Das Schloss außerhalb der Zeit

3.

Jemand schluchzte, und mit einem Mal rollte eine Woge an Geräuschen heran und überschwemmte sie. Von überall her sprudelten Laute auf sie ein. Stimmengewirr drang durch das Fenster, Schritte, Lachen, die Rufe von Händlern, das Bellen von Hunden, das Schnauben von Pferden, Schreie, Hufschlag, Klirren und Klappern. Es war so viel auf einmal, dass Denyel sich für einen Moment wie taub fühlte.

Ohne sie wirklich wahrzunehmen, starrte er auf die jungen Frauen; die Zofe war auf der Prinzessin zusammengesunken, sie hielten einander wie in tiefer Verzweiflung.

"Es war eine Lüge", flüsterte eines der Mädchen, verborgen in Haar und Schleiern konnte Denyel nicht ausmachen, welches gesprochen hatte. Verwirrt blinzelte er und hob den Blick zu seiner Schwester. Sie sah zurück, dann lachte sie.

Die Mädchen zuckten zusammen und fuhren auseinander; noch in derselben Bewegung sprang die Prinzessin auf.

"Was habt Ihr hier in diesem Zimmer zu suchen? Das ist unziemlich! Niemand hat euch gestattet ..." Sie verstummte, ihre blauen Augen weiteten sich, als sie Denyel und Adalyn erfassten.

"Wer seid Ihr?", fragte sie furchtsam, und Denyel wurde bewusst, wie sie wirken mussten. Nicht nur dunkelhäutiger als die Schlossbewohner, sondern zudem seit drei Tagen ohne Bad, von der Anstrengung verschwitzt und abgekämpft und in ungewaschener Kleidung. Immerhin hatte zumindest Adalyn keine Bartstoppeln im Gesicht.

Adalyn verneigte sich unbeeindruckt von ihrer eigenen Erscheinung in höfischer Manier. "Sir Denyel und Lady Adalyn, Ritter zu Marakanda. Zu Euren Diensten, Hoheit."

"Ritter? Ihr seid eine Frau!" Unglaube und Protest schwangen in der Stimme der Prinzessin mit.

Amüsiert hob Adalyn die Brauen, während Denyel sich erhob. "Hat eine Frau kein Recht auf die Ritterschaft?"

"Eine Frau kann kein Ritter werden." Die Prinzessin schüttelte verwirrt den Kopf. Hinter ihr trocknete sich ihre Zofe unauffällig die Tränen ab und versuchte, die Spindel in ihrem Ärmel zu verstecken.

"Nun, in dieser Zeit und in meiner Heimat kann eine Frau das sehr wohl. Hoheit, es ist viel geschehen in den Jahren Eures Schlafes", antwortete Adalyn freundlich.

"Ich habe geschlafen?", fragte die Prinzessin schockiert. "Es hat sich nicht so angefühlt. Wirklich? Wie lange?"

Denyel trat zu dem schmalen Fenster und blickte nach draußen. Ein kalter Stich fuhr durch seine Brust, sein Magen zog sich schmerzhaft zusammen. Die Hecke ragte nach wie vor um das Schloss empor. Dahinter konnte er schneebedeckte Baumwipfel und weiter noch zum Horizont hin weiße Berge ausmachen.

"Hundert Jahre gewiss." Seine Kehle war eng, er schluckte dagegen an. "Wohl behütet von dieser Rosenhecke, die bislang keine Anstalten macht zu weichen."

"Was?!" Mit drei hastigen Schritten war Adalyn bei ihm, dann stieß sie einen Fluch aus, der ohne jede Frage unziemlich im Umgang mit einer Prinzessin war.

Unwillkürlich warf Denyel dem Mädchen einen schnellen Blick zu, und wenn er nicht mutlos und frustriert gewesen wäre, hätte er gegrinst. Sie war bis zum Haaransatz errötet und hatte die Hände vor den Mund geschlagen, ihre kleine Zofe sah nicht minder erschrocken aus.

"Wir müssen mit dem König und der Königin sprechen", sagte er stattdessen erschöpft. "Vielleicht führt kein Weg an einer Hochzeit vorbei."

"Ich heirate nicht!", hielt die Prinzessin entsetzt dagegen. "Ich heirate diesen widerlichen Anwärter auf den Thron auf keinen Fall. Lieber werfe ich mich aus dem Fenster."

Denyels Lippen wurden schmal, seine schwarzen Brauen zogen sich zusammen, als er sie zornig anfunkelte. Er war es leid. Er war es wirklich leid. Seit drei Tagen saßen sie fest, seit drei Tagen war Styv gefangen. Nun hatten sie den Fluch gebrochen, und die Hecke drohte nach wie vor in all ihrer rosenbedeckten Schönheit.

"In dieser Rosenhecke ist nicht nur mein Prinz gefesselt; sie hat zudem zahlreiche andere Menschen verschlungen!", blaffte er. "Wenn der einzige Weg, sie zu befreien, der ist, dass Ihr irgendwen heiratet, werdet Ihr heiraten, verdammt noch mal! Dieses Schloss und sein Fluch gehen mir derart -"

"Denyel." Adalyns ruhige Warnung ließ ihn verstummen.

Aus den Augenwinkeln nahm er eine Bewegung wahr und drehte sich zur Tür.

"Wage es nicht, meine Tochter zu berühren!" Der König stürmte in den Raum, gefolgt von seiner Frau, und stellte sich schützend zwischen Denyel und die Prinzessin. Seine Hand ruhte am rubinbesetzten Schwertgriff. "Wachen, zu mir!"

"Schön, dass Ihr hier seid, Euer Majestät. Wir wollten ohnehin mit Euch sprechen. Ihr seid jedoch im obersten Turmgemach", informierte Denyel ihn ungerührt. "Die nächste Wache, die Euch hören könnte, befindet sich derart weit weg, dass Eure Stimme nicht bis dorthin dringt. Wenn einer der Bediensteten dort draußen jetzt auf Euren Ruf hin losläuft, bleibt uns also Zeit zum Reden." Er schob seine Wut, seine Enttäuschung und Erschöpfung beiseite und verbeugte sich angemessen vor dem Herrscher dieses nunmehr sehr klein gewordenen Reiches. "Ich bin Sir Denyel, Ritter zu Marakanda. Meine Schwester Lady Adalyn, ebenfalls Ritter zu Marakanda, und ich stehen zu Euren Diensten."

"Marakanda?" Der König musterte ihn aus grimmigen, blauen Augen, die denen der Prinzessin glichen. "Nie gehört. Und ein Weib kann niemals Ritter sein. Ihr seid unrechtmäßig hier eingedrungen, habt meine Tochter bedroht und gekränkt, dafür werdet ihr büßen!"

"Wir haben den Fluch gebrochen, der über Euch lag." Adalyn trat vor, hoch aufgerichtet und jeder Zoll ein Ritter, ehe sie sich knapp verneigte. "Ihr – und alle Menschen im Schloss – habt hundert Jahre in tiefem Schlaf verbracht. Seht nach draußen, Euer Majestät. Die Rosenhecke, die uns umgibt, ist nicht in einem Atemzug gewachsen. Und wenn Ihr Euren Blick weiter schweifen lasst, könnt Ihr sehen, dass im Rest des Landes Winter herrscht."

Der König rührte sich nicht vom Fleck, doch nach kurzem Zögern eilte die Königin zum Fenster hin. Sie keuchte auf und presste die Hände vor den Mund.

"Es ist wahr ..." Ihre Stimme war kaum mehr als ein Hauch.

"Magie! Blenderei!", knurrte der König. Von der Treppe her drang der harte Schritt von stiefelbewehrten Füßen zu ihnen. "Ihr werdet bereuen ..."

Ein Wispern füllte die Luft, eine Brise brachte den Duft von Sommergras und Blüten mit sich. Krachend schlug die Tür zu. Metall sirrte, als sowohl Denyel, wie auch Adalyn und der König die Schwerter zogen und sich angespannt umsahen.

Ein leises Lachen erklang, ehe sich eine leuchtende Gestalt mitten im Raum materialisierte. "Fürchtet euch nicht, edle Lady, edler Ritter, aber dieses Wettern kann ja keiner mit anhören."

"Ihr!" Der König erbleichte, die Königin eilte von ihrem Platz am Fenster zu ihrer Tochter und stellte sich zwischen sie und das zarte Wesen.

Das erste, was Denyel auffiel, war das ungebändigte Haar, das bis hinab zum Boden reichte, dichter und voller als bei jedem Menschen. Es trug das Gold von Weizenähren in leichtem Wind mit sich, die Sonne an einem herrlichen Sommertag. Blüten schmückten es über und über, die nicht mit den Strähnen verwoben schienen, sondern daraus hervor wuchsen. Das Gesicht erschien ihm so traumhaft, dass selbst die Prinzessin dagegen grob und unscheinbar wirkte, und die Augen leuchteten in einem unmenschlichen Grün, dem kein Smaragd, keine Sommerwiese gerecht werden konnte.

"Oh, verzeiht", sagte die Gestalt mit einer sanften, quellklaren Stimme, in der jedes Versprechen lag, das jemals auf dieser Welt gegeben und gehalten worden war. Das Licht, das sie umgab, verblasste, und vor ihnen stand eine Frau in einem hellen, schlichten Leinenkleid, mit Blumen im Haar und nackten Füßen. Noch immer war sie schöner als alle anderen, aber man lief nicht mehr Gefahr, vor Ehrfurcht wie ein Narr zu Boden zu sinken. "Ich bin die Patin der Prinzessin."

"Ihr seid die Fee, die sie verflucht hat!", brachte die Königin hervor.

"Na, na, wer wird denn solche Worte in den Mund nehmen", tadelte die Fee und schüttelte den Kopf, ehe sie an Adalyn und Denyel gewandt in einem weithin hallenden Flüstern hinzufügte: "Obwohl ich sagen muss, dass mein Segen ein wenig unbedacht war. Und vielleicht war ich zudem ein wenig verärgert, weil man mich nicht zur Taufe des Kindes eingeladen hatte. – Wie dem auch sei", fuhr sie dann in normaler Lautstärke unbeirrt fort, "es war als Segen gedacht, und meine Patentochter hat diesen Segen zu nutzen verstanden, obgleich ihre starrköpfigen Eltern ihn von ihr fernhalten wollten."

"Einen Segen nennt Ihr das?", knurrte der König. "Nach einem Stich mit einer Spindel für eine Ewigkeit zu schlafen? Mit dem gesamten Reich?"

"In der Tat nenne ich es einen Segen, wenn man nicht irgendeinen bierbäuchigen Narren heiraten muss, weil die Eltern politische Bündnisse eingehen wollen", antwortete die Fee schnippisch. "Und das mit dem Reich ist ein wenig übertrieben, mein guter Mann. Der Zauber betraf nur das Schloss. Zudem hatte ich das so nicht geplant. Eigentlich sollte lediglich die Prinzessin schlafen."

Denyel starrte die Fee an. Er hatte sich kein Bild von der mächtigen Hexe gemacht, die ein ganzes Schloss mit einem Fluch belegte, aber seine vage Vorstellung hatte ihm eine große, dunkle Frau vorgegaukelt, grausam und mit einem kalten Lachen. Nicht ein zierliches, unbekümmertes Wesen, das darauf bestand, dass alles ... nun ja, so etwas wie ein Versehen war.

"Verzeiht, dass ich mich einmische", sagte er und verneigte sich vorsichtshalber auch einmal in Richtung der Fee. "Die hungrige Hecke, die in der Zeit erstarrten Menschen, das war nicht geplant?"

Die Fee verzog das Gesicht zu einer entzückenden Grimasse, dann schüttelte sie mit einem Seufzen den Kopf. Bienen stoben surrend aus ihrem Haar empor, ließen sich jedoch gleich darauf wieder in den Blumenkelchen nieder.

"Mein lieber Sir Denyel, Flüche und Segen sind hochkompliziert. Ein unbedachtes Wort, eine falsche Geste, und schon hat man ein Problem. Es wäre möglicherweise vernünftig gewesen, wenn ich nicht am Tag der Taufe gekommen wäre, aber ich wollte das Mädchen an seinem großen Tag sehen – und ich war wütend." Sie warf einen blitzenden Blick in Richtung des Königs, der unwillkürlich einen halben Schritt zurückwich. "Sehr wütend. Deswegen habe ich mich verhaspelt, als ich den Segen sprach. Und vielleicht habe ich die eine oder andere Silbe verschluckt. Doch es bleibt die Tatsache bestehen, dass es gut gemeint war! Und es hat meine Patentochter immerhin vor einer verhassten Hochzeit bewahrt."

"Ihr habt ihr Flöhe in den Kopf gesetzt", grollte der König. "Eine Königstochter hat nicht nur Rechte, sie hat auch Pflichten. Meine Frau und ich haben uns nicht gekannt, bevor unsere Eltern uns vermählten, und seht, was daraus geworden ist!" Stolz wies er zum Fenster hin.

Denyel konnte sich nur vorstellen, dass er das Reich meinte, das nicht mehr existierte.

"Sie wollte ihn aber nicht heiraten." Die kleine Fee schnaubte. "Er war alt, er war hässlich, und obwohl er wirklich nett war, hätte er sie auf jeden Fall ins Bett gebeten. Und als guter Liebhaber war er nicht gerade bekannt."

"War." Die Augen des Königs verengten sich. "Was heißt 'war'? Habt Ihr ihm etwas angetan?"

"Ich?" Empört blinzelte sie ihn an. "Ich? Haltet Ihr mich für einen Mörder? Er ist gestorben, auf ganz normalem Weg am Alter. Das war vor achtzig oder neunzig Jahren."

Für einen sehr langen Moment war es still. Dann beschloss Denyel, dass ihn die Umstände um diesen Fluch zwar interessierten, es jedoch Dinge gab, die ihm deutlich wichtiger waren.

"Edle Fee", Höflichkeit konnte nicht schaden, "was ist mit der Hecke? Warum steht sie noch immer, obwohl die Prinzessin erwacht ist? Sie hat unseren Prinzen verschlungen."

"Oh, die Hecke." Die Fee warf einen unbehaglichen Blick in Richtung Fenster. "Dieses Schloss mit seinen Reichtümern und lauter schlafenden Wachen war eine Einladung an finstere Gestalten. Plündern und Schänden gehören mitunter zu den Lieblingsbeschäftigungen mancher Männer. Also habe ich eine magische Dornenhecke gepflanzt, nachdem der Segen sich verselbständigt hat. Sie lässt nur die hindurch, die mit Liebe im Herzen kommen. Doch all diese Prinzen hatten lediglich den Besitz oder den Ruhm im Sinn oder erfüllten widerwillig eine Aufgabe. Die Ostseite hat ein halbes Heer verschluckt, als ein Prinz nicht zurückkehrte und seine Mutter daraufhin alles niederbrennen wollte."

"Aber wir sind durchgekommen. Mit dem Schwert in der Hand", wandte Adalyn ein.

"Natürlich! Ein Schwert in der Hand ist vollkommen unwichtig." Die Fee lächelte. "Ihr wolltet Euren Prinzen retten. Aus Liebe. Nicht die Prinzessin freien, ein Königreich erobern oder Schätze plündern."

"Und wie kommen wir jetzt an unseren Prinzen?", hakte Denyel nach. Die Fee mochte Hunderte von Jahren alt sein und es nicht weiter verwerflich finden, wenn jemand ein paar Jahrzehnte schlief. Doch für einen Menschen galt das nicht. Denyel wollte Styv zurück und dann zusammen mit ihm und Adalyn so viel Raum wie möglich zwischen sich und das Schloss bringen.

Unbehaglich seufzte die Fee. "Ich kann da wenig machen. Die Aufgabe der Hecke ist es, die Prinzessin zu schützen. Spürt sie weiterhin, dass die Prinzessin Schutz braucht, wird sie sich nicht öffnen."

"Und das heißt?"

"Ist das nicht offensichtlich?" Unwillig verzog die Fee den Mund.

"Mein Vater muss mich freigeben", flüsterte die Prinzessin mit geweiteten Augen. "Das ist es, nicht wahr? Ich sollte mich an einer Spindel stechen, wenn ich zu einer Hochzeit gezwungen werde. Nicht, wenn ich heiraten will."

"Ich wusste, warum ich dich als Patenkind gewählt habe!" Die Fee lachte entzückt und lief mit derart leichten Schritten, als würde sie schweben, zu der Prinzessin hin. Sie umarmte sie und küsste sie auf beide Wangen, ehe sie sich kämpferisch zum König umdrehte. "Nun?"

Bleich, aber gefasst sah der König sie an. "Was soll aus ihr werden, wenn sie nicht heiratet? Eine respektable Frau braucht einen Ehegatten." Unwillkürlich streifte sein Blick Adalyn.

Adalyn hob die Brauen. "Früher oder später wird Eure Tochter jemanden finden, dem sie ihr Herz schenken will. Und bis dahin lasst sie das Kriegshandwerk erlernen. Oder sie zur Bogenschützin ausbilden. Oder ..."

"Meine Tochter -", begann er und wurde prompt unterbrochen.

"Mein lieber König." Das Lächeln war aus dem Gesicht der Fee gewichen. Ein wenig ihrer unmenschlichen Schönheit kehrte zurück und tauchte den Raum in unirdisches Licht. "Ich werde Euch genau erklären, vor welcher Wahl Ihr steht, damit Ihr nicht das Gefühl habt, etwas zu übersehen. Entweder tut Ihr, was Euch richtig erscheint. Ihr haltet daran fest, dass Eure Tochter dem Pfad einer Prinzessin ihrer Zeit folgen muss. Dann bleibt die Dornenhecke bestehen. Jeder, der hinein will, wird von ihr verschlungen; einen Weg nach draußen gibt es für Menschen nicht. Die Vorräte werden ausgehen und alle, die mit Euch eingeschlossen sind, werden elendiglich verschmachten. Auch diese beiden zauberhaften Ritter, die den Fluch im Segen gebrochen haben.

Oder Ihr gebt Eure Tochter frei, ihren Weg zu gehen. Die Hecke öffnet sich und entlässt all die gefangenen Prinzen und Soldaten. Selbst wenn Ihr mittlerweile ein König ohne Reich seid, der nichts als das Land innerhalb der Schlossmauern sein Eigen nennt, verspreche ich Euch, dass weder Ihr, noch die Euren jemals Mangel leiden werdet. Ich werde euch schützen und dafür sorgen, dass ihr immer reichlich Ernte habt, kein Krieg wird die Mauern des Schlosses brechen, kein Herrscher wird Euch überwältigen, keine Banditen werden den Graben queren."

"Vater, vergebt mir", sagte die Prinzessin mit bebender Stimme. Sie war derart weiß, dass Denyel fürchtete, sie jeden Augenblick in Ohnmacht sinken zu sehen. "Ich wusste nicht -"

Der König hob die Hand, und seine Tochter verstummte. Langsam trat er zu seiner Frau ans Fenster und sah hinaus. Denyel konnte sich nicht einmal ansatzweise vorstellen, was das Königspaar empfand. In einem Moment waren sie Regenten über ein blühendes Reich gewesen, im nächsten war alles vergangen und verfallen, weil eine Fee einen Fluch ausgesprochen hatte. Der Prinzessin wollte er keinen Vorwurf machen, dass sie in einen Zauberschlaf hatte flüchten wollen, um einer ungeliebten Heirat zu entgehen. Aber die Fee ...

Er kämpfte um seine Beherrschung. Seine Wut nutzte nichts; sie brachte sie höchstens in Gefahr. Gegen eine mächtige Zauberin wie diese halfen keine Schwerter. Dennoch warf er ihr einen finsteren Blick zu. Unerwartet erwiderte sie ihn, nicht stolz, nicht verärgert, nicht hochmütig oder gelangweilt. Sie wirkte traurig.

Adalyn berührte ihn am Arm, und als er in ihr ernstes, entschlossenes Gesicht sah, in ihre dunklen Augen, durchströmte ihn unendliche Dankbarkeit, dass seine Schwester bei ihm war.

Die Zeit zog sich endlos dahin, fast schien es, als wäre der Fluch erneut erwacht, während König und Königin nach draußen sahen und niemand im Raum sich rührte. Nur die Bienen um die Fee summten leise und schwirrten ab und an eine Blume weiter.

"Ich gebe sie frei", sagte der König schließlich flach und ohne sich umzudrehen.

Ein Rauschen und Brausen setzte ein und füllte die Kammer wie Sturm im Wald.

Denyel kümmerte sich nicht länger um die Hoheiten oder um die Fee, nicht einmal mehr um Adalyn. Mit einem Satz sprang er zur Tür und riss sie auf, und dann rannte er, wie er in seinem Leben noch nie gerannt war.

Er stürmte die Treppe hinab, an aufgeregten Soldaten vorbei, folgte den Fluren, die er mittlerweile nur zu gut kannte und die doch vollkommen anders wirkten als zuvor, gefüllt mit lebendigen Männern, Frauen, Kindern und Tieren im Fluss der Zeit. Er überquerte den zweiten Hof, dann den ersten, sah aus den Augenwinkeln, dass der schwere Kaltblüter gebändigt war und dass der Bursche, den er beiseite gehoben hatte, aufgewühlt auf einen Mann einredete. Endlich hatte er das Tor erreicht. Rücksichtslos drängte er sich zwischen den Menschen hindurch, die in Trauben versammelt die Hecke anstarrten, die sie so unvermutet eingeschlossen hatte.

Noch immer ragte sie wie eine Wand in den Himmel empor. Ihre unteren Äste hatten sich jedoch zusammengezogen und bildeten Bogen um Bogen, durch die man den verschneiten Winterwald jenseits der dornenbewehrten, grünen, blütenreichen Grenze sehen konnte.

Denyels Atem flog, und sein Herz raste, als er über die Brücke jagte. Männer traten verwirrt aus den Torbögen hervor, mit Schwertern und Äxten in der Hand, mit Pagen hinter sich, die Pferde führten oder allein. Doch Denyel hatte nur Augen für den einen Mann, der vor den Wintersachen von Adalyn und ihm in die Hocke ging, tiefe Sorge in seinen dunklen Zügen.

Denyel wollte rufen, aber seine Stimme verweigerte sich ihm. In dem Moment sah Styv auf. Die Erleichterung, die über sein geliebtes, schönes, vertrautes, lebendiges Gesicht glitt, war herrlicher als die Sonne, der Sommer, das Lachen der Welt. Keuchend kam Denyel vor ihm zum Stehen.

"Mein Prinz", brachte er nur hervor, ehe er ihn in eine wuchtige Umarmung zog.


© by Pandorah