Oh du Fröhliche

12.

Nathan hielt augenblicklich still, während er in sich ebenfalls Kälte spürte und die leise Bitte in seinen Gedanken nachhallte. Wenn Tore ihn nicht festgehalten hätte, wäre er von ihm zurückgewichen, um zu warten, bis es vorüber war. Wie gerne hätte er etwas getan! Irgendetwas... Hilflos sah er ihn an, stumm betend, dass es nicht schlimmer würde, tröstende Worte flüsternd, die keinen Sinn ergaben.

Tore rollte sich zusammen, ließ Nathans Finger nicht los, behielt sie an sich gepresst und atmete tief und gleichmäßig durch, während ihn Schauer überzogen und sein Körper nach Freiheit schrie, die er nicht wollte. /Bitte... hör auf! Nicht mit ihm... nicht hier... Das ist so wichtig, verdammt!/

Und auch wenn er es zuerst nicht glauben konnte, ließ das Zittern nach, und er konnte sich auf den Rücken zurückdrehen, noch immer war er erregt, noch immer wollte er Nathan; auch wenn er leicht geschüttelt war, wollte er auf seinen mackigen Körper nicht mehr länger Rücksicht nehmen.

Erleichtert, glücklich, wenn auch vom Glück mehr überrumpelt denn erfreut, rollte er sich gegen Nathan und presste sich gegen ihn, wollte ihn über sich ziehen, wollte seinen warmen, sicheren Körper auf seinem spüren. "Bitte, komm näher, du bist so... warm", flüsterte er und sah Nathan in die Augen.

Nathan erwiderte den Blick sekundenlang, während er begriff, dass sie nicht an dieser Stelle aufhören würden. Dass Tore ihn noch immer begehrte, dass er ihn wollte. Unvermittelt kehrte die Hitze zurück und ließ ihn erzittern. /Warm?... Keine Kälte?/ Seine Hände begannen, die Bahnen auf Tores Seiten wieder aufzunehmen, als er auf ihn glitt und zwischen unzähligen Küssen auf jede erreichbare Stelle Kosenamen zu wispern begann, mehr denn je in dem Bemühen, ihm Lust zu schenken.

Tore ächzte. Noch immer begriff er nicht so recht, was gerade passiert war, aber es wurde alles unwichtig, als Nathan begann, mutiger geworden, sein Streicheln wieder aufzunehmen; dieses Mal blieb er vom Eis verschont. Tore fand keine Gelegenheit mehr, um zu freaken, denn innerhalb weniger Minuten kam er heftig. Die ganzen aufgestauten Gefühle seit dem ersten flirtenden Blick, das Wollen und Wünschen, all das ließ ihn erbeben und schickte ihn für eine ganze Weile in einen Wirbel aus bruchstückhaften Empfindungen, durch die er nur einen klaren Gedanken behielt. /Ich hab gewonnen! Nathan und ich... wir haben gewonnen!/

Als er sich wieder bewegen konnte, stürzte er sich auch mit genau diesen Worten auf seinen Freund. "Wir haben gewonnen! So geil! Woohooo!" Er küsste Nathan auf jede erreichbare Stelle und bewegte sich schon aus Instinkt gegen ihn, presste ihre Hüften gegeneinander. "Gewonnen!" Nathan sagte etwas, aber das war egal, Tore wollte ihn spüren, wollte sehen, wie er fühlte und wollte noch einmal sehen, dass er und Nathan es schafften, ohne das Eis und ohne die Dunkelheit zusammen zu sein.

Gierig vereinnahmte er seinen Mund, während er eine Hand zwischen ihre Körper brachte, die Reibung noch zusätzlich erhöhte. Er spürte, wie Nathan seinen Po umfasste und lachte, einfach so, während er sich auf ihm nahezu wild geworden austobte, rücksichtslos die Freiheit genießend, die er mit einem Mal hatte.

Nathan kam nur Momente später, doch es ging fast unter in dem Lachen, in dem Glück und der Begeisterung, die seinen Freund erfüllte und in die er ihn mitzog. Sie rollten über das Bett, küssten sich, lachten wieder, um sich erneut zu küssen, und Nathan fühlte sich wie nie zuvor, schwindelig und schwebend, stolz und wundervoll, erleichtert und atemlos und so viel mehr, das durch ihn wirbelte.

Schließlich ebbte der Überschwang langsam ab, und sie kamen ein wenig zur Ruhe. Auf ihm liegend sah Nathan auf seinen Schatz hinab, noch immer grinsend, noch immer kribbelig. "Ich hab dir gesagt, wir schaffen es, Schatz. Du hast es geschafft!"

Tore ließ den Kopf nach hinten fallen und atmete einige Male durch, dann umfasste er Nathan und strich seine Wirbelsäule entlang. Am Po angekommen ertastete er einige feine Härchen und spielte nachdenklich damit. /Geschafft? Habe ich das? Ich weiß nicht. Ich glaube, dass es wiederkommt./ Doch trotzdem war er glücklich wie nie zuvor. Allein weil er Nathans Herzschlag gegen seine Brust spürte. Schließlich wurde es ekelig, und er schob seinen Freund nach einem Kuss von sich. "Gehe ins Bad."

Im Badezimmerspiegel, von pinken Fliesen umgeben grinste Tore und streckte sich die Zunge heraus. "Sex... ohne freaken, mit Kommen, mit Happy End schon fast." Er drehte das heiße Wasser auf und musste nicht lange warten, bis der Spiegel vollkommen beschlagen war. Mit leicht schiefgelegtem Kopf malte er ein 'Hab dich lieb' mitten hinein und rief nach Nathan, während er seine Haare von Gel befreite, dann lief er zum Schlafzimmer zurück.

Nathan kam ihm entgegen und hielt ihn kurz auf, um ihn anzugrinsen und noch einmal auf die Schulter zu küssen, dann auf den Hals und die Wange und sich schließlich doch nach einem letzten Klaps auf den nackten Po loszureißen. Er fühlte sich besser, als jeder Sechser im Lotto es bewirkt hätte und beschloss, während er zum Bad ging, seinen Schatz am Abend auszuführen. Restaurant, Disco, gleichgültig. Und danach würden sie das gleich noch mal ausprobieren müssen.

Warmfeuchte Luft schlug ihm entgegen, als er den kleinen Raum betrat. Er ging zum Waschbecken und wollte eben den Hahn aufdrehen, als sein Blick auf den Spiegel fiel. Schon ziemlich verschwommen, aber noch durchaus lesbar konnte er die drei Worte entziffern, die Tore auf die beschlagene Scheibe gemalt hatte. Wärme erfüllte ihn und ließ sein Herz schneller schlagen. Ein glückliches Lächeln stahl sich auf sein Gesicht, das sich mehr und mehr vertiefte, je länger er die kleine Aussage betrachtete.

Es wich auch nicht, während er kurz duschte und sich die Zähne putzte und war noch immer vorhanden, als er schließlich zu seinem Freund ins Wohnzimmer zurückkehrte, der mittlerweile wieder angekleidet war. Ohne sich darum zu kümmern, dass er nach wie vor nackt war, zog Nathan ihn in seine Arme und küsste ihn weich.

"Ich dich auch", sagte er leise. /Und ich gebe dich nicht mehr her./

 

Tore warf einen letzten Blick auf sein Hochbett und nickte zufrieden. Er war noch vom Sport verschwitzt, aber das Bett herzurichten war wichtiger gewesen. Grinsend zog er den Vorhang vor, damit Nathan nicht zu früh darauf kam, dann turnte er am Kletterseil hinunter, die Leiter an der Seite einmal mehr ignorierend und ging schnell duschen.

Ein Blick nach draußen offenbarte, dass es für Februar eigentlich zu warm war, aber nicht warm genug, um den Schnee gänzlich zu schmelzen. Er schätzte Nathans Fahrtzeit auf etwas mehr als zwei Stunden, die Straßen waren sicherlich frei. Gemütlich verbrachte er deswegen recht viel Zeit mit dem Duschen, Rasieren und Eincremen.

Allerdings überraschte sein Freund ihn, das Schloss in der alten Wohnungstür knirschte eine Stunde vor erwarteter Zeit, dann japste Dunja, während Tore hörte, wie sie durch den Miniflur gleich in sein großes Zimmer stürmte. Ihr fragendes Bellen hallte ein wenig von den hohen, stuckverzierten Wänden zurück. Schnell schlang Tore sich ein Handtuch um die Hüften und öffnete die Badezimmertür, um seinen Schatz zu begrüßen.

Nathan hatte gerade seine Jacke an die Gardarobe gehängt und grinste, als er seinen Freund halbnackt zu Gesicht bekam, rosig von der Hitze im Bad und fast dampfend in dem kühleren Flur. "Hm, lecker. Das nenne ich ein anständiges Willkommen."

Er zog Tore in die Arme und küsste ihn lange und ausgiebig zur Begrüßung, während er die vom Eincremen besonders weiche Haut unter seinen Händen genoss. Für seinen Geschmack hatten sie sich schon viel zu lange nicht mehr gesehen, was bei der Fahrtzeit hin und zurück auch kein Wunder war. Ernsthaft überlegte er, ob er Tore nicht vorschlagen sollte, dass sie zusammenzogen. Dennoch ließ er ihn vorerst ein wenig widerstrebend los, um seine von der Arbeit verdreckten Stiefel loszuwerden. "Hab dich vermisst, Liebling."

Tore begrüßte die um ihn herspringende Dunja mit einem Kuss auf den felligen Kopf und lächelte. "Ich vermisse dich immer schon, wenn du noch nicht mal den Motor gestartet hast." Er lief fröstelnd in sein Zimmer hinüber. "Wir haben noch reichlich Zeit. Erst in zwei Stunden holen die anderen uns zur Party ab, also kannste in Ruhe duschen."

Das war eine der wenigen Sachen, in denen sie sich nicht immer einig waren, die sie hatten ausdiskutieren müssen. Wenn sie sich bei Tore trafen, dann wollte er auch mit seinen Freunden ausgehen, tanzen, feiern, sich austoben. Nathan und er hatten wegen dessen Abneigung gegen den Lärm und die Menschenmassen, die sie trennten, beschlossen, dass sie an den Wochenenden in der Kleinstadt bei ihm nur zu zweit sein würden, in der Stadt aber Tore feiern gehen konnte und Nathan klaglos mitkommen würde.

Tore zog sich eine besonders knappe und enge Shorts an und seine weite, dunkelgrüne Cargohose mit den vielen Taschen an den Beinen. Mit dem schwarzen Gürtel zurrte er sie auf der Hüfte fest, dann durchstreifte er das Durcheinander in seinem Schrank mit suchendem Blick. Im Hintergrund vernahm er den Reißverschluss an Nathans Tasche, gleich drauf warf dieser eine schwarze Jeans und ein nett enges Oberteil mit langem Arm auf das Sofa, um sich ein Handtuch ins Bad mitzunehmen. Erleichtert stellte Tore fest, dass sein Freund keinen Blick auf das Bett geworfen hatte, nicht einmal in die Richtung.

Es war komisch mit Nathan. Sonst hatte er seine Freunde immer nur eine kurze Zeit, zum Teil nur eine Nacht lang um sich gehabt, aber er wollte auch nie mehr, war schnell von ihnen genervt, wie auch seine quirlige, nervöse Art die anderen genervt hatte, so dass man sich zumeist im gemeinsamen Einvernehmen getrennt hatte. Mit Nathan aber fühlten sich selbst die zwei vergangenen Monate schon länger an... zugleich aber auch nicht lang genug. Nicht nah genug, auch wenn Tore gerade am Freitagabend immer ein wenig Zeit brauchte, um sich an seinen Freund und an seine eigenen Gefühle für diesen Mann zu gewöhnen.

Zwei von Tores Studienfreunden, mittlerweile auch schon ganz gute Freunde von Nathan, holten sie mit dem Wagen ab. Zuerst ging es in eine persische Kneipe, wo man an niedrigen Tischen auf Kissen sitzen und scharfgewürzte Sachen essen konnte.

Chris und Lydia waren auch dabei dieses Mal. Die beiden hatten sich angenehm schnell an den Umstand, dass Tore und Nathan ein Paar waren, gewöhnt. Chris zuckte nicht einmal mehr, wenn Tore sich an seinen Bruder kuschelte, wenn Nathans Finger unbeabsichtigt zu streicheln begannen.

Als Chris und Lydia sich verabschiedet hatten, fühlte Tore sich wieder, wie er fühlen wollte. Er konnte sich an Nathans kräftigen, warmen Körper anlehnen, in seinen Blicken versinken, sie konnten sich stumm verständigen. Die Gewöhnungszeit war wieder vorbei.

Als sie dann gegen vier Uhr morgens beschlossen, die Disco bald zu verlassen, weil die Musik immer weniger ihr Geschmack war, hatte Tore sich wieder mal das Shirt ausgezogen und war zufrieden, weil er ziemlich erschöpft und müde getanzt war.

Überschwänglich sprang er Nathan an und ihm auf den Schoß, um ihm einen Schluck vom Bier zu stehlen. Schon länger kümmerten sie sich nicht mehr darum, was andere dachten, zumal es in dieser Disco keine Rolle spielte. Tore stupste Nathans Nasenspitze mit seiner an und grinste. "Du hast die Schnauze voll, ne? Wir fahren gleich."

Nathan umfing die schlanke Taille mit beiden Händen und grinste ebenfalls. "Gestrichen voll, aber ich bin nett beschwippst. Und jetzt ist sowieso alles in Ordnung." Um ihm zu zeigen, was er meinte, küsste er ihn auf den Hals und lachte dann. "Ich mag deine Gewohnheit, dich beim Tanzen halb auszuziehen."

Er mochte es auch, die flirrenden, bunten Lichter auf der immer sehr schnell feucht glänzenden Haut zu beobachten, ihm zuzusehen, wie er sich bewegte, mit ihm zu tanzen. Er mochte es sogar, wenn Tore angeflirtet wurde und zurückflirtete, weil er trotzdem wusste, er gehörte zu ihm, und weil die neckischen Blicke, das Funkeln in den Augen seinen Freund noch reizvoller machten. Er konnte definitiv nicht sagen, dass er es nicht genoss, mit ihm wegzugehen, auch wenn er jedes Mal froh war, wenn sie wieder nach Hause kamen.

Als sich ihre Freunde endlich ausgemärt hatten, und sie den Lärm der immer schrecklicher werdenden Musik hinter sich ließen und in die kalte Nachtluft traten, atmete Nathan erleichtert auf. Er sorgte dafür, dass Tore seine Jacke anzog, auch wenn dieser sich, heiß wie ihm war, kurz dagegen sträubte, bis Nathan ihn mit einem Kuss bestach. Auf der Rückfahrt saßen sie eng aneinander gekuschelt hinten im Wagen, und Nathan fühlte erneut die Gewissheit, dass er Tore für immer bei sich haben wollte.

Zumindest ein wenig dieses Gefühls versuchte er ihm zu zeigen, als sie schließlich die Haustür hinter sich geschlossen hatten, und er wie eigentlich jedes Mal die Ruhe und das Alleinsein begrüßte, indem er seinen Schatz nur für sich in die Arme zog und ihn erst einmal küsste, unbeobachtet, ohne Unterbrechung und nur auf ihn konzentriert.

Tore überließ Nathan, nachdem sie den charakteristischen Ausgehkuss beendet hatten, das Aufschließen. Schweigend die Ruhe genießend tappten sie in die Wohnung und teilten sich auf. Nathan ging noch mal mit Dunja vor die Tür, während Tore duschte; die nach Rauch stinkenden Klamotten ließ er gleich dort neben der Waschmaschine liegen.

Nathan hatte eigentlich nicht mehr wirklich Lust gehabt, mit Dunja zu laufen, aber das Wissen, dass er dafür etwas länger würde schlafen können, bevor sie zum morgendlichen Joggen aufbrachen, hatte ihn wie meistens doch dazu gebracht. Im Endeffekt genoss er den kurzen Spaziergang sogar, die frische Luft nach all dem Zigarettenrauch, den Menschenmassen, die entsprechend rochen, der stickigen Atmosphäre in den geschlossenen Räumen. Sein Kopf wurde wieder klar, als der Alkohol nahezu zu wirken aufhörte.

Dennoch beeilte er sich mit dem Zurückkommen, da er sich danach sehnte, zu Tore unter die Decke zu steigen, seinen Freund an sich zu ziehen und mit ihm im Arm nach vielleicht noch einer netten Knutscherei einzuschlafen. Dunja verschwand wieder in ihrem Korb, kaum dass sie zurück waren, während Nathan erst noch einmal die Dusche unsicher machte. Mit nach Zigarette riechenden Haaren aufzuwachen, war nicht das, was er als gemütlichen Morgen empfand.

Tore kletterte auf sein von einem Freund gebautes Hochbett und steckte die Lichterkette ein. Normalerweise befanden sich dort nur die gewöhnlichen kleinen Lämpchen, doch zur Feier des Valentinstages in der Woche zuvor hatte er aus pinker, weißer und roter Bastelfolie Herzchen ausgeschnitten und darüber gefriemelt. Nun war das Licht zum einen herrlich kitschig in Rosť, zum anderen betonte es die von ihm in der Woche zuvor rosa gefärbte Bettwäsche.

Grinsend warf Tore sich nackt, wie er war, quer über sein Bett, streckte die Arme aus und seufzte. Es war vier Uhr am Morgen, aber er war nicht müde, stattdessen war er schon seit über einer Stunde ziemlich scharf auf seinen Freund und hoffte nun, dass Nathan ebenso nackt zu ihm kommen würde.

Allein der Gedanke war sehr erfreulich; Tore rollte sich auf den Bauch, um seinem Schatz nicht gleich zu zeigen, wie sehr er schon wieder angemacht war und kramte stattdessen nach Kondomen. Grinsend zählte er im Geiste ab, dass, wenn er nicht freakte dieses Mal, es schon fünf Male ohne größere Unterbrechung sein würden.

Am Anfang hatte er jedes Mal im Bett mal mehr, mal weniger gezuckt, mal war er sogar aus dem Zimmer gerannt, wütend über sich selber, aber er konnte es nicht verhindern. Einmal wäre er fast vom Hochbett gefallen. Nathan hatte ihn, zum Glück deutlich kräftiger als er, festgehalten, bis er wieder klarer wurde. /Dieses Mal nicht. Heute Nacht tun wir es, und alles wird einfach nur perfekt laufen. Jawohl!/


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