Märchen-Haft: Der Schöne und das Biest

2.

Heller Marmor empfing sie in der Lobby, auch hier gab es weiche Formen und zahlreiche Inseln mit Grünpflanzen und Blumen. Der ganze Stolz der Empfangshalle war wohl der kleine Bachlauf, der sich durch den Raum schlängelte, lebende Fische beherbergte und hier und dort von Brücken überspannt wurde.

Überrascht riss Alan die Augen auf, da er diese Pracht mit Sicherheit nicht erwartet hatte. Mit großen Augen sah er sich um, bewunderte das kleine Bächlein und beobachtete fasziniert die Fische - Kois, wenn er sich nicht irrte. Hier hatte jemand anscheinend zu viel Geld. Mit diesem Prunk hatte er bei seinem Geiselnehmer nicht gerechnet. Zu diesem passte vielmehr ein düsterer, gotischer Bau, vielleicht eine verlassene Kirche. Am besten mit einem Thron aus Menschenknochen und jeder Menge schwarzer Kerzen.

Aus den Augenwinkeln beobachtete er Mr. Dangerfield. Es war merkwürdig, das Ding als Mister zu bezeichnen und bei dem hellen Licht konnte Alan nicht glauben, dass er die schwarze Gestalt für ein Kostüm gehalten hatte. Groß war er, aber das war ihm auch schon vorher aufgefallen, vermutlich um die zwei Meter. Riesige Hörner wuchsen aus seinem Kopf, geformt wie die eines Widders, die wahrscheinlich alles und jeden aufspießen konnten. Schwarzes, zerzaustes Haar fiel ihm über den Rücken, aus dem zwei mit Schuppen besetzte, drachenartige Flügel ragten. Er hatte breite Schultern und kräftige Arme, die aussahen, als könnten sie Alans Rückgrat wie ein Streichholz brechen. Ebenso muskulös wie der Rest des Biestes waren die Beine, die in langen, nadelspitzen Klauen endeten. Für einen kurzen Moment tat Alan der Marmorboden leid.

Das Biest war komplett schwarz, und man hatte fast das Gefühl, es würde das Licht aufsaugen. Bei all der Schwärze würde jeder Grufti vor Neid erblassen. Am beunruhigendsten waren jedoch die Augen. Sie glommen in einem dunklen Orange und erinnerten Alan an glühende Lava.

Tye machte eine einladende Geste zu den Fahrstühlen hin, wobei ihm seine eigenen langen Klauen auffielen, so als sei er erst seit wenigen Tagen in diesen Körper gebannt. "Möchten Sie den schnellen Weg nach oben wählen, Mr. McAllistair, oder den beeindruckenden? Oder bevorzugen Sie die Treppe? Unser Ziel liegt im 30. Stock."

Auch er musterte seinen Gast ausgiebig. Der Mann war hellblond in einer Schattierung, die die meisten Menschen nur mit chemischer Färbung erreichten. Bei ihm wirkte es jedoch natürlich; vermutlich, weil die sanft geschwungenen Brauen und die langen Wimpern gerade einmal eine Nuance dunkler waren und nicht wie schwarze Balken hervorstachen. Alans ungewöhnliche Augen schimmerten wie Peridot in einem sanften Goldgrün. Er hielt das kleine Kinn energisch vorgestreckt, als wollte er nicht anerkennen, dass er Angst hatte.

Es brachte Tye zum Lächeln, auch wenn er sich bemühte, es zu unterdrücken. Die furchteinflößende Wirkung seiner gebleckten Zähne hatte er einige Male im Spiegel sehen können, ehe er es sich zur Gewohnheit gemacht hatte, Spiegel zu ignorieren.

Alans Nackenhaare stellten sich auf, als das Biest lächelte. Er vermutete zumindest, dass es ein Lächeln sein sollte; allerdings sah es verdammt unheimlich aus, wie die weißen Fangzähne aus dem schwarzen Gesicht hervorstachen. Fast wie hypnotisiert folgte er der Geste und starrte auf die Fahrstühle. Sämtliche Türen waren silbern verkleidet und mit wunderschönen Ornamenten versehen. Wie viel Luxus vertrug dieses Hochhaus noch?

Kurz zuckte er mit den Schultern. "Den Beeindruckenden", wählte er. "Ich glaube kaum, dass der Fahrstuhl überladener ist als die Eingangshalle."

Wenn er schon gefangen war, konnte er den Gang zum Schafott auch so weit wie möglich hinauszögern. Er unterdrückte einen Seufzer. Die ganze Situation war einfach bizarr. Da stand er mit einem großen, schwarzen Monster in einer prächtigen Eingangshalle und diskutierte mit diesem, welchen Fahrstuhl sie nehmen sollten.

Die beeindruckende Variante, um nach oben zu kommen, schien der rechte Fahrstuhl zu sein. Gegenüber der Tür hing ein großer Spiegel in einem verschnörkelten, silbernen Rahmen, unter dem eine mit weißem Leder überzogene Chaiselongue stand. Auf dem Boden lag teurer, grauer Teppich, der dick genug schien, um mit jedem Schritt einzusinken. Weißer Stuck verzierte die Fahrstuhldecke, der mit kleinen Zierleisten von den Wänden aus hellem Marmor abgegrenzt wurde. Weiches Licht tauchte alles in einen warmen Schein, so dass dem Raum die Kälte genommen wurde. Alan revidierte seine Meinung. Es gab für alles eine Steigerung.

Sie stiegen ein, und als sich die Türen schlossen, ertönte tatsächlich klassische Musik. Es fehlte nur noch, dass eine freundliche Damenstimme sagte: 'Nächster Stock, Damenabteilung.'

Wieder schielte Alan zu dem Biest. Dieses wirkte in dem weißen Raum wie ein schwarzer Tintenfleck auf einem sonst leeren Stück Papier. Schnell sah er weg und verstrickte sich in Überlegungen darüber, was passieren mochte, wenn sie oben angekommen wären.

Wie gewöhnlich ignorierte Tye den Spiegel. In einem Anfall von Wahn und Wut hatte er einmal versucht, alle Spiegel zu zerstören. Vergeblich. Am nächsten Morgen waren sie allesamt wieder unversehrt gewesen. Das war Teil des Fluchs, und es war ein Fluch für sich. Er konnte nichts verändern. Der einzige Vorteil bestand darin, dass er sich nie darum kümmern musste, die Reste des Essens wegzubringen oder den Müll zu entsorgen, aber alles andere war ein Höllentrip.

Jetzt jedoch war es leicht, den Spiegel nicht zu beachten. Er betrachtete das blonde, schimmernde Haar seines Gastes, das helle, schöne Gesichtchen, die großen Edelsteinaugen, und spürte sein Herz schneller schlagen. Ein Mensch. Ein wirklicher Mensch, mit dem er sich unterhalten konnte, der reagierte, der... Ein Stich durchfuhr ihn, Angst ließ seine Augen auflodern. Was, wenn Alan am nächsten Morgen genauso verschwunden war wie jede Veränderung davor? Wie die zerstörten Spiegel, die umgestellten Möbel, die zerfetzten Sessel?

'Ich lasse ihn nicht gehen!', dachte er wild und grollte unwillkürlich. 'Ich bewache ihn, ich halte ihn fest.' Er wollte nicht mehr allein sein, es trieb ihn in den Wahnsinn! Ob das Taliesins heimlicher Plan gewesen war?

Der Fahrstuhl hielt, Tye gab einen Code ein, der nur ihn und seine Familie in diesen Stock ließ. Er hatte ihn nicht vergessen, auch wenn es Ewigkeiten her war, dass er ihn genutzt hatte. Die Türen glitten lautlos beiseite und gaben den Blick auf sein persönliches Reich frei. Tye schaltete das Licht an, er brauchte es nicht, wohl aber sein Gast.

Seine Räume nahmen das gesamte Stockwerk ein, aufgeteilt in einen Wohn- und einen Arbeitsbereich. Auch hier dominierten helle Farben, jedoch weniger in der Kühle von Marmor, sondern eine Nuance dunkler, naturweiße Wolle, elfenbeinfarbene Stoffe, gebleichtes Leinen. Der Boden war mit einem dicken, wollweißen Teppich bedeckt, der die Reinigungskräfte regelmäßig zum Fluchen gebracht hatte. Tye jedoch liebte ihn. Dunkles Holz setzte Akzente, ohne den Eindruck von Licht und Luft zu stören, überall standen auch hier gut gepflegte Kübel mit Grünpflanzen. Selbst an denen hatte Tye sich schon vergriffen und sie zerfetzt. Am nächsten Tag waren sie so gesund und frisch gewesen wie eh und je.

Einzig das Picknick am Boden störte den Eindruck von Ordnung und Professionalität. Tye hatte sich nicht die Mühe gemacht, das Essen auf dem großen Tisch anzurichten, sondern hatte die verschiedenen Schalen einfach in der Mitte des Raumes auf dem Boden ausgebreitet.

Alan war gespannt, wie viel Luxus dieses Hochhaus wohl noch zu bieten hatte und wurde nicht enttäuscht. Das Stockwerk war ebenfalls sehr prunkvoll, aber gemütlich eingerichtet. Als das Biest über den weißen Teppich ging, erwartete Alan fast, dass es schwarze Abdrücke hinterließ, aber nichts dergleichen geschah.

Er zog sich die Schuhe aus, da er es als Frevel empfand, diesen Teppich mit Straßenschuhen zu betreten. Langsam ging er durch den Raum und schenkte den Schalen auf dem Boden nur einen kurzen Blick. Er spürte, wie er langsam resignierte. Was würde das Monster jetzt tun? Sich auf ihn stürzen und verspeisen?

Als er bei einem der vielen Fenster war, legte er seine Hand auf das Glas, spürte, wie sich die Kälte in ihm ausbreitete, auch wenn er nicht so genau wusste, ob sie tatsächlich von dem Fenster kam. Alan hatte angenommen, dass er von hier aus eine gute Aussicht hatte, doch irgendwie sah draußen alles trübe aus, auch wenn vorhin am Tor noch ein klarer Himmel zu sehen gewesen war. Die Lichter der Stadt wirkten gedämpft und grau, als würden sie vom Grund einer Pfütze zu ihm hoch leuchten.

Er versteifte sich.'In was für einer komischen Stimmung bin ich denn?' Trotzig drehte er sich um und fragte: "Was wollen Sie jetzt mit mir tun?"

Tye grinste, dieses Mal ohne es zu verstecken, breit und mit allen Zähnen; er konnte es nicht unterdrücken. Der Kleine hatte Angst, das sah man, das roch man, aber gleichzeitig ließ er sich nicht davon einschüchtern. Und es war einfach zu wunderbar, jemanden hier zu haben, als dass er hätte weiterhin ernst und gesetzt schauen können. Allein der weiche Laut von Füßen auf dem dicken Teppich versetzte Tye in Freude.

"Sie zum Essen einladen." Er lachte grollend; es kam tief aus seinem Brustkorb und füllte den ganzen Raum. Und es tat verdammt gut. Wie lange war es her, dass er das letzte Mal gelacht hatte? Seine Stimmbänder fühlten sich steif an, wie brüchiges Gummi, weil sie so lange nicht mehr benutzt worden waren.

Ein Zittern durchfuhr Alan. Das raue Lachen ließ sein Herz vor Angst schneller schlagen. Die Zähne des Biestes blitzten regelrecht aus der Schwärze. Die ganze Gestalt schien einfach nicht hierher zu passen, in diesen hellen, freundlichen Raum.

Alan ballte seine Hände zu Fäusten. "Mich zum Essen einladen? Bin nicht vielmehr ich Ihr Essen?" Seine Zunge verknotete sich fast, da es sich so unpassend anfühlte, dieses Ding nach wie vor zu siezen. Da stand ein Monster, das vermutlich irgendwelche schrecklichen Dinge mit ihm anstellen wollte, und er hielt Höflichkeitsfloskeln ein? Wie absurd konnte dieser Abend noch werden?

Tye wies auf die Schalen am Boden, noch immer gluckste das Lachen in ihm, sprudelnd, wollte einfach nicht aufhören. "Nein, ich bevorzuge mein Essen gut zubereitet, nicht roh und zuckend. Setzen Sie sich doch, Mr. McAllistair. Oder soll ich am Tisch aufdecken? Und hören Sie zu zittern auf. Sie sind hier vollkommen sicher. Ich werde meinen ersten Besucher seit Jahren gewiss nicht auffressen."

Skeptisch verschränkte Alan seine Arme vor der Brust. "Sie müssen mir Recht geben, wenn ich sage, dass Sie keinen vertrauenerweckenden Eindruck machen, Mr. Dangerfield. Und machen Sie sich wegen mir keine Mühe."

Er setzte sich auf den weichen Teppich und begutachtete die Schüsseln. Wirklich Hunger hatte er keinen, dafür war die ganze Situation bisher zu nervenaufreibend gewesen, aber vielleicht kam der Appetit beim Essen. Womöglich war das ja seine Henkersmahlzeit, dachte er sarkastisch und nahm sich eines der Cocktailwürstchen.

"Sie werden mir Recht geben, dass mein Aussehen nicht meinem Willen unterliegt." Tye ging in die Hocke und stützte sich nach hinten mit dem Schwanz ab. Das war angenehmer als zu sitzen; seit er in dieser Gestalt gefangen war, hatte sich einiges geändert. "Ich gebe zu, die Begrüßung war... nicht dem Protokoll entsprechend, ich entschuldige mich noch einmal dafür. Verstehen Sie, ich hielt Sie wirklich nur für eine Illusion."

Und trotz aller Prüfung, trotz den herrlichen Schauern, die allein Alans Stimme auslöste, war Tye sich noch immer nicht ganz sicher, ob er sich nicht nur selbst in seiner Einsamkeit belog. Am liebsten hätte er den Mann wieder angefasst. Nur um sich zu vergewissern, dass er noch immer greifbar war.

Verärgert zogen sich Alans Augenbrauen zusammen. Warum war der Kerl so höflich? So musste er selbst in irgendwelche Höflichkeitsfloskeln flüchten. Ihm war es schon immer schwer gefallen, jemanden zu kritisieren, der höflich und zuvorkommend war, ganz gleich wie dieser aussah.

Alan wollte schon widersprechen und sagen, dass er nicht an irgendwelche Feen glaubte, schloss aber sogleich wieder den Mund. Wieso sollte es keine Feen geben, wenn dieses Monster offensichtlich echt war?

"Wie sieht denn eine Begrüßung dem Protokoll entsprechend aus?", fragte er stattdessen, drehte nachdenklich ein kleines Gürkchen in den Fingern und sah das Biest an, das ihn von der Farbe und Geschmeidigkeit her irgendwie an flüssige Tinte erinnerte. "Und wieso sollte ich eine Illusion sein? Immerhin hat mich Ihre Anzeige hierher geführt."

Wieder lachte Tye. "Das Protokoll sieht vor, dass ich Sie höflich begrüße und frage, was Sie hierher geführt hat. Gewiss aber nicht, dass ich Sie... überfalle."

Er spürte Hitze in den Wangen und war froh, dass seine Schwärze nicht enthüllte, dass er errötete. Am unangenehmsten war wohl das Ablecken gewesen, aber Tye wusste, dass er es wieder tun würde, sollte Alan verschwinden und neu auftauchen. Es fühlte sich real an, realer, als nur zu schauen. Und so im Nachhinein betrachtet, hatte der Mann angenehm geschmeckt.

"Was die Anzeige betrifft, die Sie hierher geführt hat – ich kann Ihnen versichern, dass ich sie nicht aufgegeben habe. Mein Kontakt zur Außenwelt ist sehr beschränkt. Das meiste, was ich versucht habe, hat die Außenwelt auf die eine oder andere Art nicht erreicht. Der Lieferservice ist die einzige, mir bekannte Ausnahme. Und auch nur, solange ich mich strikt auf Essensbestellungen beschränke."

Düster starrte er auf die Schalen und Schüsselchen. Einmal nur war es ihm gelungen, die Aufmerksamkeit des Lieferanten zu erregen, und es hatte eine schreiende Flucht zur Folge gehabt. Seine E-Mails waren nie beantwortet worden, bei Telefonatsversuchen nahm manchmal der Gesprächsteilnehmer ab, aber legte dann wieder auf, ohne mit ihm zu sprechen. Beiträge in Foren erschienen gar nicht. Briefe, die er hinter das Tor geschoben hatte, waren regelmäßig wieder zurückgetrieben, als herrschte ein leichter Wind.

"Wer hat sie dann aufgegeben?" Alan sah sich die Schüsseln und Teller an und überlegte, was er wohl probieren könnte. Und auch wenn alles recht achtlos auf den Boden verteilt war, machte es immer noch einen sehr vornehmen Eindruck.

Er entschied sich für das Sushi und nahm eines, das aussah, wie ein kleines Schiffchen aus Seetang, das mit Reis und Kaviar gefüllt war. Diese Sorte hatte er zuvor noch nie gegessen und er machte große Augen, als er es probierte. Verdammt, ist das lecker, kein Vergleich zu dem Sushiladen bei ihm um die Ecke. Genießerisch kaute er darauf herum und vergaß für einen Augenblick, dass der Höllenfürst persönlich vor ihm saß.

Tye zuckte mit den Schultern, was die Flügel hinter seinem Rücken hob und wieder senkte. "Ich vermute, dass es eine Verwechslung ist und Ihr potentieller Arbeitgeber nun vergeblich auf Sie wartet." Wahrscheinlich würde dieser Alan für unzuverlässig halten. "Aber ich bin froh darum, auch wenn ich verstehe, dass Sie nicht so empfinden, Mr. McAllistair."

Regelrecht entzückt beobachtete er, wie Alan eines der Sushistückchen aß, das ihm offensichtlich schmeckte. Die zarten Brauen hoben sich anerkennend, die Augen weiteten sich eine Spur, ehe sich die Lider genau die Spur wieder senkten, die Genuss anzeigte. Tye nahm sich von dem Nasi Goreng, mehr, um Alan Gesellschaft zu leisten, als dass er Hunger hatte. Er war viel zu aufgeregt, um zu essen

'Verflucht.' Resigniert sackten Alans Schultern nach unten. Das Geld von dem Job hätte er durchaus gebrauchen können. Jetzt würde er sich wieder etwas Neues suchen müssen.

"Sie wären auch nicht erfreut, wenn Sie von einem großen, schwarzen Fabelwesen verschleppt worden wären, Mr. Dangerfield." Aus lauter Frust plünderte Alan den Sushiteller, bis ihm fast schlecht wurde und er nichts mehr essen konnte. Langsam verlor er die Angst, und das gefiel ihm ganz und gar nicht.

Ein Blick zum Fenster sagte ihm, dass er langsam wirklich gehen sollte. Draußen war es fast so dunkel, wie die Haut des Monster, und nur einige wenige Sterne schickten trübe ihr Licht durch diesen seltsamen Schleier, der das Gebäude zu umgeben schien. Alan hatte Semesterferien und für morgen nicht wirklich etwas geplant, und doch sehnte er sich nach der Sicherheit seiner kleinen Ein-Zimmer-Wohnung.

Ein wenig schwerfällig stand er auf, da sein Magen entschieden zu voll war. "Mr. Dangerfield, ich möchte jetzt gerne gehen. Es ist bereits sehr spät."

"Mr. McAllistair, ich habe Sie nicht verschleppt, wenn ich das richtig stellen darf. Sie haben mein Grundstück aus eigenem Willen betreten und sind mir freiwillig hierher gefolgt." Tye stieß sich leicht mit dem Schwanz ab, als er aufstand. Angst griff nach ihm, er wollte seinen ersten menschlichen Kontakt nach Ewigkeiten nicht gleich wieder verlieren.

Wenn Alan den Park verließ – falls er ihn verlassen konnte, Tye war sich nicht wirklich sicher – würde er ihn vermutlich vergessen, so dass er niemand von ihm erzählen konnte. Er wollte nicht mehr allein sein. Nicht erneut in trübe Hoffnungslosigkeit versinken! Das erste Mal seit Jahren fühlte Tye sich wieder lebendig. "Ich weiß, dass mein Äußeres nicht gerade ansprechend oder gar vertrauenerweckend ist. Ich bitte Sie trotzdem, bleiben Sie noch. Seien Sie mein Gast."

'Als freiwillig würde ich das nicht gerade bezeichnen', dachte Alan bissig und fühlte sich hin- und hergerissen. Was sollte er tun? Würde ihn das Biest gehen lassen, wenn er es wollte? Wieder sah er zu den Fenstern, beobachtete seine schemenhafte Gestalt, die sich dort spiegelte. Sie war genauso blass und unklar, wie er sich im Moment fühlte. Einige Atemzüge lang wog er sämtliche Möglichkeiten ab, bevor er sich endlich entschied. "Ich werde noch bleiben, Mr. Dangerfield." Er hoffte, dass dieser sich damit zufrieden gab und ihn später gehen lassen würde.

Tye lächelte erleichtert, seine Augen leuchteten auf. "Ich danke Ihnen, Mr. McAllistair. Kommen Sie, ich zeige Ihnen Ihr Zimmer. Danach würde ich mich freuen, wenn Sie mir noch etwas Gesellschaft leisten würden."

Er winkte, ihm zu folgen, und auch wenn er sich nicht nach ihm umdrehte, um den Anblick eines Menschen weiter zu genießen, lauschte er doch auf die leichten Schritte hinter sich. Wieder nahmen sie den Aufzug, dieses Mal jedoch für nur zwei Stockwerke nach unten, wo die luxuriöseren Gästezimmer des Hauses lagen. Tye wählte das schönste davon aus. Er gab den Code des Hausherrn in das kleine Kästchen ein, das auch mit Karte zu öffnen war und ließ Alan ein. "Hier, bitte. Sie haben Ihr eigenes Wohnzimmer, das Schlafzimmer schließt dort an. Durch diese Tür gelangen Sie zu Ihrem Badezimmer."

Auch hier war alles hell, teuer und aufs vorzüglichste ausgerüstet. Der Computer war in den Schreibtisch integriert, so dass er nicht störte, von Plasma-TV bis zu einer ausgewählten Videothek gab es alles, was das Herz in dieser Hinsicht wünschen konnte. Mittlerweile waren die Filme natürlich nicht mehr auf den neuesten Stand. Das Badezimmer war eher eine Badelandschaft mit eigenem Jaccuzzi, der selbst mit der trüberen Sicht durch den Fluch noch einen herrlichen Blick auf die Stadt bot.

Überwältigt betrachtete Alan die teure Einrichtung. Dieses Hochhaus war wirklich erstaunlich. Mittlerweile würde es ihn nicht mehr überraschen, wenn eines der Stockwerke ein Schwimmbad beinhalten würde. Er ging ins Schlafzimmer, bestaunte das riesige Bett und verlief sich fast im Badezimmer, wobei 'Zimmer' schon fast eine Beleidigung war, vielmehr war es eine Badehalle. Solch dermaßen luxuriös ausgestatteten Suites kannte er nur aus dem Fernsehen, wenn mal wieder über eines dieser teuren Hotels berichtet wurde. Nie hätte er sich träumen lassen, dass er selbst in so einem Apartment eine Nacht verbringen würde. 'Eine Nacht verbringen.' Eigentlich hatte er angenommen, in der Nacht irgendwie verschwinden zu können, aber sein 'Gastgeber' ging wohl davon aus, dass er erstmal bleiben würde.

"Was haben Sie jetzt vor Mr. Dangerfield? Ich glaube nicht, dass ich einen angenehmen Gesprächspartner abgebe." Der Kerl, auch wenn er aussah wie ein Dämon, hatte Geld wie Heu, worüber sollte er mit so einem reichen Schnösel sprechen? Aktienkurse?

Tye grinste sein zahnreiches Grinsen. "Oh, glauben Sie mir, Sie sind der angenehmste Gesprächspartner, den ich seit Jahren hatte."

© by Katsumi & Pandorah