Die Erbsenprobe

Es war einmal vor langer, langer Zeit, da lebte ein Prinz mit Namen Valdrin mit seinen Eltern, dem König und der Königin, in einem prächtigen Schloss. Der Prinz hatte den Wunsch zu heiraten, und nicht nur er, sondern auch seine Eltern und der ganze Hofstaat wünschten sich das. Denn der König und die Königin waren schon alt, und der Prinz sollte ihre Nachfolge antreten, jedoch erst, wenn er vermählt war. Und da Valdrin ein Prinz war, sollte natürlich auch jemanden von königlichem Blute an seiner Seite sein.

In seinem Reich gab es jedoch außer ihm keine Prinzen oder Prinzessinnen, und so zog Valdrin in die Welt hinaus, um jemanden zu finden, der nicht nur königlich war, sondern auch sein Herz berührte. Doch alle Königskinder schienen einen Fehler zu haben – ihre Stimmen waren zu schrill, sie waren zu grobschlächtig oder zu hochnäsig. Oder Valdrin konnte sich nicht sicher sein, dass sie von königlichem Blute waren.

So kehrte er nach langer Zeit enttäuscht nach Hause zurück und dachte daran, den Gedanken ans Heiraten aufzugeben. Er konnte auch allein ein guter König werden, selbst wenn er ein einsamer König wäre. Seine Eltern waren nicht glücklich bei dem Gedanken, ihren Sohn allein zu wissen, wenn sie einmal nicht mehr waren, doch sie konnten ihm auch niemanden herbei zaubern.

Eines Abends, als die königliche Familie beim Essen im großen Saal saß, herrschte ein schrecklicher Sturm. Der Wind jagte ums Schloss, ließ die Türen klappern und trieb schwarze Wolken vor sich her; er heulte in den Kaminen und um die Türme. Regen peitschte gegen die Fenster und drang in jede Ritze, die nicht sorgfältig geschlossen war. Blitze zuckten so zahlreich über den Himmel, dass die Nacht zum Tag wurde. Grollender Donner ließ das Schloss erbeben.

Mitten in diesem höllischen Treiben vermeinte der alte König, ein Klopfen an den Toren zum Saal gehört zu haben. Nicht sicher, ob er einer Täuschung erlegen war, ging er selbst, um zu öffnen. Der Wind riss ihm beinahe die Tür aus der Hand, doch er hatte sich nicht geirrt.

Vor ihm stand ein zarter junger Mann im Regen. Er trug einen nachtblauen, silberbestickten Samtumhang und einen goldenen Reif auf dem Haupt wie ein echter Prinz. Doch was für einen Anblick bot er! Sein feines Seidenhemd klebte ihm am schlanken Körper, das güldene Haar hing triefend nass in sein Gesicht, seine feinen Lederstiefel waren mit Schlamm bedeckt.

"Kommt herein, kommt herein!", rief der alten König erschrocken und schloss, kaum dass der Mann die Schwelle überschritten hatte, sofort die Tür. "Was hat Euch in einer Nacht wie dieser hierher verschlagen?"

"Habt Dank", sagte der Mann mit einer Stimme, die so rein und klar wie ein frischer Morgen war. "Mein Name ist Ilai, ich bin der Prinz eines weit entfernten Landes. Ich bin auf der Heimreise von dem Unwetter überrascht worden, mein Pferd hat gescheut und mich abgeworfen. Ich bitte Euch um Eure Gastfreundschaft, Herr König."

Ein Prinz? Ein echter Prinz? Nicht nur Valdrin horchte auf bei diesen Worten. Auch seine Mutter musterte den schönen, zierlichen Mann nachdenklich. Valdrin befahl Diener herbei, die den jungen Mann in ein Gemach führten, damit er sich trocknen und frische Kleidung anziehen möge.

"Ein Prinz, habt ihr das gehört?", fragte der alte König mit glänzenden Augen. "Und ein so hübscher noch dazu! Valdrin, gefällt er dir?"

"Wenn er denn wirklich ein Prinz ist", warf die Königin sogleich ein, noch ehe Valdrin antworten konnte. "Er ist hübsch, aber sieht erbärmlich aus. Und was macht ein Prinz ohne seinen Hofstaat bei so einem Unwetter auf den Straßen?"

Valdrin sagte nichts. Ihm gefiel der junge Mann, und er fragte sich schon, ob er vielleicht nicht auch einen Fürstensohn oder einen Grafen heiraten konnte, wenn es schon kein Königskind war. Als die Diener Ilai zurück in den Saal geleiteten, erhob sich Valdrin sofort, um ihm den Stuhl zurecht zu rücken.

Ilai schenkte ihm ein herrliches Lächeln; Augen wie die tiefe See leuchteten Valdrin aus den zarten Zügen entgegen. Sein goldenes Haar war getrocknet worden und fiel in weichen Wellen auf seine Schultern hinab, seine helle Haut schimmerte wie feinstes Alabaster, seine Wangen waren wie von Rosen berührt. Und seine Lippen, ach, seine Lippen schienen Knospen gleich, zum Kuss gemacht.

Valdrin fühlte sein Herz schneller schlagen bei diesem wundervollen Anblick. Aber nicht nur war Ilai wunderschön anzusehen, er war auch ein charmanter Gesprächspartner, voller Humor, und sein Lachen ließ Valdrins Herz erklingen. Er merkte nicht, dass sich seine Mutter bald entfernte, so sehr war er von dem Gast bezaubert.

Die Königin aber hatte gesehen, dass der Gast bereits das Herz ihres Sohnes gewonnen hatte und wollte nun unbedingt wissen, ob er das war, was er zu sein vorgab. Kein Taugenichts und Blender sollte ihren Sohn heiraten! Heimlich nahm sie aus der Küche eine alte, getrocknete Erbse und platzierte sie mitten auf den Boden der Bettstatt, in der der Gast schlafen würde. Dann ließ sie von Dienern zwanzig der weichsten Matratzen darauf legen und drapierte eigenhändig zwanzig Decken aus feinsten Eiderdaunen darüber.

"So", murmelte sie zufrieden. "Da wollen wir doch mal sehen, ob er ein richtiger Prinz ist oder nicht."

Denn nur ein solcher war empfindsam genug, um die Erbse noch durch all die Betten hindurch zu spüren. Zufrieden kehrte sie in den Saal zurück. Der alte König warf ihr einen fragenden Blick zu, doch sie sagte nichts.

Bald darauf hoben sie die Tafel auf. Valdrin brachte Ilai zu seinem Gemach. Er küsste ihm die zarte Hand, als er sich verabschiedete und ging wie auf Wolken in seine eigenen Räume. Er fand nur wenig Ruhe; sobald er die Augen schloss, sah er Ilai vor sich; schlummerte er doch einmal ein, träumte er von blauen Augen und güldenem Haar. Dennoch wachte er früh am nächsten Morgen mit den ersten Sonnenstrahlen auf und war frisch und erholt.

Glücklich beschloss er, dass er dem schönen Prinzen den Hof machen würde, gleichgültig, was ein jeder Neider sagen und ob jemand Ilais Herkunft anzweifeln mochte. Valdrins Herz hatte gesprochen, und er wollte darauf hören.

Auch seine Eltern kamen früh zum Morgenmahl. Seine Mutter schien angespannt; immer wieder sah sie zur Tür hin. Lange mussten sie nicht auf ihren Gast warten. Ein Diener öffnete die Tür, und Ilai trat ein. Er sah müde aus, müder noch als am Vorabend, und Valdrin erschrak. Hatte er nicht gut geschlafen? Bedrückte ihn etwas? Er wollte aufspringen und dem Prinzen entgegen eilen, doch seine Mutter hielt ihn mit ihrer kleinen Hand auf seinem Arm zurück.

"Einen herrlichen Morgen wünsche ich Euch, Prinz Ilai. War das Gemach zu Eurem Gefallen? Habt Ihr gut geruht?", fragte sie munter.

"Das Gemach ist wundervoll, Frau Königin, seid bedankt", antwortete Ilai freundlich und verneigte sich anmutig mit zierlicher Geste. "Doch so sehr es mich betrübt, geschlafen habe ich nicht viel. Irgendwo in meinem Bett war ein Stein, den ich trotz allem Suchen nicht entdecken konnte. Er hat gedrückt und gedrückt, so dass ich keine Ruhe fand."

Da lächelte die Königin entzückt in sich hinein, denn nun wusste sie, dass der junge Mann tatsächlich ein Prinz war. Kein anderes Menschenkind konnte so empfindsam sein. Nach außen hin zeigte sie jedoch eine betrübte Miene und entschuldigte sich tausendfach für das unbequeme Lager.

Doch von diesem Moment an unterstützte sie ihren Sohn vollkommen in seiner Werbung um den jungen Prinzen. Sie untersuchte das Bett höchstselbst nach dem angeblichen Stein, um ebenso heimlich, wie sie die Erbse darunter gelegt hatte, sie auch wieder entfernen zu können. Fortan schlief Prinz Ilai wie auf Wolken gebettet.

Die beiden jungen Männer waren einander von Herzen zugetan, und so wurde bald Hochzeit gefeiert. Erst danach erzählte die Königin von ihrer heimlichen List. Zuerst war Valdrin verärgert darüber, doch als Ilai mit Schalk in den Augen feierlich der Erbse dankte, die ihm seinen Gemahl geschenkt hatte, musste auch er lachen. Danach wurde die Erbse ins königliche Museum gebracht, wo sie wohl heute noch zu sehen ist, wenn niemand sie gestohlen hat.

Die beiden Prinzen aber wurden bald Könige, und sie lebten lange glücklich und einander in tiefer Liebe zugetan bis an ihr gemeinsames Lebensende.

Ende