Märchen-Haft: Der Schöne und das Biest

4.

So schnell ihn seine Flügel trugen, jagte Tye auf Alan zu, der am oberen Rand des Zauns hing und Anstalten machte, darüber zu klettern. Er konnte ihn nicht gehen lassen! Nicht so! Nicht so schnell! Doch noch ehe er ihn erreicht hatte, verlor der junge Mann das Gleichgewicht und kippte nach hinten.

Tye tauchte hinab, schoss nach vorne. Er streckte die Arme aus und schaffte es, Alan zu fangen, ehe dieser auf dem Boden aufschlug. Der Schwung trug ihn weiter; Tye schleuderte ihre beiden Körper herum. Es gelang ihm, sich mit einem Fuß am Zaun abzufangen. Er ächzte und drückte sich mit Kraft weg; seine Flügel drehten sich, fingen ihn und katapultierten ihn regelrecht zurück in die Luft. Tye fasste nach, erwischte Alan besser und drückte den schlanken Körper an sich.

"Bist du lebensmüde?", grollte er und steuerte das Dach des Hochhauses an. Sein Herz raste vor Schreck und Enttäuschung, aber auch vor Erleichterung, weil Alan nichts passiert war... und weil dieser nicht hatte fliehen können.

Alan wagte nicht, sich zu rühren. Er flog. Oh mein Gott, er flog! Sein Blick fiel unfreiwillig nach unten – er gab einen leisen Angstschrei von sich und klammerte sich an die schwarze Gestalt. Verdammt, war das tief! Der Flug fühlte sich an wie eine Achterbahnfahrt und er hasste Achterbahnen. Er konnte nicht nachvollziehen, dass einige freiwillig so etwas Wahnwitziges taten und sich in die Tiefen stürzen ließen.

Erst, als sie endlich das Dach erreichten und er wieder festen Boden unter sich spürte, atmete Alan erleichtert auf. Vom Adrenalin ganz zittrig setzte er sich auf den erstbesten Stuhl und hoffte, dass sich sein Herzschlag nicht erst in einigen Stunden wieder beruhigen würde. Nach einigen Atemzügen fiel ihm wieder ein, warum es überhaupt dazu gekommen war, dass Mr. Dangerfield mit ihm geflogen war. Sein Magen krampfte sich zusammen und er hatte das Gefühl, dass sämtliches Blut aus seinem Gesicht verschwand. Unwillkürlich ballte er seine Hände und starrte auf die teure Tischdecke.

"Sie hatten Recht, Mr. Dangerfield. Ich kann Ihr Grundstück nicht verlassen." Es auszusprechen, ließ die Situation real werden. Verzweifelt schlug er die Hände vor sein Gesicht, als ihm die Tragweite der Worte bewusst wurde. Er war ebenso gefangen wie sein Gastgeber.

Tye warf ihm nicht vor, dass er zu fliehen versucht hatte. Bei Gott, er selbst hatte es wieder und wieder auf alle erdenklichen Arten versucht, und nie war es gelungen. Aber es erfüllte ihn mit bodenloser Erleichterung, dass Alan nicht entkommen konnte, auch wenn er es wollte. Dass er selbst nicht mehr allein sein musste. Dennoch litt er mit ihm, konnte den Schmerz nur zu gut verstehen. Das Leben und alle Menschen, die einem wichtig und lieb waren, befanden sich außerhalb der Gitter. Ein wenig unbeholfen drückte er Alan kurz die Schulter.

"Vielleicht finden wir zu zweit einen Weg, den einer allein nicht zu erdenken vermag", sagte er leise. Er schenkte Kaffee ein und schob ihm die Tasse hin, ein bewährtes Mittel, soweit es ihn betraf. "Zucker, Milch?"

'Einen Weg zu zweit?' Das hörte sich ganz und gar nicht nach einem Monster an und wenn Alan die Augen schloss, konnte er sich der Illusion hingeben, dass einfach nur ein netter Mann mit ihm am Tisch saß. Langsam nahm er seine Hände runter. "Danke. Milch, bitte."

Inständig betete er, dass sie eine Lösung finden würden. Ihm fielen immer mehr Dinge ein, die sich aus diesem Problem ergaben. Seine Eltern, seine Freunde würden umkommen vor Sorge und das war nur eines davon, wenn gleich auch das Schlimmste. Aber vielleicht kam es nicht dazu, kampflos würde er nicht aufgeben.

Mr. Dangerfield gab Milch zu seinem Kaffee; dankbar nahm Alan die Tasse und nippte daran. Sich umsehend stellte er fest, dass auch die Dachterrasse sehr komfortabel war und durch die vielen Pflanzen gemütlich wirkte. In dieser Höhe müsste es eigentlich ziemlich windig sein, doch spürte man nichts dergleichen. Die Architekten hatten ganze Arbeit geleistet. Für einen Ort der Verdammnis war es hier recht angenehm – es hätte ihn schlimmer treffen können.

"Wie kam es, dass Sie verflucht wurden, Mr. Dangerfield?" Alan sah sein Gegenüber an. Dieser bot leider, trotz strahlendem Sonnenschein, immer noch einen unheimlichen Anblick, aber dessen Höflichkeit und das zum Äußeren unpassend gesittete Benehmen milderten den Eindruck ab.

Tye zuckte leicht zusammen, fing sich jedoch gleich wieder. Er warf Alan einen kurzen Blick zu, aber sah dann auf die Auswahl an Gebäck, Belag und frischem Obst, die er auf dem Tisch aufgebaut hatte. Umständlich rückte er sich einen der Korbsessel zurecht, die es ihm ermöglichten, seinen Schwanz nach hinten unterzubringen, und setzte sich ebenfalls.

"Ich habe den Fehler gemacht und mich mit einer Fee eingelassen", sagte er schließlich. "Ich war nicht an einer Beziehung interessiert, er schon. Als ich ihn zum wiederholten Male abgewiesen habe, ist er zornig geworden. Wenn ich ihn nicht will, soll mich auch niemand wollen. Das Ergebnis können Sie jetzt hier bewundern, Mr. McAllistair."

Alan verschluckte sich heftig an seinem Kaffee und musste ein paar Mal husten. 'Er?' Der Typ hatte sich also mit einem Mann eingelassen? Überrascht starrte er Mr. Dangerfield an, ehe er in Gedanken tief seufzte. Da lernte er einen Mann kennen, der aufmerksam und nett war, fast schon lächerlich reich und der auch noch auf Männer stand. Und dann musste der aussehen wie ein lebendig gewordener Gargoyle! 'Verdammte Scheiße.' Nie hatte er Glück in solchen Sachen.

"Das scheint mir eine ziemlich jähzornige Fee gewesen zu sein", meinte er jedoch nur leichthin, nahm sich ein Croissant und schnitt es auf. Sein Blick glitt über den Tisch und er wählte Orangenmarmelade, um sie auf die eine Croissanthälfte zu streichen.

Tye nickte knapp. "Halten Sie sich bloß an den bekannten Ratschlag: Lasse dich niemals mit einer Fee ein. Selbst dann nicht, wenn man zu wissen meint, dass man alles abgeklärt und jedes Für und Wider abgewogen hat", sagte er trocken und griff nach einem der obszön süßen Puddingteilchen.

"Ich werde versuchen, Ihre Worte zu berücksichtigen, sollte ich jemals das Bedürfnis haben, mit einer nähere Bekanntschaft zu schließen", erwiderte Alan ebenso trocken. Vorsichtig biss er von dem Croissant ab, in dem Versuch, möglichst nicht zu krümeln. "Die Fee war also männlich?"

Irgendwie hatte er sich Feen immer als geschlechtslose, ätherische Dingelchen vorgestellt. Offensichtlich war dem nicht so, wenn man mit einer in die Kiste springen konnte.

In dem Moment wurde ihm bewusst, dass Mr. Dangerfield ganz normal aß. Interessiert beobachtete er ihn und fragte sich, wo das Essen landete. Wie es schien, hatte der Mann nichts, was er auf der Toilette benutzen konnte. Von dieser faszinierenden Entdeckung abgelenkt starrte er Mr. Dangerfield an, während er gedankenverloren weiter aß.

Tye nickte ein wenig belustigt, auch wenn der Gedanke an Taliesin ihm schlechte Laune machte. "Es war zumindest alles dran, was ihn zum Mann gemacht hat." Nachdenklich legte er den Kopf leicht schräg und erwiderte Alans Blick. "Irritiert Sie das?" Das würde ihm zu seinem Glück jetzt noch fehlen. Sein einziger Kontakt ein Homophober, der nicht nur vor seinem Äußeren, sondern vom ihm selbst abgestoßen war.

Überrascht hob Alan die Brauen. "Nein, ganz und gar nicht." Nur knapp konnte er verhindern auszuplaudern, dass er selbst Männer in Beziehungen bevorzugte. Dass er schwul war, ging einen Fremden nichts an, auch wenn es Mr. Dangerfield mit Sicherheit nicht stören würde.

Sein Blick glitt wieder über den Frühstückstisch und er nahm eins von den unverschämt gut aussehenden, kleinen Törtchen. Sollte er hier tatsächlich länger bleiben müssen, würde er bestimmt kugelrund werden. Zwischen zwei Bissen fragte er: "Wie lange sind Sie denn schon verflucht?"

"Drei Jahre, zwei Monate und ein paar Tage", antwortete Tye nüchtern. Es fühlte sich viel länger an, die Tage gingen einer in den anderen über, ohne dass er sie gegeneinander abgrenzen konnte, die Wochen flossen vorbei. Es gab nicht viel, was die Eintönigkeit unterbrach. Aber das Datum hatte er sich sehr gut gemerkt. "Ich weiß nicht, ob es Sie beruhigen oder ängstigen wird, aber Ihre Freunde und Verwandten werden vermutlich nicht einmal merken, dass Sie verschwunden sind. Tye Dangerfield war kein unbekannter Name auf dem internationalen Parkett. Ich habe Termine anstehen gehabt, die von großer Wichtigkeit waren. Ich kann Ihnen nicht sagen, wie das geschehen ist, aber sie wurden von meinen Managern wahrgenommen. Niemand hat eine Vermisstenanzeige aufgegeben, keine Freunde, keine Bekannten – nicht einmal meine Eltern. Keine Zeitung hat vom mysteriösen Verschwinden des Vorsitzenden des Dangerfield-Konzerns berichtet. Meine Firmen laufen, als wäre ich da und würde sie lenken. Manche Sparten haben sich sogar verbessert. Es ist, als hätte es mich nie gegeben."

Alan aß sein Törtchen auf, während er versuchte, die Fülle an Informationen zu verarbeiten. Über drei Jahre schon! Er konnte nicht einmal Entsetzen spüren und vermutete, dass das später noch kommen würde. Momentan klang alles viel zu bizarr, als dass er es wirklich begreifen konnte, selbst wenn die Luft über dem Zaun ihn zurückgeworfen hatte. Hatte sie das überhaupt? Oder hatte sein von Panik umnebelter Verstand ihm einen Streich gespielt? Möglicherweise war er einfach abgerutscht. Wenn er jetzt daran zurückdachte, wusste er nicht mehr, was er davon halten sollte.

Es beruhigte ihn zumindest auf eine Art, dass ihn alle vergessen würden. Eigentlich war das kein schöner Gedanke, aber er war nicht bei ihnen, sodass es ihm nicht wehtat und es würde sich zumindest keiner um ihn sorgen. Sein Leben ging so gesehen weiter, auch wenn er nicht mehr daran teilnehmen konnte.

'Vorsitzender eines Konzerns'. Sein Gastgeber war also nicht nur einfach irgendein reicher Schnösel, er schien der ehrgeizige, reiche Schnösel schlechthin zu sein. Alan rieb sich seine Schläfen und hoffte, dass er nicht wieder Kopfschmerzen bekam. Ein weiteres Törtchen fand den Weg in seinen Mund.

"Das ist ja fast wie Robinson Crusoe, nur luxuriöser, und ich bin Freitag", meinte er zynisch mit vollem Mund. Es wunderte ihn, dass er das alles so locker aufnahm. 'Das ist vermutlich die Auswirkung des Schocks', dachte er sarkastisch.

"Soll ich Sie Freitag nennen?", fragte Tye amüsiert und schob den Teller mit den restlichen Törtchen näher zu Alan hin. Immerhin schien sein unfreiwilliger Gast Humor zu haben – und einen gesunden Appetit.

"Wenn ich Sie Robinson nennen darf." Alan zuckte mit den Schultern und sah zu den leckeren Törtchen, nahm sich aber keines mehr. Er war satt. Stattdessen goss er sich Kaffee nach. "Langweilen Sie sich nicht furchtbar? Wie haben Sie sich die Zeit vertrieben?" Es war kein Wunder, dass Mr. Dangerfield so erpicht darauf war, ihn hier zu behalten. Alan bot zumindest zeitweise ein wenig Ablenkung.

"Nun, das klingt auf jeden Fall netter als Mr. Dangerfield. Meinen Sie, dass Sie es über sich bringen könnten, mich Tye zu nennen?" Tye versuchte wenig erfolgreich, sein furchteinflößendes Lächeln zu unterdrücken.

Erneut zuckte Alan mit den Schultern. "Wieso nicht. Wir werden schließlich eine Zeit lang miteinander auskommen müssen. Ich möchte dich nur um einen Gefallen bitten. Kein Herumschleichen im Dunkeln. Ich kann darauf verzichten, in so jungen Jahren einen Herzinfarkt zu erleiden." Dann lächelte er verhalten. "Ich bin Alan." Er lehnte sich zurück und ließ seinen Blick über die Terrasse schweifen. "Besteht die Möglichkeit, an frische Kleidung zu kommen?" Er würde es keinen Tag länger in der selben Unterhose aushalten.

"Zu sehr von Fluchtgedanken besessen gewesen, um zu duschen und dich umzusehen?" Tye grinste, aber winkte ab. "Das solltest du nachholen. In den Schränken müsste etwas sein, was dir passen könnte. Ansonsten versuchen wir, etwas zu bestellen. Manchmal funktioniert es, manchmal nicht. Und dann zeige ich dir das Haus. Es gibt hier einiges, mit dem man die Zeit totschlagen kann."

Verärgert sah Alan Tye an. Die aufgebaute Sympathie schwand ein Stück weit dahin. Der Mann konnte ihm ja wohl schlecht vorhalten, dass er so schnell wie möglich wieder verschwinden wollte. Er stellte seine Tasse ab und erhob sich. "Dann werde ich mal nachsehen, was sich finden lässt."

Kurz nickte er Tye zu und verschwand von der Terrasse, indem er nach kurzem Suchen den Treppengang nutzte. Rasch ging er die zwei Stockwerke zu seiner Gästewohnung herunter und schloss erleichtert die Tür hinter sich. Energisch ignorierte er die Gedanken, die sich hartnäckig hinter seiner Stirn sammelten. Noch würde er sie nicht zulassen. Jetzt nicht.

Alan ging zu einem der großen Schränke und wühlte sich durch die Massen an Sachen. Nachdem er einige verworfen hatte, fand er etwas, das ihm einigermaßen passen konnte. Ein schwarzes Polohemd und eine gerade geschnittene, grüne Hose. Mit der Kleidung, einem Paar Socken und einer sogar noch in Plastik verpackten Unterhose ging er ins Bad.
Ein wenig ungelenk zog er sich aus und legte seine alten Sachen auf eine hübsch verzierte Kommode, bevor er in die ausladende Dusche stieg und das Wasser einstellte. Etliche kleine Düsen in der Decke ließen es wie einen weichen Regenschauer auf ihn fallen. In einer eingebauten Ecke standen unzählige Shampoos, Seifen, Badezusätze und Duschgelflaschen zur Auswahl. Alan wählte ein Shampoo, dessen Farbe ihm gefiel und fing an, sein Haar einzuschäumen.

Unweigerlich drängten sich ihm nun wieder seine Gedanken auf und er lehnte sich stöhnend an die Wand. Verdammt, er war hier gefangen! Vermutlich für die nächsten Jahre… oder gar für immer?

Entsetzt starrte er auf die hellen Fliesen und beobachtete fast hypnotisiert, wie die Tropfen kleine Krater und Ringe auf dem Wasser bildeten, die gleich darauf von anderen ausgelöscht wurden. Langsam ließ er sich auf den Boden sinken. Er spürte, wie ihm Tränen in die Augen stiegen. Ausgelöscht, wie seine Existenz. Einzig der Gedanke, dass sich seine Familie keine Sorgen machen würde, tröstete ihn trotz allem noch immer.



Tye aß gedankenverloren die letzten Törtchen, dann räumte er den Tisch ab, was er schon lange nicht mehr getan hatte. Wenn er die Sachen stehen ließ, waren sie am nächsten Morgen entweder aufgeräumt oder verschwunden. Amüsiert fragte er sich, wie das wohl auf Alan wirken würde – ein Dämon, der Hausarbeit machte. Er grinste trocken. Fehlte nur noch eine rosafarbene Schürze, um gänzlich albern zu sein. Aber immerhin würde niemand behaupten können, dass die Farbe ihn blass machte. Er lachte.

Wie üblich ignorierte er die Treppe und nahm mit der Frühstückstasche die Abkürzung über die Brüstung zu den Fenstern, um in seine Wohnung zu gelangen. Er verzichtete heldenhaft darauf, sich zwei Stockwerke tiefer absacken zu lassen, um einen Blick in Alans Räume zu werfen, auch wenn es ihn danach verlangte, den Mann wiederzusehen. 'Kein Herumschleichen im Dunkeln' umfasste mit ziemlicher Sicherheit auch die Privatsphäre des Mannes. Verständlich, aber nach all der Zeit allein war es dennoch schwer zu respektieren.

Nachdem er die Tasche achtlos in der Küche abgeladen hatte, gelang es ihm sogar, sich nicht vor Alans Tür zu setzen, um dort auf ihn zu warten. Aber in seiner Wohnung hielt ihn nichts. Mit ein wenig schlechtem Gewissen lauschte er im Treppenhaus, ob er Geräusche von unten hörte, die ihm sagten, dass der zierliche Mann seine Zimmer verließ.



Nachdem Alan eine Weile so auf dem Boden der Dusche verbracht hatte, riss er sich zusammen und stand auf. Es brachte nichts, sich den Kopf zu zerbrechen. Er würde einfach nehmen, was kam. Verzweifeln konnte er später immer noch.

Nass, wie er war, tapste er im Bad herum und nahm sich eines der großen Handtücher. Mann, waren die flauschig! In das weiche Frottee gehüllt setzte er sich auf einen schlichten, aber verdammt teuer wirkenden Hocker und begann, sich gemächlich abzutrocknen. Obwohl es erst früher Vormittag war, war es angenehm warm, sodass er nicht fror und sich Zeit lassen konnte. Beim Anziehen stellte Alan fest, dass die Sachen erstaunlich gut passten.

'Und jetzt?'

Tye hatte ihm den Rest des Hochhauses zeigen wollen. Ein wenig unsicher wanderte Alan noch ein bisschen in der Wohnung umher, bevor er beschloss, einfach raus zu gehen und sich der Situation zu stellen. Mit noch nassen Haaren ging er zum Treppenhaus, unschlüssig, wohin er sich wenden sollte.

Tye hörte das leise Geräusch der sich öffnenden Tür sofort. Es war anders als die Laute, die sein Kopf ihm manchmal vorgaukelte, um Gesellschaft zu erfinden, wo es keine gab. Und es war ungewohnt, etwas zu hören, das weder er, noch der Wind verursachte. Beschwingt ging er die Treppe hinab, auch wenn ihm bewusst war, dass Alan sofort merken würde, dass er gewartet hatte.

Als sie sich nur Momente später im Treppenhaus gegenüber standen, war das erste, was ihm auffiel, dass Alan sich umgezogen hatte. Die Kleidung lag körperbetonend an und hob seine schlanke Statur hervor; das feuchte Haar ließ das Gesichtchen blasser und die grünen Augen größer erscheinen. Unvermittelt wurde Tye etwas klar, das nichts mit Einsamkeit und seiner Sehnsucht nach Gesellschaft zu tun hatte.

'Er... ist schön. Wirklich schön. Um so ein Gesicht müssten sich doch sämtliche Schwulenmagazine reißen, die nicht gerade auf Bären ausgerichtet sind.' Und ohne Schuhe, nur mit Socken an den Füßen, sah er zudem noch niedlich aus. Eigentlich genau der Typ Mann, auf den Tye stand.

'Verdammt, das wird Schwierigkeiten geben', dachte er erschrocken. Mit einem Schlag war ihm wieder bewusst, wie sein eigenes Spiegelbild aussah. Grobschlächtig und wenig menschlich. Tye schluckte den bitteren Geschmack in seiner Kehle herunter und vernichtete die letzten Schritte zwischen ihnen. Dann fiel ihm noch etwas auf. Alan hatte geweint. Selbständig hob sich seine Hand, wollte Alan tröstend berühren, ihm über das Haar streichen...

Im letzten Moment wandelte er die Bewegung in eine Geste ab, die das Treppenhaus umfasste. "Möchtest du gleich alles sehen? Dann fangen wir unten an und arbeiten uns bis oben hoch. Oder willst du das Interessanteste zuerst anschauen?"

An den Anblick der schwarzen Gestalt würde sich Alan wirklich erst gewöhnen müssen. Noch immer fand er Tyes Anblick fremd. Alan hatte immer das Gefühl, eine lebendige Statue vor sich zu haben. Er kratzte sich überlegend am Kopf. Mist, er hätte sich wenigstens mal kämmen sollen. Nun war es auch egal.

"Für mich ist vermutlich alles interessant, aber ich denke, ich möchte deine interessanten Sachen zuerst sehen. Mal sehen, was der reiche Schnösel zu bieten hat", neckte Alan und musste dabei grinsen, das erste Mal, seit er hier war. Es fühlte sich seltsam an. Ein wenig so, als müsste er seine Gesichtsmuskeln erst wieder daran gewöhnen.

"Ich hoffe, du wirst nicht enttäuscht sein." Das Grinsen gefiel Tye besser als Tränen, und so erwiderte er es froh. Er unterdrückte seinen ersten Impuls, den Mund geschlossen zu halten, um nicht zu schrecklich auszusehen. Sie würden vermutlich eine lange Zeit zusammen verbringen, da konnte Alan auch gleich anfangen, sich an ihn zu gewöhnen. Tye wollte lachen, er wollte grinsen und lächeln, nun da er wieder Grund dazu hatte. "Komm!"

Er führte seinen Gast in das Stockwerk, das zwischen ihren Wohnungen lag. Neben einem perfekt ausgestatteten Fitnesscenter mit diversen Saunen beherbergte es auch ein großes Innenschwimmbad, dessen mit Mosaiken verzierte, organisch geformte Becken die Architekten und Statiker zum Haareraufen gebracht hatten. Bis zum Boden reichende Fenster ließen reichlich Licht in den Raum. Farbenprächtige Orchideen, exotische Farne und andere Pflanzen aus warmen Gefilden waren in Inseln zusammen gruppiert und erweckten mit deckenhohen Palmen, geschickt platzierten Lampen und der Farbgestaltung von Wänden und Decke den Eindruck, sich auf einer Südseeinsel zu befinden.

"Ich schwimme leider nicht mehr. Du glaubst nicht, wie unpraktisch Flügel sein können. Aber der Jaccuzzi und die Saunen sind herrlich entspannend." Tye war sehr zufrieden mit dem ungläubigen Ausdruck auf Alans Gesicht.

Alan wurde das Gefühl nicht los, dass es Tye Spaß machte, ein bisschen angeben zu können. "Du hast wirklich zu viel Geld", sagte er nur und sah sich weiter um. Wenn man es nicht so genau nahm, konnte man sich hier wie auf einer tropischen Insel fühlen, nur mit besserem Klima. Er hockte sich an den Rand des großen Beckens, hielt seine Hand in das Wasser und betrachtete dabei das farbenfrohe Mosaik am Grund. Das Wasser war angenehm warm, sodass Alan Lust bekam, eine Runde zu schwimmen. Natürlich tat er es nicht und richtete sich auf, sah Tye dabei an.

"Gut, dann zeig mir noch mehr, womit du angeben möchtest", sagte er freundlich und warf noch einmal einen Blick nach draußen. Auch bei Tage war der graue Schleier zu sehen und die Stadt sah aus wie ein Gemälde, über dem eine dicke Staubschicht lag.

Tye lachte dunkel; er genoss Alans Lächeln ebenso, wie dass der Mann ihn langsam etwas freundlicher ansah. Natürlich war es zu verstehen, dass er von der neuen Lage nicht begeistert war. Aber immerhin konnte Tye guten Gewissens sagen, dass er nicht daran Schuld war. Er hatte ihn nicht hergebracht, er hatte ihn nicht eingesperrt. Trotzdem war es nett, dass die grünen Augen nicht nur mit Gewitterwolken verhangen waren.

"Magst du Filme?", fragte er, als sie den schnellen Aufzug nach unten nahmen, um bis in den Keller zu gelangen. "Dann wird dir unser nächster Halt auf der Tour de Turm gefallen."


© by Katsumi & Pandorah