Feenweihnacht

10.

Im Haus wurde an der langen Tafel bereits geschwatzt, getrunken, gesungen und gefeiert, denn eine von Ejlifs Schwestern war gerade mit Sommar zurückgekehrt und hatte eine Sommarfee mitgebracht. Eine männliche, wie Ejlif voller Freude sah. Immerhin Verstärkung für ihn im Haus. In dem Augenblick, in dem er das dachte, fiel ihm wieder ein, dass er ja vermutlich nicht mehr in diesem Haus sein würde. Sein Blick fiel auf den Truhenkoffer, der nun gut verschlossen war.

"Ich möchte nicht mehr feiern. Gute Nacht, ihr alle, ich gehe schlafen!", rief er in den Raum und ging nachdenklich zu seiner Kammer.

Lasse, der noch mit den Schwestern, sehr wahrscheinlich immerhin seinen Schwestern von Varen, reden musste und ihnen erzählen sollte, wie er die Feiern fand, ließ Ejlif einfach bei ihnen zurück. Es war ihm irgendwie ganz recht, dass er sich einen Augenblick lang besinnen konnte. Allein auf sich, ohne die leichte, zeitlose Wärme von Vinter und ohne seinen Wunsch, mit Lasse zusammen zu sein, spüren zu müssen.

Es verwirrte Lasse, dass Ejlif ihm schon wieder aus dem Weg zu gehen schien. Dabei gab es so vieles, was er ihn fragen wollte. Allein schon, ob er mit ihm kommen wollte. Wirklich mit ihm, zu ihm, oder ob Lasse ihn nur zu seinem Bruder bringen sollte. Was Liska mit dem einen Jahr gemeint hatte, ob er nur ein Jahr in der Stadt bleiben und dann hierher zurückkommen würde. Vielleicht überlegte er es sich auch nur gerade wieder anders? Vielleicht wollte er das Dorf nicht verlassen?

Am Morgen noch war alles so viel einfacher gewesen. Ejlif hatte seine Gegenwart genauso genossen wie umgekehrt, zumindest hatte er den Eindruck erweckt. Sie hatten zusammen gelacht, sich immer wieder angesehen, sich berührt. Wenn Lasse genauer darüber nachdachte, hatte es schon begonnen seltsam zu werden, nachdem Vinter auch nur aufgetaucht war. Und dann, nach diesem Gespräch... /Vielleicht hat er ihm Dinge über Menschen erzählt, die er vorher nicht wusste./

Mit einem Mal wurde ihm ein erschreckendes Detail klar, das er vorher nicht beachtet hatte, an das er nicht einmal gedacht hatte. Liska hatte zahlreiche Töchter, die zum Teil genauso alt aussahen wie sie. Sie selber wirkte wie eine dreißigjährige Frau und musste doch deutlich älter sein. Feen waren alterslos, im Gegensatz zu Menschen. Ihm wurde kalt. Die lachenden Stimmen um ihn, die Musik, all das war zu laut und zu fröhlich, die Hitze vom Feuer, obwohl er zu frieren begann, zu warm. /Das ist es. Bestimmt. Er weiß, dass ich alt werde und er nicht. Er weiß, dass ich wegsterbe, während er weiterlebt. Dass ich Falten bekomme, während er immer mit diesem schönen Gesicht gesegnet sein wird./

Abrupt stand er auf, nahm die irritierten, verwunderten Blicke nur am Rand wahr, als er sich hastig entschuldigte, seine Jacke schnappte und das Haus verließ. Hinter ihm wurde ein Scherz über zu viel Glögg gemacht, die Feen lachten, und er schloss ihre Stimmen aus, als er die Haustür hinter sich zuzog. Eisiger Wind empfing ihn. Er zog die Jacke über, schloss sie aber nicht und lehnte sich an die Hauswand. "Ist es das, Vinter? Das hast du ihm gesagt, nicht wahr?"

Natürlich antwortete niemand. Nur der Wind heulte leise in den Läden der Fenster, trieb den Schnee mit leisem Rascheln und Knistern vor sich her. Lasse blieb, bis sein Gesicht von der kalten Luft brannte und ihm die Füße einzufrieren schienen, während seine Gedanken immer nur darum kreisten, dass nicht sein konnte, was er sich so sehr wünschte. Erst, als die Kälte schmerzhaft genug war, dass sie diesen Kreislauf unterbrach, kehrte er zurück ins Haus.

Leise ging er an der Küche vorbei, wo sich die Aufmerksamkeit wieder voll auf die letzte Sommarfürstin und ihren kleinen Sohn gerichtet hatte. Ihm war nicht mehr nach reden, und er hoffte, dass Ejlif entweder schon schlief oder zumindest so tun würde.

Ejlif hatte sich sehr gründlich darauf vorbereitet, nun mit Lasse allein zu sein. Sie würde zwei Dinge klären müssen. Zwei genau, das war zwar nicht viel, aber diese beiden Dinge waren auch nicht wenig. Er wusste, dass es sehr gut sein konnte, dass es eines zuviel war für Lasse, und dass dieser wundervolle Mann sich dann doch von ihm abwenden würde.

Nachdenklich hatte er sich ausgezogen und sein Nachthemd übergestreift. Nun saß er, die schwere Bettdecke wie ein Cape um seine Schultern gelegt, im Schneidersitz auf dem Bettchen und starrte aus dem von Eisblumen verzierten Fenster. Starrte auf den Schatten an der Hauswand, der Lasse war.

Ejlif lächelte leicht. Sehr offensichtlich bereitete sich sein Mann, der Mensch, für den er sich entschieden hatte, nun auch auf ihn vor. Es war gut so, immerhin schien Lasse diese Nacht genauso ernst zu nehmen wie Ejlif selber. Gelassen schloss er die Augen, stützte seine Ellenbogen auf die Knie und sein Kinn in die Hände, um auf ihn zu warten.

Lasse blieb in der Tür stehen. Ganz offensichtlich schlief Ejlif noch nicht, und er war wunderschön, so entspannt wie er dort saß mit einem leichten Lächeln im Gesicht. Es machte seine Gedanken noch schwerer und weckte den eingefrorenen Schmerz wieder, schickte ihn durch seinen gesamten Körper. /Er hat auf mich gewartet. Vielleicht will er es mir jetzt gleich sagen. Aber würde er dann so lächeln?/ Eine kleine Stimme in ihm regte sich auf, dass er wahrscheinlich gerade wieder dabei war, sich alles schlimmer auszumalen, als es in Wirklichkeit war und dass er sonst doch nicht zu so etwas neigte. Dankbar versuchte Lasse, ihr Glauben zu schenken, auch wenn ein nagendes Gefühl lieb.

"Du bist noch wach? Ich dachte, du würdest schon schlafen." Leise schloss er die Tür hinter sich und lächelte ebenfalls, wenngleich noch immer nicht ganz überzeugt von seiner Hoffnung. Er hängte die Jacke über den Bettpfosten und begann dann, sich aus der vom Schnee nassen Jeans zu schälen.

Ejlif sah Lasse forschend an, dann fragte er ernsthaft "Ist dies bei den Menschen etwa eine Nacht zum Schlafen? Eine Nacht, in der man sich gefunden hat, wird bei den Menschen verschlafen?" Unsicher beobachtete er Lasses Gesicht, während er sich eine Hand auf seinen Bauch legte. "Dazu kribbelt es zu sehr in meinem Bauch, wenn ich weiß, dass du im selben Raum bist."

Lasse hielt mitten in der Bewegung inne, mit der er seine nasse Hose auf das Ofenrohr hatte hängen wollen. Hatte Ejlif sich etwa deswegen zurückgezogen? Hatte er gar nicht allein sein wollen, sondern auf ihn gewartet? Während Lasse in den Schnee gelaufen war und sich törichte Gedanken gemacht hatte? Mit einem Schlag kam er sich sehr, sehr dumm vor. Dumm wegen der Gedanken, dumm wegen seiner Angst, dumm, weil er ihn hatte warten lassen und weil er hier in Socken und Hemd dastand, als hätte ihn jemand am Platz festgefroren.

Ejlifs Worte weckten die Wärme in ihm erneut, und mit einem leisen Auflachen, das seine Sorge zu einem großen Teil, wenn auch nicht ganz, verschwinden ließ, löste er sich aus seiner Erstarrung, führte seine Geste zuende. Rasch zog er noch die ebenso nassen Socken von seinen eisigen Füßen, legte sie zu der Hose und wandte sich dann zu Ejlif um.

"Du siehst hier den ignorantesten Menschen vor dir, den du treffen konntest", sagte er aufseufzend und trat zu ihm, um sich neben ihn zu setzen und eine der schmalen, angenehm warmen Hände in seine zu nehmen. "Aber du verwirrst mich, immer und immer wieder, so dass ich bald nicht mehr weiß, was ich denken soll."

Mit einem kleinen Lachen sah Ejlif ihm in die Augen. "Aber Lasse, ich bin eine Vinterfee, wir sind ernsthaft, nachdenklich und still. Wir verwirren doch nicht, nicht so..." Er hob seine Hand, um sie an Lasses Wange zu legen. "Nicht so sehr wie die Varenfeen."

Zu der Wärme in Lasse gesellte sich das mittlerweile bekannte und doch noch immer so unvertraute Kribbeln, während er den Blick erwiderte und Mühe hatte, den Sinn der Worte zu verstehen. "Aber ich bin keine Fee", murmelte er, als es ihm endlich gelang. "Ich bin ein Mensch, und Menschen lassen sich leicht von Feen verwirren, besonders von so schönen wie dir."

Vorsichtig, als würde er ihn allein durch eine Berührung zerbrechen können, strich Lasse mit den Fingerspitzen über Ejlifs Wange, dann folgte er dem Kiefer unter das Kinn, um es leicht anzuheben. Alles andere wurde unwichtig, während ihn der zarte Winterduft einhüllte, als er näher kam und schließlich, endlich seine Lippen sanft auf Ejlifs legte.

Ejlif hatte seine Fragen bereits vergessen, als sich ihre Blicke trafen. Nun wurde alles gleichgültig, während er sich enger an Lasses Körper schmiegte. Ihre Lippen berührten sich gerade eben. Lasse war kalt wie eine Renntiernase, vor allen Dingen im Gesicht, aber das tat Ejlif bei der Hitze auf seinen Wangen ohnehin gut. Vorsichtig hielt er still und schloss die Augen, während er es genoss, dass die Lippen, die er den Abend über schon betrachtet hatte, deren Schwung er bei jedem Lächeln mit Blicken entlang gestrichen war und um deren Berührung er den Becher immer beneidet hatte, nun ihm gehörten. /Mir... nur mir, nicht wahr?/

"Nur mir?" Erschrocken bemerkte Ejlif, dass er diese Frage geflüstert und nicht nur gedacht hatte.

Lasse konnte nicht anders und küsste ihn erneut, liebte die Wärme, die ihm bewusst machte, wie durchgekühlt er war, liebte den Kontrast davon, liebte den Geruch und das Gefühl der weichen Haut, die so gänzlich ohne Bartstoppeln war, und das des nachgiebigen, unerfahrenen Mundes auf seinem. Er brauchte ein wenig, ehe er sich lösen konnte, um in die geheimnisvollen Kohleaugen zu sehen, in denen das Licht des Feuers spielte, die ihn einfingen in einer traumhaften, endlosen Nacht und nicht mehr loslassen wollten.

"Ja", antwortete er ebenso leise. "Niemand hat mich je so fühlen lassen wie du."

Errötend senkte Ejlif den Kopf, dann seufzte er und versuchte seine Schüchternheit und diese schreckliche Unsicherheit, die er nur mit Lasse kannte, zu verdrängen. "Nein. Ich meinte das nicht so, Lasse. Ich meinte es... anders", endete er lahm und irgendwie nicht befriedigend für ihn.

Mit einem kleinen Räuspern rückte er auf Armlänge ab, um Lasses Gesicht richtig erkennen zu können. "Ich meinte das so: Wenn ein Mensch eine Fee liebt, dann muss er wissen, dass es nur die Fee geben kann in ihm... in seinen Gedanken und in seinem Herzen, weil..." Ejlif zögerte, peinlich berührt. "Menschen und Feen finden selten zueinander, weil die Menschen sich nicht konzentrieren können in der Liebe, sie fühlen wie... wie... Schmetterlinge in einer Weise. Sie taumeln schnell mal zu einer anderen Blüte. Eine Fee hingegen wird nicht taumeln, sondern sein wie eine Eiche, wird Wurzeln schlagen und bleiben. Sobald Menschen sich nicht mehr entscheiden könnten, für die Fee, wird es kalt werden, zu kalt, um noch leben zu können, dann würde die Fee fliehen. Wenn sie flieht, verliert sie damit all die Wurzeln, und dann kann sie nicht wieder anhalten, weil nichts sie mehr halten kann."

Das war die eine Sache. Es waren ja zwei Dinge, die Ejlif erklären wollte. Zum einen hatte er schon ein wenig die Befürchtung, dass er werden würde wie Alvar, der nun floh, immer weiter wanderte, der nirgends anhalten konnte, weil er seine Wurzeln verloren hatte. Andererseits aber war in seinem Bauch, in seinem Herzen nur Wärme und der Wunsch, bei Lasse zu bleiben. Beide waren so stark in dem Moment, dass sich Ejlif, nachdem er dies gesagt hatte, eng an Lasse schmiegte und hinzufügte "Und mit dir ist es so warm für mich. Ich fühle heute schon, wie meine Wurzeln um dich wachsen; kannst du mir versprechen, dass sie nicht erfrieren müssen eines Tages?"

Sprachlos und ohne Atem drückte Lasse die kleine Vinterfee an sich. Etwas derart Schönes und gleichzeitig Beängstigendes hatte ihm niemand je gesagt. Um Zeit zu gewinnen, damit er sich sammeln konnte und weil er die Kälte langsam wirklich unangenehm an seinen nackten Beinen zu spüren begann, rutschte er ein Stück auf das Bett zurück und zog die Decke über sich, ohne jedoch Ejlif loszulassen. Nie wieder wollte er ihn loslassen, und doch...

Die Gedanken, die ihn vorhin geplagt hatten, kehrten wieder, sprachen von Alter und Vergänglichkeit. Und von Verantwortung. Innerlich bebend holte er Luft, versuchte Kraft zu finden, während er den schmalen Körper noch enger an sich drückte.

"Es gibt nur dich in mir. Vor dir gab es niemanden, und niemand anderes wird jemals wieder Platz in mir haben." Dessen war er sich sicher, so sicher sich ein Mensch nur sein konnte. Doch eben das war er, ein Mensch. "Ich bin sterblich, Ejlif, und während die Zeit an dir vorübergeht, nimmt sie mich mit. Ich will dich halten und wärmen, mehr als alles andere. Aber was ist, wenn ich nicht mehr bin? Was geschieht dann mit dir? Und wirst du zusehen können, zusehen wollen, wie ich alt werde, verfalle?"

Ejlif lächelte und nickte leicht. "Das war die zweite Frage, die ich dir stellen wollte. Die Zeit geht, wenn ich in meinem Körper bin, nur hier, in diesem Dorf an mir vorüber, wie übrigens auch an dir, an Jätte, an allen Lebewesen, die hier sind. Aber sobald ich das Dorf verlasse, fängt sie an, mich zu umgeben. Ich spüre die Zeit, spüre, wie sie fließt und wie sie die Körper umspült. Wenn ich das Dorf verlasse, nimmt meine Magie zwar zu, die wenige, die ich habe. Aber sie nimmt der Zeit nicht ihren Fluss, auch nicht um mich herum. Ich werde älter werden, Lasse."

Er seufzte und spielte mit Lasses Fingern. "Aber eigentlich wollte ich dich fragen, ob es in Ordnung ist, wenn ich Magie habe, wenn du durch mich Magie erhältst." Er suchte nach Verständnis und erklärte es vorsichtshalber noch einmal. "Die Wurzeln, die um dich wachsen, verhalten sich auch so wie die eines Baumes. Wie die Blätter der obersten Krone eines alten Baumes wirst du mit der Zeit mehr und mehr durch diese Wurzeln meine Magie spüren. Ich wollte dich fragen... wirst du das aushalten können?"

Lasse vergrub das Gesicht in Ejlifs weichem Haar, während er versuchte, die neuen Dinge, die er so schnell erfuhr, zu begreifen und nicht schon wieder alles zu verdrehen, auch wenn ihm schwindelte. "Ich glaube, dass nichts, was von dir kommt, schlecht für mich sein kann", sagte er langsam, spürte den Berührungen nach, die Ejlif ihm so zart schenkte. "Versprechen kann ich es dir nicht, ich habe nie Magie gehabt. Ich weiß nicht, wie es ist. Aber ich glaube, es ist genauso warm wie alles, was von dir ausgeht."

Vorsichtig löste er eine Hand, streichelte über Ejlifs Wange, seinen Hals entlang und brachte ihn dann dazu, den Kopf anzuheben, um ihm ins Gesicht sehen zu können. "Ich habe so viel falsch verstanden, so viel verwechselt in der letzten Zeit, aber... du würdest sterben, wenn du mit mir gehst? Ist es das?"

Ejlif lachte leise auf, dann nickte er. "Ja, wenn ich morgen mit dir gehe, dann werde ich sterben, aber nicht morgen, sondern in... einiger Zeit. Wie lang ist ein Menschenleben? Hundert Winter vielleicht?"

"Hundert Jahre sind lang. Meist ist es weniger." Es verwirrte Lasse, dass Ejlif es so fröhlich sagte, sogar lachte. "Stört es dich nicht? Macht es dir keine Angst? Du bist eine Fee, du kannst so viel älter werden." Ein Gedanke schlich sich in ihn, der ihn nachdenklich und ein wenig hoffnungsvoller werden ließ. "Ich werde bestimmt nicht mehr hundert Jahre haben, ich habe ja schon ein paar hinter mir. Aber wenn ich... wenn ich dann nicht mehr bin und du ins Dorf zurückkehrst, würdest du dann weiterleben? Würde die Zeit wieder stehen bleiben für dich?"

Ejlif schüttelte den Kopf, vorsichtig schmiegte er sich enger an Lasses Körper und begann, mit den Fingern unter seinem Hemd den Rücken zu streicheln. "Nein, wenn man einmal wirklich gelebt hat, dann kann und will man nicht mehr zurück in das fliehende Leben, in dem die Zeit einen nie berührt. Ich werde dir meine Magie geben, dass du nicht krank wirst und so lange bei mir bleiben kannst, wie ich Kraft in mir habe. So machen Feen es. Wenn du stirbst, werde ich auch vergehen."


by Jainoh & Meike "Pandorah" Ludwig