Oh du Fröhliche

3.

Nathan verabschiedete sich knapp eine Stunde später. Seine Großeltern ließen sich von Christian alles über Lydia erzählen, ob sie nicht endlich Heiratspläne hatten, wie es bei dem letzten Besuch bei ihren Eltern gewesen war, und, und, und. Er hatte keine Lust auf die fünfhundertste Lydia-Geschichte, auch wenn er es nachvollziehen konnte. Denn es war sehr wahrscheinlich, dass Christian der einzige der Familie war, der Nachkommen in die Welt setzen würde.

Zwar hatte er mit seinen Großeltern nie darüber gesprochen, aber er vermutete, dass sie im Gegensatz zu seinen Eltern ahnten, dass er schwul war. Sie würden deswegen mit ihm aber nicht den Kontakt abbrechen, wie er es von seinen eigenen Eltern vermutete. Immerhin hatten diese, als sie von der Homosexualität seines Onkels erfahren hatten, diesen für nicht mehr zur Familie gehörig erklärt.

Mit ausdruckslosem Gesicht erinnerte Nathan sich an die bösen Worte, die sowohl sein Vater wie auch seine Mutter für den Weg seines Onkels übrig gehabt hatten, an die religiösen Begründungen, die sie aufgezählt hatten. Nur wenig später hatte er herausgefunden, dass er selber schwul war und nur noch das Ziel gehabt, so schnell wie möglich auszuziehen. Statt des von ihm erwarteten Abiturs hatte er die mittlere Reife gemacht, dann die Ausbildung, und direkt nach seinem Wehrdienst war er vollkommen ausgezogen. Er hatte es nicht bereut.

Langsam stieg er die Treppe hoch, in Gedanken noch immer bei den unerfreulichen Wochen, die dem Outing seines Onkels gefolgt waren, als er den schmalen Lichtstreifen bemerkte, der unter Tores Tür hervorkam. Noch bevor er darüber hatte nachdenken können, hatte er angeklopft, ohne auch nur zu wissen, was er überhaupt sagen wollte.

Aber mit einem Mal hatte er das Bedürfnis, die großen, grauen Augen zu sehen, die den Abend über immer wieder seinen Blick erwidert hatten. Das Lächeln, das über Nathans Gesicht huschte, verdrängte die unangenehmen Erinnerungen. Tore hatte mit ihm geflirtet, direkt im Wohnzimmer seiner Großeltern. Doch es kam keine Antwort. Nathan klopfte erneut. "Tore? Noch wach?"

Als wieder keine Antwort kam, öffnete er einfach die Tür. Das Bild, das ihn empfing, ließ sein Lächeln tiefer werden. Der junge Mann lag auf dem Bett, ein buntes Stofftier im Arm und halb auf einem dicken Buch, und war ganz offensichtlich am Schlafen. Seine weichen Lippen standen ein wenig offen, und seine Miene war entspannt, wenn auch leicht erschöpft. Endlich verbargen weder das Tuch, noch ein Übermaß an Stylinggel den Blick auf seine blonden Haare, die ihn, zerzaust wie sie waren, kindlicher wirken ließen.

Nathan spürte bei dem Anblick das Verlangen, sich dazu zu legen, den Arm um die schmale Gestalt zu schlingen und ihn einfach festzuhalten. /Beschützenswert... Dabei ist er bestimmt älter als ich./ Mit einer Gebärde und einem leisen Wort verwehrte er Dunja den Zugang, ehe er selber eintrat.

Er zog ihm vorsichtig das Buch unter dem Kopf hervor, klappte es zusammen und legte es auf den Nachttisch, ohne den Blick von dem anderen Mann zu lassen. Nahezu selbstständig streckte Nathan die Hand nach dem faszinierenden Gesicht aus, wollte ihm über die Wange streicheln, doch bevor er ihn berühren konnte, seufzte Tore leise im Schlaf, und Nathan zuckte erschrocken zurück. /Dummkopf, tu doch so was nicht./

Lautlos machte er einen Schritt zurück, löschte das Licht und ging dann in sein eigenes Zimmer, wo Dunja in ihrer Ecke verschwand. /Dummkopf/, dachte er erneut. /Nur, weil er ein wenig mit dir geflirtet hat... Er hat mit mir geflirtet. Er hat wunderschöne Augen, und er hat mit mir geflirtet./ Unwillkürlich musste er lachen. "Und das im Wohnzimmer meiner Großeltern. Dunja, wenn er so weitermacht, kann ich ihm nicht mehr wiederstehen. Wer hätte das gedacht. Einer von Christians Freunden ist schwul."

Rasch zog er sich um, ehe er noch einmal im Bad verschwand, um dann ebenfalls ins Bett zu gehen. Dass er Tore wieder vor sich sah, kaum dass er die Augen geschlossen hatte, verwunderte ihn nicht.

 

Tore wachte im Dunkeln auf und streckte sich gähnend, bevor er sich aus dem Bett schwang und das Fenster öffnete. Die Sterne funkelten noch, wenn auch schon blasser, aber den Anblick war er gewohnt. Er war noch nie ein Langschläfer gewesen und bemerkte auch nun nach einem Blick auf seine Uhr, dass es erst halb sieben war. Dennoch beeilte er sich, um vor den anderen beiden in die Dusche zu kommen, vor allem, weil er ein wenig länger brauchte.

Er suchte sich eine neue Shorts heraus. Ebenfalls eng, dieses Mal in schwarz mit neckischen Netzteilen an den Seiten. Ein Geschenk von Schulfreunden, die ihn hatten ärgern wollen, ohne zu ahnen, dass er diese Art Wäsche gern anzog.

Die Dusche tat ihm gut. Er hatte einen leichten Muskelkater von der noch ungewohnten Bewegung beim Schlittschuhlaufen, aber der ließ sich mit ein wenig heißem Wasser wegmassieren. Anschließend zog er sich die Shorts an und begann, sich dann für das Rasieren einzuseifen, während er mit der Handkante den Spiegel frei wischte.

Grinsend freute er sich schon auf den Tag. Mit Chris, aber vor allem auch mit Nathan. /Mit ihm kann man gut flirten. Ob er das, was wir tun, auch als Flirt auffasst? Vielleicht bewerte ich das übermäßig?/ Doch dann schüttelte er leicht den Kopf und spülte den Rasierer mit Wasser ab. /Nein. Er hat mir direkt in die Augen gesehen. Das machen Heteros nicht, jedenfalls nicht mehr als einmal./

Erneut erinnerte Tore sich an den Körper, dem man die körperliche Arbeit ansah; der öfter mal ein wenig nachdenkliche Ausdruck in dem runden Gesicht mochte gar nicht so recht dazu passen. /Bücherwurm sagt er zu Chris, aber liest er selber wirklich nicht gern?/ Grübelnd ließ Tore den Rasierer sinken. /Warum zum Teufel denke ich so viel über ihn nach? Ich werde ihn noch eine Woche lang sehen, zu Silvester bin ich doch schon längst wieder daheim. Silvester ziehe ich endlich meinen Plan durch!/ Auch wenn der Gedanke ihm ein wenig Angst machte.

Als Nathan erwachte und das Licht einschaltete, saß Dunja bereits erwartungsvoll vor seinem Bett und sah ihn an. In der Helligkeit blinzelnd grinste er und rieb sich erst einmal die Augen, ehe er aufstand. "Na, Lady, dir kann es auch nicht früh genug losgehen, hm?"

Gähnend streckte er sich, entledigte sich dann rasch seines Schlafanzugs, um in der kalten Luft fröstelnd zu seinem Schrank zu laufen. Doch als er ihn öffnete, fiel ihm ein, dass er den dicken Trainingsanzug am Morgen davor im Badezimmer hatte liegen lassen, um ihn später wegzuräumen. Später hatte sich ziemlich offensichtlich auf jetzt verzögert, denn er hatte ihn vollkommen vergessen. Und da seine Oma es sich abgewöhnt hatte, für ihn aufzuräumen, nachdem er ihr erklärt hatte, dass er das gar nicht leiden konnte, egal wie gut sie es meinte, musste er noch immer dort auf dem Hocker auf ihn warten.

Als er auf den Flur trat, sah er den Lichtstreifen unter der Tür vom Badezimmer schimmern. Unwillkürlich musste er grinsen. /Hat Chris schon wieder vergessen, das Licht auszuschalten. Da kann er nur hoffen, dass Opa das nicht gesehen hat, sonst geht er wieder die Wände hoch ob der Stromverschwendung./

Er öffnete die Tür, nur um dann erst einmal für einen Moment innezuhalten. Es war nicht Christians Schuld. Stattdessen wurde er mit einem wirklich atemberaubenden Anblick konfrontiert, der lediglich von dem Rasierschaum im Gesicht etwas getrübt wurde. Tore stand bis auf eine enge, schwarze Shorts, die seinen knackigen Hintern deutlich betonte, nackt vorm Spiegel; durch die seitlichen Netzeinsätze konnte man die blasse Haut sehen, was Nathan mehr als sexy fand. Und dass, obwohl Tore ihm fast ein wenig zu dünn schien. Nathans Blick glitt über die leicht abgebildeten Muskeln des Bauches und der Oberschenkel, ehe ihm bewusst wurde, dass er starrte. /Großartig, Mann! Reiß dich zusammen! Gott, sieht der gut aus!/

"Na, damit hatte ich jetzt nicht gerechnet. Morgen." Er trat ein, schloss die Tür endlich hinter sich, um nicht die komplette Wärme auf den kalten Flur entweichen zu lassen und ging zu dem Hocker in der Ecke, auf dem nach wie vor der graue Trainingsanzug mit den blauen Streifen lag. "Dann gibt es jetzt wohl außer mir noch einen Frühaufsteher im Haus."

Tore wich mit einem kleinen Geräusch ein wenig von der Tür zurück, dann erinnerte er sich, dass er den Schlüssel nicht wirklich enthusiastisch umgedreht hatte. "Oh... habe wohl..." Er fing sich, nachdem er Nathans Abwenden zu einem kleinen Streifzug der Blicke über dessen Körper genutzt hatte.

"Morgen. Ich brauch immer so lange, deswegen wollte ich früh ins Bad." /Hm... nett./ Ihm gefielen die Rückenmuskeln, und der Hintern war sicherlich auch nicht übel. /Wie er wohl ausgestattet... Tore! Verdammt noch mal! Augen geradeaus, aber Zackzack!/ Rasch wendete Tore sich wieder dem Spiegel und seiner Rasiererei zu. "Wenn du noch fünf Minuten wartest, dann komme ich mit, Nat." /Scheiß auf die Frisur, das hier ist wichtiger./

/Nat... Schon wieder Nat./ Unsichtbar für Tore, dafür aber sehr breit grinste Nathan seinen Trainingsanzug an. /Und er will mitkommen. Yay!/ Noch bevor er seine Mimik in eine vollkommen neutrale Form gebracht hatte, drehte er sich schon wieder um, sah den anderen Mann im Spiegel an, um nicht gleich wieder auf den Hintern starren zu müssen. "Klar warte ich. Komm einfach zu mir rüber, wenn du fertig bist."

Er zwinkerte ihm kurz zu, beschimpfte sich gleich darauf dafür und verließ das Bad, um zurück in sein Zimmer zu gehen. Während er sich anzog und seine Laufschuhe schnürte, sah er zu der erwartungsvoll wedelnden Dunja hin.

"Er kommt mit; deswegen wirst du noch ein paar Momente warten müssen", erklärte er ihr leise und grinste schon wieder. "Jetzt sag mir mal, ob das ein spontaner Entschluss war oder ob er öfter Joggen geht. Und wenn es spontan war, ob es wegen mir ist. Dunja, Mädel, er sieht zum Anbeißen aus. Ein bisschen dünn, aber... Wow."

Mit einem Lachen streichelte er ihr über den Kopf und stand auf. "Mal schauen, ob er so schnell wie Chris aufgibt und auf der Hälfte der Strecke umkehren will. Und wenn ja... ob ich dir deinen Morgenspaziergang kürze."

Tore hastete aus dem Bad und hechtete förmlich zuerst in die alte Unterhose; wenn sie Joggen gehen würden, dann würde er ohnehin noch einmal duschen. Dann stürzte er sich in ein T-Shirt, seinen Trainingsanzug und einen Kapuzenpullover, den er darüber zog und dessen Kapuze er rasch schützend über seine noch feuchten Haare stülpte. Die Turnschuhe waren noch nicht ganz zugebunden, als er schon zu Nathan rüberlief. "Fertig, du wolltest doch auch joggen, oder?" Hoffnungsvoll sah er Nathan an, während er der japsenden Hündin auf die Flanken klopfte.

Nathan lachte leise. "Sicher wollte ich das. Mache ich jeden Morgen. Und mittlerweile hat Dunja sich so daran gewöhnt, dass sie mir böse ist, wenn ich es mal nicht schaffe."

Sie folgten der Hündin, die vor ihnen die Treppe heruntersprang und fröhlich nach draußen in den Schnee stürmte, kaum dass Nathan die Tür geöffnet hatte. Er tastete nach, ob er auch den Schlüssel dabei hatte, denn selbst, wenn sie die gesamte Strecke durchzogen, würden sie zurücksein, bevor seine Großeltern oder Chris wach wären; er hatte nicht vor, sie wecken zu müssen, weil er vergesslich war.

Eine Weile liefen sie still nebeneinander her, das Knirschen ihrer Schritte und Dunjas Hecheln die einzigen Geräusche zu der frühen Morgenstunde. Das Dorf lag noch im Tiefschlaf. In der Nacht war wieder Schnee gefallen, so dass auf der frischen Decke nur Spuren von Vögeln, Kaninchen und einem schnürenden Fuchs zu sehen waren, die Dunja mit Interesse verfolgte.

Nathan stellte fest, dass er Tores Anwesenheit genoss, einfach nur, dass er da war, auch ohne dass sie sich unterhielten. Das Echo zu seinen Schritten, seinem Atem.

"Wie lange willst du laufen?", fragte er dennoch schließlich, als sie kurz vor einem Scheideweg waren. "Die kleine, die große oder die Ausdauertour? Das heißt, eine halbe, eine ganze oder zwei Stunden?"

Tore grinste ihn halb versteckt unter der Kapuze an. "Mich bekommst du nicht tot, aber wenn wir zu lange laufen, dann machen sich die anderen vielleicht Sorgen." Seine Füße waren eigentlich jetzt schon recht durchgefroren, aber das würde er Nathan sicherlich nicht erzählen. /Nicht, dass er denkt, ich bin eine Sissy./

Sie liefen nun unter Bäumen auf einem Trimmpfad entlang, der angenehm leichte Steigungen und Senken enthielt. Unter dem Schutz der Äste lag weniger Schnee, was das Laufen erleichterte. Tore merkte, wie seine Nase und seine Finger den Füßen im Einfrieren folgten und lenkte sich mit Gedanken an den heißen Typen neben sich ab.

/Nicht der übliche Schönling; um genau zu sein nicht mal mein Typ, aber... er sieht so verdammt kuschelig aus, als ob er drauf stehen würde, einen im Bett nicht mehr loszulassen... und als ob er mit seinen kräftigen Händen gut massieren kann./ Genießerisch driftete Tore in seine Träume von den Dingen ab, die ja doch nie passieren würden.

Sie waren offensichtlich eine mittlere Runde gelaufen, denn als sie verschwitzt und verfroren wieder beim Haus ankamen, waren zwar die Mieter und ihre Kinder schon auf und schippten den Schnee von der Auffahrt, aber von Chris und den Großeltern war unten noch nichts zu sehen. Im Bad rauschte die Dusche.

Tore ließ sich auf einen Küchenstuhl fallen und wischte sich über die Stirn. "Yay, das hat gut getan!" Neugierig sah er sich um und fragte dann "Solange die Dusche besetzt ist, könnten wir doch eigentlich 'ne heiße Schokolade trinken, oder?" Suchend glitt sein Blick an den ordentlich beschrifteten Aufbewahrungsdosen entlang.

Nathan hatte noch rasch Dunja mit einem alten Handtuch abgetrocknet, ehe er sie in die Wohnung gelassen hatte. Jetzt lief er mit seinen ausgetretenen Hausschuhen an Tore vorbei. "Sicher. Ich mach dir gerade eine." Er selber gönnte sich erst einmal eine halbe Flasche Apfelsaftschorle, ehe er Kakao aus dem Regal holte und in einer besonders großen Tasse anrührte, die er dann schlicht in die Mikrowelle stellte. Während sie ihre Kreise drehte, brachte er Tore ebenfalls eine Flasche Schorle. "Du auch? Wenn oben frei ist, kannst du rein. Ich werde einfach das Bad meiner Großeltern in Beschlag nehmen, das geht schon. Ich bin trotzdem fertig, ehe sie wach sind."

„Chris braucht ja nicht so lange. Bloß blöd, dass ich schon geduscht hatte. Wenn ich gewusst hätte, dass hier jemand früh aufsteht und dann auch noch joggen geht. Machst du das morgen wieder?“ Er blinzelte, dann grinste er. „Ach nein, Chrissi meinte was von Party und Disco heute Abend, richtig? Kommst du mit?“ Er zog sich seinen der Pullover über den Kopf und glättete seine zu allen Seiten abstehenden Haare nachlässig.

Nathan grinste ebenfalls. „Sicher. Ihr braucht ja jemanden, der euch fährt, wenn ihr etwas trinken und trotzdem wieder nach Hause kommen wollt. Da kommen entweder Opa oder ich in Betracht. Dass ihr Opa dafür begeistern könnt, ist fraglich.“ Und wenn er eine Chance hatte, mit Tore zusammen zu sein, würde er sich die nicht entgehen lassen. Ihn tanzen zu sehen, war bestimmt ein Erlebnis, so voller Energie wie der andere war.

Als ein deutliches Ping ertönte, holte Nathan die Tasse aus der Mikrowelle, rührte noch einmal um und stibitzte seiner Großmutter von der Sahne, die eigentlich für den Kuchen gedacht war, um eine nette Haube darauf zu sprühen. Mit einem Grinsen stellte er sie vor Tore, ehe er sich ihm gegenüber setzte. „Ich hoffe, das ist genehm.“

Tore versenkte sich nach einem kleinen Lächeln schweigend in die dampfende Tasse und genoss den Unterschied von der kühlen Sahne an den Lippen zum heißen Kakao. Schließlich hörte er am Poltern aus dem Obergeschoss, dass Chris ihm die Dusche freigegeben hatte. Rasch stellte er den Becher auf die Seite und erklärte Nathan, dass er den Kakao zum Frühstück später weiter trinken würde, bevor er nach oben flüchtete.

Nathan direkt vor sich sitzen zu haben, in seine grünlichen Augen zu sehen und das vergnügte Funkeln darin zu erkennen, wenn ihre Blicke sich begegneten, schuf eine nervöse Wärme in ihm. Zudem hatte er immer mehr den Wunsch verspürt, seine Hand über den abgeschabten Holztisch zu reichen, um die kräftigen Finger zu berühren, denen man deutlich die Arbeit ansah.

Den Wunsch konnte er zwar kurze Zeit unterdrücken, aber als sie eine halbe Stunde später in größerer Runde erneut an dem Tisch saßen und gemeinsam mit Chris und den Großeltern Brot und aufgebackene Brötchen aßen, kehrte er zurück.

Immer häufiger wurde Tores Blick zu Nathan gezogen, immer seltener schaffte er es, rechtzeitig wegzusehen, um nicht erwischt zu werden. Dennoch ging er zunächst mit Chris allein in das Dorf, um noch ein paar Kleinigkeiten für Freunde aus der Uni einzukaufen und sich ein wenig umzusehen.

/Wie bekomme ich mehr über ihn heraus, wie schaffe ich es, zu erfahren, ob er nur spielt? Er wirkt schon so erwachsen, schon so viel älter als er ist. Eigentlich ist er doch sicher noch jünger als ich, oder?/ Entschlossen fragte er Chris, als sie am Mittag auf dem Rückweg zum Haus waren. "Sag mal, dein Bruder ist doch jünger als du, nicht? Er wirkt so... erwachsen. Weißt du, was ich meine?"

Christian lachte und sah zu ihm hin. "Erwachsen? Nun ja... nicht, wenn du ihn näher kennen lernst. Er ist durch und durch ein kleiner, nerviger Bruder." Während er eine seiner beiden Tüten in die andere stopfte, gab er jedoch zu "Ja, ich weiß, was du meinst. Liegt vielleicht daran, dass er schon recht früh von zu Hause weg ist. Hat weder Abi gemacht, noch studiert. Er wusste verdammt früh, was er wollte. Er ist einundzwanzig, arbeitet aber schon seit über einem Jahr richtig."

"Durch und durch nerviger Bruder, hm?" Tore kickte einen Eisbrocken über die Strasse, als sie in die kleine Gasse einbogen, in der die Großeltern wohnten. "Meine Mutter hat mir vor einer Woche erzählt, dass ich - hurra - einen kleinen Bruder bekommen werde. Mit ihren Vierzig ist sie noch mal schwanger geworden. Toll."

/Erzählst du ihm jetzt, dass du schwul bist, und dass deine Mutter wörtlich gesagt hat, dass sie hofft, dass es diesmal ein normaler Junge wird?/ Das war der Grund, aus dem er ihr gesagt hatte, dass er beim Vater Weihnachten feiern würde. Jener aber war gar nicht da, sondern verlobte sich auf Hawaii mit seiner fast zwanzig Jahre jüngeren Langzeitgeliebten.

"Du kriegst einen Bruder?" Überrascht drehte Christian sich ihm zu. Er schien etwas sagen zu wollen, grinste fröhlich, doch schnell wurde es schief, dann schwieg er. Einen Moment später seufzte er. "Nun, weißt du, eigentlich ist er nicht schlecht. Ich bin froh, dass es ihn gibt, egal wie sehr ich manchmal über ihn lästere." Die Geste, mit der er sich durch die Haare strich, wirkte ein wenig unsicher. "Das liegt bei dir etwas anders, ich weiß." Wieder schwieg er einen Augenblick. "Aber selbst wenn es dich nicht gerade vom Hocker haut vor Begeisterung, irgendwie klingst du ja fast sauer deswegen. So schlecht ist es mit Sicherheit nicht."

Tore seufzte und zuckte mit den Achseln. "Ich fühle mich, als würden sie mich als einen Fehler aus ihrer Vergangenheit ansehen. Meine Mutter war siebzehn, und ich war ein Flower Power Unfall von den beiden. Nun haben sie beide ihr richtiges, ordentliches Leben, und ich erinnere sie nur an die Fehler."

Er seufzte noch einmal und entdeckte dann Nathan, der aus einem Fenster des Hauses anscheinend nach dem Hund im Vorgarten sah. Grinsend winkte Tore ihm zu und endete "Vermutlich werde ich nicht viel mit ihm anfangen können. Wenn er zu studieren anfängt, bin ich längst alt."

Christian grinste ebenfalls und stieß ihm in die Seite. "Wenn du ein Fehler bist, dann ein gut gelungener."


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