Das Schloss außerhalb der Zeit

1.

Vor Denyels Gesicht bildete sich mit jedem Atemzug ein Schleier in der eisigen Luft, der nur langsam zerfaserte und gleich darauf von einem neuen ersetzt wurde. Schwerer Schnee überzog den Boden des Waldes mit einer gleichförmigen Decke und ließ Konturen weicher werden, dämpfte jede Farbe, die sich aus dem Weiß hervorwagte, und jeden Laut. Selbst der Hufschlag ihrer Pferde klang nur dumpf durch die Stille. Raureif hatte sich in dicker Schicht um die kahlen Äste gelegt, hier und da durch beißenden Wind zu grotesken Formen getrieben, und verlieh den Bäumen das Aussehen von geisterhaften Gestalten.

Der Ritt quer durch den Winterwald auf der alten, kaum mehr zu erkennenden Straße war angenehm gewesen. Die Bewegung hatte Denyel, seine Schwester Adalyn und Prinz Styv ebenso warm gehalten wie die schwere Winterkleidung und die angeregte Unterhaltung unter Freunden. Doch das war vor Stunden gewesen, und langsam begann Denyel zu frieren.

Er wünschte sich in die Gaststube und an den Kamin zurück. Wie so häufig an diesem Tag glitten seine dunklen Augen über den bizarren Anblick, der sich ihnen seit dem Mittag bot. Schon von Weitem hatte das tiefe Grün jeden Blick auf sich gelenkt, und die Aussicht war imposanter geworden, je näher sie kamen – eine prächtige Dornenhecke in vollem Sommerlaub, übersät mit blühenden roten Rosen, die sich nicht darum kümmerten, dass sie im Winter nicht zu blühen hatten.

Denyel blies in seine von dicken Fäustlingen bedeckten Hände, um seine klammen, steifen Finger zu wärmen, aber es brachte keine Erleichterung. Sie hatten das Gebilde einmal vollständig umritten, ein Weg, der sie in dem hohen Schnee Stunden gekostet hatte, obwohl die Bäume respektvollen Abstand zu der Hecke hielten und kein Hindernis darstellten. Nirgends zeigte sich eine lichtere Stelle, nirgends konnte man einen Blick auf das erhaschen, was sich hinter den Ranken verbarg. Von Ferne ragte der höchste Turm des Schlosses, das laut den Legenden im Inneren verborgen liegen sollte, eben noch sichtbar über die obersten Wipfel; direkt an der grünen Grenze war selbst dieser nicht mehr zu erkennen.

"Närrische Idee", grollte Adalyn und starrte das Gestrüpp an wie einen erbitterten Feind. Es war nicht der erste Fluch in diese Richtung. Strähnen ihres schwarzen Haars hatten sich aus dem Zopf gelöst und Raureif an den Spitzen angesetzt, die im kalten Sonnenlicht wie Diamanten glitzerten.

Styv zuckte mit den Schultern, stieg aus dem Sattel und trat prüfend näher an die Hecke. "Natürlich. Aber widersetze dich mal meinem königlichen Vater, wenn der sich etwas in den Kopf gesetzt hat."

"Er müsste es besser wissen." Denyel zog den Schal höher und sprang ebenfalls ab, um die Zügel des Pferds seines Prinzen zu nehmen. "Selbst wenn du dort reinkommst – was dann?"

Mit einem Auflachen drehte Styv sich um und ging zu ihm. Er legte ihm einen Arm um die Schulter und küsste ihn kurz mit kalten Lippen auf einen Mundwinkel. "Erst einmal muss ich an der Hecke vorbeikommen, und im Moment sieht das kaum möglich aus."

Denyel liebte das Funkeln in den dunklen Augen, liebte das energische Gesicht, liebte die schwarzen Strähnen, die wie bei ihm selbst unter der Fellkappe hervor in die braune Stirn fielen. Er umfing den schlanken Mann mit beiden Armen, ohne sich um die Zügel zu scheren, und drückte ihn an sich. "Dein Vater weiß, dass du noch nie eine Frau als Liebchen hattest, selbst bevor dieser einfache Ritter dein Herz beansprucht hat. Er weiß zudem von der Bedingung, unter der man den Fluch brechen kann. Außerdem soll hier mittlerweile eine Horde an Prinzen verloren gegangen sein, wenn man den Legenden glaubt. Was hat er sich dabei gedacht, dich zu schicken?"

"Sir Denyel, höre auf, die Weisheit meines Vaters in Frage zu stellen." Neckend biss Styv ihm in die Unterlippe. "Er will den Ruhm, den Fluch gebrochen zu haben, für unser Haus, aber den Thronerben konnte er schlecht entsenden – verheiratet und unabkömmlich, wie mein Bruder ist. Vielleicht hofft er, dass die legendäre Schönheit der Prinzessin meinen Geist ausreichend lang umnebelt, so dass ich sie befreit habe, ehe ich zu Sinnen komme."

"Jungs, seid ihr fertig mit Turteln?" Adalyn verdrehte die Augen. "Für diejenigen von uns, deren Herz nicht in Leidenschaft erglüht, ist es verdammt kalt hier."

Wenn sie unter sich waren, fielen die Respektbekundungen für den Prinzen weitgehend weg. Adalyn und Styv hatten zusammen als Knappen gelernt, sie war sein vertrautester Ritter und bester Freund. Und nachdem Denyel vor zwei Jahren vom Hof des Fürsten zurückgekehrt war, an dem er seine Ausbildungen als Ritter absolviert hatte, waren er und Styv sich schnell nahegekommen.

"Mit dir geht jede Romantik verloren, Adalyn." Styv grinste Denyel an und löste sich aus seinen Armen. "Wie soll ich ihm je einen Antrag machen, wenn du uns ständig unterbrichst?"

"In dieser Kälte gibt es keine Romantik", stellte sie resolut fest, "und wenn ich euch nicht unterbreche, hört ihr niemals auf. Entweder versuchst du jetzt, die Monsterbüsche heroisch zu durchschreiten oder wir reiten zum Dorf zurück. Dort könnt ihr weiter turteln und ich habe ein Feuer, ein Bier und vielleicht sogar Gesellschaft, mit der man reden kann."

"Heroisch." Styv musterte die Hecke kritisch. "Reicht es auch, wenn ich mich hindurch hacke? Ich glaube nicht, dass es mir gelingt, das heroisch wirken zu lassen."

"Hast du dir die Büsche – falls man das überhaupt noch so nennen kann – mal von nahem angesehen? Um da hindurchzukommen, brauchst du etwas Anderes als ein Schwert." Mit den Pferden am Zügel kam Denyel dichter heran. Viele der Triebe konkurrierten vom Umfang her mit seinen Oberschenkeln, und das waren nur die, die man von hier aus sehen konnte. Er versuchte, in dem Zwielicht unter den Blättern mehr zu erkennen und wich unwillkürlich einen Schritt zurück.

"Hölle, Tod und Teufel!", fluchte er. "Da sind Menschen eingewachsen."

"Was?" Sofort traten Styv und Adalyn zu ihm.

Nun, da er wusste, wonach er Ausschau hielt, waren die Gestalten besser auszumachen. Ein Mann in prachtvoller Rüstung hatte seine Axt erhoben, um einen unsichtbaren Gegner zu bezwingen. Rosenranken schlangen sich um ihn und die Waffe, banden ihn in ewiger Starre. Nur wenig neben ihm schien ein weiterer Mann sich mit einem Schild zu verteidigen, auch er umfangen von Ranken. Und es gab mehr. Manche standen recht dicht an der Grenze, andere konnten sie kaum noch erkennen; sie sahen den Zipfel eines Waffenrocks, einen mit einem Eisenschuh bewehrten Fuß, eine Hand.

"So viel zu den Legenden", murmelte Adalyn, sorgfältig darauf bedacht, keinen Zweig zu berühren und doch nah genug zu kommen.

"Ich glaube, die Hecke hat etwas dagegen, dass man sie zu zerschlagen versucht." Styv grinste schief. "Und ich denke, Feuer mag sie ebenfalls nicht." Er wies auf eine erloschene Fackel, die von einem Astknoten gehalten wurde, ohne dass man den Besitzer sah. "Ich versuche es mal mit Höflichkeit. Wenn das nicht funktioniert", er zwinkerte Adalyn zu, "halten wir uns an den besten Plan, der mir heute zu Ohren gekommen ist, und kehren zu Kamin und Bier zurück."

Glucksend schüttelte Denyel den Kopf, als Styv sich tatsächlich formvollendet in Richtung der grünen Blätter verneigte. "Ehrenwerte Rosenhecke, es wäre mir eine große Freude, teiltest du dich für mich und ließest mich zu der Prinzessin eilen." Behutsam tippte er eine rote Blüte mit der Kuppe seines Handschuhs an.

Ein Rauschen ging durch die Äste. Warmer Wind streifte sie. Dann schossen Ranken aus dem Boden empor und wanden sich um den Prinzen.

"Styv!" Denyel hörte seinen entsetzten Aufschrei von seiner Schwester zurückgeworfen. Er ließ die Zügel los und griff nach seinem Schwert, während er bereits zu seinem Geliebten hinstürzte. Er fasste nach ihm, um ihn festzuhalten, Ranken, Ranken überall, er konnte sich nicht mehr rühren, Holz schlang sich um seine Arme, seine Beine, seinen Körper ...

Von einem Moment zum nächsten lag vor ihm ein Graben, hinter dem sich eine weiße Mauer erhob. Ein wolkenloser blauer Himmel wölbte sich über ihm, wo vorher nur Wolken dahingezogen waren. Die Luft duftete nach Blumen, Heu in der Sonne und Sommerkräutern.

Denyel fuhr herum und stand vor Adalyn und der Rosenhecke.

"Hölle, Tod und Teufel!", fluchte Adalyn erstickt. Sie hielt das Schwert noch emporgereckt, die Augen waren geweitet, das dunkle Gesicht grau. "Was ist passiert?"

Hastig sah Denyel sich um, versuchte zu verstehen, was geschehen war. "Die Hecke hat Styv verschluckt und uns auf die andere Seite ... durchgereicht?" Seine Hand umfasste den Schwertgriff, die Klinge hatte die Scheide nur halb verlassen. Adalyn war schneller gewesen, wie so oft. Energisch schob er die Waffe zurück und trat dichter vor die Ranken, griff nach einer, rüttelte daran. Sie bewegte sich nicht.

"Styv! Antworte, wenn du mich hörst!" Es blieb still. Denyels Magen wurde zu einem kalten Knoten, während er in das düstere Gewirr an Ästen starrte. "Styv! Verdammt ... Styv!"

"Offensichtlich mag die Hecke auch keine Höflichkeit", murmelte Adalyn und ließ endlich das Schwert sinken.

"Und keine Prinzen." Grimmig zog Denyel die Fellmütze vom Kopf und die Handschuhe aus. Er begann zu schwitzen. Der Umhang folgte als nächstes, während er sich umsah.

In der einen Richtung erstreckten sich, soweit das Auge reichte, nur die Hecke, der Burgraben und die Schlossmauer. Auf der anderen Seite, nicht weit entfernt, spannte sich eine Brücke über das Wasser, auf der reglose Gestalten standen. "Zurück kommen wir nicht. Ich vermute, von hier wird das Gestrüpp gleichfalls wenig Freude daran haben, niedergehackt zu werden. Auf diesem Weg bekommen wir Styv nicht frei."

Adalyn nickte und wies zu der Zugbrücke. "Bleibt der Weg nach vorne. Lass uns den Fluch brechen, Bruder." Ihr Lachen klang abgehackt.

Denyel hob die Brauen. "Ich hoffe, dir ist klar, wer die Prinzessin küssen muss."

Der Kommentar brachte ihm einen harten Stoß in die Seite ein. "Und dir ist klar, dass mir deine Gefühle vollkommen einerlei sind, wenn uns das wieder raus bringt."

Denyel musste grinsen, obwohl sein Herz kalt und voller Sorge war.

Sie legten die Wintersachen Stück für Stück am Ufer im Gras ab, bis sie nur noch Hose, Stiefel und Hemd trugen, und gürteten die Schwerter. Die laue Luft und Büsche in saftigem, dunkelgrünem Laub, die neben den schlanken Türmen zu beiden Seiten der Brücke wuchsen, erweckten den Eindruck von Sommer. Wachsam, eine Hand am Schwertgriff, näherten sie sich der Brücke.

Der Anblick rief ein tiefes Schaudern in Denyel hervor, das sich verstärkte, je näher sie kamen. Von der Hecke aus, die auch hier keinen Durchlass bot, wand sich ein Zug von Menschen auf das Tor zu. Ein Bauer in geflickter Kleidung stand wartend bei seinem Ochsen, goldenes Stroh türmte sich hoch auf seinem Wagen empor und schimmerte in der Sonne. Zwei Frauen in bodenlangen Kleidern trugen Körbe voller Pfirsiche, so reif, dass Denyel das Wasser im Mund zusammenlief. Ihre Gesichter waren in Lachen und Fröhlichkeit erstarrt, ihre Augen leer. Ein Knabe trieb drei Schweine mit einer Gerte vor sich her, eines der Tiere sah neugierig über die Brücke in den Graben. Vorne am Tor hielten Soldaten in dunkelblauer Uniform unter ihren Kettenhemden und mit blitzenden Hellebarden eine Gruppe an Gauklern auf, sie schienen zu scherzen, während sie Fragen stellten.

"Unheimlich", flüsterte Adalyn. "Es ist so still."

Und das war es. Kein Stimmengewirr, kein Klirren von Ketten. Keine Schritte und kein Knarren von Rädern, keine Insekten, kein Hundegebell; nicht einmal der Wind in den Zweigen oder auf den Zinnen sang ein Lied. Kein Geräusch war zu hören, bis auf den Laut ihrer Stiefel auf dem Pflaster und ihr eigener Atem. Schaudernd hoffte Denyel, dass der Fluch nicht auf sie übergriff.

Es wurde schlimmer, als sie sich an den Wachen vorbei geschoben hatten und durch das Haupttor den Schlosshof betraten. Hohe weiße Wände säumten ihn ein, und es war eindeutig, dass der Fluch das Schloss mitten am Tage zu einer lebhaften Zeit getroffen hatte. Rechter Hand erstreckten sich mehrere Marktstände, die kostbare Stoffe, üppige Borten und zierliches Glaswerk feilboten, andere priesen Alltagsgegenstände an – Kochlöffel, Bürsten, Küchenmesser. Zwischen den Buden fanden sich Männer, Frauen und sogar einige Kinder, die die Waren betrachteten, handelten, begutachteten.

Denyel wäre fast in eine Wolke Fliegen gestolpert, die von Pferdedreck emporstob. Er blieb stehen und betrachtete sie fasziniert. Niemals war er Insekten im Flug so nah gekommen. Er verjagte sie, wenn sie um sein Gesicht schwirrten; er erschlug sie, wenn sie beim Essen nervten, wirklich angeschaut hatte er sie nie. Beinahe hübsch erschienen ihm ihre durchscheinenden Flügel, eingefroren inmitten der Bewegung, die schillernden Körper jedoch ekelten ihn. Er wollte eine wegschnipsen.

Adalyn hielt ihn mit einer Hand auf dem Arm auf. "Nicht. Du weißt nicht, wie der Zauber reagiert."

Denyel nickte, doch als sie sich abwandte, stieß er eine der Fliegen behutsam mit der Fingerspitze an. Er grinste, als er sie damit mehrere Handbreit verschob, dann folgte er seiner Schwester weiter durch den Hof.

Zwei Jungen jagten Tauben auf, Damen waren in plauderndem Spaziergang unterbrochen worden, und eine Gruppe an Soldaten probte das Exerzieren. Ein Schmied beschlug ein Pferd, während ein Bursche die Zügel hielt. Bedienstete eilten über den Hof und trugen halbe Schweine, rollten Fässer mit Wein und Bier, eine Gauklergruppe vollführte Kunststücke.

Denyel starrte in Verwunderung auf die Bälle des Jongleurs, die in der Luft schwebten, und auf ein zierliches Mädchen, das von den Schultern des obersten Mannes einer menschlichen Pyramide mit einem bezaubernden Lächeln und einem Salto hinabsprang – und erstarrt war, bevor sie den Boden erreichen konnte. Ihr langer brauner Zopf bildete einen eleganten Bogen.

"Gefährlich", murmelte Adalyn, und für einen Moment dachte Denyel, sie meinte die kleine Akrobatin. Dann folgte sein Blick ihrer Geste.

Ein schwarzes Streitross hatte sich aufgebäumt, ein Knabe zuckte mit schreckensbleicher Miene und aufgerissenen Augen zurück. Es war abzusehen, dass er keinen Erfolg haben würde, die Hufe wirbelten nur wenige Fingerbreit von seinem Kopf durch die Luft.

Denyel wich einer Katze aus, die eine Maus belauerte, und trat zu dem Jungen hin. Das blonde, schulterlange Haar ließ die ausweichende Bewegung erkennen, der Mund hatte sich zu einem Schrei geöffnet. Auch die Mähne des Rappen zeichnete dessen Schwung nach. Ein zweiter Junge hatte den Führstrick des Pferdes gepackt und hing daran, als könnte er den massigen Kaltblüter zu Boden zerren, seine Füße schwebten über dem Pflaster. Ein Mann stützte in der Zeit gefangen zu ihnen hin, sein Gesicht eine starre Maske des Schrecks.

"Er ist tot, sobald der Fluch bricht." Denyel kannte die Wucht, die die Hufe eines Streitrosses entwickelten. Behutsam berührte er den Knaben an der Schulter, nicht bereit, ihn sterben zu lassen. Der Stoff des Hemdes gab nach, wie echter Stoff es tat, doch als Denyel die Hand zurückzog, verschwand die Ausbuchtung. Bevor Adalyn protestieren konnte, hatte er den Jungen umfangen und angehoben. Wenn sich Fliegen bewegen ließen, dann auch Menschen. Wie eine Statue behielt der Knabe seine Haltung bei.

Scharf sog Adalyn den Atem ein. Denyel ignorierte sie, als er ihn außer Reichweite trug und abstellte. Die Kleidung erlangte ihre Form zurück, kaum dass Denyel losließ, noch immer starrte der Junge entsetzt, aber blieb in sicherer Entfernung zu dem Pferd stehen.

"Wir können immerhin Einfluss nehmen." Mit einem erleichterten Grinsen drehte Denyel sich zu seiner Schwester um. "Die Zeit ist nicht vollkommen angehalten."

"Du bist und bleibst ein Junge", brummte sie. "Alles musst du anfassen."

Denyel hörte das Lächeln in ihrer Stimme dennoch und sein Grinsen vertiefte sich.

"Weiter", sagte er, ohne auf ihren Kommentar einzugehen. "So spannend all die Menschen hier sind, ist es unsere Aufgabe, die Prinzessin zu finden."

Seine dunklen Augen glitten zu einem zweiten Torbogen, der dem ersten gegenüberlag und einen Blick auf einen weiteren Innenhof freigab; sie erfassten hohe Schlosswände, an denen sich Fenster an Fenster reihten, Balkone und Türmchen.

"Adalyn, wir werden Ewigkeiten brauchen." Seine gute Laune zerfloss. "Und wenn sie nicht gerade eine Krone trägt oder jemand ein Schild mit ihrem Titel hält und auf sie weist, wie sollen wir sie erkennen? Sie ist nicht die einzige Dame von Stand. Wir können nicht jedes Mädchen küssen, das in ihrem Alter ist. Und was, wenn die Legenden lügen? Was, wenn die Kleine älter ist oder jünger – oder ein Prinz?"

Für einen Moment schürzte Adalyn die Lippen. "Die Legende ist dennoch das einzige, nach dem wir uns richten können. Sie sagt auch, dass die Prinzessin sich an einer Spindel stechen musste, um in den Zauberschlaf zu fallen. Wir halten also Ausschau nach dem einzigen Menschen, der eine Spindel hält – denn Spindeln hat der König damals aus dem Reich verbannt. Was die Suche betrifft, hast du Recht. Wir teilen uns auf. Sonst vergehen weitere hundert Jahre, bis wir jeden Raum und jede Besenkammer durchsucht haben."

"Vermutlich hat die Prinzessin nicht den Anstand besessen, sich im Thronsaal auf einem Thron zu stechen." Grimmig verzog Denyel den Mund. "Da die Spindeln verboten waren, kann sie selbst in den Kerkern oder in den Hundezwingern stecken, wenn sie das gute Stück neugierig ausprobieren wollte."

Gemeinsam traten sie durch den zweiten Torbogen und durchquerten auch den nächsten Hof, um über eine breite Treppe das Innere des Gebäudes zu betreten. Denyels Herz sank. Das Schloss war gigantisch, vollkommen unmöglich, es in wenigen Stunden zu durchsuchen.

Und überall standen bewegungslose Menschen oder Tiere im Weg. Hunde, Katzen, Pferde, Ratten, auffliegende Vögel, Bienen und Fliegen, Mücken ... Er beäugte eine Mücke, die sich im Landeanflug befand.

"Denk nicht einmal daran", sagte Adalyn mit einem Lachen in der Stimme, ehe sie sich seufzend umsah. "Du gehst rechts herum", sie wies auf eine Tür, die von dem großen Saal abzweigte, "ich gehe links herum. Wenn wir nichts finden, treffen wir uns wieder hier."

"Zu Befehl, Lady Adalyn." Er salutierte spielerisch, sie verdrehte grinsend die Augen.

Bald verging Denyel jedoch das Scherzen. Jede Tür zu öffnen, war verstörend und falsch. Er fühlte sich wie ein Eindringling, der kein Recht hatte, hier zu sein. Die Menschen waren in ihren alltäglichen Pflichten erstarrt und ebenso in den kleinen gestohlenen Momenten.

Er entdeckte Schreibstuben, in denen Männer die Köpfe über Schriftrollen gebeugt hielten, einen Geldzähler, dem sich ein umgestürztes Tintenfass über eine Tabelle ergoss. Geschäftige Dienerinnen halfen Damen in Unterwäsche in ihre Kleider, und eine Dienstmagd küsste mit rotem Gesicht und geschlossenen Augen einen Mann, der bereits die Verschnürung ihrer Bluse löste.

Denyel fand die Küche, in der ein Koch einem Jungen eine Schelle gab, während andere bis zu den Ellbogen in Teig steckend zu ihnen hin sahen. Die Scherben auf dem Boden, zwischen denen Salz in alle Richtungen gespritzt war, zeigten den Grund.

Manche Türen widersetzten sich für einen Atemzug, ließen sich aber doch öffnen, als hätten die Schlösser vergessen, zu was sie dienen sollten. Manche Kammern waren leer, in einer hielt ein Lehrer vor Knaben Unterricht.

Schließlich kehrte Denyel in den Hauptsaal zurück, Adalyn folgte nur wenig später. Stumm teilten sie die nächsten Gänge auf. Mehrere Male begegneten sie sich, als Flure sich kreuzten, öfter waren sie gezwungen, den gesamten Weg zurückzulaufen, um einander wiederzufinden.

Sie hatten erst das zweite Stockwerk abgesucht, als die Sonne unterging und alles in Zwielicht tauchte. Ohne viele Worte zu wechseln, zogen sie sich in ein Zimmer zurück, in dem ein erstarrtes Feuer brannte – nicht selbstverständlich mitten im Hochsommer.

"Verdammt." Frustriert ließ Adalyn sich in einen der bequemen Sessel fallen, die sich um den Kamin gruppierten. Der Raum war immerhin menschenleer, keine Statue mit leeren Augen starrte vorwurfsvoll ins Nichts. "Warum muss es ausgerechnet ein reicher König gewesen sein, den der Fluch getroffen hat? Hätte das Herrscherhaus nicht eine kleine Burg ihr Eigen nennen können? Zwei bescheidene Flügel und ein Haupthaus sind doch vollkommen ausreichend."

Das Feuer mochte nicht flackern, aber es tauchte die Kammer in rote Glut, während sich Schwärze über die Fenster legte. Denyel konnte ihr nur zustimmen. Seine Füße schmerzten, er hatte Hunger und Durst, und Styv stand draußen erstarrt in der eisigen Kälte in tödlicher Umarmung einer Rosenhecke. Wenn er nur bei ihnen wäre! Denyel zwang sich, die Bilder zu verdrängen, die ihm seine Phantasie vorzugaukeln begann.

Sein Magen half, als er fordernd knurrte. Müde rieb Denyel sich über das Gesicht. "Wir brauchen dennoch eine Pause. In der Nacht können wir zu viel übersehen. Bleib hier, ich bin gleich zurück."

Keine Fackel erhellte die Gänge, als er den Weg zurückging, den er gekommen war. Die Dunkelheit ließ ihn über eine Katze stolpern, fluchend fing er sich knapp. In einem der Gemächer, die er bereits erkundet hatte, bediente er sich an dem Mittagsmahl, das eine Dienerin für eine Dame und deren Gast gerichtet hatte. Er nahm das Tablett unter ihrer Hand fort, die sich eben erst gelöst zu haben schien, und entschuldigte sich leise, ehe er zu Adalyn zurückkehrte. Obwohl der Braten erstarrt war, duftete er vorzüglich, die Bohnen dampften heiß, und dunkle Soße bedeckte Kartoffeln. Wasser und Wein standen in gläsernen Karaffen dabei.

"Du weißt, was sie über Feenspeisen sagen." Besorgt sah Adalyn ihn an, als er das Tablett neben ihr auf einem zierlichen Tisch abstellte.

"Natürlich. Ein Biss, und du kommst niemals mehr aus ihrem Reich frei. Aber auch wenn wir hungern können, werden wir verdursten, ehe wir die Prinzessin finden. Außerdem sind wir nicht in einem Feenreich, sondern in einem Fluch gefangen", antwortete er beherzt und goss Wein in die Kelche. Es erstaunte ihn, dass es funktionierte. "Muss man Flüche verstehen?"

Adalyn starrte den Becher an und schüttelte den Kopf. "Nein." Sie hielt ihn auf, als er trinken wollte. "Ich zuerst. Styv wäre nicht erfreut, wenn sein Liebster nicht zu ihm zurückkehrt."

"Oder seine engste Vertraute", wandte Denyel mit einem Stirnrunzeln ein.

"Aber ich wäre äußerst ungehalten, wenn ich das Leben meines Bruders riskiere. Und das willst du nicht, da wir hier gemeinsam gefangen sind." Sie grinste und nahm einen tiefen Schluck. "Trinkbar. Und sogar gut."

"Vielleicht setzt die Wirkung erst später ein", schlug er grummelnd vor, während er sich den Teller volllud.

Nach dem Essen fühlte er sich deutlich besser. Selbst wenn das Mahl hundert Jahre alt sein mochte, hatte es vorzüglich geschmeckt, und seinen Magen schien es nicht zu stören, dass ein Fluch darauf lag. Wer wusste schon, ob sie nicht bereits Teil des Fluchs waren.

Sie richteten sich vor dem Kamin ein Lager mit Decken aus einem Nachbarraum, in dem eine Dienstmagd dabei war, das Bett aufzuschlagen. Lieber kein Bett als eines mit einer Statue daneben.

Auch wenn Denyel müde war, konnte er lange nicht schlafen. Er starrte in das seltsam reglose Feuer, das Wärme und Licht spendete, und dachte an Styv. Sein Herz schmerzte vor Sehnsucht; er vermisste ihn, vermisste seinen Körper neben sich, den Atem in seinem Ohr, seine dunkle Stimme. Die Vorstellung, dass sein Liebster dort draußen erfrieren konnte, dass die Rosenranken ihn aussaugten, bis nur eine leere Hülle zurückblieb, trieb ihn an den Rande des Wahnsinns. Er wollte aufspringen und zur Hecke eilen, wollte sie niederbrennen, mit bloßen Händen auseinanderreißen, irgendetwas tun. Doch es gab nichts.

Die Unruhe, mit der Adalyn sich auf ihrer Seite des Lagers umher wälzte, verriet, dass es ihr nicht besser erging. Dennoch schwiegen sie. Es war müßig, und vielleicht vermochten Worte die Ängste zum Leben erwecken.


© by Pandorah