Drachenfluch

2.

Voller Sorge hatte Bo schon nach den Fremden Ausschau gehalten. Wenn er am Fürstenhof war, wohnte er im Westturm, wo er sein Fernglas am Fenster stehen hatte. Es war eigentlich für die Betrachtung der Sterne gedacht, war aber auch sehr häufig anderweitig genutzt worden in den Jahren.

Als er die beiden Männer aus dem Wald herausreiten sah, seufzte er erleichtert auf und beeilte sich, um in den Hof zu gelangen, wo er ihnen das Seitentor öffnete. Im Stall warteten schon Christian, der Knappe und Pferdeführer, sowie Geriet, die Kammerdienerin des Fürsten auf ihn.

Die Aufregung stand beiden ins Gesicht geschrieben und hatte ihre Wange gerötet. Mit leuchtenden Augen hob Geriet die Umhänge hoch, die sie den beiden mitgeben wollte. Christian hingegen starrte verzückt auf den Rapphengst des jungen Fremden und schien in Gedanken schon eine Zucht zu planen.

"Bruder Bo!" Geschmeidig sprang Selim vom Pferd; er war erleichtert, den hageren, weißhaarigen Mann zu sehen, wenn er sich auch zu fragen begann, warum die Dienerschaft so hilfsbereit war. Der Fürst schien kein Interesse daran zu haben, dass er und Melik den Drachen erreichten. "Danke, dass Ihr uns den Jäger zur Hilfe geschickt habt. Wir sind die tiefen Wälder eures Reiches noch immer nicht gewohnt."

Bo hob eine Augenbraue, dann schüttelte er den Kopf. "Frek? Aha, so, so. Er hat euch also geholfen." Eifrig erklärte er statt weiterer Ausführungen dann jedoch, wie die beiden Männer über die Bergpässe wandern mussten, um zu der Höhle zu gelangen. "Es ist im tiefen Winter viel zu kalt dort oben, also solltet ihr euch beeilen oder bis zum Frühjahr warten", riet er ihnen, aber nach einem Blick in die glänzenden Augen des jungen Fürstensohn meinte er lachend "Auch wenn ich nicht glauben kann, dass du dich in der Geduld gut auskennst. Die Pferde werdet ihr zurücklassen müssen. Christian kann sie über die Zeit bei uns im Stall pflegen. Ich habe fast den Eindruck, als wären nicht nur die Reiter das raue Wetter nicht so ganz gewohnt."

Selims Miene wurde verschlossen, als das Misstrauen in ihm Wurzeln zu schlagen und zu wachsen begann. Was, wenn die ganze Freundlichkeit dieser Leute nur gespielt war und sie lediglich auf bequeme Weise an ihre Pferde kommen wollten? Melik und er hatten sich mehr als einmal mit Räubern auseinander setzen müssen, die es ganz besonders auf seinen Hengst abgesehen hatten. Kein Wunder, so hässlich wie die Pferde hier in den Nordlanden waren.

Er warf dem Stallburschen einen Blick zu, der mit schon allzu großer Begeisterung seinen Rapphengst anhimmelte und sich mit einer Gabe von kleinen, harten Äpfeln mit ihm anzufreunden versuchte. Es beruhigte Selim ein wenig, dass sein Pferd den Stallburschen im Gegensatz zu dem Jäger vorhin ignorierte. Er strich ihm über den Hals und wandte sich wieder Bo zu. "Bei uns ist es wesentlich wärmer. Ich hätte nie gedacht, dass es so lange derart kalt sein kann. Und je weiter man nach Norden kommt, um so kälter wird es."

Melik nahm ihm stumm mit einer kleinen Verneigung die Zügel ab und ging mit dem Stallburschen ein Stück weit nach hinten, wo schon Stände bereit gemacht worden waren.

Selim folgte ihm einen Moment lang mit dem Blick, bis er sicher war, dass sie nicht getrennt werden würden, dann fügte er an "Wenn ich von der Kälte gewusst hätte, hätte ich nicht unbedingt meinen Liebling mitgenommen. Wie weit ist es bis zu den Bergen? Ich würde ihn ungern zurücklassen, bevor es wirklich nicht mehr anders geht. Und wenn Ihr zur Eile drängt, ist es ebenso besser. Mit den Pferden sind wir schneller. Ihr könntet uns einen Diener mitgeben, der sie zurückführt, wenn das Gelände zu unwegsam wird."

Und außerdem könnte er dann die Gegend noch einmal mit der alten Karte vergleichen und vielleicht erkennen, ob Bo die Wahrheit sagte oder ob sie es nicht vielleicht doch nur auf ihren Besitz abgesehen hatten. Aber als er dem älteren Mann ins Gesicht sah, hatte er wieder das Gefühl, ihm vertrauen zu können. Die hageren Züge verbargen Geheimnisse, aber sie schienen nicht dunkel zu sein.

Nur kurz erwiderte Bo den Blick nachdenklich, dann lächelte er und nickte Geriet zu, die mit einem Mal ganz die artige Zofe, wenn auch mit Hosen bekleidet, zu ihnen trat. "Geriet hier wird euch mit Kleidung versorgen und euch eine Kammer weisen, in der ihr euch umkleiden könnt. Dort wird eine Truhe sein, in der für eure Wertsachen ausreichend Platz ist." Er bemerkte, wie die Augen in dem jungen Gesicht sich misstrauisch schmälerten, erneut wanderte der Blick des Prinzensohn in Richtung seines Lehrers und Wächters. Die Beziehung der beiden schien über die vom Herrn zum Knappen hinaus zu gehen.

"Keine Sorge. Wir geben euch gern einen Unterpfand mit, der unsere Ehrlichkeit bezeugen wird. Wollt ihr mir vorerst folgen, damit ich euch die Kammer zeigen kann?" Einladend wies er in Richtung des Tores und ging voraus, während Geriet ihnen folgte.

Selim machte eine kleine, unauffällige Geste zu Melik hin, der sich ihm sofort anschloss. Er musste lächeln, weil sein Wächter ihn, obwohl er abgelenkt gewirkt hatte, nicht aus den Augen gelassen hatte. Ein wenig verwundert darüber, dass Bo seine Gedanken so leicht hatte erraten können, sah er wieder zu dem weißhaarigen Mann hin. Er schien ein einziges Rätsel zu sein. Die Nordländer, denen sie begegnet waren, waren eigentlich immer gerade heraus und zumeist schweigsam gewesen; wenn sie etwas zu sagen hatten, taten sie dies direkt, wie um nicht mehr Worte als notwendig verschwenden zu müssen. Bo hingegen redete viel und offensichtlich gerne und enthüllte dabei dennoch wenig über sich. Überhaupt hatte Selim ein eigenartiges Gefühl bei ihm; von ihm schien keine Gefahr auszugehen, aber etwas war seltsam.

"Sagt, Bruder Bo, in was für einem Verhältnis steht Ihr zu dem Drachen? Was bringt es Euch, wenn wir unser Kleinod wiederbekommen? Ihr seid so hilfsbereit, aber es scheint mir nicht, als hättet Ihr einen Vorteil davon", fragte er, als sie wieder in den kühlen Sonnenschein des Hofes traten.

Bo blieb stehen und deutete über den rechteckigen Innenhof mit den zwei Brunnen. Der linke wurde mit reichlichen Verzierungen von einem Drachen umschlungen und der rechte in ähnlicher Art von den Ästen der Silberpappel. "Der Drache ist das Symbol dieses Hauses. Er ist mit unseren Leben tief verbunden, aber wir wünschen ihm weder Gutes noch Böses. Wir helfen denen, die durch ihn Böses erfahren mussten. So wie euch."

Warum nur war Selim sich so sicher, dass er die Wahrheit sagte? Mit einem innerlichen Seufzen akzeptierte er dieses Gefühl und betrachtete den schönen, fremdartigen Brunnen, der wie alles in diesem Land so gänzlich anders war als die üppigen Ornamente in seiner Heimat. Wieder musste er an die Prophezeiung denken, wegen der er hier war. Die Vorstellung, dass er den Leuten dieses Landes schaden konnte, wenn er den Drachen tötete, gefiel ihm nicht. "Weder Gutes, noch Böses... Was würde es für Euch bedeuten, wenn der Drache mit einem Mal nicht mehr wäre?"

Bo lächelte ihn liebenswürdig besorgt an. "Mir persönlich gar nichts. Aber ich glaube eher, dass er dich töten würde, mutiger Prinz. Folgt mir doch, ich zeige das Gut ein wenig."

In der großen Halle hatte jemand das Feuer im Kamin geschürt und weiche Felle ausgelegt, aber Bo trat mit dem Besuch auf die Gemälde zu, die an der geschwungenen Holztreppe entlang die Geschichte der Familie erzählte. In den Handlauf der Treppe waren Drachen geschnitzt. Das alte, vom Gebrauch bereits weich polierte Holz schimmerte im Feuerschein, den Gemälden der Familie verlieh es einen lebendigen Hauch.

"Hier sieht man all die Vorfahren von unserem Herrn. Die kleineren Gemälde zeigen ihre Angetrauten und ihre Kinder. Er selbst hat keine Familie, deswegen ist sein Bildnis noch einsam", endete Bo, aber lächelte gleich darauf und winkte den Gästen. "Hier entlang. Im linken Flügel sind die Gästezimmer."

Selim betrachtete für einen Moment das Bild, aus dem ihm das kantige Gesicht des Fürsten düster und entschlossen entgegenschaute, ganz anders als am Vorabend in der Herberge. Seine Augen leuchteten wie klare Oasen oder wie der Himmel früh am Morgen, wenn noch kein Staub die Luft trübte. Dennoch wirkte er allein und ein wenig traurig, vielleicht dadurch, weil die anderen Bilder von so vielen weiteren umgeben waren. Selim fröstelte leicht und beeilte sich, Bo zu folgen.

Melik verharrte einen Moment länger, ehe er seinem Herrn hinterher eilte. Die Nordmänner hatten geschickte Maler. Das Portrait des Fürsten war den anderen angepasst, auch wenn sich die Stile unterschieden. Aber es war ihnen gelungen, es beinahe genauso alt wie die seiner Vorfahren wirken zu lassen.

Er blieb dicht bei Selim, als sie die Treppe verließen und einen Gang des linken Flügels betraten. Rasch berührte er mit der Linken einmal die Kette mit dem blauen Stein, die er trug und die vor bösen Geistern schützte. Er konnte etwas spüren, das ihm nicht behagte, weil er es nicht greifen, nicht erklären konnte. Hier schienen Gefahren zu lauern, die er übersehen mochte und ihnen damit nicht schnell entgegen treten konnte. Fast wünschte er, sie wären nicht hierher gekommen.

Der Flur wurde von schweren Holztüren gesäumt. Sie nahmen die dritte Tür, weil Bo wusste, dass Geriet diesen Raum geputzt hatte und auch die Tücher von den sonst nie gebrauchten Möbeln entfernt worden waren. Der durch einen dicken Kamin zweigeteilte Raum roch frisch, die Fenster waren eben erst geschlossen worden. Das Feuer war ebenso noch nicht lange in Gang. Sonnenlicht durchspielte den Raum und lenkte den Blick auf die teuren Teppiche, die auch erst seit wenigen Momenten dort drapiert worden waren.

Sie hatten sich auf die Gäste vorbereitet, aber viel Zeit war nicht geblieben, nur der halbe Vormittag. Erst nachdem Geriet die Kleidung auf eine Truhe gelegt hatte, um nach einem kleinen Nicken in Richtung der Gäste zu verschwinden, tauchte aus dem hinteren Bereich, in dem Bo ein breites Bett wusste, Agner auf.

Der vierzehnjährige Sänger des Fürsten lächelte und wusste es, sich genau so im Sonnenschein nieder zu lassen, dass sein Haar wie gesponnenes altes Gold aufleuchtete. Irritiert bemerkte Bo, dass Agner die festliche dunkle Kleidung ihres Ordens trug. Silberpappeln waren auf beiden Schultern aufgestickt, auf dem linken Hosenbein hingegen war der Drache zu sehen, golden und kampflustig. Mit zwei schnellen Schritten trat Bo zu ihm und zog die Brauen zusammen. "Was...?"

Agner hob seine Hände beschwichtigend. "Ich erlaube mir keine Frechheiten, Bo. Er will es. Ich werde mit ihnen gehen."

Bo seufzte tonlos, aber nickte und akzeptierte, dann wandte er sich leicht um und stellte den Jungen vor. "Der Knappe des Herrn, Agner. Er ist ein gewandter Krieger, trotz seines Alters. Er wird euch sicher zur Kreuzung führen und eure Reittiere hierher zurück bringen."

Bei sich dachte Selim, dass der Junge mit Sicherheit kein großer Schutz für sie wäre, nicht, wenn Melik dabei war. Bestimmt konnte selbst er besser kämpfen; auch wenn es ihm nicht wirklich Freude bereitete, war er mittlerweile recht geschickt geworden. Aber ein zusätzliches Schwert war mit Sicherheit besser als gar keines, und einen Führer würden sie brauchen. Mit einem kleinen Schaudern dachte er an den Wald zurück, in dem sie ohne Freks Hilfe verloren gewesen wären. Er nickte dem Knappen zu und lächelte ihn freundlich an. Als der Junge sich geschmeidig erhob, stellte Selim überrascht fest, wie groß er war, beinahe so hochgewachsen wie Melik. An die Größe der Nordländer hatte er sich noch immer nicht gewöhnt.

Agner war ein Schmuckstück an der Seite seines Herrn, dessen war Melik sich sicher, als er die schlanke Gestalt mit einem Blick umfing und sich fragte, inwiefern die Behauptung des alten Mannes der Wahrheit entsprach. Kräftig sah er trotz seiner Jugend aus, und seine Bewegungen verrieten Selbstsicherheit. /Gewandter Krieger für sein Alter, das ist es bestimmt, was er meint./

"Wir danken für die Hilfe", antwortete er und lächelte dem Jungen ebenfalls zu. "Ich hoffe, du kannst mit temperamentvollen Tieren genauso gut umgehen wie mit der Klinge."

Agner verneigte sich vor Selim und erwiderte, als hätte dieser gefragt "Ich stehe zu deiner Verfügung, mein Prinz. Mein Geschick mit beidem wirst du ausreichend finden, denke ich."

Bo verzog amüsiert den Mund, aber sagte nichts zu Agners Art, eifersüchtig zu werden auf jeden schönen Mann in der Nähe seines Fürsten. "Nun. Ich verlasse euch und warte unten in der Halle. Agner wird euch mit dem Ankleiden behilflich sein. Die Kleidung ist sicherlich ungewohnt, aber in den Bergen unentbehrlich." Er neigte seinen Kopf leicht und verließ den Raum.

Agner hätte am liebsten über Bo gelacht, weil der neugierige alte Kauz von Thure offensichtlich ein indirektes Verbot erhalten hatte, die Fremden zu begleiten. Leicht trat er auf den zarten Prinzen zu, um ihm durch seine pure Anwesenheit die Hilfe anzubieten, ohne ihn jedoch zu berühren.

Er war sich nicht sicher, ob sie ihm soweit vertrauen würden. Ohne weitere Umschweife entfalteten die beiden jedoch die Kleidung, ließen ihre Hände prüfend darüber gleiten und schienen die Art, in der sie getragen wurden, aus seiner Bekleidung erraten zu wollen, denn er ertappte gerade den dunklen Diener und Wächter des Prinzleins bei einigen Blicken.

Geduldig trat Agner noch einen Schritt näher und erklärte nicht nur die Art, in der die Hosen, die Stiefel und Westen über dem dicken Hemd getragen wurden, sondern auch ihre Funktion gegen Wind oder Regen, gegen den Schlamm, der einem in den Bergen auf den Pfaden auch viel Ärger bereiten konnte.

Selim und Melik hatten schon mehrfach überlegt, ihre traditionelle Kleidung gegen gebräuchliche der Nachbarländer einzutauschen. Aber zu Beginn ihrer Reise war ihr Anblick noch vertraut gewesen, und später waren sie allein durch ihre dunkle Haut- und Haarfarbe aufgefallen. Bis vor wenigen Tagen hatte es die Witterung es zudem nicht nötig gemacht; erst jetzt wurde es sinnvoll, sich anzupassen.

Nach Agners Erläuterungen entkleideten sie sich und zogen sich um, dann ließ Selim jedoch seinen Blick ratlos über das Bett schweifen, auf dem nun ihre Tuniken und die langen Tücher der Turbane lagen. Mit beiden Händen strich er sich das zu lang gewordene, schwarze Haar zurück, das ihm schon bis auf die Schultern reichte und das durch den Turban zerzaust worden war, ehe er Agner fragend ansah. "Was für Kopfbedeckungen tragt ihr dazu?"

Agner blinzelte leicht, dann meinte er achselzuckend "Wenn es stürmt oder regnet, dann tragen wir Umhänge mit Kapuzen, es gibt natürlich auch gegen Regen schützende gefütterte Hüte. Aber meistens tragen wir keine Kopfbedeckung."

Er war verärgert. Selim war hübsch. Trotz der Anstrengungen, die ihn zeichneten, hatte er zarte Glieder. Er hatte eine sanfte Stimme, die einen gewissen Neid in Agner hervorrief und die Art Geschmeidigkeit, von der er wusste, dass sie Anklang bei Tänzen finden würde. Unruhig ging er schon auf die Tür zu und rief Geriet, damit sie die Kleider der Fremden in Verwahrung nehmen konnte.

Selim und Melik wechselten einen Blick, dann nahm Melik mit einem Schulterzucken Selims Turbantuch auf, um seinem Schützling zu helfen, es neu zu wickeln. Sie würden das Gut nicht ohne Kopfbedeckung verlassen, gleichgültig, ob es zu der neuen Kleidung passte oder nicht. Mit ungeschütztem Haupt war man den Geistern unter freiem Himmel zu sehr ausgeliefert. Selim erwiderte den Gefallen, dann schnallten sie ihre Schwertgurte um.

Der Anblick war ungewohnt, und mit einem breiten Lächeln musterte Melik seinen Prinzen. Mit der recht hellen Haut gab er einen ganz passablen Nordländer ab, während seine eigene dunkle wenig Kontrast zu dem ebenfalls dunklen Stoff bot. Das helle Tuch des Turbans entsprach aber fast dem Farbton der nordischen Haare. Melik verneigte sich neckend vor Selim. "Mein Prinz, Ihr würdet zu Hause bestimmt für einen Gast aus den Nordlanden gehalten werden. Selbst die Länge eures Haares passt sich schon den Gewohnheiten hier an."

"Lass das." Lachend stieß Selim ihm in die Seite. Wenn er es ihm erlaubt hätte, wäre Melik schon längst mit einem Messer über ihn hergefallen, um ihm die Haare zu kürzen. Aber es gefiel Selim, es länger zu tragen, auch wenn er das zu Hause nie zugeben würde. Ein Mann schnitt sich das Haar.

Geriet hatte gerade die Kleider aufgenommen, als eine dunkle Stimme in scharfem Ton befahl "Agner! Überlass das Bo!"

Agner fuhr herum und starrte Thure halb wütend, hab erschrocken an. Man konnte die Umrisse des Herrn gerade eben ausmachen. "Aber ich dachte, ich soll..."

"Morgen. Komm mit." Thure verschwand in die Schatten zurück und war nicht mehr zu sehen, als Agner auf den Flur gelaufen war. Mit roten Wangen und schmalen Augen fuhr er zu den Gästen herum und verbeugte sich halbherzig. "Wir sehen uns morgen wieder." Damit rannte er ebenso fort.

Geriet versteckte ein Lächeln hinter dem Berg Kleidung, dann meinte sie leise "Folgt mir, Herren. Ich bringe euch zu Bo, damit ihr etwas essen und den Geschichten der Gegend lauschen könnt." Sie grinste. "Vielleicht habt ihr später das Vergnügen und Agner singt uns noch etwas, wenn er sich wieder beruhigt hat."

Selim hob ein wenig überrascht die Brauen, ging jedoch ohne eine Erwiderung der eigenartig gekleideten Frau hinterher, die sich in Männerkleidung wohler zu fühlen schien als in Röcken. Es schien ihm, als wäre der Knappe nicht sehr erfreut gewesen, dass er sie führen sollte. /Und als würde er mich nicht sonderlich leiden können./ Die ein wenig abfälligen Blicke waren ihm nicht entgangen. Zum Glück waren sie nicht allzu lang auf seine Hilfe angewiesen, und darauf, sich gleich mit Bo zu unterhalten, freute Selim sich, auch wenn es ihm sonderbar erschien, dass der Fürst sie nicht selber empfangen wollte. Immerhin war Selim selber ein Prinz, ob er das am Vortag nicht klar genug ausgedrückt hatte? Oder waren die Sitten anders, was das betraf? Nahm ihn der Fürst vielleicht nicht ernst, weil er so jung war oder sein Reich derart weit entfernt lag?

Melik legte seinem Schützling eine Hand auf die Schulter, als er sah, wie sich das schöne, zarte Gesicht düster grübelnd verzog. Er lächelte, als Selim zu ihm aufschaute und seine Augen sofort heller wurden. "Die Bräuche der Nordländer sind uns nach wie vor fremd, wir sollten mehr darüber in Erfahrung bringen. Bruder Bo scheint gerne zu erzählen, das sollten wir uns zu Nutzen machen."

Selim erwiderte das Lächeln, nickte und nahm seinen Weg Geriet folgend wieder auf. Melik kannte ihn zu gut. Das Jahr, das sie nun schon gemeinsam unterwegs waren, immer nur zu zweit, hatte viel dazu beigetragen, dass sie einander nahe gekommen waren. Näher noch, als all die Jahre davor, wo sein Wächter immer bei ihm gewesen war, einfach, weil sie keine Rücksicht nehmen mussten auf Konventionen und Sitten. Selim war fest entschlossen, bei ihrer Rückkehr seinen Vater darum zu bitten, Melik für seine treuen, aufopferungsvollen Dienste in den Adelsstand erheben zu lassen. Dann würden die Bräuche ihnen auch später nicht mehr im Weg sein.

Bo hob eine Braue, als er die schlanke Gestalt des Prinzen über die Treppe wieder herabkommen sah. Er senkte rasch den Kopf, um sein Lächeln zu verbergen. Kein Wunder, dass Agner so beleidigt davongelaufen war. Der junge Prinz war sicherlich ein Schmuckstück seiner Familie. Freundlich bat Bo die Gäste mit sich in die Halle, in der die beiden Köche ihrer Gemeinschaft bereits für Gemüse und Fleisch, warme Brühe und gewürzten Wein gesorgt hatten. Besorgt erkundigte er sich nach den Geschmäckern der Gäste und ignorierte geflissentlich, dass Agner wieder in die Halle kam, um wie eine Nebelkrähe beim Kamin zu hocken, wo er leise sang.

Die Fragen der beiden führten zu immer mehr Fragen, und Bo hatte seine liebe Mühe, ihnen ehrliche Antworten zu geben, ohne zu viel zu verraten. Er war beinahe erleichtert, als Agner sich erhob und nach einem Blick zum Stundenlicht zu ihnen trat. "Es wird Zeit, Bo. Wir sollten die Gäste nicht länger von ihrer wohlverdienten Nachtruhe abhalten."

Eifrig erhob Bo sich, während Denys und Holm aus der Küche kamen, um die Schalen abzuräumen. In der Halle kam Geriet mit einem Leuchter aus dem oberen Stockwerk und meinte zu ihm "Ich bringe die Gäste in ihr Zimmer, Bo. Geh schon zu Thure vor."

Doch Thure hatte es sich offensichtlich anders überlegt. Er kam aus dem Durchgang zum kleinen Seitenhof zu ihnen und nickte Bo zu, um ihn fortzuschicken, bevor er auf Selim zutrat. "Es ist keine leichte Aufgabe, Prinz. Ich hoffe, dass du nicht das Herz eines Hasen hast." Mit schmalen Augen blickte er die Gestalt vor sich an, die vom Kerzenschimmer weich beleuchtet ein wenig geheimnisvoll wirkte. Der Turban störte Thure, im Haus den Hut nicht abzulegen, empfand er als unhöflich. Er trat einen weiteren Schritt auf den Jungen zu, um seine rechte Hand aufzunehmen. "Ist das deine Schwerthand?" Prüfend drehte er die zierlichen Finger in seinen dagegen viel zu rau wirkenden Händen. "Frek wird euch morgen noch einen Silberpappelast vom Baum der Familie geben. Ein Glücksbringer. Ihr könnt alles Glück brauchen, wie mir scheint", meinte er leise und wandte sich ab.

"Danke." Selim ärgerte sich darüber, wie unsicher seine Stimme klang. Aber der große Fürst hatte ihn verwirrt, mit seinen Worten und besonders auch mit seinen Gesten. Selim konnte nicht sagen, ob er ihnen wirklich Glück wünschte oder ob er ihn gerade beleidigt hatte; er räusperte sich, um selbstbewusster zu klingen. "Ich weiß sehr wohl ein Schwert zu führen, Fürst."

"Wenn das nicht wahres Glück ist." Thure ging davon, mit einer Hand winkte er den anderen, ihm zu folgen.

Selims Brauen zogen sich zusammen; zornig starrte er dem Fürsten hinterher. Das war nun definitiv eine Beleidigung gewesen. Seine Hand tastete schon nach dem Schwert, um es dem unverschämten Mann zu beweisen und ihn zu fordern, aber noch bevor er es ziehen konnte und dem Fürst seine Herausforderung hinterher zu rufen, hielt ihn Melik auf.

"Du darfst kein Risiko eingehen, Selim", sagte er ihm leise in ihrer Sprache; seine Miene war undurchschaubar. "Dir ist es vorherbestimmt, den Quellstein zurückzugewinnen. Wenn du scheiterst, weil du Persönlichem folgst, wird unser Land sterben."

Selim zögerte, aber dann spürte Melik, wie die Spannung aus dem Prinzen wich; er ließ den Schwertgriff los und nickte kurz und grimmig. Melik hätte fast gelächelt, weil der Ausdruck so wenig zu dem hübschen, offenen Gesicht passte. Aber nur fast, denn die Worte des Fürsten hatten auch in ihm Zorn geweckt. Aber es war wahrhaftig keine gute Idee, diesen inmitten seiner eigenen Leute anzugreifen, wenn sie nur zu zweit waren, auch wenn sie noch so sehr das Recht dazu hatten.

Geriet lächelte unsicher, aber winkte den beiden. "Kommt mit! Rasch, die Kerzen werde ich euch im Zimmer lassen, aber seid so gut und verlasst es nicht. Bei Nacht... wir lassen die wilden Wachhunde immer überall laufen in der Nacht." Sie sprang die Treppe hastig hinauf, als würde sie sich beeilen, die Worte ihres Herrn vergessen zu machen.

Als sie die beiden in den Gästeraum ließ, wies sie nur noch rasch auf den Wasserkrug zum Waschen hin und auf die Decken. "Erholsame Ruhe wünsche ich. Bis morgen früh!"  Sie stellte den Leuchter auf dem Waschtisch ab und huschte über den Flur hinweg davon, die Dunkelheit verschluckte sie schon nach wenigen Schritten.

Melik schloss die Tür hinter ihr und drehte den Schlüssel herum, ehe er sich mit einem leisen Schnauben umdrehte. "Kein Wunder, dass der Knappe so arrogant erscheint. Bei diesem Herrn kann er ja gar nicht anders."

Das brachte Selim zum Lachen und ließ ein wenig seines Grolls verfliegen. "Bruder Bo ist sehr freundlich. Wahrscheinlich hilft der Fürst uns nur auf sein Betreiben hin, weil er sonst glaubt, bei seinen Göttern nicht gut dazustehen. Ich bin froh, dass wir morgen aufbrechen. Von Höflichkeit halten sie nicht viel, wie mir scheint. Vater würde sich schämen, einen Edlen aus anderen Ländern so zu empfangen."


© by Jainoh & Pandorah