Märchen-Haft: Der Schöne und das Biest

1.

Mit einem tiefen Seufzer rieb sich Alan im Nacken und sah auf das große, schmiedeeiserne Tor. Das Stück Papier in seiner Hand knisterte leicht. Es war die Anzeige, die er sich aus dem Internet ausgedruckt hatte und die besagte, dass diese Adresse hier einen Blumengießer suchte. Allerdings konnte er sich nicht wirklich vorstellen, dass der Besitzer dieses unheimlichen Parks tatsächlich jemanden brauchte der seine Blümchen goss.

Zweifelnd sah er durch das Tor und fühlte sich wie in einem schlechten Horrorfilm. Die Sonne war bereits untergegangen und schickte nur wenig Licht durch die Bäume. Nebel waberte bereits sachte über den Boden, und um das Ganze perfekt zu machen, konnte man in der Ferne eine Eule hören.

Alan war sich mit einem Mal nicht mehr sicher, ob er sich mit diesem Job etwas dazuverdienen wollte. Die Bezeichnung 'gute Bezahlung' war ihm schon beim ersten Durchlesen nicht ganz geheuer gewesen, allerdings konnte er das Geld gut gebrauchen, und Blumengießen hörte sich nicht nach schwerer Arbeit an. Als Student und Sohn einer Familie mit durchschnittlichem Einkommen schwamm man nicht gerade im Geld.

Durch diesen Gedanken bestärkt probierte er, ob man das Tor einfach öffnen konnte und drückte leicht dagegen. Mit einem rostigen Quietschen öffnete es sich langsam, ohne dass Alan noch etwas tun musste. 'Ich sag's ja, billiger Horrorfilm.'

Mit einem mulmigen Gefühl im Bauch betrat er das Grundstück und ging ein paar Schritte, als sich das Tor plötzlich krachend schloss. Alan zuckte erschrocken zusammen und drehte sich mit wild schlagendem Herzen um. Ihn beschlich ein Gefühl der Endgültigkeit, dass er nicht so richtig einordnen konnte. ‚Du hast eindeutig zu viele Horrorfilme gesehen, McAllistair.’

Eine Weile noch starrte er das Tor an, bevor er sich einen Ruck gab und weiterging.

Der Weg, dem er folgte, machte nicht gerade einen einladenden Eindruck, da auch hier der Nebel über den Boden glitt und kaum noch Licht vorhanden war. Leise schalt er sich einen Idioten, dass er erst so spät hier aufkreuzen musste, aber seine Freunde hatten ihn aufgehalten, so dass er es nicht früher geschafft hatte. Er hoffte nur, dass man ihn um diese Zeit noch empfangen würde.

Dummerweise war in der Anzeige keine Nummer angegeben, und die Person, mit der er per E-Mail Kontakt aufgenommen hatte, meinte nur, dass er jeder Zeit vorbeikommen könnte. Nun gut, hier war er.

*

Taliesin wartete, bis der Mann ein Stück weiter in die Schatten gegangen war. Die Magie des Ortes bewirkte, dass gewöhnliche Sterbliche nur auf wenige Meter vor oder hinter dem Eingang etwas erkennen konnten. Vom Inneren des Fluchs nach außen schauend war alles, was sich weiter als ein paar Schritte die Straße hinab befand, in Nebel gehüllt, von außen betrachtet... nun, im Normalfall wurde die Aufmerksamkeit so abgelenkt, dass Menschen den Ort ignorierten.

Lautlos trat Taliesin zu dem Tor und drückte ein unauffälliges Siegel ins Schloss. So, das war geschafft. In all der Magie, die den Ort umgab, würde das hoffentlich nicht auffallen. Schmollend sah die Fee zu, wie Alan mit angespannten Schultern und sich nervös umschauend den Weg entlang ging. Wenn es nach Taliesin gegangen wäre, wäre der Mann auch gar nicht dort. Wäre es nach ihm gegangen, hätte Tye durchaus noch ein paar weitere Jahre in seinem Gefängnis schmoren dürfen. Aber es ging nicht nach ihm.

Taliesin duckte sich unwillkürlich, als er an den Zorn seiner Mutter dachte. Nachdem sie entdeckt hatte, dass er sich ihren Feenstab geborgt hatte, hatte er sieben Wochen als Frosch in einem Einmachglas sitzen müssen. Das war harmlos, er hatte mit Schlimmerem gerechnet. Seine Mutter war immer so weichherzig, wenn es um ihre Kinder ging; manchmal trieb es seinen Vater zur Weißglut. Aber er hatte ihr auch nicht erzählt, was er damit gemacht hatte. Nur das, was er vorgehabt hatte, nämlich Tye mit einem kleinen harmlosen Liebeszauber zu belegen. Nachdem Monate und schließlich drei Jahre ins Land gegangen waren, war er auch recht überzeugt davon gewesen, dass sein kleiner Streich nicht weiter aufflog.

Junge, was hatte er sich geirrt! Der Idiot von Tye bestellte sein Essen immer über einen Lieferservice, und einer der Männer hatte ihn tatsächlich gesehen. Es hatte Tye eine Anzeige bei der zuständigen Behörde für die Haltung magischer Geschöpfe eingebracht, der Vorfall war untersucht worden – und man hatte festgestellt, dass es keine Dämonen gab, die unrechtmäßig auf dem Grundstück gehalten wurden. Stattdessen hatte man den Feenfluch bis zu dem entsprechenden Zauberstab zurückverfolgt.

Taliesin schnitt eine Grimasse. Junge, Junge, wenn man ihn fragte, so war der Höllenfürst persönlich über ihn hereingebrochen. Nie hätte er gedacht, dass seine liebe, sanfte Mutter derart wütend werden konnte! Alles, aber wirklich alles in der Umgebung war explodiert. Sie war außer sich gewesen vor Zorn.

"Wie oft habe ich dir gesagt, du sollst nicht mit den Leben von Sterblichen spielen? Wie oft? Junger Mann, wenn du das nicht innerhalb von drei Jahren wieder in Ordnung bringst, und zwar ohne die Hilfe von Magie, sorge ich dafür, dass du es bereust. Und wir sprechen hier nicht von drei Monaten Frosch, wir sprechen von dreihundert Jahren in der Welt der Menschen!"

'Ohne Magie', hatte sein Vater kühl hinzugefügt, und seine Mutter hatte mit glühenden Augen genickt.

Noch jetzt ergriff Taliesin bei dieser Drohung das kalte Grausen. Dreihundert Jahre in der Menschenwelt! Ohne zu fliegen; ohne mit einem Schritt von einem Ort zum anderen zu kommen; ohne auch nur die Möglichkeit auf Feenlicht. Mit gar nichts! Das war, als würde man ihm die Luft abdrehen. Während alles um einen verrunzelte und starb. Wieder und wieder und wieder.

Und sie hatten ihm nur drei Jahre gegeben. Drei Jahre waren eine verdammt kurze Zeit, um einen Feenfluch aufzuheben. Besonders ohne Magie. Taliesin fürchtete das schlimmste für sich. Es ging nicht einfach, indem man den Stab schwang und den Fluch aufhob. So funktionierte es nicht. Man konnte den Fluch nur brechen, indem man seine Bedingungen erfüllte.

Immerhin hatte Alan auf eine seiner Internetanzeige geantwortet und den Schritt über die Schwelle getan. Das war zumindest ein kleiner Erfolg. Alle anderen Kandidaten – egal, ob sie auf das Gesuch nach einem Liebhaber, nach Hilfe im Haushalt oder als Hundesitter geantwortet hatten – waren beim Anblick des Tores wieder umgedreht, ohne zu wissen, was sie dort überhaupt gewollt hatten.

Jetzt mussten sich die beiden nur noch verlieben, und das war der schwierige Part.

*

Ein tiefes Grollen entrang sich Tyes Kehle, als er die Vibration spürte. Etwas geschah, auch wenn er nicht wusste, was es war. Aber etwas geschah, und das war gut. In dem Nebel der verstreichenden Tage war jede Abwechslung willkommen. Klauen bohrten sich in den weichen Teppich, als er zum offenen Fenster ging. Sein Blick glitt über den dunklen Park dreißig Stockwerke unter ihm – eine Landschaft in Schwarz, Grau und Weiß. Nachts sah er keine Farben, dennoch war seine Sicht so klar und deutlich wie am Tag.

Weit unter sich entdeckte er kurz hinter dem Eingang eine Gestalt. Tyes Herz setzte aus, dann machte es einen schmerzhaften Sprung und holperte in seinen Hals hinauf. Aufregung erfasste ihn; mit einem kleinen Satz hockte er auf der Fensterbrüstung. Das Tor hatte sich geöffnet, für einen kleinen Moment nur, aber es hatte jemanden hinein gelassen. Etwas, das in all der Zeit noch nie geschehen war!

Die schlanke Gestalt bewegte sich zögernd über die Zufahrtsstraße auf das Hochhaus zu und wirkte, als wollte sie jeden Moment wieder umkehren. Das durfte nicht geschehen. Ganz egal, wer das war, ganz egal, was er wollte, er musste bleiben. Tye hatte keine Menschenseele mehr gesehen, seitdem der Mann vom Lieferservice bei seinem Anblick schreiend davon gelaufen war. Fernsehen zählte nicht.

Er ließ sich fallen, Schwingen breiteten sich mit einem hörbaren Laut aus, der Wind brachte die Flughäute zum Rauschen. In einem großen Bogen glitt Tye über seine Beute, kreiste niedriger und landete dann hinter Buschwerk, auch wenn die Augen von Menschen zu schlecht waren, um eine schwarze Gestalt in schwarzer Nacht zu sehen. Offensichtlich hatte der Mann ihn auch nicht gehört, denn er drehte sich nicht um. Tye faltete die Flügel ein und schlich über weiches Gras näher an die schlanke Silhouette heran.

Nachdem sich Alan an den unheimlichen Anblick des Parks gewöhnt hatte, ging er etwas sicherer voran und sah sich interessiert um. Thomas, seinem besten Freund, würde es hier sicher gut gefallen. Der interessierte sich für diesen ganzen Mystik- und Gruselkram und würde mit Sicherheit hier eines seiner LARPs abhalten wollen, wenn er könnte.

Nach einiger Zeit gaben die Bäume und Büsche den Blick auf einen kleinen See frei, in dessen Mitte eine kleine Insel mit Pavillon lag. Efeu oder eine andere Kletterpflanze überwucherte die Säulen des zierlichen Baus. Wenn die Sonne schien, war es in dem Park sicher sehr schön, auch wenn dieser momentan einen leicht verwilderten Eindruck machte.
Alan ging um den See herum, orientierte sich an dem Hochhaus, das man gerade so durch die Baumwipfel erkennen konnte.

Aufgeregt folgte Tye ihm; er war nicht sonderlich gut im Schleichen, seine Flügel blieben immer mal wieder an Büschen hängen, er trat auf trockene Zweige oder huschte durch raschelndes Laub. Bisher hatte er keinen Bedarf gehabt, sich lautlos und unauffällig durch den Park zu bewegen. Bis auf Tiere gab es nur ihn hier. Eine Zeit lang hatte er sie gejagt, die kleinen Eichhörnchen, die Vögel, die Mäuse, einzig um der Abwechslung Willen. Aber er hatte schnell die Lust daran verloren.

Das Krachen und Rascheln ließ Alan zusammenzucken, sein Herz machte jedes Mal einen schmerzhaften Sprung und Gänsehaut überzog seinen Körper. Es hörte sich an, als wäre hinter ihm ein großes Tier. Hatten diese reichen Schnösel etwa irgendwelche Raubtiere in dem Park?

Trotz Tyes Ungeschicklichkeit entdeckte der Mann ihn nicht, was Tye Gelegenheit gab, ihn ausgiebig zu betrachten; er sog den Anblick regelrecht in sich auf. Es war so lange her, dass er jemanden bei sich gehabt hatte, einen echten, lebendigen Menschen, kein Abbild auf Papier oder eine Figur im Fernseher. Jemand, der reagierte, mit dem er reden konnte...

Sein unerwarteter Gast war schlank und geschmeidig, mit hellem, im Nacken anrasiertem Haar und einem Pony, der ihm verspielt in die Stirn fiel; die Frisur ließ ihn jünger wirken, als er vermutlich war. Als er den Kopf wandte, konnte Tye einen Blick auf das hübsche Gesicht erhaschen. Vermutlich wäre ihm jedes Gesicht nach all der Zeit ohne Kontakte schön vorgekommen, doch dieses hatte etwas an sich, dass es auch über seinen Durst nach Gesellschaft hinaus schön machte. Es hatte die Form eines ebenmäßigen Herzens mit dem kleinen Kinn als Spitze; die Züge waren zart, beinahe filigran, mit einer schmalen, delikaten Nase und vollen Lippen, die mit weichem Schwung zum Lächeln – und Küssen – wie gemacht schienen. Aber es waren die Augen, die Tye regelrecht in ihren Bann schlugen. Sie waren selbst in der Farblosigkeit seiner Nachtsicht unglaublich tief und groß und voller Leben.

Wieder raschelte es, diesmal näher. Alan erstarrte kurz, riss sich dann aber zusammen. Wenn es hier große Tiere gäbe, hätte man ihn doch gewarnt, denn... Es knackte erneut, und er wirbelte herum., um endlich zu sehen, was genau hinter ihm war. Zum Weglaufen fehlte ihm der Mut. Im ersten Augenblick konnte er nur einen großen, schwarzen Schatten erkennen, dann düster glühende, orangefarbene Augen. Ein gellender Schrei entrang sich seiner Kehle, und er stolperte entsetzt zurück. Mehrere Herzschläge lang starrte er das Wesen an, nicht fähig, irgendetwas zu tun.

"Wow, cooles Kostüm", rutschte es ihm heraus. Fasziniert starrte Alan den Mann an, denn dass es sich um einen Mann handelte, daran hatte er keinen Zweifel. Er war es gewohnt, dass sich seine Freunde für Rollenspiele in irgendwelche lächerlichen Kostüme warfen, aber der Kerl hier hatte es eindeutig übertrieben, auch wenn es fantastisch aussah.

Tye knurrte unsicher, es war so lange her, dass er mit irgendjemandem gesprochen hatte. Und angesichts seines Zustandes war er sich nicht einmal sicher, was die richtige Begrüßung sein mochte. 'Guten Tag, Tye Dangerfield mein Name. Ich freue mich, Sie hier begrüßen zu dürfen.' Oder doch eher: 'Verdammte Scheiße, was bin ich froh, mal wieder ein menschliches Gesicht zu sehen!' Oder...

"Bist du echt?", grollte er.

Alans Augenbrauen schnellten nach oben, und er sah den Kerl verblüfft an. War es dem in seinem Kostüm vielleicht zu heiß geworden, oder was sollte diese Frage? "Äh… ja, zumindest war dem so, als ich das letzte Mal nachgesehen habe."

Argwöhnisch sah er sich aus den Augenwinkeln um, in der Hoffnung, noch einige andere in Verkleidung zu finden. Vielleicht war er tatsächlich in ein LARP hineingestolpert. Oder aber der Besitzer hatte einen sehr makaberen Humor, und es machte ihm Spaß, unbedarften Studenten Angst einzujagen.

Tye starrte ihn an, seine Augen flackerten glühend auf. Ein Gespinst seiner vereinsamten Phantasie hätte jetzt mit Sicherheit das Gleiche gesagt. Aber Gespinste konnte man nicht anfassen. Es gab nur einen Weg, um herauszufinden, ob der Mann eine Illusion oder ein Wesen aus Fleisch und Blut war. Mit einem Satz sprang er vor, seine Hände schlossen sich fest um die Oberarme des Mannes, er zog ihn an sich.

Der Mann schien alles andere als ätherisch zu sein. Er fühlte sich echt an. Warm. Steif vor Schreck. Tye schnupperte an seinem Hals. Lebendig.

"Pfoten weg", konnte Alan nur erschrocken hervorbringen. Was sollte das? Warum schnüffelte dieser Typ an ihm? War er vielleicht an einen Perversen geraten? Einer mit einem Latexfetisch?

Er versteifte sich entsetzt, als der gruselige Kerl auch noch an seinem Hals leckte. "Hey, was soll das?" Verstört versuchte er, sich aus dem Griff zu befreien, doch der Mann hielt ihn erbarmungslos fest. Alan kamen fast die Tränen, er hatte Angst vor dem, was möglicherweise noch folgen könnte.

"Ich bin doch nur wegen der Blumen hier", erklärte er kläglich, doch gleichzeitig regte sich Wut in ihm. Für wen hielt dieses Arschloch sich, dass er ihn hier so festhalten konnte? Wehrlos würde er sich nicht überfallen lassen. Wieder versuchte er sich zu befreien, aber der Mann war zu stark. Kräftig zog er sein rechtes Knie an und rammte es zwischen die Beine.

Tye lachte. Das Knie hatte einen empfindlichen Punkt erwischt, und sein Schritt schmerzte, aber es hatte nicht den gleichen Effekt, den es gehabt hätte, wäre er noch menschlich gewesen. Seine empfindlichsten Teile waren eingezogen und innerlich verwahrt, so lange er sie nicht gerade brauchte. Sehr praktisch, jetzt erst recht. Aber noch viel wichtiger war, dass der Mann ihm Schmerzen zufügen konnte. Dass er sich wehrte. Wäre er nur eine Phantasie, hätte er das gewiss nicht getan.

Wie berauscht sah er dem Mann ins Gesicht, lachte wieder und schwelgte im Anblick von Mensch, von Gefühlen, von einem Wesen, das reagierte. Er brauchte einen Moment, ehe er erkannte, dass es Angst war, die den Mann beherrschte. Angst und Tränen. Erschrocken vergewisserte sich Tye, dass der Mann auf eigenen Füßen stehen konnte, bevor er ihn losließ.

"Entschuldige", sagte er und grinste erneut. Er konnte es nicht unterdrücken, auch wenn er wusste, dass es kein vertrauenerweckender Anblick war mit seinen weißen Reißzähnen in dem schwarzen Gesicht. "Ich habe nur... seit Ewigkeiten keinen Mensch mehr zu Gesicht bekommen. Darf ich mich vorstellen? Mein Name ist Tye Dangerfield."

Alan erschauerte, als er die Reißzähne dieses… Dings sah. Das Kostüm war wirklich sehr detailliert gemacht. Er warf einen Blick nach unten, da es ihn verwirrte, dass der Mann sich nach dem Tritt nicht auf den Boden wälzte und hob eine Augenbraue. Zwischen den Beinen sah er aus, wie Ken, der Freund von Barbie, denn dort war nur eine komische, nichtssagende Beule zu sehen.

Noch immer hatte Alan Angst und der Nachname machte es auch nicht besser. 'Dangerfield.' Er ließ sich jede einzelne Silbe in Gedanken auf der Zunge zergehen. 'Er hat schon länger keinen Menschen mehr zu Gesicht bekommen? Kein Wunder, bei seinem Fetisch.'

Alan hielt ihm das Stück Papier hin das er noch immer in der Hand hielt und das mittlerweile ziemlich verknittert war. "Ich bin wegen der Anzeige hier."

"Wegen der Anzeige." Tye blinzelte irritiert. Ein kurzer Blick zeigte, dass die Adresse stimmte. Ein Druckfehler, etwas anderes konnte das kaum sein. Er hatte mit Sicherheit niemanden zum Blumengießen gesucht, ob mit oder ohne Bezahlung. "Wie ist Ihr Name, Sir?"

Kurz zögerte Alan, ehe er sich vorstellte. "Ich heiße Alan McAllistair." Flüchtig sah er dem Kostümierten in die beunruhigenden Augen. Wie das wohl mit dem Glühen funktionierte? Verdammt, sah das realistisch aus. "Was ist jetzt mit dem Job? Gibt es hier jemanden, den ich deswegen sprechen kann?" Hoffentlich war das vor ihm nicht sein Chef, dachte er bei sich und rückte ein Stück ab. "Wird Ihnen in dem Kostüm nicht heiß?"

Tye lachte auf, tief, grollend und beunruhigend. Er hatte schon einige Vorstellungsgespräche geführt, aber kein so bizarres wie dieses und gewiss keines für eine Stelle, die es nicht gab. "Mr. McAllistair, ich bin der einzige hier, mit dem Sie sprechen können. Und das", mit Schwung entfaltete er die Flügel, "ist kein Kostüm."

Beunruhigt wich Alan einen weiteren Schritt zurück. Kein Kostüm? Was sollte es dann sein? "Wollen Sie mir weismachen, dass Ihre Verkleidung echt ist?"

Wo war er hier nur rein geraten? Und wie kam er verdammt noch mal da wieder raus? Den Job konnte er wohl vergessen, wenn er ihn denn noch gewollt hätte. Langsam ging er noch ein paar Schritte rückwärts, bis er einen Baum hinter sich spürte. Gepeinigt schloss er die Augen und überlegte, wie er am besten entkommen konnte, ohne dass es zu sehr nach Flucht aussah und den Mann eventuell noch zu einer Jagd anstacheln könnte.

"Haben Sie schon mal von einem Feenfluch gehört, Mr. McAllistair?" Tye lachte heiser und humorlos und folgte ihm geschmeidig. "Sie sind mitten in einen hinein gestolpert. Ich komme hier nicht raus, aber Sie jetzt auch nicht mehr."

Er wusste nicht, ob das so der Wahrheit entsprach, aber er würde es zur Wahrheit machen. Er war zu lange allein gewesen, zu lange ohne Kontakt und ohne Hoffnung. Er würde diesen Mann, der so unvermittelt zu ihm in diese enge Welt gefallen war, nicht wieder gehen lassen. Nicht so schnell jedenfalls.

"Kommen Sie", fügte er weicher hinzu. "Ich werde Ihnen nichts tun, keine Angst. Das Abendessen ist kurz vor Ihnen angekommen, wenn Sie Hunger haben."

"Ein Feenfluch?", krächzte Alan. Sein Freund Thomas hatte ihm einiges darüber erzählt, er hatte aber nie gedacht, selbst einmal betroffen zu sein. Er versuchte, sich wieder in Erinnerung zu bringen, was es mit diesen Flüchen auf sich hatte, aber da er sich nicht dafür interessierte und eigentlich auch nicht daran glaubte, hatte er den Ausführungen seines Freundes nie wirklich zugehört.

Krampfhaft überlegte er, was er tun sollte. Vielleicht sollte er mit Mr. Dangerfield mitgehen. Später bot sich ihm womöglich noch eine Fluchtmöglichkeit. Zögernd folgte er dem… Biest, peinlichst darauf bedacht, einen größtmöglichen Abstand zu halten, ohne dass es lächerlich wirkte.

Tye war das egal. Fürs erste reichte es ihm einfach, dass der Mann da war. Immer wieder sah er zu ihm hin und sog den Anblick in sich auf, auch wenn Alan misstrauisch und ängstlich wirkte und bei jedem Geräusch zusammen zuckte, gleichgültig, ob es von einem Fuchs oder dem Wind in den Zweigen stammte. Sie umrundeten den See, und Tye lauschte immer wieder glücklich auf den Laut der Schritte, die so anders klangen als das Klacken seiner Klauen auf dem gepflasterten Weg.

Das Bürogebäude – von Tye nur noch 'der Turm' genannt – kam nach einer Biegung hinter den Bäumen in Sicht, ein Glaspalast der modernen Architektur, nicht starr und klotzig, sondern in sich geschwungen und mit runden Formen. Vor dem Hauptportal weitete sich der Weg zu einem Platz, in dessen Mitte ein von Blumenbeeten eingefasster Springbrunnen plätscherte, auch dieser das Ergebnis mehrerer Ausschreibungen.

Der Turm war in Dunkelheit gehüllt, doch als sie sich der Eingangstür näherten, flammten die Lichter auf. Tye hatte die Bewegungsmelder schon länger nicht mehr ausgelöst, meistens flog er direkt nach oben. Doch er hatte den Verdacht, dass es sein unfreiwilliger Gast nicht gut auffassen würde, wenn er ihn sich schnappte und mitnahm. Er hatte die unschöne Vision eines zappelnden, schreienden Mannes, der um sein Leben fürchtete.

Die Türen glitten auf, und Tye machte eine einladende Geste. "Kommen Sie, Mr. McAllistair."


© by Katsumi & Pandorah