Drachenfluch

4.

Trotz des anstrengenden Tages brauchte Selim lange, bis er einschlief, was zum einen an der Aufregung, zum anderen aber an der Kälte lag. Diese war es auch, die sie am nächsten Morgen vor Tagesanbruch aus den Decken trieb. Selim fror so sehr, wie er noch nie in seinem Leben gefroren hatte. Er weigerte sich sogar, sich weit genug auszuziehen, um sich zu waschen, was er sonst täglich getan hatte, und drängte darauf, so schnell wie möglich aufzubrechen.

Leider hatte der Schneefall über Nacht nicht aufgehört, so dass sie von dem ersten Licht nur graue Schleier mitbekamen. Es reichte gerade aus, um erahnen zu lassen, dass der Pfad unter einer dicken, weißen Decke verborgen lag. Melik musterte ihn unschlüssig. Man konnte nicht mehr erkennen, wohin man trat, und jeder Schritt würde mühselig werden. Wenn es nicht bald aufhörte, würden sie nirgends mehr ankommen.

Es wurde sogar noch schwieriger, als er befürchtet hatte. Er folgte seinem Schützling, um ihn im Notfall auffangen zu können, wenn er ausglitt, und das geschah oft. Melik bewunderte die Zähigkeit, mit der sich Selim immer wieder aufrappelte und entschlossen weiter voran kämpfte. Nach einer Weile tauschten sie jedoch die Position, da der Schnee tiefer wurde und Melik eine Spur bahnte, in der sich sein zierlicher Begleiter nicht so anstrengen musste.

Als sie gegen Mittag an einer etwas breiteren Stelle des Pfades eine Rast einlegten, war auch er erschöpft. Zudem waren die Wegmarkierungen weniger geworden, und er fürchtete, dass sie von der Richtung abkamen, wenn sie ganz verschwanden.

"Vielleicht wäre es besser, wir würden uns nach Bruder Bos Worten richten und auf das Frühjahr warten", gab er nach einem Blick herum zu bedenken, der nur erbrachte, dass die dicken Wolken nicht danach aussahen, als würden sie in absehbarer Zeit aufreißen.

"Das würde uns mindestens drei Monate kosten, Melik! Wenn nicht noch mehr, so kalt wie der Norden ohnehin schon ist", wehrte Selim heftig ab und zog bebend seinen Mantel fester um sich, der von dem eisigen Wind immer wieder aufgezerrt wurde. "Wir werden zudem fast ein Jahr nach Hause zurück brauchen. Die Quellen geben bestimmt kaum noch Wasser. Wenn wir uns zu viel Zeit lassen, gibt es nur noch tote Wüste, in die wir heimkehren können."

"Wenn du stürzt und in eine dieser Felsspalten fällst, gibt es niemanden mehr, der den Quellstein zurückbringen kann", entgegnete Melik ungehalten. Der Gedanke, dass er seinen Schützling auf solch eine Art verlieren könnte, machte ihm Sorge, die um so berechtigter zu werden schien, je weiter sie kamen. Dennoch wagte er es auch nicht, dass sie sich gegenseitig mit dem Seil sicherten, das sie mitgenommen hatten. Sein eigener Schritt war nicht annähernd so zuverlässig, wie er es gern gehabt hätte, und wenn er stürzte, wäre Selim auf keinen Fall in der Lage, ihn zu halten.

"Willst du den Winter etwa bei diesem schrecklichen Fürst verbringen? Nur, weil der Junge dir versprochen hat, dass er dir den nordischen Schwertkampf zeigt?" Gereizt funkelte Selim ihn an. Er fühlte sich dem Wetter ausgeliefert, und dass Melik nun zum Umkehren aufforderte, machte es nur noch schlimmer. Sein Melik hatte ruhig zu sein und keine Angst zu zeigen, nicht einmal ernsthaftes Unbehagen. Aber sie hatten einfach keine Zeit mehr. Niemals würde er es aushalten, so dicht vor dem Ziel eine derart lange Pause einzulegen, ohne zumindest versucht zu haben, es zu erreichen. Dass die Kälte seinen Kopf und Hals zum Schmerzen brachte, half auch nicht. "Ich gehe weiter, und wenn ich es ohne dich tun muss."

Natürlich war das unfair, denn Melik würde ihn niemals allein lassen. Aber es war nicht mehr weit von hier aus, hatte Bruder Bo gesagt. Nur einige wenige Tagesmärsche. Wenn er dafür ein paar Tage frieren musste, war es das wert.

Melik antwortete nicht. Dennoch stand er auf, als sich Selim erhob und entschlossen, um sein aufkommendes Schuldbewusstsein zu unterdrücken, ihren Weg wieder aufnahm. /Es sind doch wirklich nur noch wenige Tage. Da können wir nicht einfach aufgeben/, verteidigte er sich stumm. /Nicht jetzt, wo wir schon so weit gekommen sind./

Trotzdem hatte der Gedanke etwas verlockendes, besonders weil seine Beine immer müder wurden, durch viel zu hohen Schnee zu stapfen, der längst seinen Zauber verloren hatte. Seine Hände waren beinahe taub, die Zehen schienen in den dicken Stiefeln langsam zu einzufrieren, und selbst seine Lippen waren gesprungen vor Kälte. Ob man im Laufen erfrieren konnte? Wie sich das wohl anfühlte? Ob man überall so gefühllos werden konnte wie seine Finger und Zehen? Ob man es vielleicht gar nicht merkte, weil alles taub wurde? Der Gedanke machte ihm Angst, und er drehte sich zu Melik, um ihn zu fragen.

In dem Moment rutschte er aus, versuchte mit ein, zwei ungelenken Schritten Halt zu finden und kam unglücklich auf. Den Schmerz in seinem Knöchel spürte er auch durch die Taubheit hindurch, das linke Bein sackte ihm weg, und er landete der Länge nach im Schnee.

"Selim!"

Gleich darauf war Melik bei ihm und hockte bei ihm nieder. Die Sorge in dem dunklen Gesicht seines Wächters ließ sich Selim noch einmal mehr schämen, dass er so unfair zu ihm gewesen war.

"Es geht schon", murmelte er mit einem entschuldigenden kleinen Lächeln, atmete tief durch und rappelte sich auf. Nur einen Augenblick später wusste er, dass es nicht ging. Mit schmerzverzerrter Miene klammerte er sich an Meliks stützende Hand, während ihm vor Wut und Enttäuschung die Tränen kamen. Sein Knöchel fühlte sich an, als würde jemand glühende Nadeln hindurch bohren, kaum dass er ihn belastete. So würde er niemals bis zur Drachenhöhle kommen, geschweige denn, gegen das Ungetüm im Kampf antreten können.

Melik sagte nichts, während er ihn hochhob, als hätte er kein Gewicht und ihn auf den Esel setzte, der mit hängenden Ohren und gesenktem Kopf ergeben stehen geblieben war. Trotz der Kälte zog sein Wächter ihm vorsichtig den Stiefel und die dicken Wollsocken aus, dann betastete er behutsam den bereits anschwellenden Knöchel.

"Es ist nichts gebrochen", sagte er nach einer Weile, doch der Ton in seiner Stimme machte Selim klar, dass er nicht über ein Weitergehen diskutieren würde, nicht einmal, wenn Selim auf dem Esel reiten konnte. Er versuchte es trotzdem.

Nachdem Melik ihm schweigend Socken und Stiefel wieder angezogen hatte, während er seinen leisen Bitten und Argumenten lauschte, schnallte er eine der Decken ab und wickelte seinen Schützling darin ein.

"Ich bin dein Wächter", sagte er schließlich und strich ihm liebevoll über die kalte, blasse Wange. "Ich bin bei dir, um dein Leben zu behüten. Nicht nur vor Klingen und Gift, sondern auch vor Schnee, Kälte und zu viel Mut oder Verzweiflung."

Er nahm die Zügel des Esels auf und drehte unerbittlich um. Selim kauerte sich auf dem schwankenden Rücken zusammen, klammerte sich mit einer Hand an dem Gepäck fest, hielt mit der anderen die Decke und fühlte sich elend.

Als es zu dunkel wurde, um weitergehen zu können und sie ihr Lager aufschlagen mussten, war es schlimmer geworden. Die Halsschmerzen vom Mittag waren bis in seine Brust hinunter gekrochen und hatten einen unangenehmen Husten ausgelöst, und das Geschaukel hatte das dumpfe Pochen in seinem Kopf verstärkt. Selim wollte seinem Wächter helfen, doch er konnte sich kaum auf den Beinen halten, nachdem er vom Esel gerutscht war. Dicht an der Felswand hockte er sich hin und sah blicklos zu, wie Melik nur einen Schlafplatz richtete und dabei versagte, in dem Wind und Schnee ein Feuer zu entzünden. Dafür nahm sein Wächter ihn dann zu sich unter die Decke und wärmte ihn mit seinem Körper. Selim hatte nicht das Gefühl, dass es viel half.

Vom nächsten Morgen bekam er wenig mit; irgendwann fand er sich auf dem Esel wieder, Melik ging neben und nicht vor ihm, um ihn zu halten. Dann hörte der Schnee auf, ohne dass es wärmer wurde. Beinahe fand er es lustig, als sein Husten bald ein Echo bekam, bis er begriff, dass dieses Echo von Melik ausging.

 

Bo hatte ihnen folgen wollen, als er mit dem Fernglas Wolkenwände erspähte, die sich zügig über der Bergwand zusammen zogen. Er hatte einen Boten aus dem Dorf hinter ihnen herschicken wollen, er hatte täglich mit Thure gestritten und sich selber beschuldigt, mit am Tod des Prinzen und des düsteren Wächters Schuld zu tragen.

Thure hingegen hatte ihm das Fernglas weggenommen und hatte ihm beschieden, dass der Entschluss des kleinen Prinzleins sehr fest gewesen sein musste und sicherlich nicht durch einen nörgelnden Alten umzukehren sei. "Sie werden nur mit dem Kleinod wiederkommen, oder tot verschollen bleiben. Der Prinz ist zu stolz, um eine Niederlage zu akzeptieren."

Von da an betete Bo zu den Göttern, dass diese dem Wächter den Mut und die Einsicht schenken mochten, seinem Herrn zu widersprechen. Seine Gebete wurden erhört. Thure stürzte in die Turmkammer hinein, in der ein Feuer prasselte und der unruhige Schein auf sein zutiefst besorgtes Gesicht fiel. Thure reichte ihm wortlos das Fernglas zurück und öffnete das Turmfenster zum Berg.

Mit zitternden Fingern justierte Bo die Linsen und blickte den Pfad entlang. Holm, Frek und Christian waren damit beschäftigt, die halb erfrorenen Reisenden auf Pferden vom schneebedeckten Hang zu bringen.

"Gestern hab ich sie entdeckt", brummte Thure, aber wandte sich ohne weitere Erklärungen ab, vermutlich um nach der Kammer zu sehen, die für die beiden Gäste bereitet werden sollte.

 

Melik musste Selim stützen; sein Prinz konnte sich nicht mehr allein auf dem Rücken des Esels halten. Dabei fiel es ihm selber schwer zu laufen; er stützte sich schwer auf das Tier. Selims hartnäckiger Husten und das Fieber hatten auch ihn ergriffen. Einzig Meliks Sturheit und seine Sorge hielten ihn noch aufrecht. Zumindest bis zum Gut musste er es schaffen, Selim brauchte Hilfe. Er war selten so froh gewesen, Unterstützung zu bekommen wie dieses Mal, als unverhofft der Jäger, der Stallbursche und ein ihm unbekannter Bediensteter des unfreundlichen Fürsten auftauchten. Zwar gefiel es ihm nicht, dass Frek Selim zu sich aufs Pferd nahm, aber er war ehrlich genug, um sich einzugestehen, dass er mit sich selber genug zu tun hatte.

Als sie endlich das Gut erreichten, war er schweißgebadet und zitterte vor Erschöpfung. Er schaffte es kaum noch in die Kammer, die man ihm wies und hatte nicht einmal mehr genügend Kraft, um zu protestieren, als man Selim von seiner Seite weg und in ein anderes Zimmer brachte.

 

Bo hielt es den Vormittag über noch in seiner Kammer aus, dann schlich er sich in den Trakt der Gäste. Verwundert stellte er fest, dass die beiden Fremden dort jedoch nicht zu finden waren. Vielmehr hatte Thure dafür gesorgt, dass Selim das große Turmzimmer am Ende seines Flures erhielt und Melik eine Kammer im Erdgeschoss, in der Nähe der Küche.

Misstrauisch blickte Bo in das Turmzimmer und blinzelte verwundert. Geriet und Agner waren gerade damit fertig geworden, den zerfrorenen und verschwitzten Prinzensohn zu baden und seinen Fuß zu schienen. Er war in ein weites, weißes Nachthemd gekleidet und in eine dicke Fellweste gehüllt. Der scharfe Geruch der hustenlindernden Kräuter stieg aus zwei Schalen zu beiden Seiten des Bettes auf, in dem Selim lag.

Agner nickte leicht und trat vom Bett zum Fenster, um es zu öffnen, damit die Luft sich reinigte. Im Fensterkreuz hingen Windspiele aus Edelsteinen, die Dryaden und Waldgeister fernhalten sollten, damit ihnen nicht einfiel, die fiebernde Seele ins Verderben zu locken.

Geriet nickte Bo freundlich zu und flüsterte "Er ist bei sich, wenn auch sehr schwach. Wir sind so glücklich, dass Thure ihn hier schlafen lassen will. Hier in diesem Zimmer." Sie winkte Agner, und Bo bemerkte, dass dieses 'Wir' den Knappen und Sänger nicht mit einschließen konnte. So bereitwillig er auch gearbeitet hatte, seine Blicke glitten enttäuscht über die dunkle Gestalt, von der gerade mal der Haarschopf unter all den Decken zu erkennen war.

Rasch trat Bo an das Bett und setzte sich. "Selim? Mein Prinz? Kannst du mich hören?"

Selim blinzelte müde und lächelte, als er das freundliche, alte Gesicht sah, das sich über ihn beugte. Endlich war ihm wieder warm, viel zu warm eigentlich, aber nach so viel Kälte wollte er die dicke Decke dennoch nicht missen. Er wusste nicht, wie er hierher gekommen war, konnte nur vermuten, dass Melik... "Bruder Bo, wo ist Melik!?" Seine Stimme war heiser und genauso schwach, wie er sich fühlte.

"Melik geht es besser als dir, Selim. Er muss aber auch aufgewärmt werden und schlafen. Er ist in der Kammer neben Holms Zimmer im unteren Stock." Bo freute sich darüber, wie der Prinz gleich an seinen Wächter dachte, obgleich er nur knapp dem Tod entronnen war. Dies brachte ihn dazu, die schmale, dunkle Hand zu nehmen und seinen Kopf zu senken. "Ich muss mich entschuldigen. Ich hätte euch viel mehr davon abraten sollen, in die Berge zu gehen, bevor es nicht Frühjahr geworden ist. Bitte, Selim, nimm meine Entschuldigung an."

Der Kräuterdampf im Zimmer ließ Selim das Atmen leichter werden, und zusammen mit Bos Versicherung, dass Melik lebte, brachte es ein kleines Lächeln auf seine Lippen. "Das ist nicht Eure Schuld. Selbst mein Wächter konnte mich zuerst nicht umstimmen." Ein heftiger Hustenanfall erschütterte ihn und trieb ihm vor Schmerz fast die Tränen in die Augen. "Ich war wohl ziemlich dumm", murmelte er dann, nachdem er wieder Luft bekam. "Aber Ihr müsst verstehen, das Artefakt, dass der Drache uns gestohlen hat, ist überlebensnotwendig für mein Reich." Eigentlich wollte er mehr erklären, wollte Bo alles erzählen, aber er war zu erschöpft dazu. "Warum ist er nicht hier bei mir?", fragte er schließlich nur nach einer Pause, in der ihm die Lider beinahe zufielen.

"Weil hier der Trakt der Fürsten ist und er bei uns seine Kammer hat. Wenn es euch besser geht, dann werdet ihr euch wieder sehen und sprechen können", versicherte Bo und lächelte leicht.

"Er war immer bei mir", sagte Selim bekümmert und schloss entkräftet die Augen. "Immer. Seit meiner Geburt. Ich will... dass er bei mir ist." Das Vermissen setzte ein, gedämpft durch Fieber und Müdigkeit, aber verfolgte ihn noch, während er wegdriftete.

"Schlaf erst einmal. Dein Körper hat zu viel durchgemacht." Bo blieb am Bett, bis die Atemzüge sich vertieften und stand dann auf. Mit einem kleinen Aufschrei zuckte er vor Thure zurück, der neben dem Kamin lehnte. Wie lange der Fürst schon im Raum war, konnte Bo nicht einmal schätzen.

Thure ging nach einem Blick aus dem Raum heraus und flüsterte vor der Tür "Wer ihm verrät, was für ein Raum dies ist, der hat einen langen, kalten Winter vor sich."

Bo neigte gelassen den Kopf und murrte "Sag das Agner."

"Ich sage es dir. Agner tratscht nicht, du hingegen hast in den letzten Jahren eine Neigung dazu entwickelt."

"Ich sage dem Liebchen gar nichts, Thure, sei dir gewiss, dass du es selber erzählen wirst. Allein und ohne meine Hilfe." Mit erhobenem Kopf ging Bo über die Hintertreppe zur Küche hinunter, um nach Melik zu sehen.

Agner war gerade damit beschäftigt, auch hier im Fenster die Schutzsteine anzubringen. Melik saß mit bloßem Oberkörper auf dem Bett und wusch sich mit langsamen Bewegungen. Neben seinem Bett verdunsteten ebenfalls zwei Schalen den aromatischen Duft feiner Kräuter. Mit einem leisen Lächeln zog Bo sich zurück, als Agner das gekrümmte Schwert des Wächters vorsichtig von seinen Kleider nahm, um es in der Hand zu wiegen.

"Wir nennen es Saif ", erklärte Melik und legte den Lappen zurück in die Schüssel. Er hatte ein wenig geschlafen, nachdem sie ihm das Zimmerchen gezeigt hatten; nicht genug, doch die Sorge um Selim und dass er nicht bei ihm sein konnte, ließen ihn nicht länger zur Ruhe kommen. Er war sich sicher, dass er bestens versorgt und sicher war, dennoch machte es ihn nervös. "Ich habe ihn bekommen, als ich in die Dienste des Prinzen getreten bin. Mein Sultan mögen die Götter immer über ihn wachen hat ihn mir geschenkt, damit ich eine gute Waffe habe, um seinen Sohn zu beschützen." Er machte eine auffordernde Geste. "Du kannst ihn dir gerne ansehen."

Agner warf einen kleinen Blick auf den kräftigen Mann zurück, dem man deutlich ansah, dass er stolz war, zu stolz, um seine Müdigkeit zu zeigen. "Ich sehe es mir an, wenn du erholt bist, Wächter. Erholt genug, um mir zu zeigen, wie lebendig es sein kann." Er legte die Waffe auf die Truhe zurück, nachdem er die schmutzigen Kleider aufgehoben hatte. "Wir werden euch Suppe bringen, kann ich sonst noch etwas tun?" Er senkte den Blick kurz auf seine Füße, die in weichen gefütterten Schuhen für das Haus steckten. "Das Lied habe ich natürlich noch nicht beendet."

Melik lachte leise auf. "Ich werde gerne warten; ich habe dir ja auch keine Zeit gelassen. Wir hatten nicht geplant, so schnell wieder hierher zurückzukommen. Aber leider haben eure Schneegötter nicht auf dich gehört." Er verstummte und spürte wie einen eisigen Lufthauch den Nachhall der Furcht um Selim und der Kälte in den Bergen. "Wie geht es meinem Prinzen?"

Agner hob einmal die Schultern. Eigentlich war der verdammte Prinz ihm egal, wenn er nicht so schrecklich nagende Eifersucht seinetwegen empfinden würde. Um den Wächter zu beruhigen, erzählte er jedoch "Bo ist bei ihm und flößt ihm von der Suppe ein. Er ist im Turmzimmer über diesen Räumen hier untergebracht. Morgen kannst du ihn sicherlich besuchen."

"Bo. Das ist gut", murmelte Melik mehr zu sich selber, dennoch in der nordischen Sprache. Selim mochte und vertraute Bo; bei ihm würde er sich hoffentlich nicht zu allein vorkommen. Fröstelnd griff er nach dem seltsamen Nachtgewand, das man ihm gegeben hatte und zog es über, während er daran dachte, dass sie es nur mit Gewalt schaffen würden, ihn am nächsten Tag von seinem Schützling fern zu halten. "Danke. Ich freue mich darauf, dir den Saif zeigen zu können."

Agner verneigte sich lächelnd und ging dann mit der Wäsche in den Küchentrakt, der das Gutshaus mit den umliegenden Stallungen verband. Dort waren Bo und Holm damit beschäftigt, Gemüse für eine Brühe zu putzen, Geriet summte im Hintergrund aus der Waschküche ein Lied.

Agner zog seine Weste aus und rollte die Ärmel auf, um seinen Anteil an der Arbeit, das Brotbacken für den Abend, zu verrichten. Sie taten all diese Arbeiten schon so lange gemeinsam, dass niemand mehr aufsehen musste, dass sie nicht überlegen mussten, ob es zu ihren Tätigkeiten gehörte.

Thure kam mit dem von ihm gerupften Huhn in die Küche und nahm es über der Spüle aus, fütterte mit den Resten die Hunde, die im Stall wohnten. Eher nebenbei trat der Fürst zu seinem Sänger und befahl ihm leise "Sei für den Wächter da und halte ihn den Tag über vom Prinzen fern."

Agner hob die Brauen. "Aber... der Prinz kann dich nicht ausstehen, Thure!"

Darauf gab der Fürst keine Antwort, sondern ging mit schnellen Schritten aus der Küche. Über die Schulter rief er zurück "Ruft mich, wenn die Brühe fertig ist!"

Agner fühlte, wie seine Wangen sich röteten, weil die anderen ihre Arbeiten kurz unterbrochen hatten, um ihn anzusehen. Geriet war die erste, die etwas sagen musste. Natürlich, sie und er waren nie gut ausgekommen, hatten sie doch eine lange Zeit über in Konkurrenz um die Liebe des Herrn gestanden.

Sie kam mit harten Schritten zu ihm, einen Korb noch dampfender Kochwäsche auf der Hüfte abgestützt. "Das hast du ja wieder wunderschön eingerichtet, Agner! Lass ihn verdammt noch mal in Ruhe! Stell dir doch mal vor, er könnte sich verlieben! Willst du uns alle hier wegen deiner kindischen Eifersucht um diese Gelegenheit betrügen?"

Darauf wusste Agner keine andere Erwiderung, als wütend aus dem Haus zu rennen, um im nun von einer feinen Schneedecke versteckten Obstgarten mit seinen Kurzschwertern auf die tiefhängenden Äste einzuschlagen, während feine Schneeflöckchen ihn und das Gut weiter zu bestäuben begannen.


© by Jainoh & Pandorah