Oh du Fröhliche

5.

/Hm... Weihnachtsmorgen. Klasse. Ich bin hier und nicht bei meinen Eltern!/ Tore streckte sich und gähnte. Dann linste er auf seine Uhr und seufzte leise, weil ihm klar wurde, dass er Nathan sicherlich verpasst haben musste. Es war schon acht Uhr. Nachdem er sich aus dem offenen Fenster gehängt und einige Male tief durchgeatmet hatte, tappte er zur Toilette und ging dann leise zu Nathans Zimmer hin, um hinein zu spähen. Es war leer, das Bett war noch zerwühlt und der Schlafanzug lag unordentlich auf der Decke.

Tore seufzte leise und ging in sein Zimmer zurück, um sich seinen Trainingsanzug überzuziehen. Er pinnte einen Zettel für Nathan an die Tür, auf dem er ihn bat, erst duschen zu gehen, wenn er wieder da sei oder jemand anderes schon auf, dann rieb er sich sein Gesicht mit Schnee über und lief langsam los, stellte während dessen ein schnelles Lied auf seinem Discman ein, um sich selber ein wenig anzutreiben.

Mit jedem Schritt wurden seine leichten Kopfschmerzen besser, aber mit jedem Schritt in den ruhigen Wald hinein kehrten auch mehr und mehr die Erinnerungen an den Abend zurück. Nathan in der engen, weißen Hose, seine Blicke, das Verlangen danach, sich von ihm umarmen zu lassen, der Wunsch, von ihm berührt zu werden. Das hatte Tore noch nie so deutlich bei jemand anderen gespürt, und es machte ihn nervös.

Eines seiner Lieblingslieder begann, und dies zog ihn erst recht mit. Mit schon zu schnellem Schritt rannte er den matschigen Waldweg entlang und versuchte, den Blick von Nathan loszuwerden, mit dem dieser auf ihre Hände gesehen hatte, um dann leise zu sagen, dass Chris es nicht wusste.

/Es geht nicht. Wenn Chrissi es von mir erfährt, dann ist es egal, ich hab ihn nie angebaggert, und das werde ich nicht, das weiß er auch. Aber bei Nat, da würden es auch die Großeltern erfahren, und ich glaube nicht, dass er das alles für einen Ferienflirt riskieren würde./ Über seinen Ärger bei diesem Gedanken erstaunt lief er über den Waldweg aus und wurde endlich, nachdem seine Lungen bei jedem Atemzug schmerzten, vernünftig genug für ein langsames Tempo.

/Mist. Hier wäre es perfekt, um zu reden, um das zu klären! Shit!/ Ein wenig von seiner Sorge und den ungebeten über ihn hereingebrochenen Gefühlen verärgert, schlug er gegen die schneebeladenen Tannenzweige, die in den Weg hingen, um das Tempo erneut zu steigern, wie um die Gedanken endlich durch Schmerzen in den Muskeln ersetzen zu können.

Als Nathan vom Joggen nach Hause kam und den Zettel an der Tür entdeckte, wallte Ärger in ihm auf, weil er nicht gewartet hatte. Aber Tore war so betrunken gewesen, dass er nicht damit gerechnet hatte, dass er schon so früh wach sein würde. Christian schlief nach wie vor und würde das noch bis mindestens elf Uhr, und damit hatte Nathan auch bei Tore gerechnet.

Er knäuelte den Zettel zusammen, versenkte ihn im Mülleimer und machte dann erst einmal Futter für Dunja fertig. /Oh Mann, das ist kein Grund, so frustriert zu reagieren! Reiß dich zusammen./ Aber er konnte nicht verhindern, dass er die ganze Zeit weiter darüber nachdachte, während er das Frühstück und eine Tasse heiße Schokolade für Tore vorbereitete. /Und das nach gestern nacht. Verdammt, ich wäre wirklich gerne mit ihm gelaufen. Vielleicht habe ich heute Mittag eine Chance, ihn allein zu erwischen, wenn Chris einen zu großen Kater hat, um mehr zu machen, als in der Ecke zu sitzen und zu leiden, wenn Dunja raus muss./

Als es klingelte, sprühte er die Sahne als kleines Häubchen in die Tasse und ging erst dann, um zu öffnen. Tore sah gut aus, mit seinem von der Anstrengung geröteten Gesicht und verschwitzt, wie er war. Gut genug, um Nathan überlegen zu lassen, ob er nach anderen Anstrengungen ähnlich wirken würde.

Mit einem Mal hatte er das dringende Bedürfnis, Tore zur Begrüßung in die Arme zu ziehen und ihn zu küssen. Sein beschleunigter Herzschlag ließ ihn seine Gedanken lieber rasch anderem zuwenden. /Nicht hier im Flur, Idiot! Wenn die Großeltern ausgerechnet heute früher aufstehen, wäre das.../

"Morgen." Er grinste, als er zur Seite trat, um ihn einzulassen. "Ich hatte nicht gedacht, dass du so früh schon wieder auf den Beinen sein würdest, sonst hätte ich auf dich gewartet." Mit einer kleinen Kopfbewegung wies er in Richtung Küche. "Ich hab dir eine Schokolade gemacht, kannst dich aufwärmen, während ich duschen bin."

Tore streifte seine Kapuze vom Kopf und ließ sich, die Hände auf die Knie gestützt, vorne über hängen, um seinen Atem und seinen Herzschlag zu beruhigen. Seine Beine fühlten sich an wie aus Gummi, jeder Atemzug schmerzte, sein Kopf schwirrte von der Überlastung, aber es half ihm. Es tat ihm so gut, dass er gar nicht in der Lage war, Nathan an die nächste Wand zu drängen, um ihn zu küssen, um sich an den kräftigen, sicheren Körper zu pressen. Er hustete einige Male und flüsterte dann heiser "Danke, aber ich... werde... auch... erst mal duschen." Er hustete noch einmal und ächzte.

Erschrocken sah Nathan ihn an. "Du bist ja völlig fertig! Was hast du denn gemacht?" Statt ihn ins Bad hoch wanken zu lassen, legte er Tore einen Arm um die Schultern, kaum dass sich der andere Mann wieder aufrichtete, um ihn ins Wohnzimmer zu bringen. "Du gehst jetzt erst einmal nirgends hin, du kippst mir ja gleich um! Erst mal setzt du dich!"

Ein wenig verwundert und zugleich unter der ungewollten Nähe leidend, hob Tore eine Hand und sagte nach einigen Atemzügen abwehrend "Ich brauchte das gerade." Dann wurde ihm klar, dass Nathan sich offensichtlich Sorgen zu machen schien, und er grinste ihn an, während er zur Tür ging. "Musste den Kopf frei bekommen." Er öffnete die Tür zum Flur, dann drehte er sich zu Nathan zurück und fügte schnell und leise an "Nicht von dir." Trotz seiner Muskelschmerzen lief er schnell die Treppe rauf und schloss sich in der Dusche ein. /Nicht vor Chris, schon gar nicht vor den Großeltern, Tore! Benimm dich!/

Nathan schaute ihm eine ganze Weile hinterher, ehe ihm aufging, wie dumm er da stand. /Den Kopf freibekommen. Aber nicht von mir. Bin ich denn bei ihm im Kopf? Richtig? Oder nur als netter Flirt? Ich weiß fast gar nichts von ihm. Verdammt, wir müssen unbedingt reden./

Wie am Tag zuvor schon benutzte er das Bad seiner Großeltern, um endlich ebenfalls zu duschen. Er brauchte nicht lange und war eine ganze Weile vor Tore fertig. Als er ins Wohnzimmer zurückkehrte, war die heiße Schokolade nicht mehr heiß und die Sahne nur noch ein matschig heller Fleck. In einem Anfall von Frust wollte er sie ins Spülbecken kippen. Doch er ließ es und stellte sie nur in die Mikrowelle, um sie später aufzuwärmen, da er nicht wusste, wie lange Tore noch brauchen würde.

Tore starrte sich im Spiegel an. Er hatte das Waschbecken mit festem Griff umfasst und starrte sich in die Augen, versuchte die Worte zurechtzulegen. Er wusste, dass Nathan es nicht mehr lange aufschieben würde. Die nächste Gelegenheit würde ihre sein. Sein Körper, diese Hände, nach ihm greifend, ihn streichelnd, Tore wollte es schon zu sehr.

Zugleich hatte er jedoch dieselbe Angst davor wie immer. Vor der Schwärze, vor der Taubheit, vor der Angst. Er wusste nie, woher sie kam. Immer wieder war er überrascht worden, von der Schnelligkeit, mit der sein Begehren in Panik umschlagen konnte. /Ich will ihn so sehr. Ich werde wild von dem Wunsch, aber wenn ich wieder freake, wenn ich... Ich muss es ihm sagen. Ob er es verstehen wird?/

Chris klopfte an und bat mit kleiner Stimme, auf Klo zu dürfen und hörte sich an, als müsste er jeden Moment erbrechen. Mit einem Grinsen gab Tore ihm das Bad zu just diesem Zweck frei. Während er sich anzog, hörte er, wie Chris sich duschte und dann eine Flasche Wasser holte, um damit wieder in seinem Zimmer zu verschwinden. /Jetzt oder nie. Geh zu ihm hin./

Doch das Frühstück fand mit den Großeltern zusammen statt, bevor diese sich um den Weihnachtsbaum im Wohnzimmer kümmerten, den sie offensichtlich am Abend zuvor begonnen hatten zu schmücken. Sie baten Nathan, ihnen mit den höher gelegenen Zweigen des nicht allzu großen Bäumchens zu helfen, womit die Chance auf ein Gespräch im Prinzip erstarb.

Ein wenig missmutig sagte Tore ihm deswegen "Ich bin in meinem Zimmer und lese, wenn du mit Dunja gehst oder ich helfen kann, dann sag mir Bescheid." /Oder wenn du reden willst oder knutschen oder.../ Hastig sprang er die Treppen rauf und warf sich auf das Bett, zu dem Troll, um das Buch unaufgeschlagen neben sich liegen zu lassen, während er aus dem Fenster auf sachte trudelnde Schneeflocken blickte.

Nathan wäre ihm am liebsten sofort gefolgt. Trotzdem beendete erst in aller Ruhe das Baumschmücken; er wusste, wie wichtig es seinen Großeltern war und wie sehr sie sich darüber freuten, es mit ihm gemeinsam machen zu können, wo Christian schon nicht half, weil er noch zu sehr unter den Nachwirkungen des vergangenen Abends litt. Als sie jedoch endlich fertig waren, verabschiedete er sich bis zum Mittagessen mit der Begründung, dass er mit Dunja noch rausgehen wollte, da anschließend die Zeit bis zur Messe zu knapp war. Er ging nach oben und klopfte bei Tore an. "Dunja wartet schon ungeduldig. Kommst du?"

Tore war danach ,Nein' zu sagen und den blonden Mann zu sich auf das Bett zu zerren, aber stattdessen nickte er und zog sich einen dickeren Pullover über, bevor er Nathan schweigend folgte.

Eine Weile liefen sie nur stumm nebeneinander durch den leichten Schneefall, während Dunja munter hier und dort stöberte und Nathan nahezu krampfhaft überlegte, was er jetzt sagen sollte. Sicher, er hatte mit ihm reden wollen, aber das jetzt auf einen Punkt zu bringen, all die wirren Dinge, die ihm durch den Kopf schossen, war mit einem Mal gar nicht mehr so einfach. Sie hatten das Dorf bereits hinter sich gelassen und stapften durch den weißen, stillen Wald, in dem die Spuren auf den Wegen bereits wieder soweit von einer Schicht wie von Puderzucker bedeckt waren, dass sie nur noch weiche, flache Mulden waren, und er schwieg noch immer.

/Was sage ich? Was will ich sagen? Muss ich überhaupt etwas sagen? Eigentlich will ich doch nur.../ Noch ehe er den letzten Satz beendet hatte, schlich sich bereits sein Arm um Tores Schultern, brachte den anderen Mann dazu, mit ihm anzuhalten. Er drehte ihn ein wenig zu sich, machte einen kleinen Schritt auf ihn zu, so dass sie sich gegenüberstanden, enger beieinander als je zuvor. In Tores graue Augen sehend verschwammen alle bewussten Gedanken, jeder Vorsatz war vergessen, als er die Hand hob und ihm sacht mit den Fingerspitzen über die Wange strich.

Tore hatte mit seiner Stimme gerungen, die ihn verlassen hatte. So sehr er sich auch anstrengte, um die Worte zu sagen, die er Nathan schuldete, um zu erklären, weswegen er sich doch nicht als Flirt eignete, er brachte keinen Ton heraus.

Unglücklicherweise wurde dies um keinen Deut besser, als der jüngere Mann ihn leicht festhielt, bevor er es hinbekam, dass sie sich ansahen, während er Tores Wange streichelte. /Shit. Das ist es, so unerwartet, hier. Chrissis Bruder. Shit!/ Die Schwärze kam nicht, noch lange nicht, das wusste Tore, und deswegen atmete er einmal durch und lächelte dann. Er legte den Kopf aus Gewohnheit ein wenig schief und murmelte dann leise "Ich wollte etwas sagen, erklären, aber die Worte sind weg. Tut mir leid."

Nathan erwiderte das Lächeln, während seine Fingerkuppen weiter Tores Gesicht erkundeten. /Er ist so süß, wenn er das macht./ Er streifte den Ring in der Augenbraue, folgte dann der Schläfe und der Wange, bis er über die weichen Lippen strich, die er schon so lange kosten wollte. "Ich auch. Ich wollte mit dir reden, dir einiges erklären... aber jetzt... ist alles weg."

/Und ich kann nur in deinen Augen versinken, träumend, wünschend.../ Bei jedem Wort kam er näher, während seine Hand wieder zurück zu Tores Wange glitt und dort liegen blieb, ihn sacht hielt. Wie gut der andere Mann roch... Seine Gedanken setzten aus, in dem Moment, in dem seine Lippen die von Tore berührten und er von wundervoller, weicher Wärme empfangen wurde.

Langsam schlossen sich seine Augen, während Tore sich fühlte, als würde er alles in Zeitlupe erfahren, reichlich Gelegenheiten dabei, die Dinge voraus zu sehen. Nathans Gesicht und seine Lippen fühlten sich kühl an, ähnlich wie auch seine eigenen sicherlich waren, aber seine Zunge und der Mund waren warm, heiß und einladend. Dies war definitiv nicht die Reihenfolge, in der er sich die Sache überlegt hatte. Eigentlich wollte er die perfekte Person für seinen Plan finden, dann erklären, dann sich so sehr betrinken, wie nötig war, und dann erst mit all diesen Dingen anfangen.

Doch er konnte sich nicht mehr entziehen. Sein Körper sperrte sich und tat alles von allein. Tores Hände umfingen Nathans Gesicht, und er griff ihm in die Haare, während er sich an den kräftigen Körper drängte, auf die dicken, wattierten Jacken schimpfend, die Nähe nicht wirklich zuließen. Er legte den Kopf noch ein wenig mehr zur Seite und erwiderte den Kuss gierig. Sie hatten vermutlich schon zu lange gespielt, zu lange nur geschaut, nur gedacht, und nun, als sie endlich etwas taten, war es nicht mehr aufzuhalten.

Als sie es endlich atemlos abbrachen und Tore einen halben Schritt zurück taumelte, waren sie beide regelrecht eingeschneit, hatten es aber nicht wirklich gemerkt. Er blinzelte ein wenig, dann löste er sich von Nathan und senkte den Kopf. /Wow. Das war... doch nur ein Kuss, aber... ich glaub ich... Oh mein Gott!/

Er hustete ein wenig und fragte leise und zu schnell "Und jetzt?" Unsicher sah er Nathan noch einmal an. Es war verhext. Die grünen Augen fingen seinen Blick, der andere Mann hob eine Hand in einer fast hilflosen Geste und öffnete den Mund, um etwas zu sagen, aber kam nicht mehr dazu, weil Tore es schon nicht mehr aushielt und sich für einen weiteren hitzigen Kuss gegen ihn warf.

Dieses Mal schaffte er es, eine seiner Hände unter den schrecklichen Parka zu bekommen und auf den Hintern des anderen. Im Geiste wilde Flüche auf ihre Jacken ausstoßend, drängte Tore sich so dicht es ging an den Körper des anderen heran, während er spürte, dass einzig die Kälte und die überreichliche Kleidung verhinderten, dass er allein von der Nähe und dem Gefühl von Nathans Zunge in seinem Mund kam.

Nathan vergaß die Welt, vergaß die Kälte, vergaß, dass jemand den Weg entlang kommen konnte, als er Tore erneut im Arm hielt, ihn erneut küsste, erneut spürte. Er drückte ihn an sich und wusste nur noch, dass er mehr von ihm wollte, mehr von allem. Mehr schmecken, mehr fühlen, mehr berühren und erkunden. Er streichelte ihm über den Rücken, halb verschwommen die dicke Jacke verfluchend und zerrte sie ein Stück empor, um mit der Hand darunter zu gelangen, auch unter den Pullover, um direkt Tores Haut anfassen zu können, warm und weich und wundervoll.

/... zu kalt dafür.../, ging es ihm durch den Kopf, während er hungrig den Mund des anderen Mannes einnahm, doch es fühlte sich so gut an. Er ließ die Hand ein kleines Stück nach unten wandern, bis er mit den Fingerspitzen unter den Hosenbund gelangte und ließ sie dort dann liegen, presste Tore noch enger an sich.

Tore japste leise. Die kühlen Finger knapp über seinem Po, eigentlich schon fast darauf, unter seiner sowieso zu weiten und zu tief sitzenden Hose, verstärkten sein Bedürfnis, Nathan dichter zu spüren, nackt am besten, noch viel mehr. Er schob ein Bein zwischen die des anderen, um enger an ihn zu gelangen. /Mehr... das reicht nicht! Verdammt!/

Schließlich lösten sie sich wieder voneinander, doch Nathan ließ ihn nicht gehen. Ihn weiter im Arm haltend, küsste er seine Wange, seine Lippen, das Kinn, die Stellen des Halses und der Kehle, die nicht vom Schal bedeckt waren, während er wieder zu Atem zu kommen versuchte.

"Du... bist erschreckend unwiderstehlich", murmelte er gegen seinen Hals, ehe er sich endlich dazu bringen konnte, ihn wieder anzusehen. /Und die Jahreszeit ist absolut ungeeignet. Verdammt./ Aber die grauen Augen, in denen neben Begehren auch Unsicherheit zu erkennen war, ließen ihn das nicht sagen.

Tore grinste. Allmählich froren seine Füße und seine Ohren ab, was ihm half, sich zu besinnen. "Leider erfriere ich demnächst. Wir müssen zurück." Er ließ jedoch, statt sich zu bewegen, den Kopf noch ein wenig mehr gegen Nathans Arm zurücksinken, um ihm diese herrliche Folter an seinem Hals noch zu erleichtern.

/Gott, mehr, mehr, mehr... wir müssen dringend... im Warmen sein, bald und schnell... und.... Chris! Shit./ "Shit. Dort sind Chris und die Großeltern." Tore schob Nathan mit einem Seufzer von sich. "Das gibt logistische Probleme, oder? Sie müssen es ja nicht unbedingt ausgerechnet an Weihnachten erfahren, nicht?"

Unwillig zog Nathan ihn wieder an sich, beließ es jedoch dabei, seinen Arm um Tores Schultern zu legen, um ihn bei sich zu haben, während sie umdrehten, um zurück zu laufen. "Nein, Weihnachten ist keine gute Wahl für so eine Eröffnung. Zwar denke ich, dass meine Großeltern es wissen, aber die Bestätigung muss wirklich nicht gerade heute kommen. Aber so, wie sie sich über Lydia freuen... und sie fragen mich nie nach einer eventuellen Freundin. Sie werden es recht gelassen nehmen, wenn auch nicht übermäßig begeistert, vermute ich. Immerhin ist einer ihrer Söhne auch schwul. Onkel Johannes. Nur Chris... hm."

Wenn Nathan ehrlich war, hatte er keine Ahnung, wie sein Bruder reagieren würde. Eher wie seine Eltern mit Abscheu oder ob er es nach einigen Problemen dann doch akzeptieren würde. Dass er nur die Schultern zucken würde, um zu erklären, dass es ihn nicht störte, bezweifelte Nathan. Zwar kam er mit ihrem Onkel gut aus, jedoch war das doch noch mal etwas anderes als der eigene Bruder.

/Aber das heißt... Mist. Ich will ihn nicht loslassen. Ich will ihn halten und... eindeutig mehr./ Er zog ihn noch etwas näher an sich und beugte sich zu ihm, um ihn auf den Mundwinkel zu küssen. "Ich weiß nicht... heute Abend vielleicht... wenn sie alle im Bett sind, kann ich..." Es klang scheiße, und er schnaubte. "Mist."

Tore lachte auf und hüpfte ein wenig. Zum einen von Nathan fort, um ihn zum Losgehen zu bringen, zum anderen, um selber ein wenig wärmer zu werden. "Das klingt so nach Klischee!", rief er begeistert. Er seufzte und sah in den Himmel, aus dem nun die Flocken immer dichter auf sie niederfielen.

Endlich begann er, sinnvoll zu denken. Nicht unbedingt, um die Dinge einfacher zu machen, aber es half dennoch, seine Erregtheit zu bekämpfen, von der er nicht wollte, dass Chris sie gleich bemerkte. "Wo wohnst du eigentlich?"

Gedankenlos antwortete Nathan, während er überlegte, dass er es trotz Klischee, trotz seinem eigenartigen Gefühl dabei wirklich und wahrhaftig in Betracht zog, zu Tore zu kommen, wenn alle anderen im Bett lagen. /Was eine Idiotie... und lohnt es sich überhaupt? Ist es für ihn denn etwas ernsteres? Ich will nicht einfach nur einen Ferienflirt, der vorbei ist, noch ehe man sich richtig verabschiedet hat./

Als er zu dem Energiebündel neben sich hinsah, wurde ihm bewusst, dass er zu viel empfand dafür. Und es half auch nicht, sich vorzurechnen, dass sie sich erst ein paar Tage kannten. "Du wohnst bei Chris in der Nähe, oder? Das sind in etwa zwei Stunden mit dem Auto."

Tore nickte leicht. "Mit dem Auto... hab ja keins. Meine Wohnung ist zwar schön gelegen und schön groß, aber dafür auch ziemlich teuer. Da bleibt nix für eine eigene Karre über." Er warf der zuvor vernachlässigten Dunja einen Ast und murmelte "Wollte nur so wissen, ob du nach dem Fest gleich abhaust oder... so."

Unsicher begannen seine Gedanken sich zu drehen. /Was soll der Quatsch? Wir haben einmal geknutscht, er wird dich auch gerade zum Silvesterfest einladen, damit er sich dann mit deinen Problemen rumärgern kann, anstelle schön mit 'ner Sahneschnitte aus dem nächsten Club zu vögeln./ Verärgert schob er seine Hände in die Jackentasche, nachdem er den Ast besonders weit geschleudert hatte.

Überrascht sah Nathan, wie Tores Gesicht sich verdunkelte, wie die weichen Lippen fester zusammengepresst wurden. /Habe ich etwas falsches gesagt, als ich die Fahrtstrecke angesprochen habe? Ist das seine Art, mir zu sagen, dass er mehr als einen Flirt nicht in Betracht zieht?/ Er vergrub das Kinn in seinem Schal und wandte den Blick von Tore, um auf den verschneiten Weg zu starren, auf dem selbst ihre Spuren schon fast wieder verschwunden waren. "Ich wollte noch ein paar Tage bleiben. Mal sehen. Silvester bin ich wieder zu Hause."


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by Jainoh & Meike "Pandorah" Ludwig