Das dunkle Licht

4.

Lange brauchte Jae-Sun nicht für seine Suche und ärgerte sich gleich noch mehr, dass er sich überhaupt Sorgen gemacht hatte, als er Ka'Simiro schlafend in der Bibliothek vorfand. Er mied sie, nachdem er festgestellt hatte, dass fast nichts in der Sprache der Ji-Won zu finden war und der Karkaese im Gegensatz zu ihm deutlich mehr Sprachen beherrschte und mit den gesammelten Werken etwas anfangen konnte. Er hatte keine Lust, neidisch auf ihn zu sein.

Das rote Haar war länger geworden und wirr um Ka'Simiros blasses Gesicht verteilt, dem selbst die Sonne kaum Farbe hatte verleihen können; im Schlaf sah er beinahe friedlich aus. Die Anspannung war aus ihm gewichen, die Lippen hatten sich leicht geöffnet. Ein wenig schadenfroh dachte Jae-Sun, dass Ka'Simiro bestimmt am nächsten Tag einen schmerzenden Rücken hätte, wenn er nicht bald aufwachte. /Das darf ich dann aber ausbaden, wenn es wieder ans Schaufeln und Schleppen geht. Außerdem ist das kindisch./ Mit einem kleinen Seufzen gab er sich noch einen Moment dem Kind in sich hin, dann trat er zu dem anderen und legte ihm die Hand auf die Schulter. "Schläft es sich gut auf Büchern?"

Ka'Simiro hatte Jae-Sun den Arm auf den Rücken gedreht und ihn unter sich auf den Boden geworfen, noch bevor er erwacht war. Hastig ließ er den kleineren Mann los, als er ihn erkannte und half ihm auf. "Tut mir leid, ich... habe mich erschreckt. Ich bin wohl müder gewesen, als ich gedacht hatte. Geht es? Habe ich dir etwas gebrochen, Jae-Sun?"

Jae-Sun war noch immer verblüfft von der Geschwindigkeit, mit der Ka'Simiro ihn überwältigt hatte. Er hatte sich bis eben für ganz gut gehalten, aber gegen den Karkaesen hätte er nicht einmal dann eine Chance gehabt, wenn er damit gerechnet hätte. Die schmerzende Schulter reibend grummelte er mit widerwilliger Bewunderung "Dich wecke ich nicht noch mal, bloß weil ich denke, du könntest dir was verspannen."

Miro lächelte leicht und rollte die Schriften zusammen, um sie in ihr Regal zu bringen. "Du hast dir Sorgen gemacht? Meinetwegen?"

Jae-Sun wollte etwas passendes erwidern, doch noch ehe er ein Wort hatte sagen können, schloss er den Mund wieder. Die Antworten, die ihm in den Sinn kamen, waren entweder gelogen, übertrieben oder derart ablehnend, dass man sie nicht ernst nehmen konnte. "Was machst du überhaupt hier, so mitten in der Nacht? Bist du morgens noch nicht müde genug?"

Miro rieb sich den Nacken und strich sich die Haare aus der Stirn, wie immer, wenn er Zeit gewinnen wollte. "Ich hab mir das mit den alten Minengängen durch den Kopf gehen lassen. Sie scheinen schier endlos durch den ganzen Planeten zu ziehen. Äußerlich ist der Planet nicht entwickelt, aber im Innern von Maschinen und Mienen durchlöchert wie ein Käse... so sagt man doch bei euch, nicht?" Er trat dichter an Jae-Sun heran und sagte leiser "Deswegen hab ich mal nachgesehen, ob es Pläne von den Gängen gibt. Die gibt es, leider ohne Bezeichnung, welche Mine es ist."

"Nein, man sagt löchrig wie ein altes Haus, wegen der Holzwürmer im Gebälk und der Mauselöcher im Keller", korrigierte Jae-Sun, ohne darüber nachzudenken. Überrascht, dass er das Gefühl hatte, einen der Gedanken des Karkaesen erraten zu haben, sah er ihn an. "Du vertraust den Mönchen nicht?" Dann musste er jedoch grinsen. "Ach, ich vergaß, du vertraust niemandem."

"Nur meinem Partner oder meiner Partnerin kann ich vertrauen", widersprach Miro gelassen und winkte Jae-Sun. "Wollen wir uns auch schlafen legen?" Sie gingen leise hintereinander her über die schmalen Pfade, die zwischen den Holzhäusern verliefen. Als sie in die Nähe ihres Hauses kamen, stockte Miro abrupt.

Vor ihnen stand einer der knorrigen kleinen Obstbäume, und darunter saßen die Majorin Ka'Stern und Hyu-Jun und küssten sich. Blinzelnd versuchte Miro das Bild vor seinen Augen zu klären, dann breitete sich ein Lächeln über sein Gesicht aus. Die Mönche hatten offensichtlich nicht falsch gelegen mit ihrer Taktik.

Jae-Sun wäre fast gegen Ka'Simiro geprallt. Als er den Grund dafür sah, verdunkelte sich seine Miene für einen Augenblick, und er fühlte sich betrogen. Hyu-Jun war immer einer derjenigen gewesen, auf die er sich wegen der Karkaesen verlassen zu können gemeint hatte. Und jetzt wurde genau dieser von seinen eigenen Gefühlen verraten. Dann kamen ihm Ka'Simiros Worte wieder in den Sinn; nachdenklich sah er auf den wuscheligen Hinterkopf, der im Mondlicht so dunkel wirkte.

Da er nicht stören wollte, stieß er den anderen nur auffordernd an, auch wenn er gleich darauf zusammenzuckte, weil er einen neuerlichen Angriff erwartete. Doch es kam nichts, stattdessen setzte sich der Karkaese nur wieder in Bewegung. So lautlos wie möglich betraten sie das Haus. Erst als sie wieder in ihrem Zimmer waren, sprach Jae-Sun seinen Gedanken aus. "Nicht alle Karkaesen scheinen so misstrauisch wie du zu sein und auf Partnerschaften zu bestehen."

"Ich finde es auch schade, wenn man seine Zeit verschwendet, obwohl man sich attraktiv findet. Vielleicht, um dich zu beruhigen, wollen sie nur Sex voneinander. Vielleicht sind sie gar nicht füreinander bestimmt, denn wenn..." Miro stockte mitten in der Tätigkeit, die er schon mechanisch wie an jedem Abend aufgenommen hatte. Er war gerade dabei gewesen, Jae-Sun aus dem engen geschnürten Oberteil zu helfen. Verwundert über seinen Gedanken senkte er seine Hände und trat einen Schritt zurück, dann meinte er neckend "Vielleicht haben sie schon die passenden Partner zusammen eingeteilt?"

Jae-Sun lachte und drehte sich um, damit er Ka'Simiro ins Gesicht sehen konnte, während er den Stoff des Hemdes abstreifte. "Dann wäre ich mit dem misstrauischsten der Karkaesen gestraft", neckte er zurück. "Und dieser mit mir, denn ich möchte erst Vertrauen und dann eine Hochzeit."

Miro hob seufzend die Schultern. "Misstrauischer als mein Vater bin ich sicherlich nicht. Aber dafür wäre ich mit dem verwöhntesten aller Ji-Won gestraft, wer kann so etwas schon aushalten, zudem..." Unsicher machte Miro eine Pause, in der er Jae-Sun den Rücken kehrte, damit ihm dieser mit den Bändern seines Hemdes helfen konnte. Er sah auf sein Schlaflager und dachte an die Dinge zurück, die er in der geistigen Phase seines Lebens gelernt hatte, jedoch nie hatte ausprobieren können. "Außerdem habe ich keinerlei Erfahrungen, was man als Ji-Won von einem Liebhaber so erwartet. Die Karkaesen verbinden die Körper erst nach dem Geist, und zu der Zeit hat man dann nicht nur eine Ahnung, sondern sogar ein sicheres Wissen. Bei dir... ich hätte nicht einmal eine Ahnung."

Jae-Suns Grinsen wurde breiter, und unerwartet begann ein kleines Kribbeln in seinem Bauch. Es brachte ihn dazu, die Hände auf Ka'Simiros Schultern zu legen, den anderen ein wenig an sich zu ziehen und neben seinem Ohr zu sagen "Das ist schon mal ein netter Anfang, um interessant für diesen einen Ji-Won zu sein. Alles andere... lässt sich finden."

Irritiert streifte Miro mit dem Hemd auch die Hände seines Partners ab und drehte sich zu ihm um. "Meine Ahnungslosigkeit macht mich interessant für dich?"

Jae-Sun lachte leise und ließ seinen Blick über den kräftigen Körper streifen, der nach wie vor madenbleich war. Aber mittlerweile hatte er sich daran gewöhnt, ihn jeden Abend vor sich zu sehen; die Abneigung war langsam gewichen und hatte einer Neutralität Raum gemacht, die Platz für andere Beobachtungen ließ. /Vielleicht eher wie Creme. Und er fühlt sich auch so weich an, trotz der Muskeln überall./

"Ja, genauso wie dein schöner Körper. Aber das interessiert dich wahrscheinlich nicht." Das Bedauern darüber kam ebenso unerwartet, wie das Prickeln es zuvor gewesen war.

Miro legte den Kopf schief und erwiderte den Blick, mit dem Jae-Sun an seinem Körper entlang gestrichen war. Der andere Mann war kleiner und zierlicher, aber sicherlich nicht untrainiert. Die Ji-Won trainierten sogar sehr gern mit hölzernen Schwertern, die sie im Dorf der Mönche anstelle ihrer filigran verzierten Waffen verwenden mussten. Der Kampf wirkte stets wie ein Tanz, und Miro hatte das kleine dunkelhaarige Volk um seine Eleganz beneidet. Und er hatte ihre Körper vom ersten Tag an schön gefunden. Verwirrend gleichförmig, aber dennoch begehrenswert.

/Er findet meinen Körper schön? Er hat all die Zeit über etwas anderes gesagt./ Nachdenklich ließ Miro sich auf der Fensterbank nieder. Durch das Insektentuch hindurch konnte er nur Schemen des gegenüberliegenden Hauses erkennen, wo ein Nachtlicht flackernd brannte. "Du hast zu deinen Freunden immer gesagt, dass wir wie Maden oder besser noch Raupen mit giftigem Haar aussehen, Jae-Sun. Hast du das nicht ernst gemeint, sondern nur gesagt, um dich selber davon zu überzeugen, wie abstoßend wir sind?"

"Es war ernst gemeint", gab Jae-Sun zu und folgte Ka'Simiro, der ihm den Rücken zugewandt hatte. Als er sich neben ihn ans Fensterbrett lehnte, spürte er Schmerz an der Stelle, mit der seine Hüfte bei dem Angriff des Karkaesen auf dem Boden aufgekommen war, doch ignorierte ihn. Seine Hand zwischen die Schulterblätter legend betrachtete er den Unterschied ihrer Haut, das Cremeweiß des anderen zu seinem hellen Bronzeton. "Meine Liebhaber bisher waren alle dunkler als ich. Kein Ji-Won ist so hell wie ihr. Es hat mich irritiert, doch jetzt, wo ich mich daran gewöhnt habe, sehe ich, dass es sehr wohl schön sein kann." Langsam ließ er die Finger auf dem Rücken nach unten gleiten, genoss das Gefühl, das damit einher ging und das er vermisst hatte. Weiche Wärme, sich bewegende Muskeln.

Ein leichter Schauer rieselte durch Miros Körper und ließ sich kribbelnd in seiner Magengegend nieder. So hatte er es nicht gelernt und hatte nie gedacht, dass es sein würde. Er hatte immer fest geglaubt, dass er in der Grotte sein würde, dass er den anderen Körper kennen würde wie sich selbst, und niemals hatte er mit dieser Aufregung gerechnet, die ihn ergriff. Überrascht stellte er fest, wie sein Puls sich beschleunigte und wie er sich der Anwesenheit des anderen übermäßig bewusst wurde. Verwirrt hob er eine Hand vor seine Augen und flüsterte "Mir wird ganz warm."

Jae-Sun lächelte und stieß sich von der Fensterbank ab, ließ seine Hand aber auf Ka'Simiros unterem Rücken liegen. Von dort wanderte sie langsam auf seine Taille, als er um ihn herum ging, bis er vor ihm stand.

"Das gehört dazu", sagte er leise und strich mit den Fingerrücken über Ka'Simiros Wange, während er ihm in die Augen sah. Das erste Mal fiel ihm bewusst auf, dass sie grün waren. Dunkelgrün wie ein tiefer Waldsee. Atemlos hielt er den Blick fest, vergaß, dass es ein Feind war, den er vor sich hatte, als er das schlanke Gesicht mit beiden Händen umfing, um es in dem dunklen Rahmen nur noch mehr bewundern zu können. Er beugte sich vor, und ehe er darüber nachdenken konnte, berührte er die vor Verwunderung leicht geöffneten Lippen mit den eigenen.

/Vorsicht/, warnte sein langsam wiedererwachender Verstand ihn, als keine Reaktion von dem anderen kam. /Er kennt das nicht./ Es brachte Jae-Sun erneut zum Lächeln, und nach einem sehr weichen und sehr keuschen Kuss beendete er es bereits wieder, ohne all das zu tun, was er normalerweise so gerne tat.

Miro fühlte sich wie von einer Schockwelle nach einem Sonarangriff umgerissen und hilflos. Sein Atem und sein Puls gingen zu schnell, mühsam brachte er beide wieder unter Kontrolle, dann erst nahm er wahr, dass Jae-Sun einen Schritt zurück getreten war, um ihm mehr Raum zu lassen.

Er stand von der Fensterbank auf und sah den anderen an, der ihn beobachtet hatte. "Danke, das war sehr... freundlich, Jae-Sun. Und aufschlussreich." Er lächelte unsicher und hob eine Hand in Richtung des kleineren Mannes, aber ließ sie wieder fallen. "Es hat mich verwirrt, aber auf eine schöne Art." Langsam ließ Miro sich auf sein Schlaflager nieder und legte sich unter die leichte Decke. "Heute hab ich, glaube ich, mehr gelernt als an anderen Tagen."

Jae-Sun konnte sich einfach nicht gegen das Lächeln wehren, das noch immer seine Lippen umspielte. Es war schön gewesen, den Karkaesen zu küssen, so unglaublich es selbst für ihn klang. Und wie sehr es diesen verwirrt hatte, konnte er allein schon daran sehen, dass er vergessen hatte, sein Nachtgewand anzuziehen und sich stattdessen in den Hosen hingelegt hatte.

"Vielleicht magst du dich noch umziehen?", fragte er ganz ohne den Spott, den er sich beinahe angewöhnt hatte. Während er das selber tat, fügte er hinzu "Ich habe heute auch viel gelernt. Und auf die Art können wir das gerne noch fortsetzen."

Miro lachte auf und nickte leicht. Während er sich umzog, huschte sein Blick immer wieder zu dem anderen Mann zurück, den er äußerlich so gut schon kannte, aber der ihm noch immer Rätsel aufgab. Im Nachthemd fühlte er sich gleich ein Stück unwohler, weil es so unkleidsam war. Es fiel ihm an diesem Abend zum ersten Mal auf, dass er das Gefühl hatte, sich mit seinem Äußeren für Jae-Sun Mühe geben zu müssen. "Jae-Sun?" Miro hatte sich zwar unter seine Decke gelegt, aber stützte sich auf, um den anderen anzusehen.

"Hm?"

"Wie oft hast du schon geküsst? Wie viele... meine ich." Er kannte dieses Gefühl bereits. Es war zum ersten Mal aufgetaucht, als Jae-Sun schon schwärmerisch von seinem Freund gesprochen hatte, und es kam Miro vor wie Eifersucht, auch wenn er es sich nicht eingestehen wollte.

Jae-Sun drehte sich zu ihm um und richtete sich halb auf, stützte den Kopf auf die Hand. "Ich weiß es nicht. Habe nicht gezählt. Aber du meinst richtige Küsse in einer längeren Beziehung? Das waren... drei. Ernsthaft verliebt war ich da aber erst einmal."

"Ah, aber du bist nicht verheiratet oder versprochen?" Verliebt war ein zu abstrakter Begriff, als dass Miro sich dazu schon Gedanken machen wollte.

"Nein, verheiratet bin ich nicht. Und versprochen?" Jae-Sun lachte leise. "Nun, einem von euch bin ich wohl versprochen, oder?"

Miro hob die Brauen und rollte sich auf den Rücken. Leise meinte er endlich "Mir. Du bist der Prinz. Dein Vater ist König Jae-Hyong."

"Dann wird der misstrauischste der Karkaesen wirklich zu mir gehören", antwortete Jae-Sun schneller, als er darüber nachdenken konnte. "Und du bist nicht Sohn eines Generals, sondern des Obersten Befehlshabers..." Dann erst ging ihm auf, was das bedeutete. Er war nicht länger irgendjemandem der anderen versprochen, sondern exakt dem Mann, mit dem er sich das Zimmer teilte. Dem Mann, den er geküsst hatte. "Es war keine scherzhafte Vermutung, als du sagtest, dass sie die passenden Paare bereits zusammen einquartiert haben. Du wusstest es bereits", sagte er nüchterner, als er sich fühlte.

"Nein. Gewusst nicht, aber", Miro setzte sich wieder auf, "gehofft." Er legte den Kopf schief und versuchte ein selbstbewusstes Lächeln.

Wenn Jae-Sun nicht genau gewusst hätte, dass ausgerechnet Ka'Simiro kaum wissen würde, was allein das Wort bedeutete, hätte er gedacht, er kokettierte. Allein, wie er den Kopf so niedlich hielt und dazu dieses Lächeln!

"Gehofft?", fragte er verblüfft und etwas abgelenkt. "Nach der Sache von wegen Maden mit giftigen Haaren und ähnlichem und meiner offensichtlichen Nichtbegeisterung, was diese Sammelehe betrifft? Du bist... bemerkenswert, Ka'Simiro." Er gewann seine Fassung zurück und erwiderte das Lächeln nach einem kurzen Moment. "Wirklich bemerkenswert."

"Oh, ich war mir sicher, dass sich deine Begeisterung nach der Verbindung einstellen würde. Wir haben viel gemeinsam." Es verblüffte Miro, wie freundlich und vertraut sie mit einem Mal miteinander umgingen.

Jae-Sun ließ sich wieder auf den Rücken rollen, verschränkte die Arme hinter dem Kopf und sah zur Decke empor. Plötzlich war ihm klar, dass der Karkaese begonnen hatte, etwas für ihn zu entwickeln, das von freundschaftlichen Gefühlen bis zu weitaus Tieferem reichen konnte. Mit ziemlicher Sicherheit würde er das, wenn er diplomatisch und vorsichtig vorging, für seine Zwecke nutzen können. Andererseits war er noch nie begeistert davon gewesen, die Politik ins Bett zu tragen. Und erst recht nicht, Gefühle auszunutzen. Verärgert darüber, dass sich sein Gewissen meldete und weil er bei dem Kuss an alles mögliche, aber bestimmt nicht an Politik gedacht hatte, runzelte er die Stirn.

Gleich darauf glättete er sie jedoch wieder, er wollte die friedliche Stimmung zwischen ihnen nicht zerstören. Es war angenehm und erholsam nach den vergangenen Tagen mit offener und versteckter Feindseligkeit. "Ich bin dennoch kein Freund dieser Verbindungssache. Ich genieße es, nicht alles von einem Partner zu wissen. Geheimnisse sind aufregend." Er drehte den Kopf und sah zu Ka'Simiro hin. "Du bist ein Geheimnis für mich."

"Und ich glaube fast, dass es noch lange so bleiben wird. Du wirst vielleicht sogar nie genug vertrauen, um mit mir zur blauen Grotte zu reisen, aber das verlange ich auch nicht. Es ist schon ein Wunder, dass wir uns überhaupt vertragen." Zufrieden mit dem Ausgang ihrer Unterhaltung legte Miro sich zurück und zuckte zusammen, als nach leisem Klopfen einer der Mönche zu ihnen trat.

Es war einige Male vorgekommen, dass ihnen jemand am Abend einen beruhigenden Tee gebracht hatte, wenn sie nicht schlafen konnten, und so überraschte es Miro nicht, als vor ihren Schlaflagern je eine Schale mit Tee abgestellt wurde. Mit einer kleinen Verbeugung zog der Mönch sich an die Tür zurück und wartete ab.

"Gute Nacht, Jae-Sun." Miro nahm die Teeschale aus Höflichkeit und nippte von dem bitteren Trank. Es prickelte ein wenig auf der Zunge, und dieses Gefühl ließ ihn die Stirn runzeln. Er stellte seinen Tee zurück und meinte in Richtung des Mönchs "Vielen Dank, aber wir werden auch so schlafen können, glaube ich." Er hatte den Satz gerade beendet, als seine Lider schwer wurden und er sich zurück legte und in tiefen, traumlosen Schlaf fiel.

Jae-Sun beschimpfte sich in Gedanken für die Höflichkeit, einen kleinen Schluck aus der Schale genommen zu haben. Es schmeckte derart widerlich, dass er den Geschmack noch die halbe Nacht im Mund haben würde. "Ich gebe es zwar ungern zu, aber ich denke, der Karkaese hat Recht", sagte er mit einem schiefen Grinsen zu dem Mönch hin. Er wollte sich noch einmal zu Ka'Simiro umdrehen doch seine Sicht wurde unscharf, und ein Schwindel ließ ihn zurück aufs Bett fallen. Besorgnis regte sich am Rand seines Bewusstseins, aber noch ehe er das Gefühl richtig wahrnehmen konnte, wurde er in dumpfe Taubheit gehüllt.


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by Meike "Pandorah" Ludwig & Jainoh