Märchen-Haft: Der Schöne und das Biest

5.

Tye führte Alan ins hauseigene Kino mit gemütlichen, samtbezogenen Sesseln, Sofas und natürlich einer großen Leinwand über mehrere Meter. Der Raum war in Bordeaux gehalten, die Holzteile der Möbel und die Tische bestanden aus dunklem Holz.

Alans Augen weiteten sich. Eigentlich wollte er nicht offen staunen, um seinem Gastgeber nicht zu viel Genugtuung zu geben, aber es gelang ihm nicht. Er warf sich probeweise in einen der Sessel, die erschreckend bequem waren. Ob es hier auch Popcorn gab? Er lehnte den Kopf in den Nacken und sah Tye über Kopf an.

"Was hast du für Hobbys? Außer Angeben natürlich." Es interessierte ihn, was so ein reicher Mann wie Tye in seiner Freizeit tat, wenn er überhaupt Zeit für derlei gehabt hatte.

Tye stützte sich mit den Unterarmen auf der Sessellehne ab und sah auf Alan herunter. Für einen kurzen Moment starrte er sich auf den weichen Lippen fest, dann lenkte er den Blick zu Alans Juwelenaugen.

"Angeben steht natürlich ganz vorne." Er lächelte leicht. "Ich habe oft Golf gespielt, macht zwar nicht wirklich Spaß, aber viele Geschäfte werden bei Golfpartien besprochen. Fallschirmspringen es macht, dass man sich frei fühlt. Die eigenen Flügel sind natürlich besser. Segeln. Das ist noch besser als Fallschirmspringen. Ich habe eine kleine Yacht, die man Einhand segeln kann. Ich habe es genossen, für zwei-drei Wochen im Jahr keine Menschenseele um mich zu haben. Nur ich und der Ozean." Er vermisste es das Schwanken der Planken, das Knarzen der Segel, der Kampf mit einem Sturm, der einen ans Limit und darüber hinaus trug. "Nun, Einsamkeit hatte ich jetzt allerdings reichlich. Und was machst du so in deiner Freizeit?"

'Typisch reicher Schnösel. Fallschirmspringen?' Schon allein bei dem Gedanken daran drehte es Alan den Magen um. Und ganz allein auf dem Meer zu sein, schien ihm auch keine bessere Alternative. 'Haben alle reichen Leute so komische Hobbys?'

Er erwiderte Tyes Blick, was ihm eine leichte Gänsehaut bescherte. 'Wie zwei Stück glühende Kohle.' Hastig sah er auf seine Hände. "Meine Hobbys sind banaler. Ich spiele Handball im Verein und wandere oft. Und ich mag meine Fische." Bei dem Gedanken an seinen bunten Haufen lächelte er, doch gleich darauf senkte sich ein Schatten über sein Gesicht. Hoffentlich würde sich jemand um sein kleines Aquarium kümmern.

"Du könntest mir Handball beibringen." Tye lachte, als er versuchte sich vorzustellen, was er dabei wohl für eine Figur machen würde. Sprung nach dem Ball, ein Griff seine Klauen bohrten sich in die Hülle, zischend strömte die Luft heraus. "Zum Wandern kann ich dir leider nichts anbieten. Die Laufbänder sind doch ein recht magerer Ersatz. Aber wenn du Fische magst, habe ich etwas für dich." Er zögerte. "Wenn du es überhaupt sehen willst. Will ja nicht schon wieder angeben."

Alan lachte. "An deine Angeberei werde ich mich wohl gewöhnen müssen." Er drehte sich in dem Sessel um und kniete sich auf die Sitzfläche. Belustigt tätschelte er eines von Tyes Hörnern. "Du kannst nichts dafür, du bist nun mal ein reicher Schnösel." Das Horn fühlte sich merkwürdig warm an und ganz so, wie er es sich vorgestellt hatte, fest und mit Rillen durchzogen. Rasch zog er seine Hand fort, als er merkte, was er tat. "Oh. Entschuldige." Um davon abzulenken, sprang er vom Sessel und sah Tye auffordernd an.

"Es hätte dich auch schlechter treffen können." Tye grinste trocken, nicht sicher, ob es ein gutes Zeichen war, getätschelt zu werden, weil Alan die Angst vor ihm verlor, oder ein schlechtes; es war unangenehm, auf diese Art betrachtet zu werden, ein wenig wie ein exotisches, aber gutmütiges Tier im Zoo. "Stell dir vor, ich würde in einer zugigen Hütte inmitten eines dornenreichen Grundstücks leben. Mit Lehmboden und Stroh an Stelle von Matratzen." Er wies mit einer Kopfbewegung zur Tür hin. "Komm. Es ist nicht weit von hier."

"Du bist im falschen Märchen. Das wäre dann Dornröschen gewesen und danach siehst du wirklich nicht aus. Ach nein, die hatte ja auch ein Schloss", witzelte Alan. Es überraschte ihn, die Angst vor Tye so schnell verloren zu haben, so dass er ihn ganz selbstverständlich berührte. Immerhin war es möglich, dass dies alles nur ein Spiel zu Tyes Unterhaltung war. 'Eigentlich sollte ich argwöhnischer sein', schalt er sich selbst. Aber es war viel zu anstrengend, permanent aufpassen zu müssen und Tye schien zumindest nett zu sein.

Tye schmunzelte. Ob Alan daran dachte, dass Dornröschen durch den Kuss der wahren Liebe erlöst worden war? Sollte dieser je auf diesen Gedanken kommen, würde ihn das unweigerlich unter Druck setzen. Es reichte, dass Tye selbst diesen Druck zu spüren begann. 'Wie soll man sich unter diesen Bedingungen verlieben können?' Tye nahm sich vor, alles abzustreiten, sollten Alans Gedanken je in diese Richtung wandern.

Sie nahmen den Aufzug, um ein Stockwerk höher zu gelangen. "Es gibt zwei Bereiche", erklärte Tye, noch ehe die Türen sich öffneten. "Einer für die tropischen Meere, der andere für heimische Gewässer."

Gedämpftes Licht mit einem leichten Blaustich empfing sie, als die Türen des Fahrstuhls aufglitten. Aquarien in verschiedenen Größen und Formen führten um Säulen herum, die die oberen Stockwerke stützten, waren in Wände eingelassen oder bildeten selbst welche. Bunte Korallen wurden von zahlreichen nicht minder bunten Fischen um- und überschwommen, Seeigel krochen langsam über Sand, Garnelen lugten aus Felsspalten hervor. Ein besonders großes Becken beherbergte sogar einige kleinere Haiarten. Bänke luden zum Verweilen ein, es gab Sitzgruppen und Tische, einige gedeckt wie in einem Restaurant, bevor Speisen aufgetragen wurden.

Alan blieb noch im Fahrstuhl stehen und riss überrascht die Augen auf. Mit so etwas Großem hatte er trotz Tyes Warnung nicht gerechnet. Solche Vielfalt hatte er bisher nur in dem großen Londoner Aquarium gesehen, nie in Privatbesitz. Er fühlte sich fast, als würde er in der Südsee tauchen.

Mit einem simplen 'Wow', das aber alles ausdrückte, ging er in den Raum und sah sich staunend um. Für einen Moment wusste er nicht, wo er anfangen sollte; aufgeregt wuselte er von einem Aquarium zu anderen. Dort kroch gemächlich eine Seegurke, und da, war das eine Languste? Sogar Haie gab es. Hier würde er sich stundenlang aufhalten können, ohne sich zu langweilen. Alan fühlte sich wie ein Kind, dass das erste Mal auf einem Jahrmarkt war. "Das ist fantastisch." Völlig hingerissen strahlte er Tye an und sah sich dann weiter um.

Tye folgte ihm gemächlich, er beobachtete lieber Alan als die Fische. Es war herrlich, wie der zierliche Mann sich begeistern konnte für alles, was irgendwie schwamm oder kroch, solange es offensichtlich unter Wasser war. Mit offenem Mund konnte er den Kapriolen eines Igelfisches zuschauen, strahlte entzückt, wenn er versteckte Fetzenfische entdeckte oder verharrte ehrfürchtig, wenn ein Rochen gemächlich an ihm vorbeiglitt. Tye selbst mochte die Südsee-Aquarien, aber der andere Bereich gefiel ihm sogar noch besser. Er vermutete, dass es bei Alan anders sein würde, deswegen drängte er ihn nicht. Sie hatten Zeit. Stattdessen machte er ihn auf Fische aufmerksam, zeigte ihm versteckte Ecken in den Becken und erklärte hier und da, was er sich selbst hatte erklären lassen, als noch jemand dagewesen war, der sich um die Aquarien gekümmert hatte. Jetzt schien die Magie des Fluches sie zu versorgen.

Alan war froh, dass Tye so viel Geduld mit ihm hatte; sicher benahm er sich wie ein kleiner Junge, aber er konnte nicht damit aufhören. Fasziniert beobachtete er einen kleinen Kraken, der sich zwischen etlichen Korallen versteckte.

"Wer kümmert sich um die Aquarien?" fragte er, ohne den Blick abzuwenden. Er konnte sich nicht vorstellen, dass Tye sie säuberte oder die Fische fütterte.

Tye zuckte mit den Schultern, eine Geste, die seine Flügel anhob. "Ich lasse die Finger davon, ich würde das System hier bestimmt mit einer Einmischung zum Kollabieren bringen. Muss irgendetwas mit dem Fluch zu tun haben. Die Pflanzen oben welken ja auch nicht, obwohl ich sie noch nicht einmal gegossen habe in all der Zeit."

Jetzt sah Alan doch auf. "Das heißt, der Zauber erhält alles am Leben, ohne, dass etwas stirbt? Wie ist das mit dir? Alterst du? Wachsen deine Haare?" Der Fluch hatte also nicht nur Tye verwandelt und die Leute vergessen lassen, sondern wirkte sich auf noch weitaus mehr aus. Dass ein einzelnes Wesen solch eine Macht besaß, ließ Alan frösteln. Was ist das für eine Fee, die zu so etwas fähig ist?

"Ja, der Zauber hält alles am Leben, und er erhält in gewisser Weise alles so, wie es gewesen ist, als die gingen, die es vor dem Fluch am Leben erhielten. Manche Dinge kann man ändern, manche nicht. Ob ich altere, kann ich nicht sagen. Dafür war die Zeit bisher zu kurz. Aber meine Haare wachsen. Und wenn ich mich verletze, heile ich nicht über Nacht." Tye zögerte, ehe er hinzufügte: "Aber ich heile schneller als zuvor."

Tye vermutete, dass es damit zusammenhing, dass Taliesin ihn zwar hatte verfluchen wollen, strafen dafür, dass er ihn nicht liebte, aber dass er ihm nicht wirklich schaden wollte immerhin hatte der Feenmann eine Liebesbeziehung mit ihm gewollt. Vielleicht war es ja sein heimlicher Plan, in ein paar Jahren zurückzukehren und es noch einmal zu versuchen, nachdem Tye von der Einsamkeit zermürbt worden war.

Kurz fragte sich Alan, ob Tyes Blut noch immer rot war, oder ob es genauso schwarz war wie der Rest von ihm. Seine Augen wanderten wieder zu den Fischen, beobachteten das bunte Leben. Wie trist muss es bisher gewesen sein, wenn sich nichts änderte. Wenn das meiste am nächsten Tag immer noch genauso aussah wie zuvor. Genau das erwartete ihn. Langsam ballte Alan seine Hand zur Faust, mit der er das Glas berührte.

"Weißt du, wie man den Fluch aufheben kann?" Er seufzte. Natürlich wusste Tye es nicht, sonst wäre er nicht in dieser Lage, oder aber die Bedingung war nicht erfüllbar.

Unbehaglich zuckte Tye mit den Schultern. Alan hätte sich ruhig noch etwas Zeit mit dieser Frage lassen können, selbst wenn sie so ziemlich das interessanteste war. "Vielleicht löst er sich nach tausendundeiner Nacht auf. Vielleicht nach einhundert Jahren. Meine private Vermutung ist, dass Taliesin mich nur schmoren lassen will, so dass er mir als Erlöser in der Einsamkeit erscheint, wenn er irgendwann wiederkommt. Aber da hat er sich verrechnet, wenn das tatsächlich sein Plan ist."

"Tausend Nächte sind schon vorbei", murmelte Alan leise, bevor er sich wieder Tye zuwandte. "Willst du lieber die Ewigkeit in diesem Hochhaus verbringen, als dich mit ihm einzulassen? Der Kerl scheint ja einen ganz schönen Narren an dir gefressen zu haben." Er grinste leicht und konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, was die Fee an Tye fand, auch wenn er durchaus Manieren besaß und sehr freundlich war nun ja, meistens jedenfalls.

Tyes Blick verfinsterte sich, er knurrte leise, ehe er erneut mit den Schultern zuckte. "Ich glaube, ich drehe ihm eher den Hals um, als dass ich mich mit ihm einlasse. Liebe kann man nicht erzwingen, momentan erzwingt er höchstens Wut und Verachtung. Vielleicht hat er auch keinen Narren gefressen, sondern verträgt einfach nur die Ablehnung nicht."

Mit Willenskraft brachte er seinen Zorn unter Kontrolle und glättete seine Miene. "Komm, ich zeige dir meinen Lieblingsplatz hier."

"Natürlich kann man Liebe nicht erzwingen, aber ewige Einsamkeit scheint mir auch keine bessere Alternative zu sein." Tyes Ausbruch hatte Alan zusammenzucken lassen. Natürlich war es normal, dass Menschen manchmal wütend wurden, ganz besonders, wenn man diese besondere Situation bedachte, aber bei ihm wirkte es bedrohlich. Beklommen folgte er Tye.

"Ich bin lieber ewig allein als mit jemandem zusammen, der solche Spielchen spielt", antwortete Tye kurz und beschleunigte seinen Schritt. Seine Klauen klackten lauter auf dem Boden, als er sie zuvor wahrgenommen hatte.

Er führte Alan zu einem Durchgang, der wie ein Höhleneingang gestaltet war. Schwarzer Samt verbarg die Öffnung. Tye musste sich ein wenig ducken, um gut hindurch zu kommen. Er hielt Alan den schweren Stoff beiseite und ging erneut voran, als der hübsche Mann ihm gefolgt war. Hier und dort waren kleine Aquarien in die rauen Wände des künstlichen, sich windenden Felsganges eingelassen und erleuchteten ihn schwach in einem grünlichen Licht. Hier gab es keine bunten Korallen und farbenfrohe Fische. Die Unterwasserwelt der heimischen Süßwässer wurde präsentiert, mit grünen Algen, silbrigen Fischen und einigen Süßwassermuscheln.

Nach mehreren Metern weitete sich der Gang zu Tyes Lieblingsplatz. Eine künstliche, beinahe runde Grotte war erschaffen worden, die mehr als doppelt so hoch wie Tye war. Auf ihrer einen Seite hatte man durch eine fast raumhohe Scheibe einen Blick in den See des Grundstückes. Teile einer untergegangenen Ruine waren dort arrangiert worden, durch die Hechte, Aale und Brassen streiften wenn man Glück hatte.

Das Panorama auf der gegenüber liegenden Seite war weniger hoch, aber gerade bei Sonnenschein wunderschön. Verzweigte Baumwurzeln, die sich um Felsen schlangen und Höhlen bildeten, dienten jungen Fischen als Versteck; zahlreiche Algenarten hatten sich dort angesiedelt. Tye hatte auf dieser Seite allerdings eine heimliche Vorliebe für die unzähligen Kaulquappen, die man quirlig und quicklebendig dort einen großen Teil des Jahres beobachten konnte.

In der Mitte des Raumes war eine runde Vertiefung mit Polstern ausgelegt, so dass man dort gemütlich sitzen oder liegen und das Panorama genießen konnte.

Auch wenn der Raum an Leben und Farben bei weitem nicht mit den Salzwasseraquarien mithalten konnte, fand Alan ihn wunderschön und sehr gemütlich. Beeindruckt sah er sich um und fühlte sich, als würde er aus dem Staunen nicht mehr herauskommen. Irgendwann würden ihm die Augen ausfallen, wenn das so weiterging.

Langsam ging er zu der Seite mit der Ruine, die durch das sanfte Licht etwas Mystisches ausstrahlte. Er konnte sich gut vorstellen, dass in so einer Umgebung Meermenschen lebten, sofern es sie gab und wieso sollte es das nicht? Feen waren anscheinend auch echt. Der Raum hatte etwas Beruhigendes und mit einem sanften Lächeln beobachtete Alan das Leben in dem See. Ein Aal glitt vorbei und verschwand nur Momente später wieder im milchig grünen Seewasser. "Es ist wirklich schön hier."

Tye lächelte, die Ruhe war zu ihm zurückgekommen. Mit einer sparsamen Geste wies er auf die Vertiefung in der Mitte. "Hier habe ich schon Stunden verbracht, habe in den See geschaut und Musik gehört." Er trat zu der versteckten Anlage und schaltete ein. Unaufdringliche Klänge füllten den Raum. "Das ist das Standard-Programm, extra für diesen Raum entworfen. Aber natürlich kannst du auch alles andere hören. Was magst du für Musik?"

"Das kommt ganz auf die Situation an." Alan ging zu der Vertiefung und legte sich probeweise auf die Polster. Das war wirklich gemütlich und entspannend. Man konnte den See beobachten, ohne einen steifen Hals zu bekommen. "Zu diesem Raum passen sanfte, klassische Stücke. Beim Handballtraining mag ich es eher kraftvoller, energiegeladener. Irgendwas mit viel E-Gitarre und Schlagzeug. Bei Musik kann ich mich nicht wirklich festlegen." Ein gutes Buch wäre jetzt schön, oder etwas zu Knabbern.

"Wir müssen unbedingt etwas zu Knabbern finden. Kino ohne Popcorn macht nur halb so viel Spaß", fiel ihm plötzlich ein.

"Dann willst du heute Abend ins Kino?" Tye versuchte einzuschätzen, was ein Mann wie Alan wohl gerne mochte. Er selbst stand auf ganz profane Abenteuerfilme; sie mussten nicht viel Anspruch haben. Sein Bedarf an Fantasy hingegen war fürs erste gedeckt, nachdem er gewisse verwandtschaftliche Gefühle für den Balrog und andere Dämonen entdeckt hatte. "Prima. Der Abend rückt ohnehin näher, hier sieht man bald nicht mehr viel. Komm, lass uns bei meinem Haus- und Hofservice bestellen, damit wir das Essen haben, bevor wir anfangen. Manchmal braucht man zwei oder drei Anläufe, ehe die Bestellung rausgeht. Und die Zubereitung braucht auch noch seine Zeit."

"Wenn du ein paar gute Filme hast." Eigentlich wollte Alan nur sagen, dass generell zum Kino Popcorn gehört, aber seinetwegen konnten sie sich auch so die Zeit vertreiben. Ein wenig bedauernd stand er von den Polstern auf, sie waren wirklich kuschelig. Beim Hinausgehen ließ er seinen Finger über den rauen Stein streifen, noch immer ganz fasziniert von der Bauart des Raumes.

Gemeinsam gingen sie wieder zu den Fahrstühlen und fuhren diesmal in den 30. Stock, zu Tyes Privaträumen.

Tye holte die gute alte Speisekarte des Lieferservices aus der Schreibtischschublade; mittlerweile war sie veraltet, aber er hatte es innerhalb von drei Jahren nicht geschafft, eine neue zu ordern, auch wenn er es regelmäßig versuchte. Das gehörte wohl zu den Mysterien des Fluchs, die er nie ergründen würde. Er reichte sie Alan, damit der schon einmal einen Überblick gewinnen konnte, während er den Computer hochfuhr und die Website des Unternehmens aufrief.

All die Aquarien hatte Tye Hunger auf Fisch gemacht, auch wenn er erst den Abend zuvor Sushi gegessen hatte - obwohl Alan einen Großteil davon verputzt hatte. Tye bestellte wieder eine große Platte mit viel Auswahl für vier Personen, dazu Jakobsmuschelgratin und gebratene Nudeln süß-sauer für Alan, nachdem dieser sich entschieden hatte. Zum Knabbern kamen Popcorn, mehrere Sorten ungewöhnlicher Schokolade mit schwarzem Pfeffer, mit Gewürzen, mit verschiedenen exotischen Fruchtaromen aber auch ganz gewöhnliche Sorten wie Vollmilch und Haselnuss, Nachos und Chips auf die Liste, dazu Gemüseschiffchen und verschiedene Dipps.

Dieses Mal benötigte er ganze vier Anläufe, ehe die E-Mail versandt worden war. Nach einer kleinen Wartezeit konnte er sogar den Status anschauen; Tye war dankbar für diese Funktion, die ihm sagte, dass die Bestellung angekommen war und ausgeliefert werden würde.

"So", unternehmungslustig rieb er sich die Hände, "jetzt haben wir das erledigt, jetzt geht es ans Aussuchen des Unterhaltungsprogramms. Was hättest du denn gerne? Magst du Klassiker wie Indiana Jones?"

"Indiana Jones? Au ja." Alan hatte eh eine Action-Komödie aus den 80ern vorschlagen wollen. Sie gingen zu einem Schrank, der einen Teil von Tyes Filmesammlung enthielt und ihn mal wieder in Staunen versetzte. Da war wirklich für jeden Geschmack etwas dabei. Auf dem weichen Teppich sitzend wühlte er sich durch die Fantasy-Abteilung und zog einen Film raus, auf dessen Cover ein Dämon abgebildet war.

"Schau mal, der sieht fast so aus wie du", kicherte Alan, aber legte ihn wieder beiseite, da er Tye nicht kränken wollte. Letztendlich entschieden sie sich für die ersten beiden Teile von Indiana Jones und falls sie es schaffen sollten, den vierten Teil von Star Wars, was ihn ganz besonders freute.

Tye mochte es, sich ganz altmodisch durch einen Schrank mit DVDs und Bluerays zu wühlen. Das meiste hatte er auch simpel in der Bibliothek auf dem PC, aber seine Lieblingsfilme hatte er alle zusätzlich in einer nicht nur virtuellen Sammlung von seinen ganz besonderen Lieblingen zum Teil sogar mehrere Versionen, bei denen sich nur das Cover unterschied. Mit Alan in Frage kommende Filme auf einen Stapel zu legen und auszusortieren, was sie sehen wollten, machte gleich noch einmal so viel Spaß.

Alan legte sich auf den hellen Teppich und überflog die Filmtitel der unteren Reihe fast alles Filme, die ihn ansprachen. Allzu schnell dürfte ihm hier nicht langweilig werden. Sein Magen knurrte leise und er hoffte, dass das Essen nicht mehr lange auf sich warten ließ. Wieder fiel ihm ein, dass Tye ebenfalls aß und daher anscheinend einen ganz normalen Stoffwechsel haben musste; wie aber funktionierte das? Von der Seite schielte er kurz und unauffällig in Tyes Schritt, der auch aus der Nähe noch immer so geschlechtslos wie Barbies Freund Ken wirkte, und wurde dabei leicht rot. Er hätte es gerne gewusst, traute sich aber nicht zu fragen.

Das Magengrummeln lenkte Tyes Aufmerksamkeit von dem Schrank weg und zu Alan hin; er stand aus der Hocke auf. "Geh schon mal ins Kino vor und nimm die Filme mit. Ich schaue, ob unser Essen bereits auf uns wartet und warte sonst meinerseits darauf. Allzu lange dürfte es nicht mehr dauern. Wir haben ja ordentlich Zeit fürs Aussuchen gebraucht."

Mit zwei Schritten war er beim Fenster, öffnete es und sprang mit einem kleinen Satz nach draußen. Den angenehmen Service, dass bei Ankunft des Essens geklingelt wurde, den gab es seit dem Fluch auch nicht mehr. Tye wusste nicht, ob der Lieferant nicht klingelte oder ob die Klingelanlage schlicht kaputt war.

Alans Herz machte einen erschrockenen Satz sie befanden sich immerhin im obersten Stockwerk des Turms. Rasch sprang er auf und lief zum Fenster, um Tye hinterher zu sehen. Dass dieser sich traute, aus dieser Höhe zu springen, war ihm unverständlich, Flügel hin oder her. Ihm hingegen wurde schon am Fenster leicht schwindelig. Er schloss es schnell und warf noch einen letzten Blick auf die schwarze Gestalt, die mit ihren ausgebreiteten Flügeln sehr beeindruckend aussah, ehe er die Filme aufhob und zu den Fahrstühlen lief.

Im Kino legte Alan sie auf einen der Tische, da er sich mit der ganzen Technik nicht auskannte; er wollte schließlich nichts beschädigen. Gemütlich setzte er sich auf das Sofa und überlegte, was das Schaltpaneel an der Seite bewirkte.

Da er nichts Besseres zu tun hatte als zu warten, probierte er die Einstellungen neugierig nacheinander aus. Man konnte das Sofa verstellen wie diese teuren ergonomischen Stühle die Rückenlehne ließ sich nicht nur stufenlos kippen, man konnte auch pro Sitzeinheit die Stützfunktion verändern, Fußauflagen herausfahren und fast lautlose Massagen einstellen.

Nach etlichem Hin und Her hatte Alan das Sofa soweit eingestellt, dass es eine Liegewiese bildete. Er legte sich auf den Bauch, bettete seinen Kopf auf die Unterarme und wartete auf Tye, während er versuchte, das Knurren seines Magens so gut wie möglich zu ignorieren.


© by Katsumi & Pandorah