Märchen-Haft: Der Schöne und das Biest

3.

Tye wies mit einer knappen Geste zu der Couch hin. "Ich dachte, dass wir uns bei einem Glas Wein oder Whiskey unterhalten könnten. Was bevorzugen Sie? Ich habe natürlich auch Bier, Cognac, Sherry... Sagen Sie, was sie möchten. Ganz zivilisiert, als wäre ich nicht im Körper eines Dämons gefangen und als wären Sie auf eine nette Einladung hier."

Einladung? Als wenn ihn jemand mit so viel Geld jemals freiwillig einladen würde. Alan riss sich zusammen und ging schnurstracks zu einem der Sessel. Auf die Couch wollte er nicht, nicht dass der Kerl noch auf die Idee kam, sich neben ihn zu setzen. Er schlug seine Beine unter und beschloss, das Ganze tatsächlich als eine Art Verabredung zu betrachten, auch wenn es grotesk schien.

Kurz seufzte er. Da wurde er endlich mal von jemanden eingeladen, der sich zu benehmen wusste und auch noch wohlhabend war, und dann sah dieser Jemand aus, als wäre er direkt der Hölle entstiegen. Irgendetwas passte an seinen Einladungen nie. Entweder waren die Männer grob und vulgär oder schrecklich langweilig oder sahen eben aus wie ein Spezialeffekt aus einem Horrorfilm.

"Whiskey", wählte er, als ihm einfiel, dass er noch nicht geantwortet hatte.

"Eine gute Wahl." Tye ging zur Hausbar hin, holte eine Flasche Bunnahabhain heraus und zwei Gläser mit dickem Boden. Ob Alan Eis wollte, fragte er nicht. Er fand, dass es eine Schande war, wenn solch edle Tropfen auf diese Art verwässert wurden. Nachdem er eingeschenkt hatte, setzte er sich auf die Couch über Eck zu Alan, ein wenig mehr Platz als nötig zwischen ihnen lassend, um den Mann nicht weiter zu verunsichern.

Sie stießen an, was Alan zu irritieren schien, als hätte er auch das nicht erwartet. Tye nippte an seinem Glas, aber hielt es dann nur locker in der Hand. "Sie sind also auf der Suche nach Arbeit, Mr. McAllistair? Da sie die Stelle als Blumengießer jetzt vermutlich nicht mehr bekommen, darf ich fragen, nach was Sie Ausschau halten?"

Alan war ein wenig überfordert und nippte daher erstmal an dem Glas. Der Whiskey war wie erwartet hervorragend und ging sanft die Kehle runter, ohne zu kratzen. Alan kostete den angenehm rauchigen Geschmack nach, bevor er sich einen weiteren Schluck gönnte.

Vage zuckte er mit den Schultern. "Ich suche irgendetwas, mit dem ich mir in den Semesterferien etwas dazuverdienen kann." Hoffentlich wollte der Kerl ihn nicht nach seinen Lebensumständen ausfragen! Alan hatte wirklich keine Lust, das vor ihm auszubreiten.

Tye nickte leicht und drängte seinen Schwanz in die Rille zwischen Sitzpolster und Rückenlehne. Es war nicht wirklich bequem, aber es ging. "Dann haben Sie jetzt also Semesterferien? Vielleicht kann ich aushelfen, da ich ja gewissermaßen an Ihrem Jobverlust Schuld bin, indem ich am falschen Fleck wohne. Was schwebt Ihnen denn als Tätigkeit vor, sind Sie flexibel? Wie viele Stunden die Woche können Sie entbehren? Was für eine Vorstellung haben Sie, was Ihr Gehalt betrifft?" Es war ihm ziemlich gleichgültig, mit was er Alan an diesen Ort band. Hauptsache, der junge Mann ging nicht. Oder zumindest nicht so schnell. Auf Geld sollte es ihm dabei wirklich nicht ankommen!

Für einen Augenblick dachte Alan, er hätte sich verhört. Er nahm einen kräftigen Schluck von dem Whiskey, ohne diesen wirklich zu schmecken. Seine Gedanken huschten wirr in seinem Kopf, und hätte man sie auf Leinwand gebannt, würde das Bild M.C. Escher zur Ehre gereichen.

Er saß mit einem Höllenfürst, der von einer Fee verflucht worden war, in einem edel eingerichteten Zimmer und sie führten eine Art Einstellungsgespräch? Ein weiterer Schluck Whiskey folgte. Mit der freien Hand rieb er sich die Schläfen, langsam bekam er Kopfschmerzen. "Es ist mir egal, was ich tu, solange ich es kann. Zeit habe ich reichlich."

'Leider', fügte er in Gedanken hinzu, bevor er sich einen Vollidioten schimpfte. Diese Information hätte er Mr. Dangerfield gar nicht geben brauchen, wer wusste schon, wohin das führte. Aber Alan wurde langsam müde, und der Whiskey war auch nicht gerade förderlich Der Alkohol untergrub ganz hervorragend seine Vorsicht.

"Gut." Aufgeregt lehnte Tye sich vor, aber kaschierte es, indem er sein Glas auf dem Tisch abstellte. "Das einzige, was ich wirklich brauche, ist Gesellschaft, Mr. McAllistair. Alles andere regelt sich fast von allein."

Er sah, wie sich Alan verspannte und wollte ihn schütteln. Verdammt, wenn er nun wirklich etwas nicht wollte, dann war es, den jungen Mann zu verletzen, zu vertreiben, zu benutzen. Er wollte doch nur... dass er da war. "Ich habe wirklich nicht vor, über Sie herzufallen. Ich bin ein ganz manierlicher Zeitgenosse, auch wenn ich nicht danach aussehe."

Aber wie sollte man das beweisen, wenn allein der Schein genau das Gegenteil erzählte? Wenn die Klauen davon sprachen, dass man Kehlen zerfetzte und die Reißzähne von Lust am Verschlingen? Wenn jeder Aspekt dem eines Dämons aus den finstersten Niederhöllen glich?

Alan zog seine Knie an, machte sich so kleiner, als wolle er seinem Gegenüber weniger Angriffsfläche bieten. "Soll das heißen, dass Sie mich als eine Art Gesellschafter einstellen wollen, Mr. Dangerfield?"

Er setzte das Glas an und leerte es mit einem Zug, auch wenn es schade um den guten Tropfen war. Müde sah er zu dem schwarzen Wesen hin. Unzählige Fragen kamen ihm in den Sinn. Was hatte es mit diesem Fluch auf sich? Wer war er? Warum war er verflucht? ... Aber er konnte sie nicht stellen. Langsam bekam Alan das Gefühl, dass sein Verstand nicht mehr in der Lage war, weitere Informationen aufzunehmen. Am liebsten hätte er sich schlafen gelegt, in der Hoffnung, anschließend aus diesem obskuren Traum aufzuwachen.

Langsam nickte Tye. "Genau. Als eine Art Gesellschafter." Es klang ganz schön verzweifelt, wenn er das neutral betrachtete. Und das schlimme war, dass dieser Eindruck der Wahrheit entsprach. Er wollte Alan nicht gehen lassen, um keinen Preis der Welt, einfach weil er das erste lebendige Wesen war, das die Tür durchschritten hatte. Es war nicht wichtig, wer er war, was er war. Vollkommen gleichgültig, wie er war, woher er kam und was ihn hierher geführt hatte. Einzig wichtig war, dass er blieb.

Aber fast genauso sehnsüchtig, wie Tye sich sein Bleiben wünschte, so unwohl schien Alan sich zu fühlen. Tye wünschte, er hätte ihn anders empfangen. Zivilisierter. Zurückhaltender. Angemessen. Wenn er doch nur nicht daran gezweifelt hätte, dass der Mann echt war! Tye betrachtete ihn ruhig, bemerkte die leicht hochgezogenen Schultern und den festen Griff um das leere Glas ebenso, wie er den leichten Schleier über den Augen wahrnahm.

Widerstrebend stand er auf. Alles in ihm sperrte sich dagegen; er wollte Alan weiter ansehen, wollte ihn die Nacht bewachen, wollte ihn atmen hören und riechen, dass er da war. Wollte spüren, dass es einen Mensch in dieser leeren Blase gab, die seine Existenz umhüllte.

Dennoch nickte er leicht. "Ich sehe, Sie sind müde, Mr. McAllistair. Ich werde mich jetzt zurückziehen. Nachtbekleidung können Sie im Schrank im Schlafzimmer finden. Es sollte etwas dabei sein, das Ihnen passt. Bitte, denken Sie über mein Angebot nach. Über das Geld können wir dann morgen sprechen. Es soll zu Ihrem Schaden nicht sein."

Träge beobachtete Alan, wie sein Gastgeber den Raum verließ. Als dieser die Tür hinter sich schloss, sackte er in sich zusammen. Die ganze Anspannung, seit er das Tor durchschritten hatte, fiel plötzlich von ihm ab. Er verbarg seinen Kopf zwischen den Knien und wollte seine Gedanken ordnen, doch sie huschten in ihm umher wie ein Mottenschwarm ums Licht, so dass er es nicht weiter versuchte.

Langsam erhob er sich und ging in das Schlafzimmer. In einem gewöhnlichen Raum hätte das riesige Bett alles dominiert, doch hier wirkte es nur wie ein weiteres Schmuckstück. Alan knipste überall das Licht aus und schloss für einen Augenblick die Augen, um sich an die Dunkelheit zu gewöhnen. Dann sah er zum Fenster hin. Die Lichter der Stadt hüllten das Zimmer in ein düsteres Zwielicht.

Alan nahm sich keine Schlafsachen, sondern zog sich nur bis auf seine Unterhose aus und legte sich in das Bett. Die Matratze war genau richtig, die Decke schmeichelte schon fast seiner Haut, und doch wälzte er sich nur ein paar Mal hin und her. Er sah auf die mit Stuck verzierte Decke, die momentan in ein dreckiges Grau gehüllt schien und wusste, dass er so nicht würde schlafen können. Der Raum war zu groß, im Bett war zu viel Platz, und es ließ ihn sich ausgeliefert fühlen.

Genervt schlug er die Decke zurück und stand auf. Was sollte er jetzt tun? Seine Gedanken umkreisten ihn noch immer, und Alan verscheuchte sie ärgerlich. Er hatte keine Lust mehr, über diese ganze Situation nachzudenken, es bereitete ihm Kopfschmerzen, und müde, wie er war, würde er keine Lösung finden.

Als er in einer etwas versteckten Ecke einen großen Sessel entdeckte, nahm er sich die Decke und ein Kissen vom Bett, um es sich dort gemütlich zu machen. Es war unsinnig, das wusste er. Wenn die Bestie sich doch dazu entschließen sollte, ihm etwas anzutun, war es gleich, wo er schlief. Aber es ließ ihn sich wenigstens nicht ganz so schutzlos fühlen. Einen Fluchtversuch wollte er noch nicht riskieren, da sein Gastgeber aller Wahrscheinlichkeit nach noch wach war.

Er wickelte sich komplett in die Decke ein und ließ seinen Kopf erschöpft auf die Armlehne sinken. Fast augenblicklich schlief er ein, der Tag war einfach zu aufregend gewesen.

*

Tye verharrte vor der Tür, kaum dass er sie hinter sich zugezogen hatte. Er musste gegen das fast unbändige Verlangen ankämpfen, sofort wieder umzukehren, um sich zu vergewissern, dass Alan wirklich dort war. Nur mühsam gelang es ihm, sich abzuwenden und den Flur zu verlassen, um das Treppenhaus zu seiner eigenen Etage empor zu steigen.

Die Tür glitt vor ihm auf, und er ließ seinen Blick durch den Wohnbereich gleiten. Die Sushi-Platte war geplündert, und in dem dicken Teppich meinte er fast noch, den Abdruck des schlanken Mannes zu sehen. Tye hockte an der Stelle nieder und ließ seine Hand darüber gleiten, ein Stück sternenloser Nacht über dem hellen Boden.

'Ich sperre die Türen ab', ging es ihm durch den Kopf, aber gleichzeitig wusste er, wie sinnlos es war. Am Morgen wäre alles wieder offen, was zum Zeitpunkt des Fluchs offen gewesen war und verschlossen, was verschlossen gewesen war. Alans Zimmer, das Treppenhaus und die Eingangstür zählten nicht dazu. 'Aber er darf nicht gehen! Was, wenn er derjenige wäre, der... Er findet mich abstoßend. Er kann die Abscheu doch kaum im Blick verbergen. Wie soll das möglich sein? Dennoch, er muss bleiben! Er muss!'

Mit einem Satz war Tye auf den Beinen; ein weiterer brachte ihn zum Fenster und hinaus. Wie ein Raubvogel im Beuteflug stürzte er hinab, bis er kurz vor dem Grund die Flügel ausbreitete und in einer steilen Kurve wieder nach oben schoss. Er kreiste höher und höher, die einzige Richtung, in der er weit kam, ohne von dem Zauber aufgehalten zu werden.

Es war nicht viel; auch wenn er die Wolken erreichte, war er nicht frei. Auch hier gab es niemanden. Auch hier konnte er nicht viel weiter sehen als vom Dach des Hauses aus. Aber er konnte für einige Momente Freiheit fühlen, wenn er fiel; er konnte die Geschwindigkeit spüren, den peitschenden Wind im Gesicht. Die Erde raste heran, wartend, ob es ihm auch dieses Mal gelang, den Irrsinn abzufangen, sich zu fangen.

Tye kreiselte um das Hochhaus, schoss zwischen Bäumen hindurch, streifte sie mit seinen Schwingen und brachte das Laub zum Rauschen. Vögel kreischten erschrocken auf, Eichhörnchen schnatterten erschreckt. Er landete hart, jagte in großen Sätzen am Boden dahin, wendete scharf, indem er gegen die Stämme der Bäume sprang.

Sein Atem flog, seine Schwingen schmerzten von dem rasanten Manövern. Seine Arme und Beine zitterten, als er schließlich innehielt. Schweiß rann seinen Rücken und seine Brust hinab. Er brauchte einige Zeit, ehe sein Herz nicht mehr mit jedem Schlag seine Brust sprengen wollte und sein Atem wieder normal ging. Dann erst spürte er die Erschöpfung, in seinem Körper und seinem Geist.

Langsamer ging er zum Hochhaus zurück, genoss den leichten Wind, der die Baumkronen wispern ließ, das trübe Licht der Sterne. Heute schienen sie heller zu sein. Statt nach oben zu fliegen oder die Fassade empor zu klettern, nahm er den Fahrstuhl. Doch er drückte den Knopf für Alans Etage, nicht seine eigene.

Zögernd verharrte er, als er den Fahrstuhl verlassen hatte und starrte die Tür an. War der Mann wirklich dahinter? Tye hob die Hand und zögerte. Dann klopfte er verhalten. Niemand antwortete. Tyes Herz begann erneut, schmerzhaft zu schlagen.

Er konnte sich nicht davon abhalten, den Code einzugeben und die Tür zu öffnen. Lautlos schlich er über den Teppich, die Augen so schmal zusammengepresst, dass er kaum noch etwas sah. Er wollte nicht, dass Alan von ihrem Leuchten erschreckt wurde. 'Wenn er noch da ist. Und die Augen machen es dann auch nicht mehr schlimmer, wenn er mich sieht. Er wird denken, ich bin gekommen, ihn zu fressen.' Dennoch ging er weiter und öffnete leise die Tür zum Schlafzimmer, nachdem er das Wohnzimmer verlassen vorfand.

Das Bett war leer.

Tyes Herz setzte einen Schlag aus, seine Kehle wurde eng und drückte ihm die Luft ab. Dann hörte er einen leise gemurmelten Laut und fuhr herum. Auf dem Sessel in der Ecke des Zimmers, zusammengekauert wie ein Kind, lag Alan. Das zerzauste helle Haar sah aus dem Bündel Decke hervor, fiel ihm in die Stirn und ließ ihn noch niedlicher wirken, als er ohnehin war. Die schönen Augen waren geschlossen, die Lippen weich und entspannt. Ohne den Ausdruck von Furcht war er nicht nur hübsch, sondern schön, ganz egal, ob er nun der einzige Mann war, den Tye seit dem Beginn seiner Verbannung in Fleisch und Blut vor sich gehabt hatte.

Leise atmete er auf und glitt näher. Er lächelte leicht und betrachtete das herrliche Bild. Ganz vorsichtig strich er Alan die Haare aus dem Gesicht, genoss das Gefühl der weichen Haut unter seinen Fingerspitzen. Lange stand er einfach nur da und betrachtete den Schlafenden, ehe er ihn ganz vorsichtig und mit angehaltenem Atem aus dem Sessel hob. Er wollte nicht, dass sein kleiner Gast am nächsten Morgen vollkommen verspannt aufwachte, und zudem war es eine willkommene Ausrede, um ihn in aller Unschuld berühren zu dürfen. Alan murmelte wieder und ließ ihn erstarren, doch dann sank sein Kopf nur gegen Tyes Schulter und schickte einen Freudenschauer durch ihn hindurch. Er trug ihn zum Bett, verharrte erneut und legte ihn dann behutsam ab. Sorgfältig deckte er ihn zu und verzichtete mit großer Anstrengung darauf, an seinem weichen Haar zu riechen.

Wieder stand er lange da und sah Alan an, ehe die Müdigkeit schleichend immer weiter von ihm Besitz ergriff. Die Nacht kam, ob er wollte oder nicht. Er konnte nicht wachbleiben, auch wenn er es wollte. Widerwillig verließ er das Zimmer, um in seine eigenen Räume zurückzukehren. Er taumelte bereits vor Erschöpfung, als er die Tür passierte. Und noch ehe er das Bett erreichte, sank er zu Boden und schlief ein.

*

Alan schmatzte kurz und drehte sich im Schlaf um. Das diesige Licht der Sonne schien in das Zimmer und weckte ihn langsam. Er rollte sich noch einmal herum und wunderte sich, dass er so viel Platz dafür hatte. War sein Bett schon immer so groß gewesen? Und warum hatte er vergessen, die Vorhänge zuzuziehen? Verschlafen öffnete er seine Augen und versuchte, das Licht wegzublinzeln. Sein Blick klärte sich langsam und erfasste das luxuriöse, helle Zimmer.

Mit einem Ruck setzte er sich auf und Erinnerungen an den Vorabend schossen durch seinem Kopf . Das riesige, schwarze Monster. Augen, die wie Lava glühten. Schneeweiße Reißzähne. Sein Herz schlug schmerzhaft schnell in seiner Brust, erschrocken sah er sich um. Es war kein Traum. Hektisch stieg Alan aus dem Bett und sammelte, noch immer vom Schlaf leicht benommen, rasch seine Sachen zusammen. Er musste hier weg!

Kopflos stürzte er aus dem Zimmer und stand vor dem Fahrstuhl. Da man diesen nur mit einem Code bedienen konnte, widmete er sich dem Treppengang. Stufe um Stufe eilte er runter und hatte das Gefühl, dass es nie enden würde. Nach einer scheinbar endlosen Zeit erreichte er die Eingangshalle und rannte zur Tür raus.

Als ihm die frische Luft entgegenschlug, blieb er für einen Moment stehen. Seine Sinne klärten sich. Langsamer ging er den gewundenen Weg durch den Park entlang. Im Hellen sah dieser wesentlich weniger bedrohlich aus.

Was tat er hier? Nach und nach kam ihm mehr von dem Abend in den Sinn, das Essen und das Gespräch mit Mr. Dangerfield. Wenn das Monster ihn hätte fressen wollen, dann hätte es dies sicherlich bereits in der Nacht getan, oder? Dann fiel ihm ein, dass er eigentlich im Sessel geschlafen hatte. Ein kurzer Schauer rann über Alans Rücken. Die Bestie war nachts in seinem Zimmer gewesen, hatte aber scheinbar nichts weiter getan, als ihn ins Bett zu legen.

Vielleicht… vielleicht sollte er wieder umdrehen? Dieser Mr. Dangerfield schien tatsächlich nur seine Gesellschaft zu wollen, und er hatte sich besser verhalten als die meisten Männer, die Alan auf Partys , oder in der Disco kennengelernt hatte. Nun ja, bis auf die Begrüßung, aber dafür hatte dieser sich sogar entschuldigt. Alan entschloss sich, mit der schwarzen Gestalt zu reden. Später. Vielleicht. Per Telefon. Wenn er hier weg war!.

Beharrlich ging er weiter, bis er vor dem Tor stand. Bei Tageslicht sah es wesentlich weniger alt aus. Es war sogar in einem recht guten Zustand. Resolut drückte Alan dagegen, doch nichts geschah. Auch Rütteln half nicht. War es vielleicht abgeschlossen? Er ging ein Stück am Zaun entlang, in der Hoffnung, ein Loch zu finden, an dem er hindurch schlüpfen konnte. Vergeblich. Die Zeit wurde knapp. Nicht, dass Mr. Dangerfield aufwachte und seine Flucht vereitelte! Schließlich entdeckte er an einer Stelle einen alten Baumstumpf, auf den er steigen konnte. Nach einigen Versuchen schaffte er es so, sein rechtes Bein auf die erste Querstrebe zu stützen, die für jemanden, der auf dem Boden stand, entschieden zu weit oben lag, und zog sich mühsam hoch, nur um dann festzustellen, dass er nicht über den Zaun steigen konnte. Irgendetwas hielt ihn auf.

Wackelig balancierte er auf den Eisenstangen und tastete mit einer Hand nach vorne. Er spürte etwas Weiches, aber Undurchdringliches. Als hätte man Luft die Konsistenz von Watte verpasst. Ungläubig drückte er kräftiger und stemmte sich schließlich sogar mit dem Körper dagegen. Die Wattewand gab ein wenig nach und federte dann zurück. Mit rudernden Armen versuchte Alan erschrocken, sein Gleichgewicht zu wahren; hilflos tastete er in der Luft nach Halt, kippte nach hinten und fiel.

*

Tye öffnete die Augen und war wach. Er lag auf dem Boden, starrte zur Decke und überlegte für einen Moment orientierungslos, was geschehen war, dass er beschlossen hatte, direkt hinter der Tür zu schlafen. Dann kehrte die Erinnerung abrupt zurück, und Tye sprang energiegeladen auf die Beine. Er grinste über das ganze Gesicht, sein Herz stolperte erwartungsfroh mehrere Takte zu schnell, Aufregung prickelte durch seinen ganzen Körper.

Er war nicht mehr allein! Es gab Alan.

Am liebsten wäre er direkt zu dem Mann ins Zimmer gestürzt, um ihn zu wecken und sich zu vergewissern, dass er noch da war. Aber sein Gast nähme es bestimmt nicht gut auf, risse er ihn auf diese Art aus dem Schlaf. Stattdessen nahm Tye die Abkürzung durchs Fenster und flog zum Tor, um das Frühstück durch die Gitterstäbe zu angeln. Er würde die Bestellungen vergrößern müssen, wie herrlich!

Mit der Tasche flog er zur Dachterrasse empor, deckte dort einen Ecktisch und spannte den dazu gehörenden hellen Sonnenschirm auf. Aufgedreht kehrte er in seine Wohnung zurück und ging ins Bad, in der irrsinnigen Hoffnung, irgendetwas an seinem Erscheinungsbild so ändern zu können, dass er nicht mehr ganz so sehr wie ein Monster wirkte.

Dann sah er das erste Mal seit langer Zeit wieder in den Spiegel. Der Anblick war nicht ermutigend. Weder hatte sich etwas an den wuchtigen Hörnern auf seinem Kopf, noch an den glühenden Lavaaugen oder gar an seinem Raubtiergebiss geändert. Sein Haar war sogar noch ungebändigter als sonst, und Tye beschloss, dass er Alan so nicht entgegentreten wollte. Er duschte ausgiebig, wusch die Haare und summte sogar brummelnd vor sich hin. Das Leben hatte an Farbe gewonnen. Rabiat bürstete er die noch nassen Haare durch und fasste sie im Nacken zu einem Zopf zusammen.

Dann wartete er. Er lief mehrfach an Alans Zimmertür vorbei. Und wartete. Er richtete die Teller und Tassen anders aus. Und wartete. Er flog dicht an Alans Schlafzimmer vorbei, warf einen glücklichen Blick auf die zierliche Gestalt. Und wartete. Wie lange konnte ein Mann schlafen? Wie erschöpft war Alan gewesen? Vielleicht war er am Vortag schon früh wach gewesen, vielleicht gar weit vor Sonnenaufgang. Sie hatten viel zu kurz miteinander gesprochen. Tye starrte auf das Frühstück, brachte eine Kerze auf die Dachterrasse und räumte sie wieder weg. Und wartete.

Er beschloss, erneut an Alans Räumen vorbeizufliegen und sprang mit einem kleinen Satz auf die Brüstung. Eine unerwartete Bewegung in der Nähe des Tores lenkte seinen Blick auf sich, um ihm gleich darauf einen eisigen Schreck einzujagen. Alan schlief nicht mehr. Er hatte sich entschieden. Gegen Tye.

"Nein", flüsterte er rau und ließ sich fallen.


© by Katsumi & Pandorah