Das dunkle Licht

5.

Jae-Sun erwachte mit Kopfschmerzen, die nicht schlimmer hätten sein können, wenn er nach seinem Tod als größter Sünder des Planeten in den reinigen Hallen des Drachen Won erweckt worden wäre. Dessen war er sich sehr sicher, wenngleich er sich auch ansonsten nichts sicher war. Einige Momente lang blieb er ruhig liegen und atmete gegen den Schmerz an, bis er schwächer wurde und Raum für die Erkenntnis ließ, dass ihm auch übel war.

Er fühlte sich erst ein wenig besser, nachdem er sich übergeben hatte. Dann erst konnte er genug von seiner Umgebung wahrnehmen, um zu merken, dass es nichts zu erkennen gab. Es war so dunkel wie im Schoß des Drachen, und zudem kühl und feucht.

Fröstelnd setzte Jae-Sun sich auf, kämpfte gegen erneute Übelkeit und pochenden Schmerz in den Schläfen an und versuchte sich zu erinnern. Er hatte nicht zu viel getrunken und war mit niemandem für ein kurzes Vergnügen in eine dunkle Gasse gegangen, soviel war ihm klar. Mit beiden Händen rieb er sich über das Gesicht und zuckte zusammen, als er irgendwo aus der Dunkelheit nahe bei sich ein leises Stöhnen hörte.

Die Erinnerung kam zurück, doch sie schien keinen Sinn zu ergeben. Tee, die Mönche und... "Ka'Simiro?"

Es war dunkel, und modrige Luft umgab Miro. Ungewohnt nach den Wochen des Erwachens zu strahlender Sonne und leichtem Duft nach Kräutern. Zudem war es merkwürdig still. Miro ächzte leise und lauschte erschrocken, wie der Laut hallend fortgetragen wurde. Eine Weile lang blieb er noch liegen, lauschte auf das stete Tropfen von Wasser in der Nähe, dann wurde ein anderes Geräusch hörbar, eine Stimme. "Jae-Sun?"

Miro wollte aufstehen, aber er konnte sein Gleichgewicht nicht halten, seine Beine gaben nach, und er musste sich übergeben. Auf allen Vieren krabbelte er dem Laut des Wassers nach und wusch sich in eisigem, aber klarem Wasser das Gesicht und spülte seinen Mund aus. Sein Nachthemd begann ihn zu stören, aber außer dem Hemd trug er lediglich seine Unterhose.

Nach einer Weile flaute die Übelkeit ab, und er konnte die Augen öffnen, was ihm bei der Finsternis umher nicht viel brachte. Erneut meinte er, Jae-Sun rufen zu hören, erst jetzt begann er lauter zu antworten. "Jae-Sun?! Wo bist du?"

"Ka'Simiro? Hier!" Jae-Sun folgte auf Händen und Knien der Stimme, unter die sich das Rauschen von Wasser mischte. Sich aufzurichten wagte er nicht, traute weder seinen Beinen, noch dem Untergrund genügend dafür. Er zuckte zusammen, als er mit einem Mal auf etwas warmes, weiches stieß, doch der Schreck schwand, als sein Handgelenk hart umfasst wurde, und er beeilte sich zu versichern "Ich bin es. Jae-Sun. Wie fühlst du dich? Geht es dir gut?"

Miro hatte aus Reflex bereits begonnen, seine Hand in Richtung der Kehle des anderen auszustrecken, nun ließ er den Arm sinken und ächzte noch einmal. "Ein Glück, dir ist auch nichts geschehen. Der Tee muss vergiftet gewesen sein. In dem Moment, in dem ich es gemerkt habe, war ich schon bewusstlos."

"Und ich dachte, er schmeckt einfach nur grausam." Jae-Sun grinste schief in der Dunkelheit und rieb sich das Handgelenk. "Wenn ich mit dir verheiratet bin, muss ich auf jeden Fall keine Attentate mehr fürchten außer denen meines Gatten."

Miro lachte und dachte berührt, dass Jae-Sun offensichtlich schon von einer Heirat auszugehen schien. "Aber nicht doch, durch das Verbinden würden wir uns so nah sein, dass ich dich schon vorher erkennen könnte, auch im Dunkeln."

Noch immer waren Jae-Suns Gedanken wie vernebelt, und er lehnte sich tastend noch ein wenig vor, um das Wasser zu erreichen. Nachdem er das Gesicht gewaschen und sich den Mund ausgespült hatte, fühlte er sich jedoch beinahe wieder klar. Schaudernd wurde ihm die Situation bewusst, in der sie steckten. In Nachthemden irgendwo in der Dunkelheit abgeladen, um zu verrotten. "Aber was haben die Mönche davon?"

"Ich weiß es nicht, aber habe einen Verdacht. Wir haben durch die Mönche von der Idee, die Völker zu verbinden und damit Frieden zu schaffen, erfahren. Von wem hat der König denn den Vorschlag zu diesem Versuch bekommen?" Miro krabbelte vom Wasser fort und fand einen trockenen Steinvorsprung, auf dem er sich niederließ.

"Von den Mönchen von Senech. Aber die haben doch schon seit Generationen jeder kriegerischen Handlung abgeschworen und suchen den Frieden. Warum sollten sie sich plötzlich von diesem Weg abwenden?" Jae-Sun folgte ihm und streckte die Hand nach ihm aus. "Warnung, dein Zukünftiger berührt dich gleich, bitte keine aggressiven Handlungen." Damit zog er ihn an sich. Ihm war kalt, und das Wasser hatte nicht dazu beigetragen, dass ihm wärmer wurde.

Miro lachte auf. "Du bist ja richtig anhänglich, ist das deine Art im Nahkampf, Jae-Sun?" Gutmütig legte er den Arm um den schmaleren und kleineren Mann und genoss es, trotz ihrer unguten Ausgangslage wenigstens sein Vertrauen zu besitzen.

Jae-Sun grinste. Zu scherzen und zu necken war besser, als sich dunklen Gedanken und Furcht hinzugeben. "Es ist eine Art von Nahkampf, aber nicht die richtige, glaub mir. Im Moment ist mir einfach nur kalt. Du wirst den Unterschied merken, wenn es soweit ist." Die Körperwärme des anderen half zumindest ein wenig und ließ ihn entspannen. "Aber das hat leider Zeit bis später. Im Augenblick beschäftigen mich die Mönche mehr."

"Ich glaube, dass die Mönche von Senech dem Krieg abgeschworen haben, dies aber nur für die Zeit, die sie nicht dazu in der Lage waren. Vielleicht... es ist eine Überlegung, die mir in den Kopf gekommen ist, vielleicht ist ihnen doch aus einem der vielen Eier, die sie noch bebrütet haben, ein Weibchen, eine Anführerin geboren worden."

In Gedanken daran verstrickt, wie sich durch ein erneutes Aufleben der Kampfkraft der Senechen die Lage in diesem Teil des Universums aus taktischer Sicht ändern würde, begann Miro seinen Partner, nun offensichtlich seinen zukünftigen Angetrauten, enger an sich zu ziehen. "Sie haben zwei große Feinde im Universum. Zum einen die Feuerteufel von Karkas. Das ist logisch, wir sind Feind von fast jedem Volk gewesen, bis wir Teil von ihnen geworden sind. Aber gerade die Senechen sind bis zum Tode des letzten Weibchen unsere Todfeinde gewesen. Und dann sind die Ji-Won aus alten Tagen die ersten Feinde gewesen."

"Die Ji-Won?" Jae-Sun zog die Augenbrauen hoch, aber verzichtete darauf, den Kopf zu dem anderen zu drehen. Sehen konnte er dessen Miene ohnehin nicht in der Dunkelheit. Stattdessen lehnte er sich gegen ihn und genoss die kleine Vertraulichkeit zwischen ihnen, die diese unangenehme Situation mit sich brachte. "Wir haben uns mit Sicherheit nicht mit ihnen bekriegt. Und im Gegensatz zu euch haben sie Won nie angegriffen, so dass sie keinerlei Begegnung mit dem Feueratem des Drachen hatten."

Miro hob eine Braue. So nach und nach war ihm schon aufgegangen, dass die Ji-Won offensichtlich von ihrer eigenen Vergangenheit nicht viel Ahnung hatten. "Du kennst die Geschichte deines Volkes nicht so gut, glaube ich. Glaubst du, dass eure Abwehrwaffe nur so dort ist, wo sie ist? Ihr Ji-Won seid einmal ein höchst wehrhaftes Volk gewesen, darum das Interesse meines Volkes an euch."

"Dass ihr das Angebot mit der Hochzeit nicht aus reinem Friedenswillen, purer Freundlichkeit und tiefem Interesse an unserer Kultur heraus gemacht habt, ist mir schon klar", antwortete Jae-Sun trocken. "Und euer eigentliches Hauptziel ist auch nicht sehr schwer zu erraten. Wehrhaft sind wir noch immer, wie ihr ja bereits festgestellt habt. Was unsere Geschichte betrifft..." Fröstelnd streckte er eine Hand aus und umfing seine eiskalten Zehen. "Wie wäre es, du erzählst mir deine Sicht davon, während wir versuchen, einen Ausgang zu finden? Wenn es wirklich die Mönche waren, die uns hier runtergeworfen haben, mit unserer sagenhaften Ausrüstung von jeweils einem Nachthemd, dürften wir kaum auf Hilfe hoffen, um wieder herauszukommen."

Miro nickte leicht, dann schlug er vor "Wir retten erst einmal uns, dann finden wir heraus, was diese Senechen vorhaben. Zuerst brauchen wir Licht." Entschlossen stand er auf und tastete sich an der Wand entlang vorwärts. "Hier muss doch irgendwo wenigstens ein Überrest sein von den Bergarbeitern."

"Meinst du, sie haben Stollenlampen stehen gelassen? Wäre sehr zuvorkommend von ihnen." Des warmen Arms beraubt wurde es noch kälter; Jae-Sun rappelte sich auf, um Ka'Simiro langsam zu folgen, während wieder kleine Wellen der Übelkeit über ihn fluteten. Der Boden war rutschig von der Feuchtigkeit, und Jae-Sun fürchtete, dass es nur eine Frage der Zeit wäre, bis er seine Füße nicht mehr spüren würde. Stumm verfluchte er die Mönche und schickte einen hoffnungsvollen Wunsch zu Won, dass es in der Dunkelheit der Gänge keine angriffslustigen oder giftigen Tiere geben würde.

"Nein... ich hoffe aber, dass hier irgendwo..." Miro nahm einige kleine Steinchen auf und begann sie voran zu werfen, um vor Überraschungen sicher zu sein. "Hier muss doch irgendwo eine Zwischenstation sein. Mit Bergbau kennen die Karkaesen sich ganz gut aus, etwas anderes kann man auf unserem Heimatplaneten nicht tun, dort wächst nichts." Genau mit seinem letzten Wort hörte er auf einen Steinwurf hin ein Scheppern. "Ha!"

"Ah, also nicht nur Made, sondern auch Maulwurf ist mein Zukünftiger. Wie praktisch." Jae-Sun grinste und hoffte inständig, dass Ka'Simiro Recht und sie wirklich bald Licht hatten. Andererseits mussten so alte Geräte nicht unbedingt funktionieren. Allerdings funktionierten die uralten Waffen auf Won ebenfalls noch, auch wenn niemand so genau wusste wie oder wieso. Er machte ein paar schnellere Schritte und haschte nach dem Nachthemd des anderen, um ihn nicht gleich zu verlieren.

Miro bemerkte grinsend, dass es Jae-Sun in der Dunkelheit ganz und gar nicht gut gefiel. Dessen Anhänglichkeit kostete sie zwar Zeit, aber nach einer Weile kamen sie an einen Verschlag, in dem sie nicht nur eine Fackel und Feuerstein fanden, den Miro schon am Geruch erkannte, sondern auch Kleidung, jedenfalls Hosen, wie er es ertastete.

Er zog sein Hemd kurzerhand aus und zerriss es in kleine Streifen, die er um die Fackel wickelte. "So, schlag die Steine gegeneinander, wir müssen einen Stofffetzen zum Brennen bekommen, dann sehen wir vielleicht mal mehr. Ich glaube, dass hier Kleidung liegt."

Zweifelnd tastete Jae-Sun die Steine ab, die Ka'Simiro ihm in die Hand gedrückt hatte. "Ich hoffe besonders auf Schuhe", murmelte er und umfasste sie so, dass er sich relativ sicher sein konnte, nicht seine Daumen zu treffen. Dann schlug er sie gegeneinander.

Der harte Laut hallte weithin durch den Gang und ließ ihn zusammenzucken, mehr geschah nicht. Erst der vierte Versuch ließ einen Funken aufglimmen, der jedoch gleich wieder erlosch. Dennoch war Jae-Sun von dem kleinen Erfolg ermutigt, selbst wenn ihm das beständige Klopfen jedes Mal einen kalten Schauer über den Rücken jagte. Wenn etwas in diesen Gängen lebte, würden sie es damit bestimmt auf sich aufmerksam machen.

Der nächste Funke landete zwar auf dem Stoff, hinterließ aber nichts außer einem Brandloch, und es benötigte noch etliche weitere Versuche, ehe sie die Fackel zum Brennen brachten. Aufatmend richtete Jae-Sun sich auf und fühlte sich gleich etwas wohler.

Im Schein des Feuers konnte Miro ihre Lage besser beurteilen, und er fand recht schnell die gesuchten Lampen und einen Ölkanister, der noch Reste enthielt. "Hier, das rußt zwar schrecklich, aber immerhin hätten wir ein sicheres Licht." Während Jae-Sun von einem Bein aufs andere trat, hielt er das Licht hoch, so dass Miro die Kisten und Schränke in dem kleinen Büro einer Grubenaufsicht nach Dingen durchsuchte, die ihnen helfen konnten.

Nach einer Weile fand er Hosen aus altem, steifen Leder, leider ging es den ebenso ledernen Schuhe schlechter, sie zerbröselten und die Sohle fiel von ihnen, als Miro sie aus dem Schrank nahm. "Tut mir leid, Jae-Sun. Warte, ich werde dir Schuhe bauen, damit du nicht mehr so leiden musst."

Mit den Resten von seinem Nachthemd und den Sohlen umwickelte er die Füße seines Partners vorsichtig, bis die Konstruktion fest saß und das Gehen auf den Steinen sicherlich leichter für ihn machen würde. Miros eigene Füße waren zwar kalt und schmerzten von den spitzen Steinen, aber es war ihm wichtiger, dass es seinem Zukünftigen gut ging.

Nachdenklich sah Jae-Sun auf den roten Schopf des Karkaesen, während dieser die Nachthemdfetzen verknotete. Mit einem Mal war er so besorgt um ihn und fürsorglich. Es passte nicht recht in das Bild, das er von dem anderen Volk hatte. Überhaupt passte ihr Verhältnis seit dem vergangenen Abend, wie lange der auch immer her sein mochte, nicht mehr. /Mag er mich? Oder mag er nur seinen künftigen Angetrauten? Nein, er hat gesagt, er hätte es gehofft./

Als Ka'Simiro fertig war und mit einem zufriedenen Blick aufsah, legte Jae-Sun ihm einen Finger unter das Kinn, hob seinen Kopf noch ein wenig an und küsste ihn auf den Mund. Die Lippen waren so nachgiebig, wie er sie in Erinnerung hatte, nur etwas spröder, und einzig der noch immer bittere Geschmack hielt ihn davon ab, den Kuss zu vertiefen. "Danke. Aber wir werden auch etwas für dich finden. Ich habe ebenfalls ein Nachthemd, und es sind noch mehr Sohlen da."

Er drückte ihm die Fackel in die Hand und suchte ein weiteres Paar einigermaßen intakter Schuhe heraus, um dann den unteren Teil seines Hemdes abzureißen und Ka'Simiro auf den Vorsprung zu drücken, auf dem er gesessen hatte, um den Gefallen zu erwidern.

Miro ließ es zunächst von den Kuss überrascht geschehen, dann lachte er auf. "Du kannst kein Geschenk einfach annehmen, nicht wahr?" Doch dann wurde er ernster. "Du musst nicht denken, dass du mir etwas schulden wirst, Jae-Sun. Ich werde niemals von dir verlangen, dein Volk zu verraten."

"Das würde ich auch niemals tun. Aber warum soll nur ich Schuhe haben, wenn noch genug für ein zweites Paar vorrätig ist? Nur, damit du mir was gegeben hast, das du nicht hast? Oder läufst du gern barfuß bei der Kälte und dem steinigen Untergrund?" Jae-Sun grinste und zog den letzten Knoten fest, ehe er aufstand. "Höflichkeit können wir auf später verschieben, wenn wir draußen sind. Ich habe keine Lust, dich Huckepack zu tragen, weil du einen Stein in der Ferse hast und nicht mehr laufen kannst. Und ohne dich kann ich schlecht rauskommen. Dann denken deine Leute noch, ich hätte dich umgebracht. Nein, muss nicht sein."

Wieder musste Miro lachen, aber zugleich stimmte er Jae-Sun zu. "Vermutlich ist das der Grund für unser Verschwinden. Alle Karkaesen kennen mich, und ich nehme fast an, dass du und deine Position in der Gruppe ebenfalls bekannt sind. Wenn wir nicht bald hier herauskommen, könnte das sogar zu einem nicht so lustigen Krieg zwischen unseren Völkern führen."

Sie nahmen die Öllampe und Reserveöl sowie einen Lederbeutel mit Spitzhacke, Blechbechern und einige nützliche Kleinigkeiten; ein halbwegs brauchbares Seil war leider nicht mehr zu finden, nur noch brüchige Enden. Schließlich, nachdem sie an der Quelle, an der sie aufgewacht waren, noch ein wenig Wasser getrunken hatten, versuchte Miro anhand der Zeichen an den Wänden den besten Weg ins Freie auszumachen.

Sie folgten einem der Zeichen, an die er sich von seinem Plan her erinnerte, und wanderten eine ganze Weile lang stetig bergan, was Miro hoffen ließ, aber was auch sehr anstrengend war. Schon bald schmerzten ihn die Beine, und er verfluchte, dass sein Volk sich so von den Senechen hatte überreden lassen.

Jae-Sun hielt sich vortrefflich. Der kleinere Mann hatte in den engen Schächten sogar hin und wieder einen Vorteil, wenn die Deckenbalken besonders niedrig waren. Nachdem sie eine sehr lange Zeit in der Finsternis gewandert waren, stießen sie zu Miros Entsetzen an ein abruptes Ende des Ganges. Steine verschlossen ihn in der Nähe eines weiteren Verschlags für eine Grubenaufsicht.


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by Meike "Pandorah" Ludwig & Jainoh