Oh du Fröhliche

8.

Tore lachte noch ein Weilchen leise in sich hinein. Nathan war erregt genug, dass er es gespürt hatte, aber wollte nichts weiter als ihn massieren, ihn streicheln und nicht mal an unartigen Stellen. Ein schönes Gefühl, auch wenn Tore davon ein leicht schlechtes Gewissen bekam. /Was hat er denn davon? Nichts? Auch wenn er sagt, dass er es mag. Ich muss ihm sagen, woran er sieht, wie weit er gehen darf, damit er sich mehr zu machen traut./

Er schlief wie ein Stein, nachdem er warm geknubbelt, gestreichelt und herrlich romantisch geküsst worden war. Für Träume schien ihm die Energie gefehlt zu haben. Doch trotzdem wachte Tore am Morgen gegen halb sieben wieder auf und zog sich nach einem kleinen Badezimmerausflug seinen Trainingsanzug und einen Kapuzenpulli an. Leise schlich er sich dann zu Nathans Zimmer und lugte durch den Türspalt.

Eine erwartungsvoll wedelnde Dunja sah ihm entgegen, während Nathan in seinem grauen Trainingsanzug mit den blauen Streifen auf der Bettkante saß und sich die Schuhe schnürte. Er schaute hoch, grinste Tore an und stand auf, nachdem er die Schleife noch einmal nachgezogen hatte, um die Tür gänzlich zu öffnen und den anderen Mann in den Arm zu nehmen. Ihn an sich drückend küsste er ihn eine Weile, ziemlich sicher, dass Christian so früh nicht aufstehen würde und somit keine Gefahr bestand. Nach einem kleinen, verschmitzten Zwinkern ließ er ihn wieder los. "Morgen, Schatz, und fröhliche Weihnachten. Hast du gut geschlafen?"

Tore nickte und flüsterte zurück "Wie ein Stein. Herrlich." Er grinste noch immer über das 'Schatz', als sie schon längst die Treppe hinunter liefen.

Sie verließen das Haus und folgten der fröhlich vorweg tobenden Dunja auf den mittlerweile schon zur Gewohnheit gewordenen Pfad in den Wald. Die Nacht über hatte es offensichtlich nicht geschneit, so dass der Schnee auf dem Weg bereits heruntergetreten war und es sich leichter laufen ließ. Nathan empfand die kalte Luft als sehr angenehm, ebenso wie die Bewegung, die ein wenig seiner Unruhe, die er seit dem Kuss schon wieder verspürt hatte, vertrieb.

Sie tobten sich aus, liefen ein schnelles Tempo, das die schneidende Kälte vergessen lassen konnte. Tore war jedoch in Gedanken nicht bei seiner Atmung oder bei der schönen Umgebung, sondern überlegte, wie er Nathan fragen konnte. Wie er fragen konnte, ob er nicht mit zu ihm kommen konnte. /Ich will mit ihm zusammen sein, und ich hab nach Silvester noch eine ganze Woche frei, bevor ich zum Seminar muss. Ob ich ihn dann nerven würde, wenn ich in seiner Wohnung... Vielleicht hat er ja gar keinen Platz? Mist. Wie frage ich denn, ohne dass er denkt, dass er ja sagen muss?/

Er kam zu keinem Ergebnis, bis sie zum Haus gelangt waren. Es war zwar noch sehr früh, aber an diesem Morgen war die Großmutter schon in der Küche, als sie hereinschneiten und kochte bereits den starken Kaffee, den sie und ihr Mann den Vormittag über tranken.

Deswegen kühlten Tore und Nathan sich nur schweigend am Küchentisch aus, während die Oma Brötchenteig zum Gehen auf den Ofen setzte und dann schon mal den Braten für das Mittagessen vorbereitete. Die Eltern von Nathan und Christian standen zum Besuch an. /Eltern. Die werden erst Recht nicht erfahren dürfen, was los ist. Schade./ Grummelig duschte Tore und freute sich dennoch auf den Nachmittag, für den Christian ihm versprochen hatte, dass sie nach Abfahrt der Eltern endlich zum Skigebiet fahren würden, um sich die Wochenkarte bis Silvester zu kaufen.

Nathan war nicht besonders glücklich mit der Aussicht, seine Eltern hier zu haben, und es erleichterte ihn, dass sie nur den einen Tag blieben. Allein schon, dass sie zusammen zur Nachmittagsmesse gehen würden, nervte ihn bereits. Und der traurige Blick, den seine Oma ihm zugeworfen hatte, weil sich sein Vater in diesem speziellen Ton erkundigt hatte, ob außer 'den Jungs' noch jemand da sein würde, machte ihn wütend. Warum konnten seine Eltern nicht einfach akzeptieren, dass Onkel Johannes nun mal schwul war? Er tat weder ihnen noch sonst jemanden damit weh.

/Sie werden niemals akzeptieren, dass ich es auch bin. Es wird genauso laufen wie bei Johannes. 'Wir haben nur einen Sohn. Niemals zwei gehabt.' Oder so./ Eigentlich hatte Nathan gedacht, er wäre darüber hinweg, es würde ihn nicht mehr stören. Doch gerade jetzt, wo er diesen wundervollen Mann getroffen und sich so heftig in ihn verliebt hatte, ärgerte er sich besonders darüber.

Sie hatten noch nicht ganz das Frühstück beendet, als draußen im Flur das Telefon klingelte. Bevor seine Oma auch nur vom Tisch abrücken konnte, war Nathan bereits aufgesprungen. "Ich geh schon." Heimlich hoffte er, dass seine Eltern wegen unwägbarer Wetterverhältnisse, Stau oder einer besonderen Messe zu Hause absagen würden, selbst wenn die Chancen dafür verschwindend gering waren. Was ihn am anderen Ende der Leitung empfing, nachdem er abgehoben und sich gemeldet hatte, war auch dementsprechend nicht sein Vater. Mit Lydia hatte er allerdings ebenfalls nicht gerechnet.

"Fröhliche Weihnachten, Nathan. Kannst du mir mein Bärchen geben?"

"Dir auch fröhliche Weihnachten. Moment nur." Nathan kehrte ins Wohnzimmer zurück und wies grinsend mit dem Daumen nach draußen. "Für das Bärchen."

"Idiot!" Christian ließ es sich nicht nehmen, ihm etwas zu hart gegen die Schulter zu knuffen, als er an ihm vorbei ging und im Flur verschwand.

Nachdem sie das Frühstück beendet und den Tisch abgeräumt hatten und Christian noch immer nicht fertig zu sein schien, befand Nathan, dass er selbst für das übliche Liebesgeturtel recht lange weg blieb. Doch gerade, als er deswegen eine scherzhafte Bemerkung zu Tore machen wollte, die recht viel mit Hormonüberschuss zu tun hatte, kam Christian zurück. Er war blass, grinste gleichzeitig jedoch etwas schief und unsicher. "Ich weiß, es kommt ein wenig überraschend, aber ich werde nachher mit den Eltern zurückfahren. Ich... Himmel... Ich werde Vater."

"Vater?" Nathan hielt mitten in der Bewegung inne. Verwirrt starrte er seinen Bruder an, nicht ganz sicher, ob er richtig verstanden hatte und wenn ja, ob das ein glückliches oder eher ein missliches Ereignis war.

Tore hatte gerade sein Messer auf den Stapel zu den anderen legen wollen, aber ließ es nun mit einem lauten Knallen auf den Teller fallen. "Was?" /Lydia... ist schwanger? Oder was will er damit sagen?/ Er kam zu keiner weiteren Frage, denn im Anschluss an diese Eröffnung war die Familie mehr als aufgeregt am Diskutieren. All die vielen, kleinen Probleme, die auftauchen würden, vermischt mit Freude, vornehmlich von Seiten der Großeltern, die sich schon scherzend mit Uroma und Uropa riefen, was Christian nicht wirklich aus dem Schock herauszuhelfen schien.

Endlich reichte es Tore. Er knuffte Chris unsanft und verlangte "Such dir verdammt noch mal endlich einen Zug raus, Papi. Du willst sie doch nicht mit ihren Eltern allein lassen, oder? Die hab ja sogar ich noch in Erinnerung."

"Papi? Oh Himmel..." Christian fuhr sich mit beiden Händen durch das zerzauste, blonde Haar, dann umarmte er Tore einfach, doch es schien mehr, als würde er sich festhalten. "Ich hab das Studium nicht fertig, noch lange nicht, Lyddi auch nicht. Wir wollten noch gar keine Kinder. Lyddi ist fertig, sie hat geweint. Aber trotzdem... trotzdem freue ich mich irgendwie, als sei ich bescheuert." Noch einmal drückte er ihn fest, dann ließ er wieder von ihm. "Natürlich lasse ich sie nicht allein mit ihren Eltern. Ich gehe jetzt packen. Aber ich fahre mit Mama und Paps nach Hause, das geht schneller. Die dürften ohnehin in spätestens einer Stunde hier sein. Und wenn sie das hören, dann werden sie mit Sicherheit keine Einwände haben, etwas früher zu fahren."

Aber anstatt nach oben zu gehen, starrte er Tore schuldbewusst an. "Mist. Wir wollten... die Wochenkarte. Ich... Mist! Das tut mir leid. Aber du verstehst das, ja? Ich kann nicht... Ich kann sie jetzt nicht allein lassen."

Tore winkte ab und drückte ihn an sich. "Das ist um Klassen wichtiger, Mann!" Lachend schob er Chris zu seinem Zimmer und verbrachte die nächste Stunde damit, ihn wieder und wieder zu beruhigen, wenn ihm nach und nach die ganzen Problemen in den Kopf kamen.

Fast war er ein wenig erleichtert, als die Eltern von Chris und Nathan ankamen und sich der Trubel erst einmal um Chris drehte, so dass er nach einer kleinen Vorstellung entlassen war. Er ging in den Garten raus, um nicht zu stören und half den Kindern der Mieter dabei, ein Iglu zu bauen.

Nathan nutzte die erste Gelegenheit, die sich ihm bot, um aus der unmittelbaren Nähe seiner Eltern zu verschwinden, nachdem auch er seinem Bruder mehrfach erklärt hatte, dass er, wenn er Hilfe brauchte, jederzeit auf ihn zurückkommen konnte, so lange es sich nicht um Babysitten handelte.

/Lydia schwanger... Christian wird allen Ernstes Vater. Immerhin das kann mir nicht passieren./ Er grinste und fand den Gedanken, Onkel zu werden, für einen Moment sogar ganz lustig. Dann dachte er an Tore, und seine Laune sackte, als er überlegte, ob sein Bruder wie sein Vater auch bald beschließen würde, Einzelkind zu sein. /Hör auf. Mit Johannes kommt Chris auch gut aus. Aber ich bin froh, dass wir es ihm gestern nicht gesagt haben. Dann hätte er jetzt zwei Dinge, wegen der er sich den Kopf zerbrechen müsste./

Er pfiff nach Dunja, die er als Entschuldigung, sich zu entfernen, vorgeschoben hatte, griff nach seiner Jacke und verließ bereits das Haus, noch ehe er den Reißverschluss zugezogen hatte. /Hm, und wenn Chris geht... will Tore dann auch weg? Oder würde er bleiben, weil ich noch da bin?/

Während seine Hündin sich fröhlich in den Schnee stürzte und gleich zu Tore tollte, sah er nur zu dem jungen Mann hin, der so selbstverständlich mit den Nachbarskindern spielte. /Wenn er... wenn wir wirklich zusammen bleiben, und es für ihn nicht nur eine Laune ist, dann hat Chris einen begeisterten Babysitter, sobald das Balg etwas älter ist./ Nathan fröstelte, schloss seine Jacke und schob die Hände in die Taschen. /Immerhin, Ömchen und Opa sind glücklich. Das ist es doch wert./

Energisch knüppelte er seine aufkeimende Eifersucht hinunter, die ihn von Zeit zu Zeit überfiel, weil Christian im Gegensatz zu ihm irgendwie alles richtig zu machen schien und selbst die Dinge, die sonst als Fehler angerechnet wurden, immer noch perfekt zu sein schienen.

Als Tore, von Dunja angesprungen, auf- und zu ihm sah, lächelte er. "Ich gehe mit ihr spazieren. Magst du mitkommen?"

Tore runzelte die Stirn. /Ich bin in den letzten zwei Tagen schon mehr spazieren gegangen als in meinem Leben zuvor insgesamt./ Er entschuldigte sich dennoch bei den Kindern und ging zu Nathan hin. "Wann fährt Chris? Ich will mich auf jeden Fall verabschieden bei ihm." Er zögerte und suchte in den in diesem Licht eher grau-blau wirkenden Augen seines Freundes nach ein Hinweis auf dessen Pläne. "Ich würde natürlich auch fahren. Könnte ich vielleicht für ein paar Tage mit zu dir?"

Die ersten paar Meter, bis sie außer Sichtweite des Hauses waren, schlug Nathan ein schnelles Tempo ein, ehe er wieder langsamer wurde und schließlich stehen blieb, um sich gegen eine Mauer zu lehnen, die einen Garten von der kleinen Hauptstraße trennte. "Sie werden wohl in einer Stunde aufbrechen. Ich habe nicht vor, so lange zu gehen. Ich wollte nur..." Er zögerte, zuckte dann mit den Schultern. "Ich wollte nur raus. Ich gebe zu, ich habe Dunja als Ausrede genommen."

Ein wenig geistesabwesend beobachtete er seine Hündin, die enthusiastisch zwischen den Laternen und dem Mäuerchen hin und her sprang und besonders interessiert an einem gelben Fleck im Schnee schnüffelte. "Du bist eigentlich zum Snowboarden hergekommen, nicht? Du kannst ja trotzdem bleiben. Meine Großeltern wird es nicht stören. Aber wenn dir das unangenehm ist..." Er wandte seinen Blick wieder Tore zu. "Können wir auch gerne fahren. Ich würde mich freuen, wenn du zu mir kommst... Wenn du Zeit und Lust hast, auch über Silvester."

Tore warf einen Blick die Strasse hinunter, dann legte er den Kopf schief, während er abwog. Snowboarden gegen Nathan allein und nur für sich haben. "Lieber zu dir", entschied er schließlich, vor allem, weil er sich nicht noch einmal vorstellen konnte, in der Nacht im Haus umherzuschleichen, und sah Nathan fragend an. "Es sei denn, du willst noch bleiben."

Nathan lachte und stieß sich von der Mauer ab. "Ich bin gerne bei meinen Großeltern, aber ich werde sie auch noch öfter sehen. Und der Gedanke, dich für mich zu haben, ohne jemanden zu stören, gefällt mir ausgesprochen gut, wie ich gestehen muss. Ohne zu stören und ohne gestört zu werden." Mit einem Mal deutlich besser gelaunt als noch vor ein paar Minuten zwinkerte er Tore verschmitzt zu und wusste allein von dem warmen Gefühl in seinem Bauch, das sein Freund hervor rief, dass er richtig handelte, egal was seine Eltern denken mochten.

Tore grinste leicht. Er sah sich einmal kurz um, dann umarmte und drückte er Nathan, bevor er ihn rasch einmal küsste. "Ich freu mich. Dann sollte ich wohl mal packen gehen!" Schnell drehte er sich um und winkte ihm, um zu Haus zurück zu laufen.

Überrascht blinzelte Nathan ihm hinterher. "Oh... Derart schnell hatte ich das nicht gedacht." Aber dann lächelte er nur und folgte ihm wesentlich langsamer, um noch die Ruhe des verschneiten Dorfes genießen zu können, ehe er seinen Eltern wieder in die Hände fiel. /Ich bin schon eigenartig. Einerseits ist es mir nur recht, wenn ich möglichst wenig von ihnen höre und andererseits... andererseits will ich noch immer, dass sie mich nicht immer mit Chris vergleichen und mich auch mal für das anerkennen, was ich bin. Abseits dessen, was sie für mich geplant haben und was ich nicht eingehalten habe. Aber wenn sie erst einmal erfahren, dass ich schwul bin, kann ich das ja endgültig vergessen./

Er seufzte und lenkte seine Gedanken wieder Angenehmerem zu, zum Beispiel, dass er Tore in weniger als drei Stunden ganz allein für sich haben würde, wenn auch erst einmal nur im Auto, wo sie herzlich wenig würden machen können. Schließlich fuhr sich der Wagen nicht allein. Nathan musste grinsen und fühlte sich schon wesentlich gewappneter, um seiner Verwandtschaft gegenüber treten zu können.

Es wurde anstrengender, als er befürchtet hatte. Seine Mutter fragte nach Freundinnen und Frauen, die es werden könnten; sein Vater bedachte missbilligend die Kinderphotos, die ihn mit seinem Bruder zeigten, was seine Oma zum Glück nicht mitbekam, weswegen Nathan auch dieses Mal nicht den schon obligatorischen Streit zur Verteidigung von Onkel Johannes begann.

Tore nippte im Sofa lümmelnd an seinem Kaffeebecher, während die Familie sich um den Esstisch verteilt hatte, und Nathan sich beinahe anhörte wie auf einem Prüfstand. Christian musste Heiratspläne über sich ergehen lassen, sogleich wurde Nathan nach einer 'kleinen Freundin' gefragt, was Tore zum Grinsen brachte. /Klein bin ich ja schon, ob ich aufzeigen sollte, um wenigstens ein Kriterium zu erfüllen?/ Aber Nathans verbissene Miene verbot jeden Spaß, und so hielt er sich weiterhin am Kaffee nuckelnd zurück.

Immerhin konzentrierte sich die größte Aufmerksamkeit auf Christian und dessen baldiges Kind. Zwar waren die Eltern nicht sehr begeistert davon, dass Lydia unverheiratet schwanger geworden war, aber sie freuten sich dennoch über ihr baldiges Enkelchen. Nathan atmete erleichtert auf, als nach einer ausgiebigen Verabschiedung seine Eltern und sein Bruder endlich abgefahren waren.

Danach wurde es noch einmal fast genauso stressig, als er seinen Großeltern erklärte, dass er mit Tore ebenfalls schon abreisen würde und versprechen musste, bald wiederzukommen. Er atmete erst erleichtert auf, als sie das Dorf hinter sich gelassen hatten und auf die Autobahn eingebogen waren. "So, jetzt hast du also mal meine Eltern in Fahrt miterlebt. So sieht ein Zusammentreffen von ihnen und mir meistens aus." Mit einem schiefen Grinsen schaltete er einen Gang hoch. "Nur dreifach schlimmer, weil im Normalfall länger und ohne Ablenkung."

Tore wiegte den Kopf und murmelte "Da kann ich dir versichern, dass ein Nachmittag mit meiner Mutter und ihrem gestörten Therapeutenmacker sicherlich noch um das Zehnfache schlimmer ist. Sie sind zwar offiziell nicht dagegen, dass ich schwul bin, aber versuchen es mir dabei immer und immer wieder abzutherapieren."

Er warf einen Blick auf die vorbeihuschende Landschaft und fragte leise "Willst du wissen, was ich glaube, warum ich so... komisch bin?"

"Ja, natürlich." Nathan sah kurz zu Tore hin und nickte dann.

Tore hatte seine Turnschuhe abgestreift und stemmte nun die Füße in den geringelten Socken gegen die Klappe vom Handschuhfach. "Ich glaube, dass die Schwulen, die mit einem Mal zu dritt Vater von mir, gerade mal zwei geworden waren, unheimliche Angst hatten, dass man sie als Pädophile ansieht. Hm, vielleicht, dass sie sich selber so sehen müssen. Deswegen haben sie mich gar nicht angefasst, wirklich gar nicht. Der eine hat sich sogar Backofenhandschuhe angezogen, wenn er mich baden sollte."

Er warf einen Seitenblick auf Nathan. "Als meine Mutter dann zurückgekommen ist, war ich mir sicher, dass es so sein muss, dass man mich nicht berühren darf. Von ihr wollte ich das auch gar nicht. Vielleicht ist es ja das." Er hob eine Hand. "Von dir wollte ich es aber... gestern Nacht und heute auch; wenn du Ofenhandschuhe hast, wirf sie bloß weg, ja?"

Nathan musste lachen, auch wenn es insgesamt nicht zum Lachen sein sollte. Aber das mit den Ofenhandschuhen fand er einfach niedlich. "Wenn du nicht willst, dass ich mir die Finger verbrenne, wenn ich Plätzchen backe oder Auflauf mache, dann werde ich sie wohl oder übel behalten müssen." Er sah zu seinem Freund und griff dann nach seiner Hand, um sie an seine Lippen zu ziehen und sie zu küssen, erst auf den Handrücken, dann auf die Innenfläche und das Gelenk, während er den Blick wieder auf die Straße richtete.

"Ich will dich auch berühren. Gerade im Moment und immerzu." Als er dann davon abließ, an den Fingerspitzen zu knabbern, und zum Überholen eines Lastwagens ansetzte, ließ er seine Finger zwischen Tores gleiten und drückte ihn sacht.

Tore grinste. Nathan lachte, hielt ihn nicht für einen Spinner; das tat ihm ebenso gut wie die Zärtlichkeiten zwischen ihnen. "Nimm Topflappen. Ich schenke dir auch welche. Nur diese Handschuhe kann ich wirklich nicht leiden." Er warf dem blonden Mann neben sich einen weichen Blick zu, dann glättete er ihm die Haare leicht. "Ich freu mich." Eine Kinderstimme nachahmend fragte er unter Grinsen "Wie laaaaaaaaange noch?"

"Okay, ich steige auf Topflappen um." Wieder musste Nathan lachen; er knuffte Tore in die Seite, ohne ihn jedoch loszulassen. "Und gedulden wirst du dich schon noch müssen. Zweieinhalb Stunden; das schafft selbst Dunja, also wirst auch du es können."


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by Jainoh & Meike "Pandorah" Ludwig