Märchen-Haft: Der Schöne und das Biest

Prolog

"Nein." Tye sprach das Wort mit jeder Unze Nachdruck aus, die er aufbringen konnte, und das war eigentlich eine ganze Menge. Man leitete einen Großkonzern wie die Dangerfield Corporation nicht allein mit einem Lächeln.

Doch den jungen Mann mit den weißen Haaren, der auf seinem wuchtigen Schreibtisch saß und lässig mit den Beinen baumelte, beeindruckte das offensichtlich herzlich wenig. Feen hatten ihre eigene Auslegung der Realität. Roséfarbene Augen erwiderten Tyes Blick, die weichen Lippen waren zu einem kleinen Schmollen verzogen.

"Du hast mit mir geschlafen! Das muss dir etwas bedeuten", beharrte er und legte den Kopf schief.

"Es war guter Sex, nicht mehr, Taliesin. Das hatten wir klar gestellt." Zumindest war es Tyes private Meinung, dass ein Satz wie 'Ich habe kein Interesse an einer Beziehung, okay?' vor dem Sprung in die Kiste deutlich war. "Was genau hast du daran nicht verstanden?"

Genervt sah er auf die Unmengen an Briefe, die sich in seiner Ablage türmten und die alle vom Chef persönlich bearbeitet werden wollten. Er hatte verdammt noch mal zu tun, am Nachmittag stand eine Konferenz mit den Managern an, und zum Abend hin musste er sich noch mit einem Geschäftspartner aus Spanien treffen.

"Du hast doch geflunkert. "Taliesin verschränkte die Arme vor der Brust, was ihn wirklich niedlich aussehen ließ. Der Fetzenjeans-Look stand ihm, das T-Shirt mit dem Ausschnitt bis fast zum Bauchnabel stand ihm, und das enganliegende Netzoberteil, das er darunter trug, stand ihm erst recht.

Aber Tye hatte einmal den Fehler gemacht, sich mit ihm einzulassen, trotz der offensichtlich berechtigten Warnungen, die man immer mal wieder hörte, wenn man sich ein wenig damit beschäftigte. 'Lass dich nicht mit Feen ein! Egal, was sie anzubieten haben!' Er würde es nicht noch einmal vergessen.

"Habe ich nicht. Es war dein Fehler, dass du das geglaubt hast und meiner, dass ich mit dir ins Bett bin", antwortete er ungewohnt grob. Offensichtlich kam er nur noch mit der Holzhammer-Methode weiter. Es war nicht das erste Mal, dass der zarte Feenmann wegen dieses absurden Wunsches nach einer Beziehung, die nicht funktionieren konnte, bei ihm auftauchte. Per Zauber, einfach vorbei an allen Instanzen, die unerwünschte Besuche normalerweise von ihm abhielten. "Und jetzt geh, bevor ich den Wachdienst rufe."

"Ein Fehler?" Empörung ließ Taliesins Augen funkeln, er richtete sich auf. "Einen Fehler nennst du das? Ich lege dir mein Herz zu Füßen, und du trittst darauf herum, indem du es einen Fehler nennst?" Er rutschte vom Tisch, sein Gesicht begann, vor Zorn zu glühen.

Tye wusste, dass er noch einen Fehler gemacht hatte, aber er wusste sich wirklich nicht mehr zu helfen. Er empfand verdammt noch mal nichts für den hübschen Feenmann! Gleichgültig, was für nette Dinge der ihm sagte und welche Sterne er ihm vom Himmel holen wollte! "Taliesin, hör auf! Ich..."

"Nein, ich höre nicht auf!" Das hübsche Gesicht war mit einem Mal eine hässliche Fratze an Wut, und das erste Mal verspürte Tye so etwas wie Angst in seiner Gegenwart. "Wenn du die Liebe einen Fehler nennst, nun gut, dann sollst du ohne leben, bis du einsiehst, dass sie ein hehres Gut ist, das man behüten muss und nicht mit Füßen treten darf!"

Tye hatte keine Ahnung, wo der Mann den Stab herholte, aber plötzlich hielt er einen in der Hand, aus gedrehten hellem Holz, mit feinen dunkleren Adern durchzogen, die honigfarben glommen. "Taliesin, was immer du vorhast, tu's nicht!"

"Warum soll ich auf dich hören, wenn du mir nicht zuhören wolltest?", fauchte Taliesin, seine Haare schimmerten, der Roséglanz darin verstärkte sich. Er verlor das Menschliche, mit dem er Tye ins Bett gelockt hatte, wurde schöner und gleichzeitig beängstigender. "Verflucht sollst du sein, Tye, verflucht, bis die Liebe, die du verspottest, dich findet. Verflucht sollst du sein, dass du sie nicht mit deinem Äußeren blenden kannst, mit deinen Goldaugen und deinem strahlenden Lächeln. Verflucht, deine Tage in Einsamkeit zu verbringen an diesem Ort, da du deine Zeit lieber mit Akten als mit einem warmen Mann an deiner Seite füllst. Verflucht seist du!"

Tye wollte protestieren, dass es wohl nicht fair war, ihn zur Suche nach Liebe zu verdammen und ihn gleichzeitig einzusperren, so dass er sie nicht finden konnte, auch wenn ihm die hallende, klare Stimme die Haare zu Berge stehen ließ. Doch seine Stimme erstarb noch vor dem ersten Wort. Etwas erfasste ihn, etwas, das er nicht benennen konnte. Es umhüllte ihn wie ein erstickendes Tuch, zerrte an ihm, zerriss ihn. Es spaltete seinen Kopf, zerfetzte seinen Rücken. Seine Glieder wurden in Feuer getaucht.

Tye schrie, schrie, bis er keine Luft mehr hatte.

© by Katsumi & Pandorah