Feenweihnacht

9.

Altbekannte Gefühle strichen durch Ejlif hindurch, und er erschauderte und schämte sich für seine Unaufmerksamkeit, noch bevor er sich zu seinem Vater umdrehte. "Oh, ich... war so unaufmerksam, dass ich... Entschuldigung..."

Vinter lächelte ganz leicht, dann beugte er sich vor, ließ seine Hände über Ejlifs Schultern und Arme streichen, um ihm dann dicht an seinem Ohr zuzuflüstern "Wir müssen reden." Einen Moment drauf war der Fürst schon verschwunden, hinterließ nur einen wirbelnden Schleier aus Schneekristallen, die sich in Ejlifs Haaren und Wimpern verfingen, bevor sie ihn tanzend führen wollten.

Unsicher sah Ejlif seinen Freund an. Vorsichtig strich er ihm eine Locke aus den Augen, dann beugte er sich vor und entschuldigte sich leise. "Mein Vater will mich sprechen. Ich bin gleich wieder bei dir." Rasch berührte er Lasses Wange mit seiner, bevor er sich abwandte und den Kristallen folgte.

Vinter stand in einiger Entfernung zum Dorfhaus und blickte in den Nachthimmel. Seine hellen Haare wurden vom Wind, gegen den Ejlif ankämpfen musste, kaum berührt, die immerwährende Gelassenheit umgab ihn auch nun. Bibbernd verharrte Ejlif vor ihm, sah zu ihm auf und wartete. Sein dünnes Hemd war nicht gemacht, um die Kälte abzuhalten.

Endlich löste Vinter seinen Blick vom Himmel und sah zu seinem Sohn herab. Wieder huschte das kleine Lächeln über sein Gesicht. "Ejlif, der Lebende. Weißt du, wie alt ich bin?"

Ejlif schüttelte den Kopf, er wusste nicht einmal, wie alt er selber war.

"Eigentlich ist es auch keine Zahl, die wichtig ist. Nur, dass ich das Gefühl habe, ein Alter zu bekommen. In all den Jahren habe ich mich nie gefühlt, als müsste ich über Zeit nachdenken. In letzter Zeit aber... ich denke darüber nach."

Verständnislos blickte Ejlif ihn an und klapperte mit den Zähnen. Endlich erlöste Vinter ihn und legte einen Arm leicht um seine Schultern. Die Kälte wich sofort, und Ejlif fühlte sich mit einem Mal, als hätte er gar keinen Sinn mehr für Temperaturen oder für Zeit oder für Müdigkeit. Ein leichtes Gefühl stieg ihm zu Kopf, schlimmer noch als Wein, fast schöner als das Kribbeln, das Lasse ihm bescherte.

"Ich habe mich gefreut, als Liska dich bekommen hat, weil ich gefühlt habe, dass du der Richtige sein könntest, um meinen Platz einzunehmen. Ich hätte dich sehr gern mit mir genommen in dieser Nacht. Habe in den letzten Jahren immer wieder gewartet auf diese Nacht. Aber jetzt scheint es mir, willst du nicht mehr gehen, oder, Ejlif?"

Ejlif erstarrte. "Ich?" Erschrocken bemerkte er, dass er es laut ausgesprochen hatte. "Aber ich... bin doch... ich habe doch..."

"Seit ungezählten Jahren bist du mein erster Sohn, der magische Fähigkeiten hat. Liska hat mir versprochen, dass sie dich erzieht wie jede männliche Fee, damit du nicht gar mit deinen Schwestern ziehen willst. Aber du hast es doch selber bemerkt, du bist eine Vinterfee wie all die anderen. Du kannst den Schnee bitten, mit dem Wind sprechen, du kannst das Eis zum Lächeln bringen, Ejlif. Und du kannst mit den Tieren des Winters reden."

Vinter drehte sich fort und ließ Ejlifs Schultern los. Augenblicklich erfasste der eisige Wind ihn erneut, und das Gefühl der Leichtigkeit verschwand, sein Glücksmoment verblasste.

"Ich werde dich in diesem Jahr noch nicht holen kommen, Ejlif. Aber du musst dich entscheiden. Wenn ich im nächsten Jahr hierher komme, dann werde ich das Dorf nicht ohne dich verlassen, solltest du noch hier sein." Er nickte zum Dorfhaus hinüber, vor dem Lasse erschienen war. "Bis dahin geh mit ihm. Aber denk daran, dass er ein Mensch geworden ist und sterblich, dass du genauso sterblich und menschlich werden wirst, wenn du dich für ein Leben fern von hier entscheidest."

Ein letztes, sachtes Streichen durch seine Haare, gleich darauf stand Ejlif im fauchenden Wind allein auf dem Hügel und starrte bibbernd und mit tränenden Augen in die Sterne.

Lasse war unruhig geworden, als es gar so lange gedauert hatte. Ein wenig hatte er sich ablenken können, indem er mit einer von Ejlifs Schwestern geredet hatte, doch schließlich war er seiner Vinterfee gefolgt. Draußen war es kalt, viel zu kalt für die dünnen Sachen, die er trug und ebenso für Ejlifs. Suchend sah er sich um und entdeckte ihn mit seinem Vater auf einem Hügel nicht weit entfernt.

Vinter sah zu ihm herüber, als hätte er sein Kommen gespürt, und nur wenige Augenblicke später war er verschwunden, als hätte er sich in Luft aufgelöst. Ejlif jedoch rührte sich nicht. Er stand da wie eingefroren, und bei den Temperaturen hätte Lasse das für gar nicht so unwahrscheinlich gehalten, wäre er nicht ausgerechnet ein Sohn des Winterfürsten gewesen. Dann jedoch dachte er daran, dass auch Ejlif normalerweise warme Sachen trug und frieren konnte. Er rannte mehr, als dass er zu ihm lief.

Erschrocken bemerkte er die glänzenden Spuren auf den hellen Wangen und das Zittern, das den schmalen Körper erfasst hatte. "Ejlif! Was ist mit dir?" Er schloss ihn in die Arme und drückte ihn an sich, viel zu besorgt, um sich Gedanken darüber zu machen, ob das in Ordnung war oder nicht.

Seufzend schmiegte Ejlif sich in Lasses Arme, während er seine Wangen mit den Fingern ein wenig abwischte. "Nichts... es ist nichts... mein Vater mag die Kälte nur so sehr, die ich nicht so gut vertragen kann." Ein Lächeln versuchend schlug Ejlif zitternd vor "Wollen wir nicht hinein gehen?"

Einen Moment lang sah Lasse Ejlif an, während sich in seinem Magen kleine, sorgenvolle Stiche zu mehren begannen. "Ja, reingehen sollten wir auf jeden Fall", murmelte er.

Er ließ ihn nicht los, während sie mit schnellen Schritten zum Dorfhaus zurückkehrten. Doch als sich die Tür hinter ihnen geschlossen hatte und sie wieder im Warmen waren, blieb Lasse stehen. Sacht legte er Ejlif eine Hand an die Wange und brachte ihn dazu, zu ihm aufzusehen. Ein Schatten schien um die schwarzen Augen zu liegen, die weichen Lippen waren ein wenig zu fest zusammengepresst. Vorsichtig strich er mit einem Daumen über die weiche Haut, während die Sorge in ihm zunahm. "Nichts... ja? Wirklich?"

Ejlif öffnete den Mund schon, um etwas zu erklären, sich zu entschuldigen, dann erinnerte er sich daran, dass sie hier im Feenland waren, Lasse ein Mensch war, geworden war. Er schüttelte den Kopf leicht und verschränkte die Arme unwillkürlich.

"Nichts", wiederholte er. Feendinge konnte er mit Lasse nicht teilen. Außerdem musste er sich erst einmal selber darüber klar werden, was genau sein Vater da gesagt hatte. Er sah sich um und entdeckte seine Mutter. "Ich bin gleich wieder zurück." Rasch huschte er durch die Grüppchen hindurch zu Liska hin.

Die Weihnachtsstimmung um Lasse begann zu bröckeln, als er allein zurückblieb mit der Gewissheit, dass etwas ganz und gar nicht in Ordnung war, Ejlif es ihm aber nicht sagen wollte. An sich war das ja auch nicht schlimm, aber er versuchte es zudem, vor ihm zu verstecken. /Was erwartest du, Lasse? Dass er dir alles anvertraut? Dass er dich um Hilfe fragt?/

Sie kannten sich noch nicht wirklich lange, auch wenn es sich so anfühlte. Nach wie vor wusste er fast gar nichts von Feen. Aber es war bis eben alles so richtig mit Ejlif gewesen, und nun begann eine unruhige, ängstliche Kälte in Lasse zu wachsen, die das Fest dunkler zu machen schien. Langsam kehrte er zu ihrem Platz zurück und setzte sich in die Ecke, um sich Glögg nachzuschenken.

Kaum kam Ejlif bei Liska an, als er um ihre durch ein rotes Tuch hervorgehobene Taille die hellen Hände von Vinter sah und stockte. Liska begegnete seinem ängstlichen Blick und lächelte ihm aufmunternd zu. "Du wirst schon die richtige Entscheidung treffen, Ejlif. Geh zu deinem Gast, sei nicht unhöflich."

Um ihn herum wurde gelacht, getanzt und getrunken, aber Ejlif wollte all das nicht mehr. Andererseits wollte er nicht mit Lasse allein sein und sich fragen, was er tun sollte. Noch vor wenigen Momenten hatte er es doch gewusst, sicher gewusst! Ein wenig unglücklich holte er noch einen Krug von dem heißen Gewürzwein und ging zu ihrem Tisch in der Ecke zurück, um seinen Becher aufzufüllen. Noch immer war ihm schrecklich kalt. Nach einige Schlucken von dem Wein wurde Ejlif eines klar, der Wein konnte die Kälte nicht vertreiben. Er hob den Kopf und sah sich suchend nach Lasse um.

Lasse begann sich fremd zu fühlen, fern von dem Lachen, dem Singen und der Fröhlichkeit, fern der Feier und vor allem fern von den Feen und ganz besonders Ejlif, und das schmerzte. Ihm wurde bewusst, dass er den kleinen Feenmann nicht wirklich kannte, dass er nur die naive, fröhliche Seite von ihm gesehen hatte und dass es wie bei jedem anderen auch mehrere gab. Und irgendetwas war zwischen ihm und seinem Vater geschehen, das etwas verändert hatte.

Ejlif lachte nicht mehr, er wandte sich von ihm ab, wich seinem Blick aus und starrte zusammengesunken in seinen Wein. Abgerückt von Lasse und ihn nicht mehr beachtend. Vielleicht hatte Vinter ihm wirklich verboten, eine Beziehung mit einem Mann zu beginnen, der wie ein Varenson wirkte, und die kleine Fee überlegte noch, wie sie ihm das am besten sagen sollte. Lasse schenkte sich Glögg nach und trank ein paar Schlucke, mehr um sich zu beschäftigen und obwohl er keinen Appetit mehr darauf hatte.

Als er Ejlifs Blick auffing, lächelte er dennoch rasch, obwohl ihm auch danach nicht zumute war. Vielleicht ging es auch um etwas ganz anderes, und was auch immer hatte mit ihm nichts zu tun. /Vielleicht ist der Himmel grün mit roten Tupfen./

Lasses Lächeln wirkte nicht wärmend, wie Ejlif erhofft hatte, sondern anklagend. Erschrocken blinzelte er den Mann an und versuchte, in seiner Miene mehr von seinen Gedanken zu erraten. Zuvor war das Gesicht doch so offen gewesen, stets eine Einladung an ihn, näher zu kommen, sich auszuruhen. Unsicher ließ er den Blick wieder auf seinen Becher fallen, bevor er murmelte "Es gibt auch Feendinge, die Menschen nicht verstehen."

Wieder einmal stellte Lasse fest, dass er sich nicht besonders gut verstellen konnte, während gleichzeitig Schuldbewusstsein in ihm hochkam. Er schob seinen Becher von sich und rieb sich mit beiden Händen über das Gesicht. Vielleicht war er gerade dabei, alles noch unnötig komplizierter zu machen. Doch die Unsicherheit in ihm war ungewohnt und half ihm nicht gerade. Leise seufzte er.

"Es tut mir leid. Aber du bist mit einem Mal so... weit weg. Ganz anders als vor dem Gespräch mit deinem Vater. Das macht mir..." Er stockte. "Das macht mir Angst." Das Lächeln geriet schief, was nicht störte, da Ejlif ohnehin nicht hinsah, und verschwand dann ganz. Mit einem Seufzen rutschte Lasse ein Stück näher und berührte seine Hand, streichelte mit einer Fingerkuppe vorsichtig über die Knöchel. "Wahrscheinlich, weil ich von Feendingen so gar nichts verstehe. Verzeih mir."

Ganz unerwartet kehrte die Wärme in Ejlifs Bauch zurück, und er warf sich gegen Lasse, um ihn zu umarmen. "Genau, wie ich von den Menschendingen nichts verstehen kann, Lasse. Könnten wir... nicht...?" Er stockte und zögerte mit Blick auf Vinter und seine Mutter. "Könnten wir nicht zusammen weiterlernen? Ich über Menschen und du über die Feen?"

Ejlif in seinen Armen zu halten ließ Lasses Welt wieder heller werden und die Sorgen in weitere Ferne rücken. Er hielt ihn fest und schmiegte erleichtert sein Gesicht in die weichen, hellen Haare, drückte für einen Moment seine Lippen auf den Scheitel. Offensichtlich hatte er sich ganz umsonst düstere Gedanken gemacht. "Das will ich sehr gerne."

Ejlif ließ seine Blicke über die ausgelassene Gesellschaft streifen und seufzte einmal auf. Geschickt kletterte er auf Lasses Schoß und schmiegte sich an ihn an. "Die Fürsten werden uns gleich verlassen, denke ich, wollen wir das noch abwarten? Ich hab es schon oft genug erlebt, aber vielleicht magst du es noch sehen?"

"Oh, sie bleiben aber nicht sehr lange. Haben sie denn so schnell eine neue Fürstin gewählt? Oder kommen sie wieder?" Lasse überraschte es, dass sie nur für eine Nacht da sein sollten, doch in dem Moment war das von weitaus geringerem Interesse, als er gedacht hätte. Sein Lächeln kehrte zurück, als er sacht über Ejlifs Rücken streichelte. Dennoch wollte er sich den Abschied nicht entgehen lassen, und er suchte mit Blicken den Raum nach Varen ab. Schwer war er nicht zu finden, inmitten einer Traube aufmerksamer Feen. "Sehen würde ich es schon sehr gerne."

Ejlif lehnte sein Gesicht an Lasses Brust und versuchte herauszufinden, was er fühlte. In den Armen seines Freundes fühlte er sich auf eine irritierende Art zugleich so sicher wie in Vinters Umarmung und verunsichert, als würde er sich selber beobachten müssen, um keine Fehler zu begehen. Es war wie auf junges Eis treten und die stärkeren Pfeiler, die einen halten würden, nicht genau zu spüren. /Ich habe ein Jahr Zeit, um zu sehen, ob er mich halten kann. Das ist für Menschen eine lange Zeit./

Schließlich wurden auch für Lasse die Zeichen unübersehbar, dass die Fürsten nicht mehr lange bleiben würden. Ein jeder hatte seine Gefährtin gewählt, und die glücklichen Feen wurden von den anderen verabschiedet und umarmt, ehe sich das Dorfhaus langsam zu leeren begann, als sie nach draußen begleiteten wurden. Ejlif und Lasse schlossen sich den Feen Hand in Hand an, nachdem sie ihre Jacken geholt hatten, und folgten ihnen zu dem Platz in der Mitte des Ortes, um den sich alle versammelten.

Es war längst nicht so spektakulär wie die Ankunft. Höst und Vinter verschwanden zuerst, so unauffällig, dass Lasse es gar nicht richtig mitbekam. Als er seinen Blick kurz von Varen löste, um nach ihnen zu sehen, waren sie lediglich nicht mehr da, und die Feen, die ihre Kinder waren, lösten sich aus dem Kreis, um zurückzutreten. Hastig schaute er zu Varen zurück, um seinen Abschied nicht ebenfalls zu verpassen, doch der Fürst des Frühlings hatte offensichtlich nicht vor, genauso unauffällig zu gehen. Er schäkerte und lachte noch mit seinen Töchtern, winkte in die Runde, und für einen Moment hatte Lasse sogar das Gefühl, dass er ihn ansah und ihm zunickte. Aus einem unerfindlichen Grund machte es ihn glücklich, und er lächelte zurück.

Varen nahm seine Fürstin bei der Hand, dann setzte für einen Moment der Wind aus, nur um in einem Wirbel um die beiden erneut aufzufrischen; warmes Licht erhellte einen Wimpernschlag lang die Nacht, und als es erlosch und der Wind erneut einsetzte, brachte er einen Hauch von Wärme und den Duft nach Frühling mit sich.

Ejlif hatte sich mit einem kleinen Blick von seinem Vater und seiner Mutter verabschiedet. Seine älteste Schwester würde in diesem Jahr im Haus bleiben, um darauf zu achten, das war bereits schon festgelegt gewesen. Ein wenig wehmütig wurde Ejlif schon, aber seine Mutter war nicht zum ersten Mal fort. Nur dieses Mal stand zur Frage, ob nicht auch er selber fortgehen sollte. Unsicher schob er sich dichter an Lasse heran, den das Verschwinden von Varen im Lichterschauer augenscheinlich beeindrucken konnte. "Wollen wir heim gehen, Lasse?"

Noch immer fasziniert von dem Geruch nach Frühling mitten im tiefsten Winter nickte Lasse nur. Er legte einen Arm um Ejlifs Schultern und spürte wieder, wie richtig sich die Nähe anfühlte. Richtig und wundervoll, wärmer als das, was Varen und seine Jahreszeit in ihm hervorrufen konnte und dennoch ähnlich. Außerdem war Vinter weg, ohne dass er Ejlif verboten hatte, mit ihm zusammen zu sein. Oder hatte er das während des Gesprächs vor dem Dorfhaus getan?

Ein wenig verunsichert sah Lasse auf die kleine Fee hinab, die sich an ihn schmiegte, vergaß seine Sorge jedoch fast sofort wieder, als Ejlif den Kopf hob und ihn mit diesen schwarzen Augen ansah. "Ja, lass uns heim gehen."


by Jainoh & Meike "Pandorah" Ludwig