Feenweihnacht

2.

Ejlif sah ihr ein wenig sauer nach, weil sie sich mal wieder in den Vordergrund gedrängelt hatte, aber das konnte sie ohnehin gut. Wie sonst war sie zu ihren sieben Töchtern und zwei Söhnen gekommen. Mehr Kinder als jede andere Fee im Dorf hatte.

Etwas grummelig ging er durch den Vorhang in den Wohnraum, in dem der wuchtige lange Esstisch noch verwaist dalag, die meisten seiner Schwestern waren unterwegs. Aus der Küche drangen die Stimmen von seiner Mutter und zweier Schwestern zu ihm, aber er bog rasch ab, ging schnell durch den düsteren Flur und öffnete die bemalte Tür zu dem Zimmerchen, in dem Alvar, sein nun schon länger ausgewanderter Bruder, und er geschlafen hatten. Er machte in der runden Lampe im Fenster Licht und drehte sich dann zu seinem Gast um, sah ihn gespannt an.

Lasse war Ejlif gefolgt, der ohne die warme Winterkleidung wesentlich zierlicher, beinahe filigran wirkte, was durch das silberblonde, feine Haar, das fransig und wuschelig vom Kopf abstand, eher noch betont wurde. Das Häuschen war niedrig, und Lasse war eines der wenigen Male in seinem Leben froh, dass er nicht allzu groß war und so durch die Türen gehen konnte, ohne sich zu ducken. Durch die dunklen, mit Schnitzereien verzierten Möbel, die Vorhänge aus buntem, dicken Stoff und den ausgetretenen Dielenboden fühlte er sich an ein altes, gemütliches Bauernhaus erinnert, und vielleicht war es das ja auch. Das Zimmer, in das Ejlif ihn brachte, war beinahe winzig. Außer zwei schmalen Betten, von denen eines zu ordentlich aufgeschlagen war, um benutzt zu sein, einem kleinen, halb in der Wand eingelassenen Schrank und einem Ofen enthielt es nicht viel.

/Ich hoffe, ich störe nicht zu sehr am Lucia-Fest/, dachte er, doch die wenigsten Familien feierten im engen Kreis, weswegen er sich nicht allzu viele Sorgen machte. Fragend wies er auf das unbenutzte Bett. "Hier?"

Ejlif nickte und zeigte auf den Waschtisch, der von einem Vorhang versteckt wurde. "Hier kannst du dich frisch machen und umziehen. Hast du genügend warme Sachen da? Alvar war groß, fast so wie du am Ende, von ihm sind sicherlich noch Wollsocken und eine Strickjacke da für dich."

Mit einem leisen Lachen stellte Lasse seine Tasche vor dem Bett ab. Groß war er noch nie genannt worden. Von niemanden. Allerdings war Ejlif auch ungewöhnlich klein. "Ich glaub, ich hab genug dabei. Ich hoffe nur, es ist nichts nass geworden." Er öffnete den Reißverschluss und stellte nach einem kurzen Überprüfen erleichtert fest, dass der Inhalt trocken geblieben war.

Ejlif hockte sich unter die Lampe in das Fenster und beobachtete seinen Gast. "Lass dich von meiner Mutter und meinen Schwestern nicht ärgern. Wenn du kein Varenson bist, dann siehst du wirklich aus wie einer, es ist... ein Kompliment." Er lächelte dem Mann ein wenig zu. "An deine Augen, wie eigentlich nur der Frühling sie vererben kann."

Lasse sah überrascht von der Tasche auf. Zwar hatte er schon oft gesagt bekommen, dass seine Augen ungewöhnlich waren, und er wusste es auch. Im richtigen Licht schien ihr Grün bis in die Pupillen zu spielen. Doch es war ein offenes, ziemlich direktes und dazu noch poetisches Kompliment von einem wildfremden Mann, bei dem er sicher nicht damit gerechnet hatte.

"Danke", sagte er nach einer kurzen Pause und erwiderte das Lächeln, ehe er sich wieder der Tasche zuwandte und eine trockene Bluejeans und ein grünkariertes Flanellhemd hervorholte.

Ejlif hätte sich nichts dabei gedacht, hätte ihm lächelnd 'Bitte, gern' gesagt, aber der Ausdruck im Gesicht des anderen machte sein kleines Kompliment unangenehm wichtig. Er wurde ein wenig rot. "Eh, klar."

Eigentlich hatte er nun zu seiner Mutter zurück gehen wollen, um noch eine Wolldecke aus dem Dielenschrank zu holen, aber in dem Moment begann auf dem Dorfplatz das Leuchten; die Feen kehrten heim.

"Oh, sie kommen heim! Wir sind vor dem Haus, Lasse! Bis gleich!" Er hüpfte von der Fensterbank und lief rasch zur Diele nach vorn, um seine Lieblingsschwestern zu begrüßen.

Die Feen materialisierten aus der für Menschen und magisch unbegabte Feen unsichtbaren Form in ihre hübschen Körper zurück und wurden sogleich von Decken umwickelt, wenn sie eher dem Sommer oder Frühjahr zugetan waren. Ejlif half seine sieben Schwestern einhüllen und geleitete die beiden, mit denen er sich fast ausschließlich unterhielt, in ihre Zimmer, wo sie sich ebenso wie die Mutter in farbenfroh bestickte Blusen und Hosen kleideten.

Schon bald war das Haus aus allen kleinen Zimmerchen vom Lachen und Schwatzen der Mädchen erfüllt, sie tauschten ihre Erlebnisse aus und putzten die noch ungewohnten Körper sorgfältig heraus, während die Mutter zusammen mit Ejlif den Tisch deckte und die Teller aufbrachte. Es würde Suppe geben, die aus dem tiefen Topf über dem Herd schon grausam lecker geduftet hatte. Dazu das frische Brot mit gesalzener Butter, Ejlif hätte fast seinen Gast vergessen.

Während Lasse sich umzog, froh aus der nassen Hose zu kommen, hörte er, wie sich das Haus mit Verwandten und Gästen füllte. Mit ihnen kamen Freude und gute Laune, die er fast spüren konnte. Lächelnd ließ er sich Zeit, wollte die Begrüßungen nicht stören. Er überprüfte sein Handy, ob jemand versucht hatte, ihn anzurufen und ob er noch einen Termin vergessen hatte, bei dem er sich abmelden musste. Doch der Schneesturm, der um das Haus tobte, störte jeden Empfang. Gleichgültig legte er es in die Tasche zurück, hängte die Hose zum Trocknen über das Ofenrohr und überlegte, ob er auf Ejlif warten oder einfach das Zimmer verlassen sollte.

Dann beschloss er jedoch, lange genug ausgeharrt zu haben und öffnete neugierig die Tür, folgte den Stimmen in die Wohnstube. Offensichtlich hatten sich Männer und Kinder an einem anderen Ort versammelt, denn hier konnte er bis auf Ejlif nur Frauen ausmachen. Ausgesprochen hübsche Frauen, wie er feststellte, und nach dem Aussehen zu urteilen bestimmt Schwestern und Cousinen von Liska.

Lasse betrat den Essraum gerade, als alle begannen, mit ihren Tellern zur Küche zu gehen, um Suppe zu erhalten. Ejlif hatte ihm extra einen Teller neben sich bereitgestellt. Doch ihn vorzustellen erübrigte sich, denn als der Mann, den Kopf ein wenig duckend, den Raum betrat, wurde es mit einem Mal still, alle sahen ihn neugierig an.

Liska lächelte jedoch und, während sie das Brot weiter schnitt, sagte sie wie nebenbei "Ejlif hat sich einen Freund eingeladen zu Lucia. Gafft nicht, das ist unhöflich."

Ejlif wurde rot, grundlos irgendwie, aber dann wieder nicht. /Er ist doch gar nicht mein Freund./ Zum Glück war er an der Reihe und hielt seinen und Lasses Teller hin, um Suppe aufgeschöpft zu bekommen, und mit den Tellern an den Tisch zu gehen. "Lasse? Hier ist ein Platz für dich. Möchtest du Glögg oder Wasser trinken?" Er hatte sich selber schon von dem gewürzten Wein einen Becher genommen.

Lasse setzte sich an den gewiesenen Platz und lächelte seinen kleinen Gastgeber an, während er das Gefühl verdrängte, mehr zu stören als nur eine private Feier. "Glögg, das gehört zu Lucia einfach dazu, nicht? Außerdem liebe ich ihn einfach. Ich danke dir."

Nach und nach wurden die Stimmen wieder lauter, die Blicke weniger. Die Mädchen berichteten einander von den Veränderungen, während sie ihre Körper, noch ein wenig ungelenkig und ungeschickt, mit der warmen Suppe und dem Wein stärkten.

"Meine Schwestern sind nur selten Zuhause und sie haben sicherlich viel zu bereden, da hat meine Mutter leider nicht viel Zeit, um sich mit dir zu unterhalten. Du bist also mein Gast, das meinte sie eben."

"Deine Schwestern?" Befremdet ließ Lasse seinen Blick über die Frauen gleiten, sah zu Ejlifs Mutter hin, dann zu dem jungen Mann zurück. Das konnte er unmöglich im wahrsten Sinne des Wortes meinen. Dafür war seine Mutter zu jung und die Frauen zu sehr im gleichen Alter. "Nun ja, ich hoffe, ich störe dann nicht zu sehr", sagte er leiser. "Ich kann mich auch zurückziehen. Ich bin dankbar, dass ihr mich während des Sturms aufgenommen habt."

"Nein, das ist doch albern! Lucia ist doch wirklich ein Fest für alle! Bleib ruhig hier, wir haben selten Besuch. Das ist schön, wenn man mal neue Geschichten hören kann." Ejlif genoss das Essen und die Anekdoten seiner beiden Lieblingsschwestern, die ihm nicht immer vorhielten, dass er nur ein Junge war, eine Art Unfall, so wie es die anderen gern taten, und die ihn nicht wie ihren Laufjungen behandelten, sobald Liska es nicht sah.

Der Wein, die Gewürze, die ungewohnt große Runde am Tisch und der Gast machten ihn ganz nervös, ließen ihn sich aufgeregter fühlen, als er es eigentlich zulassen wollte. Verstohlen betrachtete er den Mann, als eine seiner Schwestern sich interessiert nach seinem Menschenleben erkundigte und nach der Autopanne.

/Hübsch und fröhlich sieht er aus. Wie der Frühling. Er lacht gern, und ich mag seine Haare, die Locken. Hach... jetzt lacht er schon wieder so... nett schüchtern. Na ja, meine Schwestern bezirzen ihn ja auch, schon wieder./ Der Wein machte ihn müde und unaufmerksam; nachdem er fertig gegessen hatte, träumte er auf dem blonden Lockenschopf festgestarrt weg. Der war natürlich von ihm abgewandt und zu seiner ältesten Schwester geneigt, wie immer, wenn sie männlichen Besuch hatten. Feen, die zuvor mal ausgewandert waren oder verlaufene Urlauber im Sommer. Sie beachteten den kleinen Ejlif nicht, sondern ließen sich gleich von dessen hübschen Schwestern umgarnen.

Lasse fragte sich, wo die Männer der versammelten Schwestern waren und ob er und Ejlif wirklich über das ganze Fest die einzigen bleiben sollten. Dennoch machte es ihm Spaß, mit ihnen zu flirten. Vielleicht hatten sie ihre Ehemänner kurzerhand rausgeworfen, um einen Frauenabend zu haben und fanden es amüsant, mit einem Fremden zu schäkern. Andererseits passte sein Gastgeber damit nicht ins Bild.

Lasse merkte, dass der Glögg ihn zu benebeln begann und lehnte den nächsten Becher höflich, aber entschieden ab, ehe er sich zu Ejlif umdrehte, fast wie um sich zu vergewissern, dass dieser noch da war. Er war es, und Lasse erwiderte den Blick von kohleschwarzen, schrägstehenden Augen, die ihn vom Gewürzwein leicht verschleiert ansahen, erwiderte nach einem kurzen, überraschten Moment auch das Lächeln, das kaum merklich die Lippen des anderen umspielte. /Er ist so still, obwohl das seine Familie ist. Und ich rede und rede.../

"Was machst du eigentlich so beruflich? Oder studierst du?", fragte er, mehr um ihn überhaupt zum Sprechen zu bringen.

Ejlif zuckte ein wenig zusammen, was ihm ein Lachen von zweien seiner besonders albernen Schwestern einbrachte, dann antwortete er "Nein, ich habe mich noch nicht entschieden, ob ich hier fortgehen soll, um etwas zu lernen." Er leerte den letzten Schluck aus seinem Becher. Seine Mutter hob gerade passend den Tisch auf, seine Schwestern gingen zum Teil auf die Zimmer, einige huschten durch den Sturm zu den Nachbarn hinüber, drei fanden sich am alten Klavier ein und begannen zu singen.

Ejlif setzte sich bequemer hin und sah den Mann aufmerksamer und neugieriger an. "Wie ist es denn in der Stadt mit all den Menschen?"

Ein wenig erleichtert war Lasse schon, als er von der allgemeinen Aufmerksamkeit erlöst war. Er schob seinen leeren Teller von sich und lehnte sich auf der Eckbank zurück, während er Ejlif fasziniert musterte. "Du bist noch nie in einer gewesen?"

Ejlif schüttelte den Kopf und fragte nach und nach weniger schüchtern, was er aus den Briefen seines Bruders nicht verstanden hatte. Nach all den Maschinen, wie sie funktionierten, nach den Häusern, den vielen neuen Dingen, die er noch nicht kannte, von denen er aber schon gehört hatte und fühlte sich wirklich wohl, weil Lasse ihn nie auslachte, immer geduldig antwortete.

Mit einem Mal, als er gähnen musste, fiel ihm auf, dass sie die einzigen waren, die noch im Wohnraum saßen. Die Lichter waren schon weitgehend gelöscht worden, nur noch die Luciakerzen brannten. "Oh. Ich hab dich wach gehalten. Das tut mir leid. Sicherlich bist du schon sehr müde, Lasse." /Ich auch. Mir fallen ja schon die Augen im Gehen zu./

Ejlif ließ Lasse den Vortritt und löschte hinter ihnen die Lichter. Dann huschte er im Dunkeln an dem Mann vorbei, um ihm in seinem Kämmerchen Licht zu machen. Seufzend und sich die Augen reibend sagte er noch einmal, dass es ihm leid tat, dass er seinen Gast aufgehalten hatte, während er sich zum Bett auszog.

Er lief nackt durch das Zimmer zum Ofen hin und zog sich sein dort aufgewärmtes Nachthemd über, breitete seine Hose über den Kacheln aus. "Häng deine Sachen hier auch auf, Lasse. Dann sind sie morgen schön warm. Ich stell uns morgen früh auch Wasser her, dann kannst du dich mit warmem Wasser waschen."

Lasse hatte sich nicht davon abhalten können, den schlanken, hellen Körper mit einem Blick zu streifen, ehe er von dem Nachthemd versteckt wurde. Ejlif war wirklich ungewöhnlich zierlich, und Lasse stellte fest, dass es ihm gefiel. /Ah, hör auf. Du hast heute genug geflirtet./

Er folgte der Aufforderung, nachdem er sich ebenfalls umgezogen hatte und warf einen Blick zum beschlagenen Fenster hin, hinter dem noch immer der Schneesturm tobte, ehe er sich wieder Ejlif zuwandte. "Wo ist das Bad? Der Glögg will noch weggebracht werden."

"Ich will auch noch hin, ich zeig es dir." Ejlif war noch ganz kribbelig, weil er bemerkt hatte, wie Lasse ihm mit einem Blick gefolgt war. Dieser Blick ließ sich nicht abschütteln, vor allen Dingen wollte Ejlif das auch gar nicht.

/Ob er mich mag? Mehr als meine Schwestern? Ne, das kann nicht sein. Niemals. Ich bin doch viel zu unscheinbar, dazu noch eine Vinterfee, eine unnütze, männliche obendrein. Schlag dir das aus dem Kopf./ Auch wenn es schwer würde und ihn sicherlich ein wenig Schwärmerei kosten konnte. Abgesehen von Höst schwärmte er wirklich sehr für die Ausstrahlung und das Aussehen von Varensöhnen. Für die Söhne mehr als die weiblichen Feen, die ihn ohnehin niemals beachten würden. /Vielleicht können wir Freunde werden./

Sie gingen schweigend zu dem Badezimmer am Ende des Ganges. Ejlif ließ Lasse die kleine Lampe dort und eilte im Dunkeln zum Zimmer zurück, um unter seine Decke zu kriechen.

Er kuschelte sich unter seine Decke und blickte zu dem noch leeren Bett hinüber, in das sein Gast gut hineinpassen würde, was ein Glück war. /Meins wäre ihm sicherlich zu klein gewesen./ Schließlich vernahm er die Schritte und wartete, bis Lasse sich unter die Decke verkrochen hatte. An seinen Bewegungen konnte man erkennen, dass er recht müde sein musste.

Mit einer kleinen Bewegung befahl Ejlif dem Licht zu verlöschen, dann flüsterte er leise hinüber "Ich hoffe, dass du in der Lucianacht etwas schönes träumst, Lasse." /Vielleicht träum ich ja von ihm. Das wäre doch nett. Da könnte ich, nachdem ich aufgewacht bin, gleich noch einen Blick auf den Traum werfen./ Der Gedanke machte Ejlif Spaß, mit einem Lächeln auf den Lippen schlummerte er langsam fort.

"Du auch, Ejlif." Erschöpft und schwer vom Glögg vergrub sich Lasse tief in die warme Decke, glücklich darüber, nicht in seinem Auto festzustecken und noch dazu neue, nette Bekanntschaften gemacht zu haben. Vielleicht würde er sich revanchieren können, indem er Ejlif half, sich in der Stadt zurechtzufinden, wenn sich dieser dazu entscheiden sollte, dort zu studieren und nicht auf dem elterlichen Hof zu bleiben. Über den Überlegungen schlief er ein, noch bevor er sie wirklich beendet hatte.


by Jainoh & Meike "Pandorah" Ludwig