Das dunkle Licht

7.

Bedauernd blickte Miro über den dunstverschleierten See. "Vielleicht suchen sie uns schon, oder..." Er seufzte auf. "Jae-Sun? Was wird mit uns werden, wenn diese Entführung Krieg ausgelöst hat?"

"Diese Entführung?" Jae-Sun schnaubte. "Dieser Mordversuch, meinst du. Er wird keinen Krieg ausgelöst haben. Wie soll das gehen? Die Karkaesen belagern Won und kommen genauso weit wie vorher, nämlich keinen Schritt näher, da der Atem des Drachen nicht einfach erlischt. Und die Ji-Won rufen einen Rat ein und überlegen, wie sie die Karkaesen angreifen könnten, weil wir keine großartigen Angriffswaffen haben. Also wird außer viel Blabla nichts passiert sein, und nun können wir Kontakt zu unseren Leuten aufnehmen und alles weitere an Feindseligkeiten verhindern."

/Keine Angriffswaffen? Interessant./ Miro blickte Jae-Sun nachdenklich an, dann sah er eine Weile lang über den See hinweg. "Die Lösung für das Problem ist wirklich in unseren Händen, Jae-Sun. Wir heiraten. Unsere Völker werden so verbunden, ganz gleich, wie alle anderen Karkaesen und Ji-Won zueinander stehen. Die Karkaesen werden sofort abrücken von euch und euch als Teil unseres Reiches betrachten, sogar gegen andere Feinde schützen, sollte das überhaupt nötig sein."

"Won ist kein Teil des Karkaesen-Imperiums und wird es auch nach einer Hochzeit nicht sein. Verbunden ja, aber nicht Teil davon. Doch Dinge wie diese unwesentlichen Kleinigkeiten können wir auch später noch aushandeln." Jae-Sun schmunzelte, als er sich erinnerte, dass diese Art des Humors den Karkaesen fremd war. "Was ich sagen will ist, dass wir uns erst mal auf das Wesentliche konzentrieren sollten. Am Leben zu bleiben, wäre das eine. Kontakt aufzunehmen ein weiteres. Und zum Dritten..." Er schwieg, bis Ka'Simiro ihn wieder ansah und fragend die Brauen hochzog, dann grinste er. "Zum Dritten war das der unromantischste Heiratsantrag, den man sich vorstellen kann."

Er hatte immer damit gerechnet, dass er mit jemanden die Ehe schließen würde, mit dem ihn nur die Politik verband. Er hatte damit gerechnet, dass er derjenige sein würde, der den Antrag machte. Dass Ka'Simiro es jetzt so schlicht feststellte, weder fragte noch verhandelte, war belustigend, erfrischend und angenehm. Der Karkaese hatte ohne jeden Umweg die Lösung für ihr größtes Problem, den Krieg zwischen ihren Völkern, vorausgesetzt, einfach aufgrund der Tatsache, dass es möglich war. Sie mochten sich vielleicht nicht lieben, aber fühlten sich doch zumindest verbunden und waren sich, wenn man die Situation bedachte, nahe.

/Es hätte mich schlimmer treffen können mit meinem Ehepartner/, dachte Jae-Sun beinahe vergnügt. /Wenn ich mich vor der Grotte retten kann, wird es bestimmt nicht so schnell langweilig mit ihm./ "Aber ich nehme an. Natürlich muss es wenigstens noch besiegelt werden, wenn auch schon sonst die Umstände nicht stimmen."

"Heiratsantrag? Ich habe nicht gewusst, dass man die Heirat in deinem Volk beantragen muss." Unschlüssig hob Miro die Hose hoch, um sie dann angeekelt wieder fallen zu lassen. "Es ist nicht weit, es ist ohnehin warm, ich werde nackt gehen", entschied er schließlich.

Jae-Sun griff nach seinem Handgelenk, zog ihn an sich und schlang einen Arm um seine Taille. "Andeutungen, auch wenn sie diesen Ausdruck kaum noch verdienen, sind bei dir vergebens, nicht? Ich will einen Kuss, Ka'Simiro von Karkas. Und zwar einen richtigen." Er griff nach Ka'Simiros Nacken, zog den Mann energisch an sich und reckte sich ihm entgegen, um seinen Mund auf Ka'Simiros zu pressen.

Überrascht ließ Miro sich einen Augenblick lang vereinnahmen, dann lächelte er und festigte seinen Griff um Jae-Suns Schultern, um ihn recht fest und unnachgiebig auf den Mund zu küssen. "Wir haben unsere Geschenken noch nicht ausgetauscht. Ich bin nicht dafür, die Traditionen zu hintergehen, Jae-Sun. Auch nicht für einen Ji-Won, auch für keinen Ji-Won, der mich so fühlen lässt, als sollte ich alle Traditionen sofort vergessen, verstanden?" Damit schob er den kleineren Mann, der ihn immer wieder so schrecklich überraschend attackierte, mit sanfter Gewalt von sich. "Lass uns aufbrechen."

Jae-Sun hielt ihn fest. "Nicht so schnell. Ich kann mich vielleicht noch zu keinem Sex vor der Ehe bereit erklären." Sein Blick glitt beinahe von allein den trainierten, nackten Körper hinab und ließ ihn sich fragen, wie er ihn je als abstoßend hatte empfinden können. Er war aufregend und verlockend, lud dazu ein, ihn zu berühren, zu erkunden... "Auch wenn es mir schwer fallen wird. Aber bei den Ji-Won ist es üblich, sich vor der Hochzeit kennen zu lernen. Zudem habe ich von einem richtigen Kuss gesprochen. Ka'Simiro, das war kein richtiger." Er sah ihm in die Augen und lächelte. "Komm du mir soweit entgegen, hm?"

Irritiert blickte Miro in die dunkelblauen Augen seines Partners. Das Funkeln darin, ein Lächeln, das der andere gerade noch so verstecken konnte, brachten ihn dazu, für einen kleinen Moment die Umgebung zu vergessen, den See, den Urwald, den Nebel, ihre Lage. Er vergaß die Mission, die ihm einen Moment zuvor noch so deutlich vor Augen gestanden hatte und drehte sich zu Jae-Sun zurück. Nach einem weiteren Schritt pressten sich ihre Körper bereits dicht aneinander, auch kein unangenehmes Gefühl, wie Miro feststellen musste.

"Na gut, aber nur, wenn du mir in der Mission jetzt gleich folgen wirst. Versprich mir, keine unüberlegten Dummheiten zu machen", verlangte er, während sich seine Arme fest um den schlanken Körper des anderen schlossen.

"Unsere Mission ist doch ohnehin die selbe. Und Dummheiten begehe ich höchstens wegen dir." Da war es wieder, dieses unvergleichliche Prickeln, das durch ihn hindurchfloss. Atemlos spürte Jae-Sun die Nähe zwischen ihnen, die aus mehr bestand als nackter Haut, die sich berührte. Es war herrlich, und er konnte sich keinen Ort vorstellen, an dem er in diesem Moment lieber gewesen wäre, als das Ufer des Sees mit den vereinzelten Sonnenstrahlen, die sie trafen und diesem Mann in seinen Armen.

Wieder reckte er sich ihm etwas entgegen, um ihn zu küssen. Ka'Simiro hatte zugestimmt, wurde nicht überrascht, und deswegen wollte er sich alle Zeit nehmen. Zuerst spielte er nur mit seinen Lippen, während seine Augen langsam zudrifteten, zupfte an ihnen, liebkoste sie, dann begann er daran zu knabbern, an ihnen zu saugen, bis er ihre Form mit der Zunge nachfuhr und vorsichtig um Einlass bat. Es war wie Naschen an einer verbotenen, aber um so süßeren Frucht, bei der man jederzeit damit rechnen musste, dass man ertappt wurde und aufhören musste.

Miro hatte noch einwenden wollen, dass es gerade die Dummheiten wegen ihm waren, die Jae-Sun nicht begehen sollte, als dieser ihn schon mit den Lippen am Sprechen hinderte. Erneut seufzend fügte er sich in sein offensichtliches Schicksal und erfüllte seinem Partner den Wunsch nach bestem Wissen um das Küssen.

Jae-Sun schmeckte überraschend weich und angenehm. Genau so wie seine Haut nach exotischen Gewürzen duftete, so schmeckte sie nach gleichfalls unbekannten Früchten. Neugierig ließ Miro die Zunge von Jae-Suns Mund fort zu dessen Ohr wandern, dann an seinem Hals entlang. Der Geschmack war nicht alles, die Bewegungen und leisen Laute, die Jae-Sun machte, seine zugleich energische und dann wieder katzenhaft anschmiegsame Art durchbrachen Miros Vorsatz, ihr Spiel zu beenden, einige Male. Endlich konnte er sich losreißen und meinte brüsker als geplant "Das sollte aber reichen. Wenn du so weiter machst, kommen wir erst bei Dämmerung im Kloster an."

Jae-Sun lachte auf. "Wenn ich so weiter mache? Wer war denn hier so stürmisch, dass er mich fast mit Haut und Haaren verschlungen hätte?"

Neckend biss er Ka'Simiro in die Schulter, noch immer überrascht von dessen regelrecht wilder Art, die er ihm gar nicht zugetraut hatte. Im Gegenteil hatte er damit gerechnet, dass der andere wie bei ihrem ersten Kuss ruhig halten, es genießen, aber bestimmt nicht selber die Initiative ergreifen würde. Es war eine schöne Entdeckung gewesen, die ihn fast dazu verleitet hätte, mehr zu versuchen. Doch neben seinem Versprechen hielt ihn hauptsächlich der Hunger davon ab. Es mit knurrendem Magen zu tun, entsprach nicht seiner Vorstellung von gutem Sex.

Er ließ ihn los und gab ihm mit einem Grinsen einen kleinen Klaps auf den Hintern, ehe er zu der Stelle ging, an der er sich ausgezogen hatte, und sich nach den Schuhen bückte. Die Hose würde er wie Ka'Simiro nicht mehr anziehen, außerhalb der Gänge war es warm genug dafür, und sie war wirklich eklig. Aber auf Dornen in den Fußsohlen und Schlangenbisse hatte er keine Lust.

Miro ging in die Hocke und hielt Jae-Suns Hand auf. "Komm her, ich mach das." Bedächtig befestigte er die schmutzigen Stoffstreifen um die Ledersohle und den schlanken Fuß, an dem er erst in dem Augenblick die Zehen bemerkte. "Oh. Euch fehlt auch eine Zehe. Nicht nur die Finger. Also ist es so gedacht gewesen", stellte Miro fest und nahm den anderen Fuß auf. Er sah gerade zu Jae-Sun auf, als eine Stimme hinter ihnen erklang.

"Ka'Simiro!" Die Majorin Ka'Stern stürzte aus dem Dickicht hervor und hielt ein Buschmesser fest in beiden Händen. Zu seinem Entsetzen sah Miro, dass sie damit ausholte, um den stehenden Jae-Sun zu töten. Mit einem Satz sprang Miro gegen Jae-Sun und warf ihn zu Boden, das Buschmesser sauste schwirrend über ihren Köpfen hinweg und vergrub sich mit dumpfem Laut in einen Baumstamm.

"Er ist nicht der Feind!", rief Miro zurück, noch bevor er den Blick auf Jae-Sun richtete. "Alles in Ordnung? Habe ich dir etwas gebrochen?"

Jae-Sun schnappte noch immer nach Luft von dem Aufprall. Während er fast teilnahmslos zusah, wie Hyu-Jun ebenfalls an den Strand stürmte und zu Ka'Stern hin, gleichzeitig besorgt und über alle Maßen entzürnt, fragte er sich, ob es sein Schicksal war, von seinem Zukünftigen fortwährend auf diese Art den Atem geraubt zu bekommen.

"Ich sagte doch, ich mag keine Karkaesen", ächzte er schließlich.

Miro half Jae-Sun auf und fragte zugleich an Ka'Stern und Hyu-Jun gerichtet "Was ist passiert?"

Ka'Simiro ignorierend sah Hyu-Jun zu Jae-Sun hin, offensichtlich unschlüssig, ob er ihm zur Hilfe eilen musste. "Hoheit, was ist geschehen? Ihr seid..."

Der Blick sagte alles, und Jae-Sun winkte mit einem schiefen Grinsen ab. "Nicht mal angezogen, ich weiß. Und das Zeug an meinen Füßen sind keine Schuhe. Was ist passiert, Hyu-Jun?"

"Nachdem Ihr und Ka'Simiro nicht zum Frühstück erschienen seid und wir uns nach einiger Zeit Sorgen gemacht haben, kam der Sprecher und erzählte, dass einer der Mönche euch beide hat weggehen sehen. Sie haben befürchtet, dass ihr euch duellieren und umbringen wollt." Hyu-Jun warf Ka'Stern einen ärgerlichen Blick zu. "Wir, das heißt Karkaesen und Ji-Won, sind überein gekommen, dass es auf keinen Fall sein kann, dass einer von euch mit derlei Dingen den Frieden zwischen unseren Völkern unmöglich machen will. Mit guten Gründen und Argumenten vielleicht, aber nicht durch Mord. Wir haben uns in kleine Gruppen aufgeteilt und euch gesucht. Aber bis eben hatten wir nicht einmal eine Spur. Was ist geschehen? Wo seid Ihr gewesen?"

"Wir sind vergiftet und dann in tief unten gelegene Gänge der alten Minen gebracht worden. Offensichtlich haben aber sowohl ich, als auch zum Glück Jae-Sun nicht genügend Gift getrunken, um daran zu sterben." Miro ließ sich auf einem Stein nieder und runzelte die Stirn. "Gibt es irgendeinen Hinweis darauf, was die Mönche vorgehabt haben?" Er sah an sich herab und fragte als nächstes, ohne eine Antwort abzuwarten "Gibt es eine Möglichkeit, uns Kleidung zukommen zu lassen, ohne dass die Mönche es erfahren?"

In Gegenwart der beiden anderen verschluckte Jae-Sun den süffisanten Kommentar, dass er Ka'Simiro ohne Kleidung ausgesprochen nett fand und es deswegen durchaus keine große Priorität haben musste. Aber die entsetzten Blicke von Hyu-Jun und Ka'Stern zeigten ihm zudem, dass gerade keine Zeit für Scherze war. /Sicher, ich hatte ja schon ein paar Tage Zeit, mich mit dem Gedanken vertraut zu machen... Tage?/ "Wie lange ist unser Verschwinden her? Ich habe keine Ahnung, wie lange wir bewusstlos waren und dann durch die Gänge geirrt sind. Dem Grummeln nach zu urteilen, das mein Magen von sich gibt, scheint schon eine Weile vergangen zu sein."

"Drei Tage, Hoheit. Diese verdammten Mönche! Möge der Drache sie verbrennen! Wir werden euch Kleidung und Essen besorgen. Und..."

"Drei Tage?" Jae-Sun unterbrach ihn, während sich ein ungutes Gefühl in ihm ausbreitete, und sah zu Ka'Simiro hin. "Morgen oder übermorgen wollten mein Vater und der General kommen. Haben wir irgendeine Möglichkeit, mit ihnen Kontakt aufzunehmen und sie davon abzuhalten? Sie denken beide, die Mönche seien friedlich!"

"Wir haben keine Möglichkeit, sie vom Landen abzuhalten, aber wenn wir uns beeilen, könnten wir den Landeplatz erreichen." Miro vergrub seine Hände in den Haaren und überdachte eine Weile, was zu tun war. Die Stimmen von den Ji-Won, Ka'Sterns dunklere Stimme, mit der sie ungelenk in der fremden Sprache zur Diskussion beitrug, verwischten zu einem Summen, ihm wurde schwarz vor Augen.

Miro atmete bewusst ein und aus, um die anderen nicht spüren zu lassen, wie erschöpft er war, wie wenig Kraft ihm noch blieb, ganz gleich wie sicher er sich Jae-Sun zuvor präsentiert hatte. /Ich sterbe... das Gift wirkt weiter in meinem Körper. Es kann nicht nur der Hunger sein./

"Ich habe einen Plan. Du und Hyu-Jun gehen zurück und berichten, dass hier, ihr beschreibt den Mönchen diese Stelle genau, nichts zu finden war, auch wenn ihr zunächst gedacht hattet, dass diese Höhle uns Zuflucht geboten hat. Wir zwei warten auf euch, bringt uns, so schnell es geht, Essen und Kleider und feste Schuhe und Waffen, wenn noch mehr als dieses Messer zu finden sind. Wir zwei werden nicht vermisst werden. Wir gehen zum Landeplatz, es ist in einer Nacht zu schaffen, der Weg war markiert. " Er holte tief Luft. "Los!"

Jae-Sun war beeindruckt, dass Hyu-Jun nach nur einem kurzen Blick zu ihm mit Ka'Stern davon lief. Er hatte sein Misstrauen gegen die Karkaesen offensichtlich aufgegeben. Einen Moment lang hörte man die beiden noch, dann wurden die Laute, die sie machten, von den Geräuschen des Urwalds verschluckt.

"Das gibt uns jetzt ein wenig Pause", stellte er mit einer gewissen Zufriedenheit fest und sah zu Ka'Simiro hin. Dessen Gesicht war ausdruckslos, beinahe so wie zu Beginn auf Senech und ließ Jae-Sun die Stirn runzeln. "He, mach dir keine Sorgen. Wir werden bald was zu essen und Kleidung bekommen, dann können wir uns auf den Weg machen. Es ist ganz gut, wenn wir uns davor noch ausruhen können."

"Ja... ja, du hast Recht. Hier ist es zum Glück einigermaßen gemütlich, lass uns noch ein wenig schlafen." Miro legte sich in den Eingang der Höhle, wo die trockenen Blätter und Moosflechten von der letzten Nacht ausreichend Polster boten. Als er lag, ebbte das Gefühl der Schwäche wieder ab, und er lachte leise auf. "Ich hätte nicht gedacht, dass ihr Ji-Won auf einen Karkaesen wie mich hören würdet."

"Der Plan ist gut, ich kann ihm nur zustimmen. Warum kostbare Zeit und Energie auf Streit verschwenden, wenn es darum geht, unsere Familien zu schützen?" Jae-Sun war sich sicher, dass Ka'Simiro keine Ahnung hatte, wie schön er war; wieder sauber gab er mit der hellen Haut in dem improvisierten Bett mit seinen feuerroten Haaren vor dem Moos und den Blättern ein verzauberndes Bild ab. Mit einem Lächeln legte er sich zu ihm, schlang einen Arm um ihn und genoss, dass er wieder mehr von seinem Partner als von den muffigen Höhlen riechen konnte.

"Außerdem, wer kann dir schon wiederstehen?", murmelte er in die feuchten Haare. "Nicht mal ich konnte es, und ich war wildentschlossen."

Ka'Simiro lächelte und meinte verschlafen "Das scheinst du gern zu machen, Komplimente. Ist das eure Diplomatie? Ich hoffe, diese Art der Verhandlung sehr bald von dir zu lernen."

Er musste eingeschlafen sein, denn als er das nächste Mal kampfbereit aufschreckte, kamen Ka'Stern und zwei andere Karkaesen durch das Unterholz. Sie brachten Kleidung für die beiden und eine sehr komplett wirkende Wanderausrüstung. Miro bewegte die schmerzenden Glieder und wunderte sich, dass das Gift so verspätet zu wirken schien. Ernst und leise sprach er die anderen in der Sprache der Karkaesen an. Er wollte nicht, dass Jae-Sun von seinem Zustand erfuhr, weswegen er sehr schnell sprach und unbekanntere Wörter verwendete.

Nach einer ordentlichen Mahlzeit fühlte er sich schon deutlich besser, und auch Jae-Sun sah ihm erholter aus. Miro ignorierte die Blickwechsel, die er mit einer warmen Umarmung auslöste und verschob jede Erklärung auf später. Es war wichtiger, dass sie die Befehlshaber der Truppen und den König der Ji-Won vor den offensichtlich doch nicht mehr so friedlichen Senechen schützten.

"Gebt uns eineinhalb Tage Vorsprung, dann ist es sicher, dass wir weit genug voran sind, um zuerst am Flugfeld zu sein. Wir werden dort hoffentlich einen Weg finden, vielleicht mein Shuttle, um die beiden Schiffe zu warnen. Dann kommt nach, damit ihr nicht auch vergiftet werdet. Noch brauchen sie euch, aber seid auf der Hut, es kann jeden Moment umschlagen, und sie wollen euch loswerden", riet er Ka'Stern und schob das Buschmesser hinten in den Gürtel der Hose.

Jae-Sun hatte kaum etwas von dem verstanden, was die Karkaesen miteinander besprachen. Es ärgerte ihn, dass Ka'Simiro so viel besser in der Sprache der Ji-Won war und er nahm sich vor, das möglichst schnell zu ändern. Aber dass sein Partner nicht der Höflichkeit halber bei der Sprache blieb, die Jae-Sun verstand, war einzusehen. In der, die ihm vertraut war, konnte er wesentlich präziser und schneller erklären.

Dennoch war er froh, als Ka'Simiro sich zum Aufbruch bereit machte. Er stand auf, bewegte die Zehen in den weitaus bequemeren Stiefeln und nickte Ka'Stern zu, ehe die drei Karkaesen nach einem kurzen Gruß zu ihrem Anführer wieder verschwanden. Jae-Sun schmunzelte in sich hinein, denn wenn die großen Feuerköpfe etwas nicht waren, dann war das leise und gewandt. Ihre Vorstellung von Schleichen würde vermutlich noch einen halbtauben Greis beim geruhsamen Nachmittagsnickerchen wecken.

"Irgendetwas neues?", fragte er, als sie sich in Richtung des gekennzeichneten Wegs zum Landeplatz aufmachten. Erst in dem Moment fiel ihm auf, dass er Ka'Simiro vertraute. Der andere könnte ihm erzählen, was er wollte. Es könnte ein seltsames, aber raffiniertes Komplott der Karkaesen sein. Doch er glaubte ihm.


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by Meike "Pandorah" Ludwig & Jainoh