Oh du Fröhliche

6.

Als ihnen an der nächsten Kurve mehrere Jungs entgegen kamen, war Nathan froh, dass er Tore nicht mehr im Arm hielt. Im Moment konnte er gut auf Spott und Gerüchte verzichten; das musste nun wirklich nicht am Heiligen Abend sein. Doch irgendwie war die Stimmung abgekühlt, und sie sprachen nicht mehr, bis sie das Haus erreichten.

Unsicher sah Tore Nathan ab und zu von der Seite her an. /Mist. War es das jetzt? Nur weil ich nachfrage? Shit. Toll. Aber dann wäre er ja perfekt. Einmal und nie wieder. Eigentlich... aber er ist Chris' Bruder... Shit!/

Chris kam ihnen schon aus dem Wohnzimmer entgegen. Er schien seinen Kater überwunden zu haben und nahm Tore mit seinem Projektordner in Beschlag, den er durchgesehen haben wollte. Missmutig aß Tore mit der Familie zu Mittag und fragte sich wieder und wieder, was jetzt los war. /Er ist so... nicht mein Typ, aber trotzdem, irgendwie, hat es so dermaßen gefunkt eben. Hab ich mir das eingebildet, oder was?/

Um endlich Klarheit zu bekommen, kündigte er an "Ich werde mein Buch noch ein wenig weiterlesen. Die Messe ist ja erst um fünf", nachdem Chris sich zum obligatorischen Telefonieren mit Lydia verabschiedet hatte. Schnell lief er die Treppen rauf und warf sich auf das Bett.

Nathan gelang es, ihm nicht mit den Blicken zu folgen, als er das Zimmer verließ. Es gelang ihm ebenfalls, ihm nicht sofort hinterher zu gehen, auch wenn er nichts sehnlicher wünschte. /Ich kann ihn doch nicht regelrecht verfolgen, sobald er mal allein ist. Das will er vielleicht gar nicht. Oder will er genau das? Scheiße. Er war so still. Hat mich beim Essen und danach nicht wirklich angesehen./

Während er in der Fernsehzeitung blätterte und seinen Blick über zahllose Märchenfilme schweifen ließ, die er als Kind so gerne gesehen hatte, dachte er an den Kuss im Wald. An die Küsse. Er schloss die Augen und lehnte sich im Sessel zurück, um das Kribbeln noch einmal zu genießen, Tores Geschmack wieder auf der Zunge zu haben, die Wärme seiner Haut, die er unter den Fingerspitzen gefühlt hatte. /Gott, es war so... gut... so richtig. So perfekt. Das kann doch nicht sein, dass es für ihn nicht mehr war als einfach nur irgendein Kuss. Tore war so leidenschaftlich! So... unbeschreiblich.../

Ehe er darüber nachdenken konnte, hatte er die Zeitschrift auf den kleinen Beistelltisch geworfen, war aufgestanden und hatte das Wohnzimmer verlassen, um nach oben zu gehen. Vor Tores Zimmer zögerte er wieder. /Vielleicht komme ich ihm besitzergreifend vor?/ Doch dann klopfte er an und trat nach einem Moment ein, schloss die Tür hinter sich.

Der andere Mann lag auf dem Bett, das Buch auf dem Bauch, jedoch unaufgeschlagen. Als der Blick der großen, grauen Augen ihn traf und Wärme in ihm auslöste, schüttelte Nathan innerlich den Kopf. /Nein, auf keinen Fall nur irgendein Kuss.../

Er setzte sich zu ihm auf die Matratze, während er von der Stärke des Bedürfnisses, den anderen Mann einfach an sich zu ziehen und ihn in einen neuen, leidenschaftlichen Kuss zu verwickeln, überrascht wurde. /Das geht nicht. Chris würde einfach so reinplatzen, wenn er etwas will, weil er nicht damit rechnet, stören zu können./ Stattdessen zog er ein Bein an und schlang die Arme darum, ohne aber den Blick von Tore abzuwenden. "Wir sind vorhin im Wald nicht wirklich zum Reden gekommen... und irgendwie scheint es mir, als hätte es dann ein Missverständnis gegeben."

Tore legte das Buch fort und setzte sich ebenfalls auf; Nathan gegenüber ruckelte er sich auf der dicken Decke in den Schneidersitz zurecht. Dann senkte er den Kopf leicht und murmelte "Das Missverständnis war, dass ich weiß, dass es ein Problem geben wird und du nicht." Er sah Nathan nicht ins Gesicht, sondern starrte auf dessen Finger, sehnte sich mit trügerischer Sicherheit nach ihnen. "Mich."

"Dich...?" Von einem Moment auf den anderen spürte Nathan unangenehme, ängstliche Kälte in sich empor kriechen. /Er will doch nicht mehr als einen Flirt. Oder er hat einen Freund. Oder er ist nicht schwul, sondern bi und will nur eine Affäre. Oder.../ Ihm fielen tausend Dinge ein, die alles nicht das waren, was er sich so sehnlichst wünschte.

Eine Weile lang versuchte Tore die richtigen Worten zu finden, dann erzählte er schlicht die Version, die er auch all den Therapeuten berichtet hatte und den Hypnotiseuren und den Heilpraktikern. "Ich war ein Unfall, auf einem Musikfestival. Meine Mutter war mit einer ganzen Gruppe dort, sie haben das Wochenende über gezeltet, getrunken und geraucht. Wieder daheim stellte sie fest, dass sie schwanger ist. Wusste nicht so genau von wem, aber hat es dann meinem Vater angehängt, der zu der Zeit ihr Freund war."

Er bemerkte Nathans verständnislosen Blick und sprach hastig weiter. "Mein Vater ist dunkelhaarig, ein dunkler Hauttyp zudem. Meine Mutter hat eher dunkelblonde Haare und ich... blond. Als Kind weißblond. Als ich zwei war, hat mein Vater mich nach einem Streit genommen und zu Freunden von ihr gebracht. Jorge, Claus und Max, die auch auf dem Festival waren. Die waren alle blond, und in seinen Augen ist einer von denen der Vater."

Tore lachte auf. "Der Hohn. Sie sind alle schwul und lebten zu der Zeit in einer wilden Kommune zusammen." Nathans Blick auf sein Gesicht wurde nicht wesentlich verständnisvoller, deswegen seufzte Tore und entschuldigte sich leise. "Der Punkt ist, ich hab einige Monate bei ihnen gelebt, während meine Eltern einem Egotrip gefolgt sind. Als meine Mutter mit einem Mal ihre mütterlichen Gefühle zurückentdeckte und mich dort abholte, war ich... komisch, anders."

Er spielte unsicher mit den violetten Stirnfransen vom Stofftroll. /Gleich geht er sicherlich weg und dann? Zurück zu Plan A. Betrinken, bis alles taub wird und es tun./ Dann hob er den Blick und sah Nathan in die Augen. Sein Herz machte einen kleinen Satz, und er wünschte sich so sehr, den anderen Mann wieder zu küssen, seine Finger auf sich zu spüren, sein Begehren... Vielleicht sogar mehr als das, vielleicht sogar ein Gefühl, das länger halten konnte.

"Ich lasse mich nicht anfassen, nicht sehr lange jedenfalls. Streicheln und Umarmen geht mittlerweile, Küssen, aber sobald ich... nackt bin und es weiter geht, wird mir kalt. Es ist schon weitaus besser geworden als damals, als ich nicht mal berührt werden wollte. Es ist so... kompliziert, weil ich es will und zugleich Angst davon bekomme, von der niemand weiß, woher sie kommt. Die Schwulen nicht, sie schwören, dass keiner mich angefasst hat, meine Eltern nicht, die Therapeuten nicht und ich... erst recht nicht."

Tore schloss die Augen und ließ sich einfach fallen, den Troll fest in der einen Hand. "Tut mir leid, dass ich das zu spät gesagt habe."

Nathan sah auf ihn hinab, während das Bedürfnis, den anderen zu berühren, übermächtig wurde. So hilflos erschien er ihm mit einem Mal, so unendlich klein und verletzlich, wie er sich an das bunte Stofftier klammerte, dass er ihn nur halten wollte, um ihm zu versichern, dass alles gut werden würde. In dem Moment wurde es egal, ob seine Großeltern oder Christian hereinkommen würden und dass Weihnachten war.

Er ließ sich neben Tore sinken, streichelte sanft über seine Schultern, Oberarme und den Rücken, ehe er die Hand auf seiner Taille liegen ließ. "Zu spät? Es ist nicht zu spät. Wann hättest du es sonst sagen sollen? Hallo, ich bin Tore, und übrigens gibt es da etwas...?" Mit der anderen Hand begann er, Tores Haare zu kraulen, während er versuchte, Worte zu finden. "Ich... Weißt du, es ist nicht so, dass ich einfach... dass... Ich will nicht einfach nur mit dir ins Bett, Tore. Ich will nicht einmal nur einen Ferienflirt. Nicht bei dir. Und wenn es nicht ausgerechnet das ist, was du willst, nur einen Flirt, dann können wir den Rest auch mit dem Tempo angehen, das du vorgibst."

Tore blinzelte und fragte sich, ob es an ihm lag oder ob Nathan da wirklich genau das Gegenteil von dem tat, was er erwartet hatte. Langsam drehte er sich in seinem Arm um, ließ den Troll unbeachtet hinter sich liegen. Mit Blicken suchte er das freundliche, runde Gesicht vor ihm ab, nach einem Hinweis darauf, dass Nathan dies nicht ernst meinte oder dass er wie einige zuvor den Verständnisvollen machte, um Tore rumzukriegen.

Doch Nathans Gesichtsausdruck zeigte Erleichterung und auch sehr deutlich, dass der junge Mann ihn gern hatte, mehr als gern. Tore erwiderte das kleine Lächeln zaghaft, dann sagte er heiser "Ich hab es schon langsam versucht, in meinem Tempo sozusagen. Das ist echt schief gegangen, mehr als einmal, weswegen ich es zu Weihnachten oder Silvester nun schnell versuchen wollte. Schocktherapie sozusagen. Wie man Leute mit Höhenangst auf einen Turm verfrachtet."

Er schob seine Finger nervös unter Nathans Hemdkragen und spielte mit den feinen Härchen an seinem Nacken, während er erneut in seinen Augen nach einer Antwort suchte. "Und... für diese Schocktherapie kamst du mir so ungeeignet vor, weil ich dich..." Er legte den Kopf ein wenig schief und schlug dann den Blick auf Nathans Brust nieder. "Dazu hab ich dich zu gern."

Die zärtlichen Finger und die Worte ließen Nathan einen warmen Schauer den Rücken hinablaufen, der seinen Magen zum Tanzen zu bringen schien. Mit halb geschlossenen Augen betrachtete er den anderen Mann, während er die Berührung schon viel zu sehr genoss. "Ich habe dich auch gern. Sehr gern. Und egal, wie und wann du es willst, ich richte mich nach dir."

Er zog ihn an sich und suchte vorsichtig seinen Mund, um ihn zu küssen. Mit der Zungenspitze fuhr er forschend die weichen Lippen nach, folgte der Linie, an der sie sich trafen, um Einlass bittend. Tore schmeckte wundervoll, und Nathan begann, sich nach mehr Nähe zu sehnen. /Egal. Nicht jetzt und nicht hier, und erst, wenn er es will./ Allein, ihn ohne die dicken Jacken zu halten, war schön.

Lächelnd erwiderte Tore den Kuss, aber versank nicht, gab nicht gegen seinen Körper auf, sondern ließ Nathan los, als er vom Flur her Stimmen hörte. "Chris kommt gleich ins Zimmer, denke ich." Er warf einen Blick auf seine Armbanduhr und entzog sich Nathan nach einem weiteren Kuss auf die Wange. "Es wird auch Zeit, für das Schönmachen und so weiter." Noch ein leichtes Streicheln über Nathans Taille auf seinen Hintern, dann verteilte Tore sich vom Bett rollend einen Klaps darauf.

"Nicht, dass du es nötig hättest", endete er dann und grinste, während er sich ohne Scheu das T-Shirt und den Pullover zusammen über den Kopf zog.

Nathan lachte leise und gönnte sich einen Blick auf den nackten, sehnigen Oberkörper, den er in exakt diesem Moment gerne angefasst hätte, doch so wandte er sich nur von ihm ab, um in sein eigenes Zimmer zu gehen und sich umzuziehen. In dem Augenblick, als er nach der Klinke griff, wurde die Tür geöffnet.

Es war Christian, der zusammenzuckte, als er ihm so unerwartet entgegen kam, sich aber schnell wieder fasste. "Ich wollte nur sagen, dass wir gleich losmüssen und dass ihr euch fertig machen solltet. Aber ihr habt ja offensichtlich selber daran gedacht."

Nathan grinste und nickte dann, während er sich an seinem Bruder vorbei schob. "Sicher." Während er sich in seinen Anzug warf, dachte er daran, wie Tore ihn angesehen hatte, dort auf dem Bett. Als würde er wirklich erwarten, dass Nathan ihn weniger mögen würde, nur, weil er vielleicht nicht sofort mit ihm schlafen konnte. Innerlich schüttelte er den Kopf, als er versuchte, seine Haare mit Wasser in Form zu bringen. Als ob das ein Grund wäre. Das war höchstens etwas, das in Nathan noch viel mehr den Wunsch hervorrief, ihn zu halten, zu lieben und zu beschützen.

Tore hatte Chris' Blick mit einem Grinsen und der Erklärung "Es ging um ein Weihnachtsgeschenk", beantwortet. Er zog sich rasch die schwarze, enge Hose vom Vortag und ein weißes Oberhemd über, dazu ausnahmsweise einmal keine Turnschuhe. Dann stellte er das Räuchermännchen für die Großeltern unter den Baum zu den Geschenken dazu und das Buch, das er für Chris gekauft hatte.

In dem Moment, während die anderen schon draußen auf dem Flur ihre Mäntel anzogen und Kleingeld für die Kollekte zurecht legten, fiel ihm auf, dass er Nathan nicht bedacht hatte, nicht würde extra bedenken können, ohne aufzufallen. Er hatte im Dorf tatsächlich ein kleines Geschenk gekauft, aber es handelte sich nur um einige besondere Schokoladensorten, eher als Dankeschön für das Mitnehmen im Auto denn als Weihnachtsgeschenk gedacht.

Als sie später in der Kirche saßen, folgte Nathan der Predigt und dem Krippenspiel weniger aufmerksam als sonst. Immer wieder wanderte sein Blick zu Tore hin, der in seiner schickeren Kleidung noch besser als in seinem normalen Schlabberlook aussah. Doch weder wagte er es, ihn zu lange zu beobachten, noch ihn zu berühren, auch wenn ihm danach war, seine Hand zu nehmen. Während die Engel an der Krippe ihr Lied sangen, stellte Nathan fest, dass er kein Geschenk für seinen neuen Freund hatte und nahm sich vor, das definitiv nachzuholen.

Während Tore mechanisch die Lieder mitleierte und die Predigt an sich vorbeirauschen ließ, zerbrach er sich den Kopf, wie er Nathan beschenken könnte, aber ihm fiel nichts ein. Davon ein wenig verärgert, sowie von dem Stillsitzen genervt, schaffte er es nur mit Mühe, am Esstisch vor dem im Lichterglanz prachtvoll schimmernden Baum zu lächeln, als sie endlich wieder zu Hause waren.

Immer wieder sah Nathan über Bratenplatten und Soßenschüsseln zu Tore hin; er konnte einfach nicht anders. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht, als er feststellte, dass der Platz, den er und Tore zugewiesen bekommen hatten, gegenüber voneinander, nicht der schlechteste war. Er ließ seine Serviette fallen und visierte, als er sie unter dem Tisch aufhob, Tores Beine an. Scheinbar interessiert mischte er sich dann wieder in die Unterhaltung ein und lobte den Braten, den seine Oma zubereitet hatte, während er einen Hausschuh vom Fuß streifte, nach Tores Bein tastete und ihn über den Fuß und unter der Hose über das Schienbein streichelte.

Tore verschluckte sich ein wenig an dem Schokoladenpudding mit Schuss, den er gerade mit Genuss in sich hineingeschaufelt hatte. Dann warf er einen kleinen Blick zu Nathan rüber und begann, das Essen mit einem Mal weitaus interessanter zu finden. Immer wieder streiften sich ihre Blicke, während um sie herum über Weihnachtsbräuche diskutiert wurde und die Großeltern sich zu erinnern meinten, dass der Pfarrer dieselbe Predigt doch schon im Jahr zuvor gehalten hatte.

Als sie mit vereinten Kräften den Tisch abräumten, um Platz zu schaffen für warmen Punsch und Kekse und natürlich die Geschenke, gelang es Tore sogar, Nathan leicht auf den Hals zu küssen, als er an ihm vorbei eine Schale vom Tisch nahm. /Hm. Er riecht so lecker, und er flirtet so süß mit mir. Bin ich verknallt? Ich muss verschossen sein in ihn, sonst würde ich nicht permanent so dämlich grinsen./

Die Großeltern holten ihre Geschenke von den Enkeln zum Tisch heran, um dort im besseren Licht auch die Anhängekärtchen lesen zu können. Gleich bemerkten sie, dass auch Tore ihnen ein Geschenk machte, und es folgte eine wortreiche Diskussion darum, ob das denn nötig gewesen wäre. Natürlich nicht, aber Tore wehrte ihren übermäßigen Dank geschickt ab, während er sich von Chris zum Dank für die Bücher umarmen ließ.

Chris schenkte ihm von Lydia umwerfend kreativ eingepackte und angenehmen Duft verströmende Kerzen in drei Gläsern und ein kleines Buch mit Spielideen für Jugendgruppen. Noch einmal umarmten Chris und er sich lachend.

Schüchtern sah er zu Nathan hin, der auf dem Sofa saß und hockte sich dann vor ihn, um sich an seinem Knie festhaltend zu murmeln "Es ist nicht das Geschenk, dass ich eigentlich hätte machen wollen. Ich kannte dich zu wenig für etwas schöneres."

Nathan musste sich zusammenreißen, um sich nicht vorzubeugen und Tore einfach auf den Mund zu küssen, als die grauen Augen ihn fast scheu ansahen, während die Berührung ein warmes Kribbeln in ihm hervorrief. /Wenn ich ihn wenigstens streicheln dürfte.../ Stattdessen schenkte er ihm ein Lächeln und einen Blick, von dem er hoffte, dass er nur Tore sagte, was er empfand. "Danke. Das ist mehr, als ich für dich habe. Das tut mir leid."

Obwohl er im Allgemeinen Papier eher rücksichtslos aufriss, nahm er sich dieses Mal die Zeit, die Klebstreifen zu entfernen und es sorgfältig zu entfalten. Es waren einige Tafeln Schokolade, und Nathan musste grinsen. "Hm, aber trotzdem gut getroffen. Ich nasche hin und wieder erschreckend gerne."

Er nutzte die günstige Gelegenheit, um Tore seinerseits kurz zu umarmen und ihm ins Ohr zu flüstern "Das größte Geschenk bist ohnehin du."

Tore errötete ein wenig und drückte ihn als Antwort einmal schnell fester. Dann zog er sich seinerseits auf das Sofa zurück, während die Jungs von der Oma gestrickte Socken und Handschuhe anprobieren mussten und sich gegenseitig ebenso noch beschenkten.

Die Geschenke von den Eltern wurden ausgepackt. Tore hatte neben einigen grauenhaften Büchern von seiner Mutter und noch schlimmeren T-Shirts von der Freundin seines Vaters zum Glück reichlich Geld geschenkt bekommen. Nachdem die Eltern sich im schlechten Gewissen aalten, weil sie jeder annahmen, dass Tore sich gegen sie entschieden hatte wegen der Neuerungen in ihrer Familie, war die Summe deutlich aufgestockt worden.

Um der Familie mal ein wenig Luft zu lassen und um Abstand von Nathan zu bekommen, den er sonst sicherlich noch deutlicher begann mit Blicken und zufälligen Berührungen zu verfolgen, entschuldigte Tore sich, um seine Eltern anzurufen.

Es lief nicht gut, seine Eltern wussten bereits, dass er sich nicht nur gegen einen von ihnen, sondern gegen sie beide entschieden hatte. Es gab den weihnachtstypischen Familienkrach in drei Akten. Erst Tore gegen seine Mutter, dann seine Mutter gegen seinen Vater, dann der Vater gegen Tore. Zum Schluss legte Tore auf, nachdem er ihnen mitgeteilt hatte, dass er vor Ostern auch nicht mehr anrufen würde, wenn es so weiterging.

Er war zu wütend zum Essen und Feiern und vor allem zum Stillsitzen. Stattdessen zog er seine dicken Turnschuhe wieder an, nahm seine Jacke und rief ins Wohnzimmer, dass er mal ein wenig frische Luft bräuchte. Rasch verließ er das Haus und beachtete auch nicht die freudig wedelnde Dunja. Er ging über die Auffahrt zur Straße und kickte einige Eisklumpen auf die gegenüberliegende Seite.

/Blöde Eltern. Blödes Fest. Aber Nathan.../ Er sah einmal kurz zurück und lächelte leicht. /Das ist es doch wieder wert, dass man feiert. Ich bin ein Geschenk, sagt er... Aber er weiß nicht wie schwierig, aussichtslos, wie kompliziert das wird. Er denkt wie all die anderen, dass es leicht ist, dass es nur ein wenig Zureden brauchen wird./

Tore ging aus dem Sichtfeld des Hauses und formte mit bloßen Händen einen Schneeball, den er dann über die Gartenmauer der Nachbarn kugelte, bis eine dicke, unförmige Rolle entstanden war. Grinsend stellte er die Rolle auf einen Pfosten auf. /Wie aber machen wir das? Ich will ihn. Diesmal ist es stärker als sonst. Ich will ihn spüren, so sehr, zu sehr fast schon. Aber wenn es schief geht und ich schreie, ist das ganze Haus wach. Chris bekommt einen Schock./

Tore lehnte sich neben dem Pfosten an. /Guten Morgen und fröhliche Weihnachten, Chris. Ach ja. Folgendes: Ich bin schwul. Ich hab mich verknallt in deinen kleinen Bruder... Ach ja, der ist auch schwul. Da kann ich ihn ja schmerzloser mit einem Holzhammer erschlagen, verdammt!/

Nathan hatte aufgehorcht, als er den verärgerten Unterton in Tores Stimme vernommen hatte, nachdem es kurz zuvor etwas lauter im Flur gewesen war. Gerne wäre er ihm gefolgt, doch warum auch immer Tore das Haus verlassen hatte, er wollte bestimmt allein sein. Deswegen nahm Nathan sich zusammen und blieb, wo er war, um mit Christian seinen Großeltern die Funktionsweise der teuren Kaffeemaschine zu erklären, die sie ihnen geschenkt hatten und die auch Cappuccino und Espresso herstellen konnte. Obwohl sie sich diese gewünscht hatten, war es gar nicht so einfach, es ihnen begreiflich zu machen, und so vergaß er für eine Weile seine Gedanken um Tore. Als dieser jedoch nach zwanzig Minuten noch immer nicht wieder gekommen war, begann er, sich Sorgen zu machen.

/Ob er geklingelt hat und wir ihn überhört haben? Aber nein, dann hätte Dunja gebellt, und zumindest das ist deutlich. Wenn ihm etwas passiert ist? Nathan, hör auf, immer so schnell das Schlimmste zu befürchten! Nur, weil du ihn magst, passiert ihm nicht plötzlich etwas, das ihm nicht passiert wäre, wenn er dir gleichgültig wäre./ Dennoch stand er auf und streckte sich. "Ich lasse Dunja noch mal kurz raus und schau bei der Gelegenheit nach, ob Tore im Schnee versackt ist."

"Danke, Brüderchen."

Als Nathan Christians Miene sah, spürte er einen nervösen Stich. Offensichtlich war auch sein Bruder der Meinung, dass Tore schon zu lange weg war. /Hör auf, habe ich gesagt!/, schalt er sich ärgerlich. /Zwanzig Minuten sind nun wirklich nicht die Welt./

"Bis gleich. Ich werde nicht lange weg sein." Im Flur zog er sich rasch Stiefel und seine warme Winterjacke an, dann verließ er mit Dunja das Haus.


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by Jainoh & Meike "Pandorah" Ludwig