Das Schloss außerhalb der Zeit

2.

Der Morgen weckte sie mit hellem Sonnenschein. Denyel fragte sich, ob es der gleiche Morgen war, der außerhalb der Hecke herrschte. Das Licht war sommerlich, die Luft warm, aber sicher konnte ein Fluch keinen Tag verlängern? Gähnend streckte er sich und entdeckte, dass Adalyn bereits für ein Morgenmahl gesorgt hatte. Brot, Butter, Käse und Wurst stapelten sich auf dem Tablett, ebenso hatte sie einen großen Krug mit Milch gebracht.

"Ewig können wir in diesem Schloss nicht verweilen", informierte Adalyn ihn von der Tür her. "Das Essen bleibt verschwunden."

Denyel grinste und fuhr sich mit beiden Händen durch das kurze, schwarze Haar, das daraufhin in alle Richtungen abstand. "Bei der Menge an Vorräten, über die ich gestern gestolpert bin, wären wir zwei wohl bis an unser Lebensende versorgt. Aber bei allen Teufeln und Dämonen, das ist ein schlechter Plan, sich hier zur Ruhe zu setzen. Zu voll. Zu ruhig." Kein Styv.

Nach dem Mahl setzten sie ihre Suche fort. Quartiere von Bediensteten wechselten sich mit denen der Herrschaft ab, und bald standen sie in einem weiten Saal, der für ein Fest gerichtet wurde. Üppiger Blumenschmuck dekorierte die Wände, Diener deckten mehrere Tafeln mit festlichem Silber. Ein zweiter Saal lud zum Tanzen ein; auch hier wanden sich Blüten und Früchte in Girlanden an Fenster und Wänden entlang, in einer Ecke prüften Spielleute ihre Instrumente und vielleicht den Klang im Raum.

Ein Mann in dunkelrotem Samt, zu dem alle anderen respektvollen Abstand hielten, lenkte Denyels Blick auf sich. Ein goldener Reif krönte sein blondes Haar, das ebenso wie der Bart bereits von Grau durchzogen war. Prachtvolle Rubine zierten die Schwertscheide an seiner Seite, eher ein Schmuckstück denn eine Waffe. Sein breites Lächeln zeigte, dass er zufrieden war mit dem, was ihn umgab.

Eine Edeldame in einem grünen Samtkleid, deren dunkles Haar größtenteils unter einer weißen Haube verschwand, hatte eben ihre Hand von seinem Arm genommen und schien zwei Männer zu dirigieren, die zwischen sich eine mehrstöckige Torte trugen. Ein Lakai stand in tiefer Verbeugung und reichte einen Becher Wein an, ein Mann mit blasiertem Gesichtsausdruck las von einer Schriftrolle vor.

"Ich denke, wir haben den König und die Königin gefunden." Denyel sah sich betont auffällig um. "Ist hier irgendwo ein Mädchen mit einer Spindel?"

Adalyn lachte schnaubend. "Direkt unter dem gestrengen Blick des Herrn Vaters, der die Spindeln verboten hat? Eher finden wir sie in dem Raum, der am weitesten entfernt von diesem Ballsaal liegt."

"Gut, das wäre immerhin einmal ein Hinweis." Denyel musterte das Königspaar; sie schienen so gut gelaunt und froh, dass die Vorbereitungen des Fests Gestalt annahmen. Doch um den Mund der Königin lag ein müder Zug, und obwohl die Zeit ihn hatte erstarren lassen, wirkte der König angespannt. Hatten sie bereits etwas erahnt?

Bis zum Abend hatten Denyel und Adalyn das Schloss fast vollständig durchkämmt. Denyel nahm die Szenen, die er erblickte, mittlerweile nicht mehr mit Staunen oder Scheu, sondern nur noch mit abgestumpfter Wachsamkeit zur Kenntnis. Kein Mädchen mit Spindel? Nächster Raum. In seinem ganzen Leben hatte er bisher kein Bauwerk so gründlich durchsucht, und er bekam lediglich die Hälfte davon zu Gesicht.

Wieder fanden sie ein leeres Zimmer mit Kamin, und dieses Mal konnten sie sich sogar ein Bett teilen. Es schlief sich angenehmer auf der weichen Matratze als auf dem Boden, auch wenn dank der hochsommerlichen Temperaturen die Decken überflüssig waren.

Als Denyel erwachte, zeigte das Fenster nach wie vor nur Dunkelheit. Einige Atemzüge lang lauschte er in die Nacht und fragte sich, was ihn geweckt hatte. Außer Adalyns gleichmäßigem Atem war nichts zu hören, und vielleicht war es genau das. Es war zu ruhig. Ob am Lagerfeuer unter freiem Himmel, in einem Gasthof oder in ihren Gemächern daheim, eines unterschied sich nie, es gab immer Geräusche. Nicht die selben, aber vollkommene Stille herrschte nirgends.

Leise stahl er sich aus dem Bett und trat ans Fenster. Sein Blick glitt wie magisch angezogen hinaus auf die turmhohen Wände der Dornenhecke, die wie ein finsterer Schatten das Schloss umgab. Er konnte die Brücke sehen, die den Schlossgraben überspannte, und ein Stück davor, mehr zu erahnen als wirklich zu erkennen, eine dunkle Erhebung – ihre Ausrüstung, die sie zurückgelassen hatten, nur ein kleiner Fleck zwischen Graben und Hecke.

Dort, an dieser Stelle, stand Styv mit Dornenranken gefesselt. Denyels Brust wurde eng, er kämpfte gegen Tränen und das schmerzende Gefühl von Einsamkeit und Verlust an. Was, wenn sie die Prinzessin nicht fanden? Was, wenn sie den Fluch nicht brechen konnten? Der Kuss der wahren Liebe war der Schlüssel. Doch Denyels Herz gehörte seinem Prinzen. Und wie sollte Adalyn für ein Mädchen Liebe empfinden, wenn sie dieses Mädchen nicht einmal kannte? Wie sollte das überhaupt irgendjemand können?

Reglos starrte er in die Nacht, während das Brennen in seinen Augen unerträglich wurde.

 

Der nächste Morgen begann wie der vorherige mit strahlendem Sonnenschein, als gäbe es in diesem Schloss nur diesen einen Sommertag. Nach einem schweigenden Frühstück machten sie sich erneut auf die Suche. Stockwerk um Stockwerk arbeiteten sie sich zwei Türme nach oben vor, bis ihnen nur noch der eine blieb, den man von Ferne sehen konnte. Er war schlank und bot nicht viel Raum für Zimmer, doch Denyel fürchtete sich davor, ihn zu betreten.

Wenn sich die Prinzessin auch hier nicht befand, was dann? Gut, sie hatten bisher die Kerker ausgelassen, und die Ställe fehlten ebenfalls. Hundezwinger und Wachstuben, die Quartiere der Soldaten ... aber das alles waren erst recht keine Orte, wo eine standesbewusste Prinzessin sich aufzuhalten hatte.

Gemeinsam stiegen sie die Wendeltreppe empor, teilten sich nur auf, um die wenigen Kammern pro Geschoss zu durchsuchen, und fanden sich erneut. Denyel sah im Gesicht seiner Schwester die gleiche Sorge, die gleiche Anspannung, die er empfand. Sie sprachen nicht, fragende Blicke wurden nur mit Gesten oder einem Kopfschütteln beantwortet.

Die Treppe endete an einem Rundgang, von dem vier Türen abzweigten. Ein Blick nach oben offenbarte eine geschlossene Falltür. Denyel sah sich bereits darunterstehen und Adalyn hochstemmen, auch wenn er kaum glauben konnte, dass die Prinzessin sich dort versteckte. Er deutete Adalyn, in die eine Richtung zu gehen, während er die andere nahm.

Gleich die erste Tür war verschlossen. Er fluchte leise und drückte fester, dann stemmte er sich dagegen. Wie üblich gab das Schloss nach, als diente es nur der Zierde und nicht dem Schutz.

Der Raum schien die Kammer eines Bediensteten zu sein. Ein einfaches, sauberes Bett, ein kleiner Waschtisch mit Wasserschale und Krug, ein zierliches Sofa und ein Tischchen teilten sich den Platz. Die Sonne zeichnete einen Streifen an Licht durch ein schmales Fenster auf den abgenutzten Dielenboden.

Auf dem Sofa saß eine junge Frau mit tränennassem Gesicht, Denyel vermutete anhand der schlichten, gestärkten Haube, dass sie eine Dienerin oder Zofe war. Ein Mädchen lag bei ihr, den Kopf auf ihrem Schoß, das hellbraune Haar in wilden Wellen über den blauen Stoff verteilt. Eine schlanke Hand der Zofe war in einer sanften liebkosenden Geste auf dem Haar erstarrt, die andere umfing eine Hand des Mädchens, und in dieser wiederum ...

Abrupt blieb Denyel stehen.

Er hatte die Prinzessin gefunden.

"Adalyn!" Seine Stimme hallte viel zu laut in der vollkommenen Stille wider. Von draußen erklangen die hastigen Schritte seiner Schwester, einen Moment später hörte er, wie sie scharf die Luft einsog. Die Prinzessin hatte die Augen geschlossen, ihr Gesicht war ruhig und entspannt, wie in tiefem Schlaf gefangen. Eine Hand hielt die Spindel, ein einzelner Blutstropfen zierte wie ein Rubin die helle Fingerkuppe des Zeigefingers der anderen.

"Die Legenden lügen nicht", sagte Adalyn sanft nach einer Weile. "Sie ist wunderschön."

"Und sie hat die hässlichste Spindel der Weltgeschichte gefunden", antwortete Denyel mit einem kritischen Blick auf das klobige Ding. Das einzig Zierliche war die Spitze, an der sie sich gestochen hatte. Adalyn gluckste. "Wäre es ein hübscher Prinz, wäre dir die Spindel nicht aufgefallen."

Denyel warf ihr einen Seitenblick zu und grinste. "Teure Schwester, selbstverständlich nehme ich andere Männer als meinen Liebsten kaum wahr."

Adalyn hob beide Brauen, ehe sie schallend lachte, und Denyel fiel mit ein. Schnell verstummten sie jedoch, das Lachen schien fehl am Platz und viel zu laut.

"In Ordnung", Denyel wies mit einem knappen Nicken auf die Kleine, "schau sie an, verliebe dich und küsse sie. Und dann lass uns gehen."

"Ich soll mich verlieben und sie verlassen?" Adalyn schüttelte skeptisch den Kopf. "So etwas kann nur ein Mann vorschlagen."

"Willst du stattdessen Styv verlassen und nicht mehr nach Hause zurückkehren, nur um eine Göre zu heiraten, die noch feucht hinter den Ohren ist?" Grinsend musterte Denyel seine Schwester. Aber was, wenn genau das ein Teil des Fluches war? Sein Grinsen verblasste. Der Preis war hoch. Doch sollte es wirklich wahre Liebe sein, die daraus erwuchs, konnte Adalyn glücklich werden. Das war es wert, sie zu vermissen.

"Es wäre ein gesellschaftlicher Aufstieg", neckte sie, "obwohl es mittlerweile ein sehr kleines Königreich ist, was da von der Hecke eingeschlossen ist."

Sie beugte ein Knie vor der Prinzessin und sah in das schöne Gesicht. Dann lehnte sie sich vor und berührte behutsam mit dem Mund die rosigen Lippen.

Denyel spannte sich an, erwartete Fanfaren, das Erklingen von Stimmen, Gelächter, die Laute des Alltagslebens, die zu dem hohen Turmzimmer emporschallten.

Es blieb totenstill.

Einen Atemzug lang verharrte Adalyn, ehe sie sich erhob und Denyel ansah. Sie wirkte weder sonderlich überrascht, noch enttäuscht. "So viel zu dieser Theorie. Du bist dran."

Auf den Stich, den Denyel spürte, war er nicht vorbereitet. Panik schnürte ihm die Kehle zu. Was, wenn er sich an die Prinzessin binden musste? "Adalyn, ich küsse sie so schnell wie möglich, und wenn sie aufwacht, sagst du, es wäre dein Kuss gewesen, der sie geweckt hat. Ich werde das Gör nicht heiraten!"

Die Augen seiner Schwester weiteten sich, dann verzog sich ihr Gesicht zu einem breiten Grinsen. Einen Moment kämpfte sie mit dem Lachen, ehe sie mit allem Ernst, den sie aufbringen konnte, sagte: "Bruder, glaubst du wirklich, dass der König einem dahergelaufenen Ritter seine Tochter an den Hals wirft? Du bist kein Prinz, du kannst ihr kein Land bieten, deine Heimat ist weit entfernt."

"Wenn er glaubt, dass ich den Fluch gelöst habe, wird er vielleicht genau das fordern", antwortete Denyel dumpf. "Und auch wenn sein Reich klein geworden ist, hat er hier genug Soldaten versammelt, dass wir zwei uns nicht gegen sie behaupten können."

Ihre Augen funkelten noch immer, dennoch nickte sie. "Sollte es dazu kommen, stehe ich für dich ein. Als dein Waffengefährte und für unseren Prinzen."

"Gesprochen wie ein wahrer Ritter!" Denyel kam sich ein wenig dumm vor, aber grinste erleichtert und zog seine Schwester in eine kräftige Umarmung. Dann wandte er sich mit einem ergebenen Seufzen der Prinzessin zu und musterte sie kritisch. Sie war wunderschön. Schön wie ein Bild mit ihrem Knospenmund und den feinen Zügen, mit dem Haar wie gesponnene, seidige Bronze, der kleinen Nase und einem Hauch an Sommersprossen. Schön wie eine Statue, wie ein Lied oder wie eine wunderbare Zeichnung.

Denyel hatte nie das Verlangen gespürt, Statuen oder Bilder zu küssen. Er seufzte, beugte sich zu ihr herab und küsste sie flüchtig, um sofort zurückzutreten, jeder Muskel in seinem Körper angespannt.

Es blieb still.

"Hölle, Tod und Teufel!" Wütend trat Adalyn gegen ein Bein des Sofas.

Denyel spürte Kälte in sich. Das war etwas, mit dem er nicht gerechnet hatte. Es war ihm sicher erschienen, dass, wenn sie die Prinzessin fanden und Adalyn sie küsste, der Fluch gebrochen wurde. Und im schlimmsten Fall spätestens dann, wenn er sie küsste. Er verschränkte die Arme vor der Brust und lehnte sich gegen den Türrahmen.

"Und jetzt?", fragte er heiser. "Sollen wir jeden einzelnen Bewohner dieses verdammten Schlosses herschleppen und seine starren Lippen auf die starren Lippen der Prinzessin drücken, in der Hoffnung, dass irgendjemand ausreichend in sie verliebt ist?"

"Wenn das als Kuss zählt und unsere einzige Hoffnung ist, dann ja", antwortete Adalyn grimmig. "Wir könnten mit König und Königin anfangen, vielleicht reicht elterliche Liebe aus."

Denyel schloss die Augen und biss die Zähne zusammen. Er wollte schreien. Er wollte etwas zerstören. Er wollte die Dreckshecke eigenhändig niederreißen, um Styv daraus zu befreien. Er wollte der Fee, die sie alle verdammt hatte, den Hals umdrehen. Langsam. Oder sein Schwert in ihren Leib rammen.

Styv stand dort draußen, umfangen von Ranken, in der eisigen Kälte des Winters, reglos, hilflos. Und wenn sie hier durchdrehten und den Verstand verloren, wenn sie keinen Weg fanden, den Fluch zu lösen und an Alter starben, wenn irgendwann in tausend Jahren irgendwer irgendwie das Kunststück vollbrachte, die Hecke zu durchdringen und sich in eine Statue zu verlieben, dann wäre Styv allein. Aus der Welt gerissen, die er kannte, falls er nicht auch tot war. Ohne seine Freunde, ohne seine Familie, ohne seine Heimat. Ohne ihn.

Denyel stieß einen verzweifelten, zornigen Schrei aus, drehte sich um und trat gegen die Tür. Wieder und wieder und wieder. Er schlug gegen die Mauer, einmal, zweimal, bis starke Arme ihn von hinten umfingen und ihn von der Wand wegzogen.

"Denyel, ruhig. Hör auf! Wir finden einen Weg."

"Und wie?" Wütend wehrte er sich gegen seine Schwester, er wollte sich nicht beruhigen. Doch ihr Griff war wie Eisenklammern. Verdammt noch mal, er wollte hier raus!

"Denyel! Reiß dich zusammen!" Sie festigte ihren Griff, bis er schmerzhaft wurde. "So hilfst du Styv nicht! Gaube mir, ich will ihn auch lieber heute als morgen befreit sehen."

"Und wie sonst? Was sonst sollen wir tun?", grollte er, aber hörte auf, sich zu sträuben. Er wollte nicht ernsthaft kämpfen, und sie hatte Recht. "Wir können nicht alle hierher schleppen. Was, wenn ausgerechnet die Küchenmagd, die sie liebt, bis zu den Ellbogen in Teig steckt und sich nicht lösen lässt? Oder der Stallknecht ihrer Träume sich gerade an die Zügel eines verdammten Pferdes klammert, das dabei ist, durchzudrehen?"

"Wir müssen es versuchen." Ihre Stimme war ruhig und besonnen, wie immer. Sie hatte den Status als große Schwester redlich verdient.

Denyel trat noch einmal gegen die Wand, dann entspannte er sich mühsam.

"Fangen wir an", knurrte er.

Es war eine undankbare Aufgabe. Der erste Versuch – die Prinzessin nach unten zu transportieren, um nicht gezwungen zu sein, jeden einzelnen Menschen die Treppen hochzutragen – schlug fehl, weil ihre Kleider, Haare, Hände und Bänder derart mit dem Sofa und ihrer Zofe verbunden waren, dass sie die Frauen und das Möbelstück zusammen hätten hinab schleppen müssen, und dafür war allein schon die Tür zu schmal. Da die beiden so verwoben waren, gelang es ihnen auch nicht, die Zofe dazu zu bringen, die Prinzessin zu küssen.

Sie hielten sich an den halbgaren Plan, den sie sich zurechtgelegt hatten. Zuerst trugen sie, da sie die leichtere war, die Königin durch den gesamten Palast und unter vielen Flüchen den Turm empor. Es erwies sich als schwieriger als erwartet, die Mutter so zu positionieren, dass sie irgendwie mit dem Mund in die Nähe des Gesichts ihrer Tochter kam, und das Ergebnis, als es endlich glückte, war ernüchternd. Es gab schlicht keines. Entweder zählte elterliche Liebe nicht, oder die Königin war nicht der mütterliche Typ.

Ihre Flüche nahmen an Intensität zu, als sie danach den König zu seiner Tochter transportierten. Fast hätten sie ihn auf einem Treppenabsatz fallen gelassen, und ihre Mühen wurden im Anschluss nicht einmal belohnt, nachdem Denyel ihn festgehalten und Adalyn gleichzeitig seinen Mund auf den der Prinzessin manövriert hatte.

Schweigend sahen sie sich an, als der König neben seiner Frau in dem kleinen Zimmer stand. Adalyn sagte als Erste, was sie beide dachten.

"Hier ist zu wenig Platz. Wir müssen sie alle zurück nach unten bringen. Und es wird tausend Jahre in Anspruch nehmen, jeden einzelnen Bewohner des verfluchten Schlosses hierher zu schleppen."

Denyel nickte knapp. "Lass sie uns vorerst in den Nachbarräumen stapeln. Wenn wir Glück haben, finden wir ihre große Liebe, bevor uns der Raum ausgeht."

Das Königspaar wurde in die nebenan liegende Kammer verfrachtet und platzsparend dicht beieinander vor das Fenster gestellt, um möglichst viele weitere Statuen unterbringen zu können. Denyel dachte bei sich, dass tausend Jahre noch eine vorsichtige Schätzung waren.

Ihr nächstes Opfer war ein alter Lakai. Er hielt einem Edelpärchen eine der unteren Türen im Turm auf. Sie schwang zu, als sie ihn entfernten, und wurde vom Edelmann gestoppt, Gesicht voran. Denyel zuckte zusammen und betete, dass keine Schäden entstanden waren.

Es folgte das Edelpärchen, erst der Mann, dann die Frau, die sie im Anschluss frustriert einfach nur auf den Rundgang stellten statt in ein Zimmer. Dann ein Junge, der höchstens alt genug war, um die Prinzessin als Bruder anzuhimmeln. Immerhin war er leicht. Steife Körper die Wendeltreppe emporzutragen, war anstrengender, als das Gewicht es vermuten ließ, besonders, wenn die Besitzer der Körper in ausladenden Gesten erstarrt waren, bei denen sie auf herausragende Finger achten mussten.

Schwer atmend lehnte Denyel sich schließlich an die Wand neben die Kammer der Prinzessin. Schweiß tränkte sein Haar, sein Hemd und rann seinen Rücken hinab. Seine Beine schmerzten von dem ständigen Auf und Ab, ebenso wie sein Rücken von der Last. "Was für eine Tortur! Verdammte Treppen! Das kann nicht die Lösung sein. So kommen wir nie weiter!"

Adalyn nickte. Sie setzte sich auf die oberste Treppenstufe, stützte den Kopf gegen das steinerne Geländer und schloss für einen Moment die Augen.

"Ich korrigiere mich." Selbst ihre Stimme klang erschöpft. "Zweitausend Jahre scheinen mir eine realistischere Schätzung zu sein."

"Was will diese verfluchte Fee?" Mit Mühe hielt Denyel sich davon ab, erneut gegen die Mauer zu treten. Gebrochene Zehen würden ihnen auch nicht helfen. "Hey!", brüllte er frustriert. "Was willst du von uns, verdammt noch mal! Was ist es!?"

Seine Stimme hallte von den Wänden wider, eine Antwort bekam er nicht.

"Wenn ich sie aus dem Fenster werfe, bricht das den Fluch?" Grollend sah Denyel in das Zimmer mit den beiden Mädchen.

"Sei froh, dass ich weiß, dass du das nicht ernst meinst. Sonst müsste ich dich fordern." Adalyn grinste, erhob sich und streckte sich steif. "Ich hole etwas zu trinken. Denk du dir derweil einen effektiveren Plan aus."

Denyel empfand es als Zeichen ungeheuren Mutes, dass sie sich der Treppe stellte und dabei die Dienerin ein Stockwerk mit nach unten nahm. Viel Platz war auf dem Rundgang nicht mehr, sie mussten mit dem Umlagern anfangen.

Einen Moment lauschte er auf Adalyns Schritte, die sich schwerfällig entfernten, dann betrat er das Zimmer erneut. Liebe konnte er mit allem Willen nicht für die hübsche Prinzessin empfinden. Mitleid vielleicht. Auf jeden Fall Wut darüber, dass sie diese dämliche Spindel trotz besseren Wissens benutzt hatte ... hatte sie doch, oder?

Er kniff die Augen zu Schlitzen zusammen, legte den Kopf schief und betrachtete die beiden jungen Frauen. Die Zofe konnte nicht viel sehen von der Prinzessin, so verheult, wie sie wirkte. Ob sie ihr abgeraten hatte? Oder war die Prinzessin eingeschlafen und hatte ihrer Dienerin noch Zeit zum Trauern gelassen, ehe der Fluch sich über das gesamte Schloss ausgebreitet hatte? Aber warum sollte die Prinzessin die Spindel nutzen, wenn sie wusste, dass sie von einem Fluch erfasst würde, sobald sie sich stach? Hatte sie das gewusst?

Er ging in die Hocke und sah in das Gesicht der Zofe hinauf. Dass sie die Plätze getauscht hatten, war unmöglich, also brachte es auch nichts, die Zofe zu küssen. Schließlich musste die Prinzessin sich stechen, um zu schlafen. Er sah auf die nackte, krude Spindel und auf die Hände der beiden Frauen, die sie gemeinsam umfassten. Die Wolle fehlte. Und so, wie die Prinzessin sie hielt ... Sie hatte sich absichtlich damit verletzt! Er blinzelte.

Adalyns Schritte lenkten seine Gedanken ab. Er stand auf, als seine Schwester den Raum betrat, und nahm ihr dankbar den irdenen Krug ab.

"Schau dir die Zwei noch mal an", sagte er und wies mit dem Kopf zum Sofa. "Was siehst du? Erzähl mir ihre Geschichte, wie sie hierher gekommen sind und vor allem, wie die Kleine sich gestochen hat."

Mit einer hochgezogenen Braue wandte Adalyn sich um, während Denyel durstig trank. Das Wasser mochte seit hundert Jahren herumstehen, es war dennoch frisch und süß und köstlich.

Kritisch betrachtete Adalyn die beiden Frauen, dann weiteten sich ihre Augen. "Das war Absicht. Sie hat gewusst, was sie tat."

Denyel stellte den Krug achtlos auf das Tischchen und nickte. "Sie hat den Fluch in vollem Wissen herbeigerufen, so sieht es auch für mich aus. Sie wollte schlafen. Aber warum?"

"Die Legende sagt, sie sollte am Tag ihres sechzehnten Geburtstags vermählt werden." Nachdenklich sah Adalyn auf die Prinzessin hinab. "Und das Schloss steckt mitten in den letzten Vorbereitungen für eine große Feier." Ihr Blick glitt zu der Zofe, zu der schlanken Hand, die so liebevoll über das bronzefarbene Haar strich. "Vielleicht will sie gar nicht aufwachen."

"Weißt du, was mir das ist? Styv bleibt nicht in dieser verdammten Hecke drin!", antwortete Denyel hitzig.

Sie nickte. "Styv ..." Ihre Stimme verlor sich, Adalyn schien etwas zu sehen, das in endloser Ferne lag oder das es nicht gab. Abrupt richtete sie mit funkelnden Augen ihre ganze Aufmerksamkeit auf Denyel.

"Was?", fragte er misstrauisch.

"Denk an Styv", forderte sie ihn auf.

"Ich tue nichts anderes." Er schnaubte.

"Nicht so." Sie grinste. "Denk an ihn. Denk an ihn, als wäret ihr zwei allein. Mit geschlossener Tür. Stell dir vor, wie er dich küsst. An seine Hände auf deinem Körper -"

"Adalyn, du bist meine Schwester. Das ist verstörend, wenn du so etwas sagst." Unbehaglich schnitt er eine Grimasse.

Sie gluckste in sich hinein. "Dann denke einfach so an ihn. Denk daran, was er dir bedeutet, an seine Liebe, an das, was ihr euch sagt, wenn niemand euch zuhört. Denk an ihn, bis all das, was du für ihn fühlst, dir fast das Herz zerreißt. Und hör nicht auf, an ihn zu denken, während du das Gör küsst."

"Was?" Verdutzt sah er sie an.

"Denk nicht darüber nach, tu's." Sie stieß ihm die flache Hand gegen die Stirn. "Jetzt. Und wenn du es nicht tust, mein teurer Bruder, werde ich dir genüsslich all das aufzählen, was du denken sollst."

Er schauderte und schloss die Augen. Das war Wahnsinn. Das konnte nicht funktionieren. Wie sollte er dadurch die Prinzessin lieben?

Dann verstand er. Mit einem tiefen Durchatmen versuchte er, sich zu entspannen und dachte an den Mann, dem sein Herz gehörte. An das Lachen, wenn sie nebeneinander her über die Felder jagten, den Wind im Haar. An die Scherze, während sie trainierten. An die stillen Momente, die sie zusammen verbrachten, ohne zu sprechen, manchmal gar ohne sich zu berühren. An sein Lächeln, an das Funkeln in seinen Augen, wenn Styv sich freute, und er freute sich oft. An seine energischen Lippen, die so weich sein konnten.

Styvs Hände wanderten so gern in seinen Nacken, während sie sich küssten, um dort die feinen Härchen zu streicheln. Die kleinen Laute, die sein Prinz von sich gab, wenn sie sich liebten, machten Denyel genauso verrückt nach ihm wie sein Duft, seine Liebkosungen, die neckenden Worte. Der verhangene, glückliche Blick, dieses unendlich entspannte Gesicht danach bedeuteten ihm die Welt, sprachen von Vertrauen und davon, dass nichts sie trennen konnte.

Denyels Brust schmerzte vor Vermissen, es zerriss ihn beinahe. Er wollte zu ihm, wollte ihn wieder in den Armen halten, wollte bei ihm sein.

"Lass die Augen geschlossen", flüsterte Adalyn, "komm."

Sie leitete ihn einen Schritt, noch einen Schritt, dann kniete er nieder. Styv. Er musste vergessen. Er tat es für Styv. Sein Styv, sein Prinz, sein Herz, sein Leben. Er sehnte sich so sehr nach ihm.

Seine Lippen berührten einen weichen Mund.

Denyel zuckte zurück und riss die Augen auf, Adalyn fluchte.


© by Pandorah