja immer mehr als einen Gesichtspunkt. Am besten passend scheint momentan zu sein, einen Ji-Won mit einem Karkaesen zu verheiraten. Manch einer sieht das ganz anders und verzehrt sich nach jemanden, den er auf Won zurückgelassen hat deswegen. Und findet sehr wohl, dass dieser Jemand der am besten passendste ist, wohingegen die Eltern des Ji-Won denken, dass eigentlich das Kind der Familie des Nachbarreiches am passendsten wäre."

"Verzehrst du dich gerade nach jemandem, den du auf Won zurücklassen musstest?" Das Konzept dieser Verliebtheit und der Ehe nach dem Wunsch der Eltern war Miro nicht neu. Viele Rassen verfuhren danach, und der Umfang des Betrugs innerhalb dieser Beziehungen hatte Miro bereits gezeigt, dass es kein für ihn akzeptables Verfahren war.

Jae-Sun dachte an seinen Liebhaber und schüttelte den Kopf. Sie genossen einander, und es war angenehm, aber dass er sich nach ihm verzehrte, konnte er nun wirklich nicht behaupten. "Wie schließt ihr Ehen?"

"Karkaesen sind nicht besonders gut verwurzelt, nur unsere Familien sind unser Halt und der Antrieb voranzukommen, das All einzunehmen. Daher schließen wir sehr gern Ehen zum einen mit befreundeten Familien, indem wir daraus einen Partner nehmen, der passend ist und dem wir vertrauen können. Oder aber wir schließen Ehen mit den Völkern, mit denen wir nach einer gewonnen Schlacht leben können." Miro dachte an seine verstorbene Frau zurück. Sie war ebenso keine Karkaesin gewesen, sondern von einem anderen Planeten. Er trauerte nicht sehr um sie, aber fühlte sich schon allein, auch wenn sie sich noch nicht miteinander verbunden hatten.

"Also ist das nichts ungewöhnliches, was ihr hier mit uns versucht. Nur, dass wir nicht erobert sind." Der Gedanke brachte Jae-Sun Zufriedenheit.

"Nein, nichts ungewöhnliches." Miro schüttelte leicht den Kopf. Dann erklärte er weiter "Nach der Eheschließung, die mit einer kleinen Feier begangen wird, trennen sich die beiden Partner, um mit einem besonderen Geschenk zur Ehrung des anderen und seiner Familie wiederzukehren. Wenn sie sich wiedersehen, geschieht das auf Karkas, unserem Heimatplaneten. Es geschieht in der blauen Grotte, in deren Wasser unsere Kinder zur Welt kommen, in deren Wasser die Kranken heilen und die Toten Ruhe finden. Dort öffnen wir uns, und alle Grenzen werden gelöst, alle Geheimnisse offenbart." Lächelnd nickte Miro und erklärte dann leise bedauernd "Mir war es bislang noch nicht vergönnt, dies mit jemandem zu teilen, aber ich freue mich schon sehr darauf."

Jae-Sun hob die Augenbrauen, dann erklärte er sicher "Ich bezweifle, dass König und Rat zustimmen werden, dass ihr sämtliche Kinder des Adels auf Karkas mitnehmen könnt, um sie dort in eine Grotte zu bringen. Ihr werdet euch mit einer Alternative zufrieden geben müssen." Skeptisch sah er den anderen an, der lächelnd beinahe hübsch war, nun, da sich Jae-Sun an die fremde Bleichheit und die feurigen Haare gewöhnt hatte. "Und was die Geheimnisse betrifft... um alle Geheimnisse zu offenbaren, braucht es wohl mehr als nur ein Ritual. Vertrauen wächst nicht von heute auf morgen. Und ganz gewiss nicht zwischen Ji-Won und Karkaesen."

Miro schüttelte den Kopf. "Es gibt keine Alternative zu dieser Grotte. Die Salze und die Aura dort öffnen den Geist und ermöglichen es einem, so schnell zu lernen und zu sehen, wie man nirgends sonst etwas lernen kann. Natürlich würde man nicht alle auf einmal dorthin bringen. Daran haben die obersten Befehlshaber auch gedacht. Zudem braucht jeder sicherlich eine andere Zeitspanne, um sich der Achtung seiner Partnerin oder seines Partners zu versichern." Er streifte seinen Partner für diese Zeit mit einem unsicheren Blick, dann fügte er hinzu "Und in der Grotte kann man sich des Verständnisses nicht erwehren. Es wäre keine Frage des Wollens, nur eine des sich Öffnens."

Jae-Sun gefiel die Erklärung. Im Rat würde sie mit Sicherheit einige der zögernden Zustimmenden auf die Seite derer bringen, die der Hochzeit ablehnend gegenüber standen. Ein Ort, an dem man so schnell lernen konnte wie nirgends sonst, wie man sich der Ji-Won und ihrer Waffen bedienen konnte. Ein Ort, an dem man Geiseln halten konnte. Ein Ort, an dem man mit irgendwelchen eigenartigen Salzen den Geist umnebeln und beeinflussbar machen konnte. Und von dem die Karkaesen behaupteten, es könne nur der eine sein, also ganz oder gar nicht. Er lächelte ein wenig. Das war ein großer Punkt auf seiner Liste für gar nicht. "Und wenn man sich nicht öffnen will?"

Miro zuckte mit den Schultern und senkte den Blick auf seine Händen, die er begann, mit einem Heilöl einzureiben, da sie von der schweren Arbeit der letzten Tage noch immer rissig und wund waren. "Ich bin in der Grotte aufgewachsen, so wie alle Karkaesen, und ich würde sie liebend gern wiedersehen, noch viel lieber mit einem Wesen an meiner Seite, dem ich mich anvertrauen könnte", meinte er nach einem kurzen Schweigen.

Ein leichtes Klopfen an ihrer Schiebetür unterbrach ihn, bevor er Jae-Sun fragen konnte, ob er die Karkaesen wirklich so grauenhaft fand, wie er immer tat. Die Majorin neigte entschuldigend den Kopf und hob einen Tiegel mit Salbe hoch. "Hyu-Jun weigert sich, mir dabei zu helfen. Kannst du meine Hand verbinden, Miro? Die Haut reißt immer wieder ein und blutet."

Miro deutete auf die Liege neben sich, und sie ließ sich mit einem kleinen Ächzer nieder. "Ich hoffe, ich störe nicht." Unsicher blickte sie zu Jae-Sun hinüber und strich sich die Haare mit den Handrücken hinter die Ohren. Tatsächlich sahen die Finger schlimm aus.

Miro legte das Öl beiseite. "Ich bin gerade selber dabei, meine Wunden zu pflegen. Zum Glück ist die Mauer sehr bald abgebaut." Er zögerte und warf einen kurzen Blick auf Jae-Sun, der noch immer stand, angespannt auf eine anklagende Art. "Jedenfalls die Mauer auf dem Berg oben", meinte er dann mit einem schiefen Lächeln.

Gleichmütig erwiderte Jae-Sun den Blick. Die andere würde weiterhin bestehen bleiben, ganz gewiss um so mehr, wenn die Karkaesen alle Fragen so ausweichend beantworteten wie Ka'Simiro. Er wartete, bis die Frau den Raum wieder verlassen hatte, ehe er fragte "Und was ist, wenn man sich nicht öffnen will? Wenn man sich weigert, zu der Grotte zu gehen? Sind eure Verbindungen dann nicht mehr wert als Stroh im Feuer?"

Miro hatte Ka'Stern, der dunkelhaarigen Majorin, ein wenig betrübt nachgesehen. Über seinen Vater waren ihre Familien miteinander verbunden, und so tat es ihm leid zu sehen, dass sie sich offensichtlich von dem Aufenthalt bei den Mönchen mehr versprochen hatte als er. Sie war enttäuscht. Die Verletzungen der Hände rührten daher, dass sie all die Arbeit für ihren Partner mitgemacht hatte, der in der Zeit oben auf dem Berg mit etlichen anderen Ji-Won lieber versucht hatte, sich über die Karkaesen lustig zu machen.

Miro ignorierte die Frage und fragte anstelle dessen "Wie zeigt ein Ji-Won, dass er einen anderen hasst? Kämpft ihr dann?"

Jae-Sun runzelte die Stirn. "Was bedeutet es bei deinem Volk, wenn eine Frage beständig ignoriert wird? Die offensichtliche Antwort ist wahr, soll aber nicht zugegeben werden? Man achtet das Gegenüber nicht? Oder ist die Antwort derart offensichtlich, dass es sich nicht lohnt, sie noch einmal auszusprechen?"

Mit einem Auflachen schüttelte Miro den Kopf, dann erwiderte er langsam "Ich kenne niemanden, der nicht in die Grotten wollte. Ich kenne welche, die es nicht gewagt haben, aber Feigheit und Vertrauen sind zwei unterschiedliche Dinge."

"Aber die Verbindung ist nicht weniger wert dadurch?", hakte Jae-Sun nach, während er noch die Verblüffung über seine Gefühle bei dem offenen Lachen zu verwinden versuchte. Ließ das Lächeln Miro hübsch wirken, machte das Lachen ihn attraktiv. Es brauchte seine Augen zum Funkeln wie kostbare Edelsteine. /Ich hatte zu lange keinen Sex mehr, das ist alles./

"Hinterher nicht mehr." Miro legte sich auf den Rücken und verschränkte die Hände hinter dem Kopf. Mit Blick auf die einfache Holzdecke fragte er "Ist es nicht besser, von Anfang an voll zu vertrauen und zu wissen, anstatt eines Tages durch einen Zufall von lebenslangem Betrug zu erfahren?"

"Ist es nicht langweilig, alles zu wissen und nicht mehr überrascht werden zu können?" Jae-Sun stellte sich das Leben der Karkaesen mit einem Mal ziemlich uninteressant vor. In der Partnerschaft alles voneinander zu wissen, nur nach den Befehlen der obersten Heeresführung zu leben und das Denken am Ende ganz einzustellen. Kein Kribbeln, kein Risiko, nur die Frage, ob man bei der nächsten Schlacht starb. Nein, das war nichts für ihn. "Du hast mich nach dem Hass gefragt. Es kommt darauf an, wer wen hasst. Ganz besonders auf das Wer. Das kann von Ignorieren bis über öffentliches Anfeinden bis hin zu Intrigen reichen. Ist es bei euch anders? Könnt ihr überhaupt hassen?"

"Natürlich. Wir kennen nur unsere Partner wirklich. Alle anderen Karkaesen sind uns fremd. Weil wir kriegerisch sind und immer waren und immer sein werden, ist es besser, wenn man den Befehlen folgt, als sich in Fehden zu verstricken." Miro hob den Kopf und nickte zum Fenster. "Die Senechen, diese lieben Mönche hier, gehörten einmal einer der tödlichsten Rasse des Universums an. Ihre Frauen sind mit Gift bewaffnet, und sie haben solange Krieg gegen jeden auch einander geführt, bis alle Frauen tot waren. Jetzt sterben sie langsam aber sicher aus. Das sollte jedem Volk eine Warnung sein, nicht wahr?"

Jae-Sun konnte nicht anders als lachen. "Das sagst ausgerechnet du mir? Nehmt es euch selbst zu Herzen, wir haben niemanden angegriffen, nur uns verteidigt." Dann verstummte er und schüttelte den Kopf. "Ich fürchte, die Mönche werden uns mehr als nur Mauern abtragen lassen müssen, damit wir einander verstehen. Freundschaft gehört für mich zum Leben dazu, nicht nur das Vertrauen zu einem einzigen Partner. Yun-Ho ist mein bester Freund, auch wenn er vom Stand her unter mir steht, und in seine Hände würde ich ohne zu zögern mein Leben legen. Ohne Rituale, ohne Hochzeiten. Aber ich kenne ihn nicht bis ins kleinste Detail, was einiges an Überraschungen mit sich bringt. Ohne die wäre es langweilig."

Miro war über den Gedanken überrascht, aber es weckte eine gewisse Eifersucht in ihm, wenn Jae-Sun, der nun fast ausschließlich mit ihm zusammen war, freiheraus von einem anderen sprach, von einer Freundschaft, in der er sein Leben anvertrauen konnte. Er drehte den Kopf und betrachtete den anderen Mann nachdenklich, halb in den Schlaf sinkend, halb in Tagträumen gefangen.

Die Ji-Won waren zierlich und zäh zugleich, sie strahlten in ihren Bewegungen eine Eleganz ab, die den Karkaesen gänzlich fehlte. /Vielleicht ist es nicht Eifersucht, sondern Neid darauf, dass jemand ohne großes Zutun etwas erreicht hat, das ich niemals haben werde./ Er blinzelte, um den Blick von Jae-Sun abzuwenden, dann murmelte er lakonisch "Wer vertraut schon einem Feuerteufel."

"Vermutlich nicht die Völker, die gerade unterworfen wurden. Und einen anderen Kontakt scheint ihr ja nicht zu suchen", antwortete Jae-Sun prompt, dann wurde ihm bewusst, dass sein Volk eben nicht unterworfen worden war. Nachdenklich erwiderte er Ka'Simiros Blick für einen Moment. Allerdings arbeiteten die Karkaesen gerade an einer anderen Art der Unterwerfung. Er konnte sich nicht vorstellen, erst recht nicht nach dem, was er eben erfahren hatte, dass sie wirklich auf eine friedliche Einigung aus waren. Er ließ sich auf sein Bett sinken, zog die Decke über sich und drehte dem Karkaesen den Rücken zu.

Seufzend vermerkte Miro, dass es eine längere Unterhaltung gewesen war. /Beim nächsten Mal werde ich ihn fragen, was er über die Prinzenfamilie weiß. Vielleicht ist es eine nette Prinzessin, die nicht so ablehnend und misstrauisch ist./

 

Die nächste Gelegenheit zu einer Unterhaltung ergab sich jedoch erst einige Tage später. Die Mönche trieben sie mit freundlicher Persistenz weiter an, die Mauer abzutragen. Zu der Überraschung beider Seiten legten sie nach und nach den Beginn eines Tunnelsystems frei, das tief in den Berg führte. Eine Seilwinde kam zum Vorschein, an der sogar noch ein intakter Korb hing, durch die Abgrenzung von der Außenwelt waren die Anlagen im Berg nicht vermodert.

Als Miro den Sprecher der Senechen fragte, wozu diese Anlage gebraucht worden sei, bekam er eine fahrige Antwort. Und weil dieses Ausweichen ihn misstrauisch machte, begab er sich am frühen Abend, anstelle zum Baden an den See zu gehen, wie sie es sonst getan hatten, in die Bibliothek, die sich in der Mitte des großen Morgentempels befand.

Der Tempel war leer. Die Mönche waren alle im Tempel des Abends oder bereiteten das Essen vor, so war es angenehm ruhig, und Miro genoss es, ganz allein zu sein. Er fand einige Manuskripte und Karten von den Minen, die von den Senechen vor ihrer ruhigen Zeit betrieben wurden. Offensichtlich waren wertvolle Erze hier geschürft worden, Raumschiffe gebaut und Waffen bestückt. Die Senechen hatten die Minen dann zugeschüttet, als sie schworen, nur noch stumm und friedlich zu sein.

Miro kopierte zwei der besonders detaillierten Karten von den Gängen in sein Notizbuch, in dem er auch die Vokabeln der Ji-Won niederschrieb, um sie nicht zu vergessen. Nach und nach wurde er müde und bemerkte, dass er auf dem Pult einschlief, er konnte es nicht mehr verhindern.

Jae-Sun hatte es ebenso sehr genossen, ohne seinen ständigen von den Mönchen verordneten Schatten zu sein, wie sich mit den Ji-Won austauschen zu können; denn bei den abendlichen Badegängen trennten sich die Wege der beiden Völker, so dass sie unter sich waren. Es war Entspannung und Erleichterung, einfach nur so sein zu können, wie man wollte, ohne dass Erwartungen an sie geknüpft waren, ohne aufpassen zu müssen, keine Fehler zu machen.

Leider war es nötig geworden, dass er einige der stureren Ji-Won ermahnte und ihnen in Erinnerung rief, dass es ihnen erlaubt war, die Karkaesen zwar weiterhin nicht zu mögen, aber es nicht in offenen Hass umschlagen durfte, selbst wenn ihnen danach zumute war. Andere vertrugen sich jedoch seinem Geschmack nach viel zu gut mit dem fremden Volk. Seine Cousine Jae-Min schien derart begeistert von ihrem Partner zu sein, dass ihr Gesicht schon einen beinahe schwärmerischen Ausdruck zeigte, wenn sie von ihm erzählte. Bei anderen entwickelte sich so etwas wie eine zögernde Freundschaft oder zumindest Respekt. Der Rat wäre begeistert, was Jae-Sun verstimmte.

Noch immer nicht sonderlich gut gelaunt kehrte er schließlich früher als normal in ihr Haus zurück. Er machte sich etwas zu essen, vermisste flüchtig die Diener, die es schon längst für ihn angerichtet hätten, und ging dann in den Innenhof, um auf einem der Polster sitzend zu dem Oberlicht zu starren und über die Karkaesen im Allgemeinen und Ka'Simiro im Besonderen nachzudenken. Langsam kehrten die anderen zurück, er hörte ihre Stimmen, die Laute, als sie sich fürs Bett fertig machten, Türenklappern. Nur die Tür zu dem Raum, den er sich mit Ka'Simiro teilte, blieb geschlossen, kein Geräusch drang aus dem Zimmer.

Zuerst bemerkte Jae-Sun es nicht, aber nach und nach wurde er unruhig. Er lauschte und stand schließlich sogar auf, um nachzuschauen, ob er ihn nicht einfach überhört hatte. Doch der Karkaese war wirklich nicht zurückgekommen. Gereizt runzelte Jae-Sun die Stirn. Wenn dem Rotschopf etwas geschah, wurden mit Sicherheit die Ji-Won dafür verantwortlich gemacht. Nicht, dass er etwas gegen ein Ende der Friedensbemühungen gehabt hätte, aber ganz gewiss nicht durch eine Lüge. Missmutig wartete er noch eine Weile, dann stapfte er los, um den Karkaesen zu suchen.


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by Meike "Pandorah" Ludwig & Jainoh