Oh du Fröhliche

4.

Nathan hatte festgestellt, dass ihm die Zeit, bis Tore zurückkam, deutlich länger vorgekommen war, als es eigentlich hätte sein sollen. Er beschäftigte sich damit, den Keller schon einmal durchzusehen, was er ausmisten musste. Seine Großeltern hatten die Tendenz, Vorräte anzusammeln, als müssten sie eine Hungerzeit durchstehen, und diese dann derart lang zu vergessen, dass selbst bei Dosen das Haltbarkeitsdatum abgelaufen war. Dunja leistete ihm eine Zeitlang Gesellschaft, doch dann verlor sie die Lust und bettelte so lange, bis er sie in den Garten ließ.

Unerwartet oft ertappte er sich dabei, aus dem Keller nach oben zu laufen, um nach ihr zu sehen. Es war nicht so, dass er sich Sorgen um sie machte, dass sie zu lange draußen blieb. Stattdessen schaute er immer wieder den Weg entlang, den Tore und Christian kommen mussten, wenn sie endlich wieder zurück waren.

Als er sie dann endlich kurz nach Mittag erblickte, blieb er einfach am Fenster stehen, obwohl er es besser wusste. In seiner dicken Winterjacke wirkte Tore noch kleiner und dünner und dadurch noch niedlicher, als er es ohnehin schon war. Dann sah der andere zum Haus hin, und Nathan hatte das Gefühl, dass sich ihre Blicke direkt trafen. Er lächelte, spürte Wärme in sich, als der andere Mann ihm zuwinkte und hob selber grüßend die Hand.

/Ich bin mir sicher, dass er schwul ist. Schwul und nicht uninteressiert./ Während er Teewasser aufsetzte, drifteten seine Gedanken zum Frühstück zurück. Tore hatte schon fast auffällig oft zu ihm hingesehen, doch er war sich sicher, dass es niemand außer ihm bemerkt hatte. /Hm... vielleicht komme ich ihm heute Abend etwas näher. Wenn er etwas trinkt, vielleicht./ Nicht, dass er mit viel rechnete, immerhin waren sie dort nicht allein und nicht in einer Schwulendisco.

Er warf ein paar Teebeutel Pfefferminztee in eine Tasse, dann ging er zur Haustür, um Tore und seinem Bruder zu öffnen und seine Hündin wieder hereinzuholen. Er pfiff nach Dunja und hielt sie davon ab, direkt in den Flur zu stürmen. Während er sie mit dem alten Handtuch trocken rubbelte, grinste er zu Tore hoch, als dieser hinein kam. "Na, fündig geworden?"

Tore fuhr sich kurz mit den Fingern über seine wieder zu kleinen Stacheln aufgestellten Haare und erwiderte das Lächeln mit einem kleinen Blick in die Augen, dann strich er der Hündin einmal über den Kopf, überlegte, ob er es dazu kommen lassen sollte, dass sich ihre Hände einmal streiften, doch zog sich dann gleich wieder zurück. "Nein. Alles war hektisch und ausgesucht. Ich hab aber für eure Großeltern etwas gefunden, das sie vielleicht mögen werden. Zum Glück haben sie es dort schon eingepackt."

Er sah sich nach der Oma in der Küche um und beugte sich dann mit einem versteckten Grinsen zu Nathan runter, um ihm vertraulich ins Ohr zu flüstern "Ein kleines Räuchermännchen. Chris meinte, dass ihr altes zerbrochen ist." Er richtete sich wieder auf. "Ich werde mal meine Eltern anrufen gehen. Bis nachher."

"Bis nachher." Nathan lächelte in sich hinein und genoss den Nachhall des Prickelns, das Tores Mund direkt neben seinem Ohr und die leise Stimme hervorgerufen hatten. Es war fast wie ein Vorgeschmack gewesen, wie es klingen könnte, wenn er ihm anderes sagte.

/Idiot/, dachte er belustigt und schickte Dunja mit einem Klaps weg, ehe er aufstand. /Aber wenn er jetzt nicht von Räuchermännchen erzählt hätte, seine Stimme vielleicht noch ein klein wenig atemlos.../

Abrupt nahm das Kribbeln in ihm zu und brachte ihn dazu, in die Richtung zu sehen, in der Tore verschwunden war. /Warum stehe ich auf ihn? Das ist absurd. Ein Kumpel von Chris, gepierct, zu dünn. Und mit Abstand die schönsten, grauen Augen, die ich je gesehen habe. Plus ein wirklich süß schmolliger Mund, von dem ich zu gerne wüsste, wie er schmeckt./

Leider nahm Christian den anderen Mann viel zu sehr in Beschlag, so dass Nathan nach dem Mittagsessen allein mit Dunja loszog. Als er endlich nach zwei Stunden wieder zurückkehrte, sich wesentlich besser fühlend, waren sein Bruder und Tore oben im Zimmer, um über ein Projekt zu sprechen, während sein Opa im Sessel einen etwas verspäteten Mittagsschlaf hielt. Bis zum Abend bekam er ihn auch nicht wieder zu Gesicht, was ihn nicht unbeträchtlich störte, auch wenn er es verbarg und sich verstärkt dem Keller widmete.

Tore reichte es gerade und er wollte schon aufspringen, als Chris ihn erlöste und ankündigte, dass sie nun rodeln gehen würden. Es war noch früher Nachmittag, aber mehr als zwei oder drei der Touren würden sie kaum schaffen. Leider kam dann auch noch Nebel auf, und sie schafften nur eine Abfahrt, waren durchgefroren, und Tore wurde im Verlauf des Nachmittags immer hibbeliger.

Dankbar kletterte er deswegen nach einem ausgefeilten Styling und längerem Überlegen der Kleidung in den blauen Kombi, um mit Chris und Nat zu der Dorfdisco zu fahren. /Hoffentlich lassen sie die Leute da tanzen. Ich muss mich dringend austoben./ Er betrachtete Nathan, und ihm gefiel immer mehr, was er sah. Statt der üblichen weiten Hosen trug der andere Mann eine weiße, enge Jeans, die seinen Hintern betonte, dazu ein grünes Hemd, das die Farbe seiner Augen leuchtender werden ließ. Sein Haar war jedoch zerzaust wie immer, mit einfacher Bürste ließ es sich offensichtlich nicht in Form bringen.

Tore selber hatte seine Haare nach der dritten Dusche an dem Tag nur mit Gel zerstrubbelt. Dafür hatte er sich mit den Klamotten Mühe gegeben. Nach einem längeren Hin- und Herlaufen vor dem Kleiderschrank entschied er sich, seine enge, schwarze Hose und ein dazu passendes schwarzes Shirt mit grellem Aufdruck und Netzteilen anstelle der Ärmel anzuziehen. Darüber trug er noch einen orangefarbenen Pullover, aber den gedachte er bei gegebener Gelegenheit aufzugeben.

Nervös drehte er den breiten Silberring an seinem Daumen, weil er sich fühlte, als würde ein Überdruckventil in ihm demnächst aufgeben und er Nathan anfallen müsste. Die Spannung zwischen ihnen war seit dem letzten Treffen über das leichte Flirten hinaus geraten. /Selber Schuld, Tore. Aber er geht drauf ein, spielt mit. Ob er die richtige Wahl wäre?/

Zuerst holten sie jedoch Freunde von Nathan und Chris bei deren Eltern ab. Man musste in das Wohnzimmer gehen, mit den Eltern reden, mit den Freunden von alten Zeiten schwärmen, und es gab schon bei beiden Besuchen die ersten zwei Bier. Tore setzte sich extra weit von Nathan entfernt, zu Chris, um die Zugehörigkeiten einfacher zu gestalten.

Zudem gab es ihm mehr Gelegenheit, damit zu beginnen, sich nach der Nähe und dem Geruch von Nathan zu sehnen. Er stellte fest, dass es ein Fehler gewesen war, sich so dicht zu ihm herabzubeugen. Nathan hatte so lecker gerochen, sein Nacken war so dicht gewesen, hatte viel zu sehr dazu verführt, schnell einmal zu probieren, ob der Geschmack ebenso lecker war.

Zu seinem Glück brachen sie recht bald auf und fuhren die knapp zehn Kilometer in die kleine Diskothek im Nachbardorf. Es stellte sich als eine Aprés-Ski-Kneipe heraus, in der auch reichlich Urlauber schon ordentlich betrunken feierten. In einem Raum wurden Schunkellieder für ältere Gäste gespielt, im größeren Nebenraum sorgte jedoch ein Diskjockey für ordentliche Musik zum Abreagieren.

Tore verabschiedete sich von seinem Pullover, den er auf einer Ablage über einer Box deponierte und stürzte sich in die Menge, während Nathan und Chris sich noch mit ihren Freunden an die Bar begaben. Er brauchte nicht lange, um sich ausgetobt zu haben. Einige Lieder und ein paar riskantere Bewegungen später hatte er ein wenig mehr Platz gewonnen und seinen Kopf frei bekommen. Frei von den Sorgen und dem Ärger um seine Eltern, frei von seinen Gedanken und Wünschen Nathan betreffend. /Wenn ich nichts erwarte, dann kann er mich nicht enttäuschen./

Als Tore sich das erste Mal bereits so weit von ihm weggesetzt hatte, als sie ihre Freunde abgeholt hatten, verabschiedete sich Nathan von dem Wunschtraum, ihm etwas näher zu kommen. Bei den nächsten wurde das noch verstärkt, als sich das Spiel wiederholte. /Als ob er mir ausweichen würde. Hat er es über bekommen? Will er doch nichts? Hat er sich umentschieden? Oder ist er einfach nur... hm... schüchterner, als man es denken mag?/

Dankbar ließ Nathan sich von den anderen ablenken, als sie erst einmal an die Bar gingen, auch wenn er Tore noch einen Blick hinterher warf. Ganz in schwarz mit den Netzärmeln und der engen Hose sah er einfach nur sexy aus, und Nathan hatte mit einem Mal das intensive Bedürfnis, ihm zu folgen, ihn in den Arm zu ziehen und Besitzansprüche geltend zu machen, als er die ersten Mädels sah, die Tore mit den Blicken folgten.

/Hör auf, Dummkopf. Entweder ist ihm das egal, oder du bist ihm egal. Beides läuft auf eine endgültige Entscheidung hinaus./

Die nächste halbe Stunde gelang es ihm wirklich, nicht mehr an ihn zu denken, während er in Gespräche verwickelt wurde und zwei Einladungen auf ein Bier ablehnte, um sich an seiner Cola festzuhalten. Wenn er fuhr, trank er grundsätzlich nicht. Doch dann zogen sich auch Christian und sein Kumpel auf die Tanzfläche zurück und der andere mit seiner Freundin in eine ruhigere Ecke. Nathan überlegte, ob er auch tanzen wollte, doch stattdessen bestellte er ein Bier, und als dieses kam, ging er auf die Suche nach Tore.

Er entdeckte ihn noch immer auf der Tanzfläche, mittlerweile schwitzend und dadurch unergründlicher Weise noch wesentlich attraktiver. Nathan konnte nicht anders, als ihn erst einmal zu beobachten, ehe er sich kurz vor Ende eines Songs zu ihm drängte.

"Bier? Ich dachte, du müsstest mittlerweile Durst haben."

Tore erfasste mit einem kleinen Blick in die Runde, dass es sich nur um Nathan handelte und grinste ihn an, während er sein Hemd hochzog, um sich einmal schnell über das Gesicht zu tupfen. Rasch ließ er seinen Hemdsaum wieder fallen, weil diese beiden Mädchen, die ihn schon eine ganze Weile angetanzt hatten, sich kichernd dichter in seine Nähe drängten.

"Danke, das wäre mein nächstes Ziel gewesen." Er warf einen Blick seitwärts auf die Mädchen, dann lehnte er sich an Nathan heran und fragte ihn gegen die nun einsetzende Musik ins Ohr "Wollen wir vielleicht weiter nach vorn gehen? Ist so laut hier."

Nathan spürte, wie Tores Nähe ihm erneut einen angenehmen Stich durch die Magengrube sandte. Wieder hatte er das Bedürfnis, den anderen Mann an sich zu ziehen, um ihn zu küssen oder ihn auch einfach nur zu halten, über seinen Rücken zu streicheln, seine Gegenwart zu spüren. "Ja, gerne", antwortete er stattdessen, froh über das Colaglas, das seine Hände beschäftigte.

Der Barbereich war mit orangefarbene Lampen recht dämmrig erleuchtet. Tore ging voran und schnorrte sich im Vorbeigehen eine Zigarette. Er rauchte eigentlich nur zum Alkohol, nun wollte er zusätzlich noch gern etwas in den Fingern haben. Aber er ließ sich noch kein Feuer geben, weil er erst abchecken wollte, ob Nathan ihn vielleicht doch attraktiv genug für eine kleine Knutscherei finden konnte.

Zwei Plätze in einer Ecke wurden frei, und Tore hechtete sich darauf. Sie mussten sich dicht gegenüber sitzen, ihre Knie berührten sich schon fast, aber das fand er noch aufregender. Die Wärme und die pure Präsenz des anderen Körpers, das Gefühl, das seine Blicke in ihm erzeugten, dieses Prickeln zwischen ihnen.

Wieder steigerte es sich schon fast unerträglich, Tore war wieder kurz davor, alle Konventionen zu vergessen, alle Leute, die umherstanden, Chris, alle anderen, die Nathan schon lange kannte, und ihn an sich zu drücken und zu küssen. Stattdessen spielte er mit der Zigarette und trank einen großen Schluck Bier. "Stört es dich?" Fragend hob er die Zigarette hoch.

Nathan seufzte unhörbar und fügte auf seiner Minusliste einen weiteren Punkt hinzu, nur um festzustellen, dass es bei Tore überhaupt nicht ins Gewicht fiel. Piercings, zu dünn, Raucher. Alles störte nicht. /Ich will keinen Aschenbecher küssen. Aber irgendwie.../ Für einen Moment ignorierend, wo er war, rutschte er ein wenig nach vorne, bis er sein Knie gegen Tores schieben konnte und es leicht gegen ihn drückte. "Wenn dein Seelenheil davon abhängt", antwortete er nur und sah ihm direkt in die Augen, bedauernd, dass er selber kein Feuerzeug dabei hatte.

Tore lachte auf. "Seelenheil? Nein. Aber wenn ich so nett angetrunken bin, dann möchte ich irgendwie gern was rauchen." Nachlässig schob er die Zigarette hinter sein eines Ohr und fügte an. "Aber wenn es dich stört. Ich würde dich nur ungern vertreiben." Er legte den Kopf schief. /Heterodisco. Hier kann ich ihn unmöglich.../ Ihre Beine berührten sich jedoch, und das begann zu wenig zu sein und zu viel, zu viel Stoff zwischen ihren Körpern, zu wenig Berührung, zu wenig Sicherheit.

Sie redeten über die Musik, kamen darüber auf Filme und darüber auf immer neue Dinge. Tore hatte nicht den Eindruck, dass viel Zeit vergangen war, aber ein Blick auf die Armbanduhr an Nathans Handgelenk zeigte ihm, dass es schon eins war. Überrascht umfasste er Nathans Hand, drehte die Uhr ein wenig und zog sie dichter zu sich heran. "Wow, schon so spät?" /Verdammt. Hier ist es zu hetero, um ihn anzugraben. Was mache ich nur? Chris... Er weiß es nicht, oder?/

Tore reichte die Ungewissheit. Noch immer die warmen, kräftigen Finger umfasst hob er das Gesicht und fragte leise und eindringlich "Weiß Chris das?" Dann erst ließ er Nathan los, aber wendete den Blick nicht ab.

Nathan begann zu bereuen, dass sie waren, wo sie waren. Die Berührung, die Blicke und Tores Direktheit waren eine nahezu unwiderstehliche Mischung. Er sah ihm weiterhin in die Augen, sich wünschend, sie wären woanders. Irgendwo, wo er ihn einfach hätte in die Arme ziehen können, um ihn statt einer Antwort zu küssen. Er wünschte sich, ihn zu schmecken, zu spüren, zu halten. Aber dafür war hier nicht der Ort. Definitiv nicht.

"Nein", sagte er und schüttelte leicht den Kopf. "Von dir aber auch nicht, oder?"

Tore lächelte leicht und zog die Zigarette wieder hinter dem Ohr hervor, mehr weil sie ihn störte, als weil er rauchen wollte. Nachdenklich drehte er sie zwischen den Fingern. "Das spielt bei mir nicht so die Rolle. Schade." Vorsichtig rückte er nach einem halben Blick auf die Leute um sie her ein wenig ab. "Ich... sollte vielleicht noch eine Runde tanzen gehen, bevor wir nach Hause fahren."

"Tu das." Nathan lehnte sich zurück und ließ sein Colaglas langsam mit dem Rand auf der Tischplatte kreisen. Er hatte nicht vor, Tore hier zu erklären, warum er unmöglich jetzt das tun konnte, was er tun wollte. Es war ja nicht so, dass es nur um ihn ging. Damit hätte er durchaus leben können, von jetzt an etwas schief angesehen zu werden, von einigen nicht mehr gegrüßt, von einigen gemieden. Aber es ging eben nicht nur um ihn. Er hatte keine Lust, dass seine Großeltern es endgültig auf diese Art erfuhren und wegen ihm Schwierigkeiten und unmögliche Mitleidsbekundungen bekamen. "Soll ich dir für später noch ein Bier holen?"

Tore betrachtete seine leere Flasche. "Wenn du magst. Du bleibst hier sitzen?" Es gefiel ihm irgendwie nicht, jetzt von Nathan fort zu gehen, aber zugleich wusste er auch, dass sie diese Unterhaltung an einem anderen Ort würden fortsetzen müssen. Also wollte er lieber gleich Abstand halten. Er tobte sich zu einigen Liedern aus, die seiner Musikrichtung gar nicht entsprachen und flirtete ein wenig mit kichernden Skifahrerinnen. Als er nach einigen Stücken zu fühlen begann, dass er sich ausreichend verausgabt hatte, kehrte er zu Nathan an den kleinen Tisch zurück. Er trat von hinten an Nathan heran, der sich längst mit zwei Leuten unterhielt, die er offensichtlich seit langem kannte.

/Verdammt, dass ich ihn so attraktiv finde, kann nicht vom Alkohol kommen. Soviel hab ich noch nicht drin. Wenn ich weiter mit ihm trinke, fange ich an, ihn noch mehr anzugraben. Verdammt./ Nathan hatte ihm schon ein Bier besorgt, das neben seinem Arm auf dem Tischchen stand. Tore lehnte sich von hinten an seinen Rücken an, um ihm das Bier mit einem kleinen Zwinkern wegzunehmen. "Danke!" Er nickte den anderen zu und sagt zugleich "Ich gehe zu Chris zurück, der ist oben in der Bar."

Und das tat er dann auch resolut. Er wollte Nathan nicht mehr so nahe sein, um nicht doch in die Versuchung geführt zu werden, sich an ihn zu lehnen, ihn anzufassen, ihn anzusehen. Stattdessen betrank er sich, während er mit Chris und einigen Schulfreunden in der Bar an der Theke noch etwa eine Stunde weiterfeierte.

Als es leerer zu werden begann und Nathan bei ihnen auftauchte, war er soweit betrunken, dass er vergessen hatte, wo sein Pullover versteckt lag. Betrunken hängte er sich an den stützenden Arm des kräftigen Mannes und sagte ein wenig undeutlich an dessen Ohr "Ich weiß nicht mehr, wo mein Pulli ist. Hast du den gesehen, Nat?"

Nathan grinste in sich hinein. Tore war zu blau, als dass sie das wirklich interessante Gespräch von vorhin in der Ruhe des großelterlichen Hauses würden fortsetzen können, was ihn eigentlich ärgerte; doch gleichzeitig war der andere Mann mit dem verschleierten Blick und seinen roten Wangen, wie er sich an ihn klammerte und näher kam, einfach nur derart niedlich, dass Nathan gerne darüber hinweg sah. "Warte, ich hole ihn dir. Bleib hier."

Er warf einen Blick zu Christian hin, der mit seinen beiden Kumpels zu dem spannenden Spiel übergegangen war, Zungenbrecher zu lallen und sich darüber königlich zu amüsieren, dass sie auch so schon keinen gerade Satz mehr hervorbrachten. Es würde etwas anstrengender werden, sie alle nach Hause zu bekommen, so zu wie sie waren. /Hoffentlich kotzt mir keiner in den Wagen./

Nachdem er den leuchtend orangefarbenen Pullover geholt hatte, nutzte er die Ausrede, dass Tore kaum noch geradeaus laufen konnte, und legte den Arm um den anderen Mann, um ihn zum Auto zu bringen. Es fühlte sich viel zu gut an, den schlanken, sehnigen Körper so dicht zu spüren. Christian und die anderen stützten sich wenig erfolgreich gegenseitig, was eine wahnsinnig lustige Angelegenheit zu sein schien.

Grinsend und mit ein paar Scherzen verabschiedete er sich von den Türstehern, die ihm viel Glück bei der Heimfahrt wünschten, ehe er Tore auf dem Beifahrersitz ablud und darauf wartete, dass die anderen drei in seinen Wagen gefallen waren. Christian musste er dann noch anschnallen, weil dieser das weder allein, noch mit der eifrigen Hilfe der anderen auf die Reihe bekam. Ein wenig schadenfroh dachte Nathan an den nächsten Morgen, wobei er sich fragte, wie gut Tore Alkohol wegsteckte und ob er allein zum Joggen würde gehen müssen.


Kommentare, Kritiken, Lob?
 
© by Jainoh & Meike "Pandorah" Ludwig