Oh du Fröhliche!

1.

Der Zug kroch nur noch. Natürlich wäre es verständlich gewesen, wenn sie einen Berg hinauf gemusst hätten, aber sie waren in einem Tunnel, nicht mal die leicht verschneite Umgebung konnte man hier mehr ansehen. Tore starrte auf die Reflektion seines Gesichtes und grinste probehalber ein wenig, richtete den Ring in der Augenbraue und fummelte an seinen Haaren herum. Er sah so genervt aus, wie er sich fühlte.

Nichts gegen Christian. Nichts gegen die Vorstellung, sein Weihnachten doch nicht in der Stadt, sondern in einem Dorf in Oberbayern, sehr angenehm in der Nähe eines kleinen Skigebietes gelegen, und zudem mit einem Studienfreund zu verbringen, nichts dagegen, aber er hatte was anderes geplant, und das hätte er auch durchziehen sollen. Zudem nervte ihn das stundenlange Sitzen in dieser Bummelbahn, die an jeder Milchkanne hielt.

Nachdenklich sah er sein eigenes, spitzes Gesicht an und richtete einige der Haarspikes wieder auf, die dem superstarken Gel zum Trotz in seine Stirn gefallen waren. Er warf Christian ihm gegenüber einen kleinen Blick zu. Der war aber schon seit einer halben Stunde mit gerunzelter Stirn in sein Buch vertieft.

Endgültig gegen seine Unruhe verlierend, sprang Tore auf und wollte gerade aus dem Abteil laufen, als sie den Tunnel verließen und ihn gleißende Sonne, von einer dicht verschneiten Wiese verstärkt, schmerzend blendete. "Na, wenigstens das Board schleppe ich nicht umsonst mit." Zufrieden sah er zu der sperrigen Snowboardtasche hin.

Christian schaute auf und lachte. "Hab ich dir doch gesagt. Da oben liegt immer Schnee, manchmal mehr, als einem lieb sein kann. Schade, dass Lydia nicht mitkommen konnte." Mit einem Gähnen legte er das Buch beiseite und streckte sich. "Ich hoffe nur, dass Nathan pünktlich ist, um uns abzuholen. Sonst wird das arg kalt. Die Wartehalle ist winzig, und ab und an fällt der Strom dort aus."

Tore blickte vertrauensvoll zu seiner dicken Snowboardjacke, die über seiner Tasche mit den überreichlich eingepackten Klamotten lag. Er machte nur ein 'Hm', während er in Gedanken einige Kreuze schlug, weil Lydia nicht dabei war. Er hatte selten das Vergnügen mit der Flamme von Christians Herzen und wollte diese Kontakte sicherlich auch nicht intensivieren. Wenn es nach seiner sehr geheimen Meinung ging, dann nahm sie einen wirklich hübschen, netten und engagierten Mann vom Markt. Einen Mann, für den er sich auch gern in Reihe gestellt hätte, wenn... Tore biss die Zähne fester aufeinander. Wenn da nicht all diese Probleme wären.

Zu seinem Glück kam der Ort recht bald schon in Sicht. Eingeschneite Häuser mit hölzernen Balkonen, ein Kirchturm mit goldenem Wetterhahn. Dahinter konnte man einen kleinen Blick auf einige Ankerlifte an Kinderhängen erhaschen. "Na endlich! Ich kann auch nicht mehr länger sitzen bleiben!"

Übereifrig zerrte Tore seine Taschen von der Ablage herunter und ärgerte sich wieder einmal, dass er so klein war und sich strecken musste. Hastig zog er die weite, graue Cargohose wieder hoch und den grellorangefarbenen Kapuzenpullover herunter.

Christian hatte weniger Probleme mit seinem Koffer, einem übergroßen Exemplar mit grünblauen Schottenkaros, den er sich von seinen Eltern geliehen hatte. Ohne sichtliche Anstrengung hob er ihn herab und ging zur Tür.

"Der Schnee ist supertrocken, klasse zum Skifahren!", rief er begeistert, als er nach draußen in die am Bahnsteig bereits ziemlich niedergetretene Pracht sprang und sein Gepäck aus dem Zug wuchtete. Er stellte es aus dem Weg und holte dann erst einmal einen Transportwagen. Suchend sah er sich um, während er den Reißverschluss seiner dicken, blauen Daunenjacke schloss und den ebenfalls blauen Schal einmal um den Hals wickelte. "Hm, Nathan ist noch nicht zu sehen. Vielleicht steht er auch draußen."

In dem Moment schoss aus der Unterführung, durch die man den Ausgang erreichen konnte, ein noch recht junger Golden Retriever. Bellend und vor Begeisterung mit dem Schwanz wedelnd stürzte er zu Christian, der sich lachend zu ihm hinunterbeugte, um ihn zu begrüßen und zu streicheln. Ein scharfer Pfiff ertönte, und der Hund kehrte sofort wieder um und stürmte dorthin zurück, wo er hergekommen war.

Mit einem breiten Grinsen richtete Christian sich wieder. "Das war Dunja, die Herzensdame meines Bruders. Wir werden nicht warten müssen."

In dem Moment kam ein junger Mann in Jeans und einem dicken, olivgrünen Parka die Treppen empor, dem man die Verwandtschaft mit Christian auf den ersten Blick ansah. Ein wenig kleiner und mit strohblonden, verstrubbelten Haaren statt Christians dunkelblonden hatte er jedoch das gleiche energische Kinn und den gleichen geraden Mund, der zu einem fröhlichen Grinsen verzogen war. Dunja trabte brav, aber noch immer wild wedelnd neben ihm her, als er zu ihnen trat.

"Hallo, du alter Waldschrat! Schön, dich endlich mal wiederzusehen!" Christian schloss seinen Bruder in eine herzliche Umarmung, und Nathan erwiderte sie lachend. "Dito, Bücherwurm! Hast dich ja endlich aus deinen verstaubten Unibibliotheken losreißen können. Ich dachte schon, sie hätten angefangen, dich ebenfalls zu konservieren. Dann hätte deine Prinzessin keine Freude mehr an dir gehabt."

Das trug ihm einen Knuff von Christian ein. "Besser, als im Wald Wurzeln zu schlagen und dort zu bleiben, bis Moos auf der Westseite wächst. Oder war es die Ostseite?"

Sie lachten, als sie sich voneinander trennten. Nathan wandte sich zu Tore und hielt ihm noch immer grinsend die Hand hin. "Hallo."

Tore mochte es eigentlich immer, neue Leute zu treffen, aber dieses Mal war er ein wenig nervös, weil es sich bei Nathan sehr offensichtlich um eine Art Kompaktversion von Christian handelte. /Oh je. Gleich zwei von dieser Sorte./ Er war ein wenig kleiner, ein wenig runder im Gesicht und deutlich kräftiger gebaut, auch wenn er es schaffte, dabei nicht dick auszusehen. Während die Brüder sich gutgelaunt irgendwelche Namen um die Ohren schlugen, hockte er sich deswegen hin und streichelte die Hündin, in deren Brustfell und Pfoten sich reichlich Schneeklumpen festgesetzt hatten.

Als er angesprochen wurde, erhob er sich hastig und nahm kurz die Hand. "Hi." Sich nicht sicher, ob Christian ihn auch namentlich angekündigt hatte, fügte er hinzu "Ich bin Tore." Rasch wendete er sich wieder von dem anderen ab und hievte seine Tasche und die Snowboardtasche hoch.

Christian schob ihm den Transportwagen vor die Füße. "Du musst es dir nicht schwerer machen als nötig, oder?"

"Was? Ne, das geht schon. Bei dem Schnee da vorn fahren die Dinger doch eh nicht." Weil Christian den Wagen jedoch ohnehin zu schieben gedachte, und er nicht unhöflich sein wollte, ließ Tore seine schwere Tasche neben den Koffer fallen.

Nathan betrachtete den neusten Bekannten seines Bruders mit einer gewissen Erleichterung. Er war nahezu immer der Meinung gewesen, dass Christian viel zu gut aussehende Männer mit sich herumschleppte, ohne wirklich zu wissen, was er da an seiner Seite hatte. Bereits als Teenager hatte er viel zu oft dessen Freunde angehimmelt, ohne natürlich je eine Hoffnung auf mehr zu haben, als dass es niemand bemerkte.

Zwar konnte man von Tore nicht sagen, dass er schlecht aussah, allein die grauen Augen waren bemerkenswert, aber er hatte ihm mit je zwei Ringen in den Ohren und dem einen in der Augenbraue schon mal deutlich zu viele gepiercte Stellen. Dazu noch die spikigen Haare...

Nathan grinste leicht, als Dunja ihm mit dem Kopf gegen die Hand stieß, um Aufmerksamkeit zu bekommen, und streichelte sie kurz. "Mädel, du kannst nicht immer im Mittelpunkt stehen."

Wegen des Wagens mussten sie ein Stück weiter den Bahnsteig nach hinten laufen, wo die Rampe zu finden war. Durch die zugige Unterführung ging es direkt zu dem kleinen, zum Glück vom Schnee befreiten Parkplatz.

Nathan hatte einen großen, dunkelblauen Kombi, dessen Kofferraum für den Hund zum Teil mit Decken ausgelegt und vom Rest des Wagens durch ein Gitter abgetrennt war. Kaum hatte er die Klappe geöffnet, sprang Dunja auch schon auf ihren Platz. Nathan befestigte den Koffer und die Taschen mit Halteseilen, ehe er erst die Beifahrertür aufschloss und dann bei der hinteren den Knopf hochzog, bevor er zur Fahrerseite ging.

"Die Zentralverriegelung hat zwei Wochen nach Kauf den Geist aufgegeben", erklärte er auf einen fragenden Blick seines Bruders hin und zuckte mit den Schultern. "Aber ansonsten läuft er brav. Mehr kann man von einem Gebrauchten zu dem Preis kaum verlangen."

"Nee, echt nicht. Setz dich vor, Tore." Christian stieg bereits hinten ein und schlug die Tür hinter sich zu.

Tore ließ sich seufzend in den Autositz fallen. Er hatte wirklich genug gesessen, von dem Gedanken an eine weitere lange Autofahrt wurde ihm schon ganz hampelig zu Mute. Aber da ihm nichts anderes übrig blieb, genoss er die Aussicht auf die verschneiten Berghänge und das malerische Dorf.

"Echt hübsch hier." Er warf einen Seitenblick auf Nathan, der seine Jacke öffnete. /Ja, nicht unhübsch. Schaut mir kräftig aus. Was arbeitet der noch mal? Förster?/ Hastig wendete er den Blick wieder ab.

Nathan warf die Jacke nach hinten und zielgenau auf seinen Bruder, ehe er unter Christians scherzhaftem Geschimpfe grinsend den Motor anließ und die Heizung etwas höher drehte. "Besonders die Wälder abseits der ausgetrampelten Touristenwege, die sind wirklich schön. Das solltest du dir nicht entgehen lassen, wenn du dich auch nur den Hauch dafür interessierst." Es überraschte ihn, dass Tore der ruhige Ort zu gefallen schien; er sah ihm eher danach aus, als würde er sich nur in großen Menschenmengen und mit lauter Musik wohlfühlen.

Tore nickte und warf einige Blicke umher. Er mochte die Stadt, das Summen der Menschen, das Leben, und er mochte die städtischen Sportarten, vor allem, wenn sie riskant waren. Mit Rollerblades oder dem Skateboard über Parkbänke springen oder mit dem Mountainbike in U-Bahnschächten die Treppen hinauf und hinab brettern. Aber zugleich konnte er Zuhause bei seinem Vater auch stundenlang durch die Wälder streifen, und seine letzten drei Praktika hatte er in Zeltcamps mit Überlebenstraining verbracht.

"Ich mag die Wälder, war aber noch nicht in einem Bergwald. Dafür ist es im Winter auch ungeeignet, nicht wahr?" Munter machte er schon seine Pläne für ein Schlittenrennen, als er einige der Rodelbahnen am Ortsausgang entdeckte. Er grinste, als sich auf der Wiese zwei Schlitten nach rasantem Rennen überschlugen und die zum Glück lachenden Kinder im Schnee herumkullerten.

"Cool! Rodeln gehen können wir auch, oder, Chris?"

"Auf jeden Fall! Oma hat die alten Schlitten mit Sicherheit noch im Keller stehen. Ich muss wohl nur die Kufen entrosten."

Der Weg zu seinen Großeltern, die Nathan wesentlich öfter als seine Eltern besuchte, war nicht allzu weit. Nach einer halben Stunde parkte er seinen Wagen in die Einfahrt vor der Garage, in der leider nur Platz für ein Auto war. Das große Zweifamilienhaus, das sich die alten Leute mit einer Familie mit drei Kindern teilten, war weiß gestrichen und leuchtete mit dem Schnee im Sonnenlicht um die Wette. Von dem Garten, der es umgab, war im Moment nicht viel mehr als einige kahle Obstbäume, ebenso kahle Hecken und ein freigeschaufelter Weg vom höher gelegenen Teil zur Garage hin zu sehen, den gerade eine alte, zierliche Frau vorsichtig hinabkam. Sie hatte sich eine braune Strickjacke übergeworfen und hielt sie vorne mit einer runzligen Hand zu. Ihr rundes, faltiges Gesichtchen strahlte vor Freude, als Christian und Nathan ausstiegen.

"Oma!" Christian lief ihr entgegen, umarmte sie und hob sie hoch, um sie einmal im Kreis zu drehen, was ihr einen kleinen, halb erschrockenen Schrei entlockte. "Lass mich runter, du verrückter Junge! Ist das schön, dass ihr endlich da seid."

Christian tat ihr den Gefallen und ließ sie wieder gehen, sein Arm ruhte jedoch weiterhin auf ihrer Schulter, bis sie den Rest des Weges zur Garage gegangen waren. "Oma, das ist Tore. Tore, meine Oma."

Mit einem fröhlichen Lächeln hielt die alte Frau Tore die Hand hin. "Guten Tag, junger Mann."

Tore hatte derweilen bereits seine Taschen aus dem Wagen gehoben, von dem bellenden Hund umwuselt. Er wischte sich schnell noch einmal die Hand ab, dann drückte er die Finger der Oma ein wenig und lächelte, so wohlerzogen er konnte. "Hallo. Danke, dass ich hier sein darf."

"Ach, Horst, das ist mein Mann, und mich freut das, wenn die Kinder Freunde mitbringen. Dann ist wieder ein wenig Leben im Haus." Sie zupfte an ihrem weißen Dutt, dann zog sie fröstelnd die Jacke zurecht. "Lasst uns reingehen, Kinder. Es ist eisig draußen."

Nathan war mit Christians Koffer und mit der fröhlich um ihn herum springenden Dunja bereits vorweg gestapft, was Christian ein Grinsen entlockte. "Manchmal sind kleine Brüder überaus praktisch, besonders, wenn sie ein Auto und zu viel Energie haben."

Sie folgten ihm nach drinnen, wo ein alter Mann mit ausladendem Schnurbart und grauem Haar schon auf sie wartete. Christian umarmte ihn ebenso herzlich wie seine Großmutter, hob ihn jedoch nicht hoch. Noch einmal wiederholte sich die Prozedur des Vorstellens.

"Ich bin noch nicht mit dem Kochen fertig, es ist ja auch noch früh." Die alte Frau hängte ihre Strickjacke in eine von einer dunkelblauen Gardine verborgene Garderobe, ehe sie in ihre Fellhausschuhe schlüpfte. "Wie wäre es, ihr richtet euch ein und schaut euch dann noch mal ein wenig die Umgebung an? Die Zugfahrt war mit Sicherheit auch lang genug, dass ihr euch ein wenig bewegen wollt."

Christian grinste Tore an, als sie, nachdem sie ihn noch einmal umarmt hatte, mit seinem Großvater im wahrscheinlich überheizten Wohnzimmer, durch das man zur Küche gelangte, verschwand. "So, wie ich dich kenne, hat sie da den Nagel auf den Kopf getroffen. Ein Wunder, dass du die Autofahrt noch überlebt hast. Komm."

Das Zimmer, in das er Tore über eine Wendeltreppe nach oben brachte, war nicht besonders groß und recht dunkel, dafür aber viel zu warm. Der hellbraun gefleckte Teppich war vom Alter ausgetreten, aber sauber. Ein Schrank aus dunklem Holz stand links der Tür, daneben eine Kommode. An der Wand über dem großen, weißbezogenen Bett hing die gerahmte Kohlezeichnung eines alten Fachwerkhauses. Schwere, braune Vorhänge, die mehr dem Schmuck als einem anderen Zweck dienten, reichten bis fast auf den Boden.

"Uh, Oma hat wieder übertrieben. Schön kuschelig warm hier." Christian lachte. "Richte dich ein, ich bin direkt nebenan. Das Bad gegenüber steht zu deiner freien Verfügung und ist an dem netten, pausbäckigen Jungen mit dem Pinkeltopf auf der Tür zu erkennen. Komm einfach rüber, wenn du fertig bist, dann können wir wirklich noch mal raus."

Tore riss erst einmal das kleine Fenster auf und regelte die Heizung auf ein Minimum. So wie die Daunenbetten aussahen, würde er sicherlich auch auf dem Schnee noch warm darunter schlafen können. Als nächstes warf er ein T-Shirt und eine weite, lange Hose auf das Bett und räumte Pullis und Hosen in die Fächer des Schrankes, bevor er seine Skihose aufhängte und die warme Unterwäsche in der Kommode verschwinden ließ.

Mit einem missmutigen Gesichtsausdruck versteckte er die Kondomschachtel aus der Waschtasche unter seinen Socken in der zweiten Schublade. Er hatte doch eigentlich etwas ganz anderes vorgehabt. Seufzend brachte er seinen Kulturbeutel im braun gekachelten Bad unter, wo er sich gleich ein wenig um seine Frisur kümmerte. Mit etwas Wasser und Energie befreite er die Haare von dem meisten Gel und versteckte sie dann unter einem rot-grün kariertem Tuch, das er im Nacken fest zuknotete.

Dann kehrte er noch einmal ins Zimmer zurück und leerte zwei Bücher über Jugendpsychologie, einen Block und Stifte auf den Fußboden neben das Bett. Lächelnd setzte er als letztes einen abgegriffenen, weichen Stofftroll mit rotem T-Shirt und violetten Wuschelhaaren zu den Schlafsachen auf das Bett. Er erinnerte sich, wie einer seiner Schützlinge auf dem ersten Jugendcamp ihn in seine Tasche geschmuggelt hatte. Der Troll war von dessen Mutter handgenäht, das hatte Tore einmal erfahren, als er ihn bewundert hatte, um zu verhindern, dass andere Jungs sich lustig machten.

Als Tore entsetzt darüber sogar zu dem Wohnhaus des Jungen gefahren war, um den Troll zurückzugeben, hatte die Mutter des Jungen schlicht gesagt, dass ihr Sohn den Troll gegen seine Angst vor dem Dunkeln gehabt hatte und sehr offensichtlich keine Angst mehr habe.

"Behalten sie ihn für den nächsten Jungen, der sich im Dunkeln fürchtet", hatte sie gesagt und Tore wusste, dass der Junge und vielleicht auch sie bereits wussten, dass er ihn selber würde brauchen können, mehr als jeder andere. Nur, dass das Dunkel, vor dem er sich fürchtete, nicht außerhalb lag, sondern in ihm.

Hastig wendete er sich ab und nahm seine Handschuhe und die dicke Jacke auf, um damit zu Christian nach nebenan zu gehen, so dass sie sich die Umgebung ansehen konnte. Er brannte darauf, sich auszutoben.

Auch in Christians Zimmer stand das Fenster sperrangelweit offen, was zur Folge hatte, dass sich die Temperatur langsam einem normalen Maß näherte. Christian warf gerade seinen leeren Koffer auf den Schrank aus hellem Birkenholz, während Nathan, der auf dem Bett saß, mit einer Hand seinen Hund streichelte.

Er grinste Tore an, als dieser reinkam, registrierte das rot-grünkarierte Tuch und befand im Stillen, dass es ihm wesentlich besser stand als die Spikes, nicht, dass er ihm das jemals sagen würde. "Gar gekocht? Ich hatte die Heizung runtergedreht, bevor ich gefahren bin, um euch zu holen. Aber Oma scheint gedacht zu haben, ihr werdet erfroren sein, nach der langen Zug- und dann noch einer Autofahrt."

"Das liegt nur daran, weil sie selber so leicht friert." Christian streckte sich mit einem Gähnen. "Ich empfehle dir, ein T-Shirt anzuziehen, wenn wir essen nachher. Das Wohnzimmer kocht genauso. Bist du fertig?"

Tore nickte nur und lockte die hechelnde Hündin zu sich. Grinsend strich er ihr die Ohren platt an den Kopf und stellte fest, dass Hunde alle gleich waren. Sie schloss die Augen und leckte ihm einmal durchs Gesicht. Das Licht draußen wurde gerade leider trüber, und so sprang er gleich wieder auf und ging aus dem Zimmer. "Dann mal los, bevor es wieder schneit, schaut mir ganz danach aus."

"Ich mag Schnee auch dann, wenn er noch fällt." Christian grinste, griff nach seiner blauen Jacke und folgte Tore. Fast zwei Stunden stapften sie durch das verschneite Dorf, lieferten sich eine wilde Schneeballschlacht, die nach kurzem Waffenstillstand in eine zweite überging, diskutierten Professoren und Seminare durch und kamen schließlich ein wenig aufgeweicht und mit roten Wangen wieder zurück.


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by Jainoh & Meike "Pandorah" Ludwig