Oh du Fröhliche

13.

Als Nathan müde und leicht fröstelnd ins Zimmer kam, sich ärgernd, dass er sein Schlafzeug nicht vorher ausgepackt hatte, wurde er vom Hochbett aus mit roséfarbenem Licht empfangen. Etwas verdutzt sah er nach oben, dann warf er achtlos das Handtuch, mit dem er sich eben noch durch die feuchten Haare gerubbelt hatte, auf einen Stuhl. Ein kleines Grinsen huschte über sein Gesicht, als seine Müdigkeit verschwand und sich stattdessen ein erwartungsvolles Prickeln in seinem Bauch auszubreiten begann. Es wirkte ganz danach, als hätte sein Schatz eine Überraschung für ihn parat, und er hatte mittlerweile mehrfach feststellen können, dass er es liebte, von Tore überrascht zu werden.

Rasch kletterte er die Leiter zum Bett empor, um oben angekommen von derart viel Pink erwartet zu werden, dass es seinem Badezimmer alle Ehre machte. Herzchen erinnerten ihn daran, dass Valentin gewesen war, was er nur durch die Schaufenster von Blumenläden mitbekommen, dem er aber wenig Beachtung geschenkt hatte. /Oh, er steht drauf. Hätte ich mir eigentlich denken können. Mist./

Doch der Gedanke währte nicht lange, denn ein nackter, sich rekelnder Tore, der in dem kitschigen Licht zum Anbeißen aussah, lenkte ihn gekonnt davon ab. Begehrlich ließ Nathan seinen Blick über ihn gleiten, während er auf das Bett krabbelte. Eine Weile gönnte er sich nur diesen Anblick, ohne seinen Schatz zu berühren, was seine Erregung genauso ansteigen ließ, als hätte er es getan.

Allzu lange hielt er das jedoch nicht durch. Bewundernd ließ er seine Fingerspitzen über die weiche Haut des Rückens streifen, folgte der Erhebung des Hinterns und umkreiste ihn, glitt dann die Oberschenkel entlang. Mit einem Lächeln beugte er sich hinab und küsste erst die eine, dann die andere Pobacke und biss sacht hinein, ehe er grinsend bekundete "Zuckersüß, sehr lecker und wunderschön."

Tore quiekte erfreut und rekelte sich ein wenig mehr, nahm die Beine auseinander und seufzte leise. "Valentin, ich wollte das Bett zur Feier des Tages pink haben. Ist es sehr schwul?"

"Ist es", bestätigte Nathan und lachte. "Und ich stelle hier in diesem Moment fest, dass ich Valentin doch etwas abgewinnen kann, mit einem derart bonbonsüßen Geschenk."

Er ließ eine Hand zwischen die so einladend geöffneten Beine gleiten, um Tores empfindlichen Oberschenkel zu necken, während er gleichzeitig sacht in seinen Nacken biss und ihn mit Lippen, Zähnen und Zunge zu verwöhnen begann. "Außerdem liebe ich es, wenn du so etwas machst, und ich liebe, dass du schwul bist, sonst wäre ich ziemlich einsam. Du bist herrlich, Liebling..."

Tore seufzte und drehte das Gesicht, um Nathans Lippen begegnen zu können. Zum Antworten war er zu abgelenkt, aber auf das Kompliment reagierte er noch mit einem Lächeln, während er sich genießerisch unter Nathans wissenden Händen wand.

Und als hätte irgendwo, irgendwer ein Einsehen mit Tores Wunsch gehabt, verlief der Sex fast reibungslos. Nur einmal ganz kurz musste Nathan innehalten. Sie hatten festgestellt, dass es half, sich in die Augen zu sehen, und so war es auch dieses Mal. Nathan und Tore starrten sich einen Moment lang an, dann ebbte die beginnende Furcht ab, und Tore zog seinen Freund gleich drauf noch energischer gegen sich, in sich, wollte ihn erst recht spüren.

Hinterher rollte Tore sich wie eine schnurrende Katze an Nathans Seite zusammen und schob sein Gesicht gegen dessen Brust, um dem allmählich langsamer Werden des Herzschlags zu lauschen. "Hm... lieb dich..." Statt noch etwas zu sagen, gähnte er und war gleich drauf eingeschlafen.

Nathan lächelte und schaltete das pinke Licht aus, ehe er Tore enger an sich zog, sie beide zudeckte und der zufriedenen Erschöpfung nachspürte, die er empfand. Sacht und ohne es wirklich zu merken, streichelte er den Rücken seines Freundes, während er darüber nachdachte, was für ein Glück es gewesen war, dass Christian diesen Mann mit zu seinen Großeltern gebracht hatte. Sonst hätte er ihn vielleicht nie lange genug angesehen, um festzustellen, dass trotz dem, was dagegen zu sprechen schien, Tore definitiv sein Typ war.

"Ich dich auch", murmelte er nahezu unhörbar und schloss glücklich die Augen, vergrub das Gesicht in dem zerzausten Haar. "Ich dich auch..."

 

Nathan erwachte am nächsten Morgen weitaus später, als er es gewohnt war. Ein kurzer Blick auf die Uhr zeigte ihm, dass es bereits fast Mittag war, und das unruhige Tappen der Pfoten, das von unten herauf drang, sagte ihm, dass sich auch Dunja dessen bewusst war. Vorsichtig, um seinen Schatz nicht zu wecken, wand er sich aus seinen Armen und kletterte leise die Leiter hinab, um dann erst einmal seine Hündin zu beruhigen, damit diese nicht durch ihr freudiges Bellen Tore doch noch aus dem Bett warf.

Nach seiner üblichen Joggingtour, die ihn mit einem kleinen Umweg an einem Bäcker vorbei führte, kehrte er zurück, duschte rasch und bereitete dann wegen der fortgeschrittenen Uhrzeit einen ausgiebigen Brunch vor. Zuerst hatte er vorgehabt, ihn auf ein Tablett zu laden und auf das Stockbett zu bringen, doch angesichts der schieren Menge beschloss er dann, ihn brav auf dem Tisch stehen zu lassen. Er kletterte nach oben, zog seinem Freund die Decke von den Schultern und begann, ihn mit zarten Küssen auf Brust, Hals und Gesicht zu wecken.

Tore ruderte ein wenig mit den Armen, dann gähnte er an Nathans Schulter versteckt. "Hm... du warst schon draußen? Mutig." Er linste auf den Wecker und erschrak ein wenig. "War wohl doch anstrengender als gedacht." Er rollte sich unter Nathans Arm durch und bemerkte erst dann, dass er noch nackt war. Kichernd ließ er sich wieder auf das rosafarbene Bett fallen. "Uh... entweder ich war zu betrunken, um mich anzuziehen, oder der Sex hat mich dahin gerafft."

Nathan lachte leise. "Im Zweifelsfall beides, Süßer. Auf jeden Fall bist du direkt eingeschlafen. Ich habe Frühstück gemacht, wenn du geduscht hast, können wir essen." Er zwinkerte ihm noch einmal zu und gab ihm einen frechen Klaps auf den nackten Hintern, dann kletterte er wieder nach unten, um den Kaffee in die Thermoskanne umzufüllen.

Als sie sich später am Frühstückstisch gegenüber saßen, fragte Nathan sich, ob er den Gedanken, der ihm im Grunde genommen schon seit Wochen im Kopf herumspukte, einfach ansprechen sollte. Mit jeder Autofahrt, mit jedem Abschied hatte er sich fester in ihm eingenistet, und mit jedem Telefonat war er größer geworden. Er geduldete sich noch, bis Tore fast fertig war, nur eine letzte Tasse Kaffee genoss, dann nahm er sich ein Herz.

"Ich weiß, dass ich dich jetzt etwas überfalle, Schatz, aber ich finde keinen guten Anfang, von daher ist irgendwie jeder Moment passend oder unpassend." Er zuckte einmal mit den Schultern und lehnte sich zurück, Tores Gesicht angespannt beobachtend. "Hast du schon mal überlegt, wie es wäre, wenn wir zusammenziehen würden?"

Zuerst hatte Tore einen kleinen Schreck bekommen. Der Morgen hatte so weich und langsam begonnen, und gerade hatte er sich überlegt, ob sie es noch zu dem Skaterturnier in der Stadthalle schaffen konnten, als Nathan mit einem Mal so ernst geworden war.

Doch dann fragte sein Freund nach Zusammenziehen, und Tore stellte von dem Gedanken überrumpelt die Tasse ab. /Er ist so viel erwachsener als ich. Ob er das auch schon länger geplant hat?/ Er blickte Nathan ins Gesicht und fragte zurück "Hast du dir schon eine Art Plan gemacht, Tano?"

Der neuste Spitzname kam von einem Freund von Tore, der Nathan immer den Nathano genannt hatte. Tore kürzte es seit ungefähr drei Wochen in Tano ab und fand, dass es wie ein filmreifes, dynamisches Duo klang, Tano-Tore. Wenn nicht das, dann wenigstens wie eine leckere Nachspeise.

Nathan lächelte erleichtert, als sein Freund es nicht sofort von vorneherein ablehnte. Das hieß zumindest, dass er ganz gute Chancen hatte. So sehr er Tore liebte, wusste er doch oft nicht, wie dieser reagierte. "Nun, ich hatte es mir in etwa so gedacht, dass ich mir hier in der Gegend einen Job suche; du kannst ja nicht allzu weit von der Uni weg. Das dürfte aber kein großes Problem sein, der Chef hat ganz gute Beziehungen zu einem Betrieb hier. Und wenn ich das sicher habe, suchen wir eine gemeinsame Wohnung, hm?"

Tore lachte und umrundete den kleinen Esstisch, um sich auf dem Schoß seines Freundes niederzulassen. "Das wäre doch toll. Aber sollten wir nicht versuchen, ein Haus zu finden? Zu zweit ginge es vielleicht, irgendwo ein Erdgeschoss zu bekommen, mit Garten für Dunja." Irritiert bemerkte er, dass die Idee ihn zugleich anmachte und abstieß, der Spießigkeit wegen. "Oh, ich werde spießig, hau mich! Sofort!"

Nathan begann zu lachen, laut und ausgelassen, während er die Arme fest um seinen Geliebten schlang und ihn an sich drückte. "Bevor ich dich haue, schlage ich mich selber, Schatz! Erst recht jetzt, wo du mir noch ein Valentinsgeschenk gemacht hast, und was für eines." Doch dann verstummte er, sah ihm in die Augen und lächelte. "Und gleichgültig ob es ein Haus, eine riesige Wohnung oder ein winziges Appartement wird - mit dir wird es mit Sicherheit nicht spießig werden. Und niemals langweilig."

"Dafür mit wenigstens einem pinken Zimmer!" Tore grinste und murmelte dann jedoch leise und vorsichtig fragend "Tano? Wann dürfen deine spießigen Eltern es endlich erfahren? Du redest zwar nie mit ihnen, aber ich will nicht ans Telefon gehen und dein Mieter sein oder dein nerviger Mitbewohner; und wie würdest du ihnen den Mangel an Schlafzimmern erklären?"

Nathan seufzte leise und lehnte den Kopf an Tores Schulter. "Meine spießigen Eltern... Denen sage ich das am besten noch, bevor wir zusammen ziehen. Dann können sie überlegen, ob sie meine neue Adresse überhaupt haben wollen." Leicht berührte er mit den Lippen seinen Hals, wenn auch nur kurz. "Ich will auch nicht wegen dir lügen. Du bist mein Freund. Punkt. Ich liebe dich. Punkt. Meine Großeltern akzeptieren es, mein Bruder auch. Das ist das wichtigste." Er atmete einmal tief durch. "Nächste Woche? Direkt am Montag?"

Tore blinzelte überrascht, dann lachte er. "Meine Güte, du hast es eilig! Ich meine, wir... wir..." /Ja, was eigentlich? Wir sind superschnell zusammen gekommen, ich weiß noch genau, wie es gefunkt hat zwischen uns. Es schlägt noch immer Funken, immer wenn ich ihn ansehe. Wir sind seitdem doch in jeder möglichen Minute zusammen. Gott, Nathan fährt sogar erst am Montag um vier in der Früh, um keine Nacht mit mir zu verpassen, und ich... hab oft genug mein Montagsseminar sausen lassen für ihn, oder die Vorlesungen am Freitag. Und wieso auch sollten wir dann nicht einfach...?/

Er lachte jedoch auf und sagte zwischen locker verteilten Küssen "Ich will das nicht als Preis für meine Zusage, Tano. Ich will auch nichts überstürzen. Mach den Job erst mal klar, dann werden wir unsere Wohnungen los und schauen uns um, okay? Und deinen Eltern sagst du es, wenn du den neuen Job hier annimmst."

Nathan lächelte und fuhr ihm durch die Haare, während er die leichten Küsse genoss. "Ich hatte es nicht als Preis verstanden, Liebling. Ich dachte nur, dass es dann hinter mir liegt, jetzt, wo sie es eh demnächst erfahren werden. Aber okay, ich warte dann noch ein wenig, bis alles sicher ist." Nicht, dass er vorhatte, irgendetwas schief gehen zu lassen. Sein Lächeln vertiefte sich. Im Gegenteil schien es ihm, dass jetzt eigentlich gar nichts mehr schief gehen konnte. Dass es einfach unmöglich war. Und das fühlte sich verdammt gut an.


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© by Jainoh & Meike "Pandorah" Ludwig
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