Das dritte Gesicht

1.

Carelis schlug seine Handschuhe mit einem seiner Gereiztheit entsprechenden Geräusch in die Handfläche... einmal, zweimal, dann hob er den Kopf und betrachtete den glupschäugigen Heiratsvermittler vor sich.

Der Mann war mittleren Alters, trug ein Toupet, farblich nicht vollständig auf den schütteren Rest seiner Haare abgestimmt, und er war zudem mit einem wirklich geschmacklosen Anzug bekleidet. Sein Körper wirkte hinter dem massiven Schreibtisch zu klein und gedrungen. Seine ganze Haltung wies darauf hin, dass der Mann bereit war, innerhalb der nächsten Zeit im Boden zu versinken. Mit Sicherheit wäre er einer der letzten Wesen, mit denen Carelis einen Abend hätte verbringen wollen.

Carelis strich sich eine der langen, dunkelroten Haarsträhnen hinter sein Ohr, während er weiterhin mit langsamen Schritten auf und ab ging. "Vermittler, sie wollen mir also jetzt, in diesem denkbar verspäteten Moment mitteilen, dass meine Braut mit dem Sänger einer Musikgruppe verschwunden ist, deren Namen in meiner Sprache eigentlich nur mit einer Obszönität zu übersetzten ist?" Seine Stimme war zu ruhig, aber er gratulierte sich zu seiner Geduld. Noch vor ungefähr zwanzig Jahren wäre der Vermittler längst tot gewesen - und unkenntlich.

"Herr... ich kann mich nur noch tausendfach entschuldigen und entschuldigen. Ich habe zehn meiner besten Agenten daran gesetzt, sie wiederzufinden und in..."

"Nein." Carelis’ dunkle Stimme beendete das näselige Gejammer des Vermittlers, bevor dieser ihm noch weiter auf die Nerven gehen konnte. Er richtete den Blick seiner schmalen, grünen Augen auf dessen bleiches Gesicht und starrte ihn missmutig an, in Überlegungen versunken, wie er diesen Verlust in ein  Geschäft umdrehen konnte.

"Ich denke nicht, dass Rachaet sich nun je wieder mit ihr zufrieden geben würde, außer als Opfer einer guten Jagd vielleicht." Er wusste, dass er gegen den zusammengesunkenen Heiratsvermittler vor ihm seine beste Trumpfkarte ausspielte. Er nutzte – als eher billige, aber wohltuende Rache, zum Abreagieren – die Angst aller Wesen im All vor dem zweiten Gesicht der Daryller. Dann hob er eine Hand an die Stirn und fragte leise "Sie ist geflüchtet, weil sie Angst hatte? War es das?"

Der Vermittler nestelte an den Rüschen, die sein Hemd zierten und schüttelte den Kopf "Nein, es war nur eine eingebildete Verliebtheit, die sie befallen hat, als sie den Sänger der Gruppe hier im Hotel getroffen hat. Ausgerechnet als sie schon hier war."

"So ein Pech. Ich bin einige Lichtjahre weit gereist, habe Geschäfte verschoben und die Geburt meines Neffen verpasst, um die Ehe einzugehen. Das alles war nun umsonst. Ich kann also ein gutes Anrecht auf eine Entschädigung haben, nicht wahr? Wie also sieht diese aus?" Dies würde ein vorteilhafter Handel werden.

Der Vermittler, der selber nicht wenig geschäftstüchtig, bereits horrende Gebühren kassiert hatte, reckte erleichtert seine Schultern und lächelte erfreut. "Diese junge Dame kommt also nicht mehr in Betracht, aber wir haben einen Aufenthalt im Windpalast für sie arrangiert. Dort kann man sich ganz vorzüglich entspannen. Dies wäre der Schlüssel zu dem Zimmer, ein Gleiter würde sie hinbringen, wenn sie es wünschen, Herr Carelis Rachaet."

Carelis überlegte einen Augenblick, dann zückte er eine Metallkarte, die sich in seinen Fingern leicht bewegte. Nur Daryller konnten es sich leisten, mit intelligentem Metall zu zahlen. Es veränderte die Form, wurde, was sie wollten, denn sie konnten es kontrollieren, die einzige Rasse im All, die dies konnte. "Hier die Adresse meiner Bank. Die Summe, die ich bereits bezahlt habe, ist zu verdreifachen und wird bis morgen eingezahlt. Wenn ich in einem Monat nichts von ihnen höre, dann fahre ich nach Hause und das Geld bleibt bei mir, wenn sie mir einen neuen Ehevertrag vermitteln, dann erstatte ich die Summe."

Die Augen des Vermittlers wurden noch größer, schienen noch weiter vorzustehen, während er mit zitternden Fingern nach der Karte langte, im Geiste mit dieser exorbitanten Zahl beschäftigt, die sich rechnerisch ergab. "G..g..gut, ich werde es sofort veranlassen, danke für die Geduld!"

Carelis nickte und wendete sich ab. "Schicken sie mir einen Lotsen, ich nehme natürlich meine eigene Flotte mit."

Der Vermittler warf einen schnellen Blick auf die riesenhaften Schiffe, die den gesamten Stellarparkraum blockierten und nickte ergeben. Dann erhob er sich rasch und geflissentlich und reichte Carelis mit noch immer zitternden und kaltfeuchten Fingern einen filigranen Schlüssel aus einem normalen Metall; Carelis schätze es auf Platin, der Farbe nach.

"Das ist der Schlüssel zum Abendhauchzimmer. Es gehört noch eine Dame zu dem Raum, sie wird ihnen gefallen." "So, wird sie das?" Carelis interessierte sich nicht dafür. Eigentlich nicht einmal dafür, ob sie am Leben blieb, wofür die Chancen bei seiner jetzigen Stimmungslage nicht gerade gut standen.

"Es ist im Palast, sagen wir, nicht so schlimm, sollte sie den Monat nicht überleben, weil..." Der Vermittler brach ab und errötete. "Ja, natürlich nicht. Sie werden den Schaden schon ersetzen, der dem Hurenhaus entsteht, nicht?" "Nein, ich meine, es ist nicht schlimm, denn das ist im Preis inbegriffen. Es ist kein ... Es ist ein Palast. Das Edelste, was auf diesem Gebiet zu finden ist. Für sie ist uns nichts teuer genug, Carelis Rachaet."

"So? Eine Ehe ist das einzige, was mich interessiert, also ist das Angebot nichts wert in meinen Augen. Sehe sie zu, dass es innerhalb des nächsten Monats funktioniert, sonst wechsele ich die Vermittlung. Nur weil mein Bruder so zufrieden mit ihrem Service war, bin ich überhaupt noch hier."

Carelis ergriff den Schlüssel und schob ihn zu seinem Messer in die Seitentasche der schwarzen Hose. "Gut, dann schicken sie mir den Lotsen. Ich bin müde und verärgert." Er wandte sich ab und ging mit raschen, aggressiven Schritten durch das gleich nach seiner Ankunft von Angestellten verlassene Bürogebäude zu seinen Schiffen zurück.

In der Führungskanzel ließ er sich dann jedoch müde und eher deprimiert in den runden, weich gepolsterten Sessel fallen, von dem aus er seine Flotte kommandierte. "Care, Jota hier. Wie ist es gelaufen, Bruder?" Das Intercompiepen, die Stimme seines älteren Bruders erschreckten ihn. Carelis zuckte zusammen und betätigte den Knopf, der ihm seinen Bruder zeigte.

Jotanef sah ihm sehr ähnlich. Alle Wesen ihrer Rasse, behaupteten die anderen, sahen sich ähnlich, doch das war nur schlecht beobachtet. Mit den Daryller hatten sie selten länger zu tun, weswegen man langläufig dachte, dass wenn man einen gesehen und die Begegnung überlebt hatte, man alle gesehen hatte und im Vermeiden weiterer Kontakte fortfahren konnte, was vermutlich der sicherste Weg des Umganges mit ihnen war.

Wie alle Daryller hatten Carelis und Jotanef lange, rötliche Haare, die glatt und schwer über die Schultern fielen und ein schlankes, markantes Gesicht mit ovalen, schrägstehenden Augen. Nur dass die Farbe der Haut und der Haare, die Gesichtszüge doch sehr unterschiedlich sein konnte. Jotanef war mit 1,93 m ein Daryller von normalen Größe, Carelis mit nur 1,88 m eher an der unteren Grenze.

Dafür war Carelis kräftiger gebaut und hatte eine stärkere Ausstrahlung, was vermutlich auf seine die Größe ausgleichende Haltung und zudem die auffallend intensivgrünen Augen zurückzuführen war. Carelis war zudem weit jünger als sein Bruder, fast fünfzig Jahre, die ihn durch Unerfahrenheit und mangelnde Kontrolle seines zweiten Gesichtes Rachaet auch aggressiver sein ließen.

"Es war der Reinfall meines Lebens, aber ich bekomme die gezahlte Summe dreifach erstattet, ohne große Verhandlungen ein deutlich überzogener Preis." "Ah, ist sie abgehauen oder gestorben?" "Sie ist abgehauen, mit einem Sänger. Interessanter Weise aus Verliebtheit und nicht aus Angst vor mir. Ich kann dennoch kein Risiko eingehen bei ihr. Ich wünschte, dass ich schneller hier gewesen wäre, die Sucherei und diese Unausgeglichenheit machen mich krank." Er rieb sich die schmalen Augen, lehnte die Stirn in die gespreizten Finger.

Sein Bruder erkundigte sich noch, was er zu tun gedachte und Carelis seufzte "Ich werde das Angebot der Entschuldigung annehmen und mich in einem - Palast haben sie es genannt - ausruhen. Ich habe dies zwar als Hochzeitsreise geplant und als Zeit der Feiern, aber nun wird es wohl die Zeit, in der ich in Ruhe meine Geschäftsabschlüsse fertig stelle. Du wirst den kompletten Bericht in einigen Wochen erhalten."

"Care, du bist zu fleißig, wie immer. Und, jemand in Sicht, der auch geeignet sein könnte?" "Nein, aber sie haben mir eine Hure gekauft. Anscheinend ist es egal, wenn Rachaet sie tötet. Ich bin gespannt, wie lange ich ihn noch kontrollieren kann bei all den unvorhergesehenen Ärgernissen."

Milde amüsiertes Lachen auf der anderen Seite, eine hellere Stimme mischte sich ein, gleich darauf schob sich eine zierliche Person mit blauen, igelig vom Kopf abstehenden Haaren ins Bild. Dass die passende Person für seinen Bruder eine durchgeknallte Punkerin von einem rückständigen Planeten war, hatte Carelis zum Anlass für einige Scherze genommen. Nun war er regelrecht neidisch, als er das freundliche Lachen hörte, mit dem Jota die wilde Art seiner Gefährtin hinnahm.

"Na, Alter? Immer noch allein, was?" Sie kaute Kaugummi und Care grinste. "Ja, sieht so aus." "Schade, ey. Ich hatte mich schon gefreut, dich mal wieder zu sehen, Alter. Wär die abgefahrene Party geworden, ey!"

Jota schob sie fort, jedoch nicht ohne sie kurz an sich zu drücken. "Wir feiern dann schon noch, Care. Kopf hoch. Du hast eine schwierige Gensequenz. Es passen nun einmal nicht so viele Leute." "Solange ich nicht auch noch an eine wilde Punkerin gerate, die nicht einen Satz normal reden kann."

"Hey, hey, nur kein Neid, Kleiner. Sie hat mit dem Rauchen aufgehört, das ist schon mal was." "Ich hab nur aufgehört, ey, weil dieser bekloppte Monsterkater alle meine Zigaretten immer gefressen hat, ey! Superätzend!" "Nick, das stimmt doch gar nicht.... ehm... hat er wirklich?" "Na, was denkst denn du?! Wenn er schon mich nicht frisst, ey!"

Die Verbindung wurde unterbrochen. Jota und seine Gefährtin hatten es immerhin geschafft, dass Care lachen musste.

Sein Steuermann, ein sehr brauchbarer Androide, klopfte an und als nächstes sah Care sich einem bleichen, schmalen Mann gegenüber, der von Schluckauf geplagt und sich tief verbeugend verkündete, dass er der Lotse sei. "Ja, gut, dann lassen sie uns gleich aufbrechen, ich bin müde."

 

Nach einem nur wenige Zeit andauernden Flug gab der Androide Carelis Bescheid, dass der Palast erreicht worden war. Care blickte auf die Bildschirme. Eine karstige Berglandschaft. Schlechtes Wetter, typisch ungewohnt, wenn man so lange durch den leeren Raum gefahren war. Die Hänge um das Bauwerk auf dem Gipfel fielen steil ab, es gab lediglich eine unbefestigt aussehende Straße, ein typisches Gebäude der Snobs und Reichen, die nur noch mit Gleitern verkehrten.

"Na ein Glück, Rachaet wird also nicht abhauen und noch mehr Unsinn anstellen. Das ist bei seiner Höhenangst zu viel des Guten." Carelis lächelte humorlos und befahl "Steuermann, solange ich nicht an Bord bin, bitte ich darum, dass die gesamte Crew sich im Energiesparmode befindet, es sei denn, dass noch Wartungsarbeiten anstehen."

"Natürlich. Die Schiffe werden in Umlaufbahn warten." "Gut." Carelis begab sich mit einem Androiden, der seine vier Taschen nahm, zu den Rampen. Der Lotse rief ihn jedoch zurück "Herr... ich... es..."

Ein Androide unterbrach das Gestotter "Herr, der Platz ist nicht für ein Raumschiff dieser Größe ausgelegt." Carelis' Augenbrauen zogen sich zusammen und er senkte erneut verärgert den Kopf "Da muss ich schon nur mit einem Schiff landen, anstelle alle meine sieben unterbringen zu können und dann geht noch nicht einmal das?!" "Herr, sie können abspringen." "WAAS?!"

Der Androide begegnete seinem Blick mit neutraler Geduld. "Wir könnten uns bis auf einen Meter nähern, ohne zu großen Schaden anzurichten, sie könnten abspringen, Kapitän."

"Abspringen? Bist du verrückt geworden?!" Der Androide ignorierte rethorisch Fragen stets, das tat er auch jetzt, während er sich bereits der Rampe näherte.

Wenige Zeit später starrte Care auf das Tor von merkwürdiger Konsistenz, während hinter ihm sein Androide vollkommen ungelenkig auf dem Boden aufkam, dafür aber die vier Taschen ohne Verluste mit sich brachte.

"Nun gut, das wird kein Besuch, der die Popularität meines Volkes steigert, das ist schon einmal sicher." Er wedelte mit einer Hand nachlässig in Richtung der sieben großen Schiffe, die den Himmel um den Berg noch immer schwärzten, woraufhin diese sich mit dumpfem Pochen der magnetischen Antriebe entfernten.

Der Platz war in einem verwirrenden Mosaik aus Bögen und Spiralen gepflastert, das sich zu verändern schien, wenn man sich nicht darauf konzentrierte. Eingerahmt wurde er von steilen Klippen, die sich linker Hand teilten, um unscheinbar die Straße münden zu lassen. Rechter Hand schienen zwei Säulen den Fels regelrecht zu spalten, um den Blick auf das Tor freizugeben, das wie ein Stück festen Himmels wirkte, auf dem Winde Fangen spielten.

Carelis schob sich einige Male die Haare hinter die Ohren, bevor er aufgab und sich entschloss, einfach nur schnell in den Palast hineinzugehen. Entschlossen winkte er dem Androiden und ging auf die Säulen zu, die ihm wie der Eingang wirkten. Die Luft roch nach Regen, ein Geruch, den er aus den tropischen Wäldern mochte, der hier eher abweisend und tot wirkte, als so voller Leben wie in den Tropen. Insgesamt bezweifelte Care, dass dieser Aufenthalt seine Laune bessern konnte.

 

Fíonáns Magen verkrampfte sich vor Nervosität, als er über den Monitor der Pförtnerkammer den großen Mann beobachtete, der mit weit ausgreifenden Schritten auf das Tor zukam, gefolgt von einem Androiden, der dessen Koffer trug. Er strich sich eine weiße Strähne hinter das Ohr zurück, die ihm beständig ins Gesicht fiel, hoffend, dass sie dieses Mal dort bleiben würde.

"Ein Daryller." Cashces, einer der Sicherheitsleute, die mit ihm hier Dienst hatten, pfiff leise durch die Zähne. "War schon lange keiner mehr hier. Und wie es aussieht, kein besonders gut gelaunter."

Fíonán nickte leicht, sah aber nicht vom Monitor weg. Er konnte dem anderen Mann nur zustimmen bei dem finsteren Gesicht des Daryllers. Der Auftritt war beeindruckend gewesen, als plötzlich die sieben Schiffe den Himmel verdunkelt hatten, von denen jedes einzelne viel zu groß war, um auf dem Vorplatz landen zu können. Wie auch immer der Daryller an seinen Schlüssel gekommen sein mochte, er war nicht ausreichend über die Gegebenheiten hier informiert worden. Und das schien ihn nicht gerade in gute Laune zu versetzen.

Oft wünschte sich Fíonán, keinen Dienst am Tor zu haben, doch heute war dieser Wunsch stärker als gewöhnlich. Er wusste nicht viel von diesem kriegerischen Volk, aber alles, was er je von ihnen gehört hatte, weckte nicht gerade die Lust in ihm, ausgerechnet derjenige zu sein, der einen gereizten Vertreter dieser Rasse empfangen musste.

Er atmete einmal tief durch und verließ die Pförtnerkammer, um das Tor für den neuen Gast zu öffnen. Er wollte ihn auf keinen Fall warten lassen und seinen Unmut dadurch noch verstärken.

"Ich halte ein Auge auf ihn", versuchte Cashces ihn zu beruhigen und hielt ihm die Faust mit nach oben gerecktem Daumen entgegen. Fíonán schenkte ihm ein kleines Lächeln, das seine Augen zwar nicht erreichte, den Sicherheitsmann aber trotzdem zufrieden stellte.

Er schloss die Tür hinter sich und drückte mit flinken Fingern den Code, der einen Teil des großen Tores wie Nebel beiseite gleiten ließ. Mit einem freundlich neutralen Gesichtsausdruck, der seine Nervosität verbarg, trat er dem Daryller entgegen.

Carelis hatte gerade überlegt, wie er sich bemerkbar machen musste, ohne wie ein Idiot auszusehen, denn es gab weder Klingel, noch Kamera an der nebelhaften Fläche vor ihm, doch da glitt diese schon auseinander und ein Tor tat sich vor ihm auf. Gleich darauf stand ein schüchtern lächelnder, junger Mann vor ihm, dessen strahlend weiße Kleidung seine Zartheit und fast ätherische Art noch weiter betonten. /Nett, elfisch? Er sieht so durchscheinend und zerbrechlich aus, das tun diese Elfen doch immer./

Als nächstes wurde Carelis klar, dass diese Zartheit nicht von geringer Größe stammte, denn der jungen Mann brauchte nicht zu ihm aufschauen.

"Guten... " Irritiert sah Carelis sich um, war es Abend, Morgen, oder gar Mittag? "... Tag. Ich habe eine Reservierung hier." Er ging nun davon aus, dass der Vermittler schon Bescheid gegeben hatte in dem elenden Palast, damit wenigstens eine Sache an diesem Tag gut lief.

Fíonán verneigte sich, ein Teil seines weißen Haares glitt über die Schultern nach vorne. "Willkommen im Palast der Winde, Herr. Tretet ein." Aus der Nähe wirkte der Daryller noch viel beunruhigender als über den Monitor. Seine Bewegungen und die leicht schräg stehenden Augen verliehen ihm etwas Raubtierhaftes. Unwillkürlich musste Fíonán an einen Tiger denken, die einzige Großkatze, die er je zu Gesicht bekommen hatte. Der neue Gast bewegte sich mit der gleichen Eleganz und Geschmeidigkeit wie dieses Tier. Und er wirkte ebenso bedrohlich.

"Ich hoffe, Euer Aufenthalt hier wird nach Euren Wünschen sein." Ohne sein Lächeln zu verlieren, richtete er sich wieder auf und sah dem Daryller für einen Moment in das markante, dunkle Gesicht; gerade lang genug, um dem Blick der dunkelgrünen Augen zu begegnen und sich zu fühlen, als könnten sie durch ihn hindurch dringen und sein Innerstes sezieren. "Welchen Schlüssel nennt Ihr Euer Eigen, Herr?"

Carelis runzelte die Stirn, eher in Überlegungen an diese beruhigende Person verstrickt, als an den Schlüssel, den er erhalten hatte. "Ach, ja." Er kramte einen Moment lang in seiner Tasche und beförderte dann den filigranen Gegenstand hervor.

"Er ist aus Platin, die Legierung ist unsauber, das riecht man sofort," kommentierte er kritisch und betrachtete die leicht wehenden Haarsträhnen des Elf vor ihm. Während der junge Mann den Schlüssel mit zitternden Fingern aus seiner behandschuhten Hand nahm, beobachtete Carelis, wie sich das Licht auf dessen Haaren leicht brach, sie schimmern ließ, golden strahlen, dann wieder weiß leuchten. Erstaunlich. Er fühlte sich mit einem Mal deutlich ausgeglichener und lächelte angedeutet, während er seine Handschuhe auszog, um dann eine der Haarsträhnen zu berühren, die dem Türwächter über die Schulter nach vorn gefallen war. "Schneefarben und sie fühlen sich so kühl an, wie Schnee. Ist die Farbe echt?"

Fíonán spürte, wie ihm das Blut in die Wangen schoss, auch wenn es keinen wirklichen Grund dafür gab. "Ja, Herr", antwortete er leise. Seine Nervosität, die gerade ein wenig nachgelassen hatte, verstärkte sich erneut, und er hoffte inständig, dass der andere nicht so schnell mitbekam, wofür er noch zuständig war, außer am Tor zu stehen und die neuen Gäste zu empfangen.

Er betrachtete den Schlüssel kurz und sah dann wieder auf, um ihn zurückzugeben und den beunruhigenden Mann freundlich anzulächeln. Seine silbergrauen Augen zeigten nicht, was er dachte oder fühlte. "Der Abendhauch-Schlüssel. Ich werde Euch führen, wenn es Euch recht ist, Herr." Er fragte nicht nach der Urkunde, die im Allgemeinen zu jedem Schlüssel dazugehörte, denn er zweifelte nicht daran, dass der Daryller wirklich der Besitzer war.

"Natürlich, gehen Sie voran." Carelis überlegte, an was ihn der junge Mann erinnerte und im nächsten Moment fiel es ihm wieder ein. "Schneeweißchen...", murmelte er und betrachtete die helle Person, die vor ihm entlang huschte.

Fíonáns Wangen färbten sich noch eine Schattierung dunkler, als er es hörte. Doch schnell wurde er wieder blass, als er das leise Geräusch des sich hinter ihnen schließenden Tores vernahm. Er hatte es vergessen, zu sehr war er mit dem Daryller beschäftigt gewesen. Er hoffte, dass Cashces der Herrin der Winde darüber keinen Bericht erstatten würde, denn dann würde er Schwierigkeiten bekommen. Allein bei dem Gedanken an die eisigen blauen Augen begann sein Herz vor Angst schneller zu schlagen. Doch das Lächeln wich nicht aus seinem Gesicht, als er den anderen Mann durch den Palast führte.


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