Das dritte Gesicht

2.

Die große, marmorne Eingangshalle mit dem Brunnen, der deren Mittelpunkt bildete, war leer wie fast immer. Sie stiegen den linken der beiden geschwungenen Treppenaufgänge gegenüber dem Tor zur Balustrade empor und bogen dort in einen breiten Gang ein, dessen Wände mit abstrakten Mosaiken geschmückt waren, die die Kälte des Marmors unterbrachen. Dicker Teppich bedeckte den Boden und immer wieder zweigten weitere Gänge oder Türen ab. Wenn man sich hier nicht auskannte, verlief man sich denkbar schnell.

Der Weg war nicht weit, und Fíonán war dankbar dafür. Nach wenigen Minuten und lediglich einer Aufzugfahrt später erreichten sie den kleinen Raum, von dem aus neben zwei weiteren Türen auch die des Abendhauch-Zimmers zu finden war. Alle drei wurden von Mosaikbildern geschmückt, die linke stellte fast gänzlich abstrakt eine Landschaft bei Sonnenuntergang da, was Fíonán nur erkannte, weil er es wusste.

Er blieb stehen und wandte sich zu dem Daryller um. Mit einer Verneigung wies er auf den entsprechenden Torbogen. "Das ist die Tür, zu der Euer Schlüssel gehört, Herr. Der Abendhauch wird sich weiter um Euch sorgen. Kann ich noch etwas für Euch tun oder darf ich mich entfernen?"

Carelis war in Gedanken bei etwas anderem. Seine Züge hatten sich entsprechend erneut verdüstert. Auf ihrem Weg waren sie etlichen anderen Besuchern des Palastes begegnet und nicht wenige waren erschrocken ausgewichen, mehr oder weniger versteckt geflüchtet vor ihm. "Nein, danke. Mein Androide findet den Weg allein zurück und müsste nur hinausgelassen werden." Er blickte nun doch ein wenig neugierig auf die schweren Türflügel, über deren Rahmen sich eingeprägte Rosen rankten, was Carelis relativ geschmacklos fand.

"Ach doch!", hielt er den Mann auf. "Wie heißen Sie?" Carelis fragte eigentlich nur, weil er aufhören wollte, als Schneeweißchen von dem jungen Mann zu denken.

/Wie heißen Sie?/ Für einen Moment aus der Fassung gebracht, sah Fíonán ihn verwirrt an. Einen Schlüssel siezte man nicht! Doch dann kehrte sein Lächeln zurück und er verneigte sich anmutig vor dem Mann. "Ich bin Fíonán, der Wind-Key. Zu Euren Diensten, Herr."

Als der andere Mann nur flüchtig nickte und sich dann abwandte, fühlte er sich erleichtert. Er drehte sich ebenfalls um und kehrte zurück zum Tor, in der Hoffnung, dass Cashces ihn nicht verraten würde.

Carelis war nun am Gipfel seiner Gereiztheit angelangt, als er den Weg durch die gaffende und zum Teil wissend flüchtende Menge in der einen Halle hinter sich gebracht hatte. /Unverschämtheit, und demütigend ist es zudem! Ich kann nur hoffen, dass Rachaet sich im Zimmer gleich beruhigen läßt. Ein gutes Essen, vielleicht ein wenig leise Musik? Hm, vielleicht kann diese Schlüsseltante ja singen? Abendhauch... Zum Glück nicht Abendrot, das wäre der Untergang in dieser Situation./

Die Türen gaben, nachdem er den Schlüssel einmal umgedreht hatte, durch sanftes Aufschwingen einen luxuriösen Raum frei und den Blick auf ein rotbezogenes Bett mit weinroten Samtlehnen zu beiden Seiten, auf dem ein mit wenigen ebenfalls roten Wäscheteilen angezogenes Mädchen sich rekelte und ihn mit einem lasziv gemeinten Lächeln begrüßte.

Carelis schwankte leicht zurück, aber es war schon zu spät, seine Sicht der Dinge begann zu verschwimmen, begann zu vibrieren und er spürte, wie die Hitze in seinen Adern hochstieg. Er hatte mal wieder die Kontrolle verloren. Nicht mehr lange, dann würde er auch das Wissen um die Geschehnisse verlieren. Zu wenig Zeit, um mit dem freundlichen Jungen wieder an das Tor und nach draußen zu flüchten.

Rasch trat er ein und gab der Tür einen ungeduldigen Schubs. Das Mädchen war klein und schlank, fast zu mager eigentlich, aber hatte einen üppigen, künstlich wirkenden Busen. Sie kam ihm bereits entgegen, bevor er sich eine Möglichkeit zum Ausweichen überlegt hatte.

Sie hatte schwarze Haare, in denen einzelne, rötliche Strähnen schimmerten. Ihre Figur war ausgezeichnet, genau richtig gerundet, genau richtig von roter Wäsche betont, ein roséfarbenes, durchsichtiges Hemdchen umwehte sie, während das Mädchen sich ihm näherte. Leichtfüßig, die Lippen zu einem sinnlichen Lächeln der Vorfreude eintrainiert, nervend perfekt, leer, ihm vollkommen egal.

Carelis starrte sie an und runzelte die Stirn, um sich konzentrieren zu können. Rachaet in ihm begann den Vorteil aus all den Ärgernissen der vergangenen Tage zu ziehen, das spürte er deutlich. Es blieb also nicht mehr viel Zeit für Erklärungen. "Du musst hier sofort verschwinden, Mädchen!"

"Aber, Herr. Ihr seid doch erst angekommen. Ich will euch erst begrüßen, darf ich? Mein Name ist..." "Du. Musst. Weg. Hier! Sofort!" Sie schloss schmollend den Mund und trat noch einen Schritt auf ihn zu. Ihr Lippen schimmerten rot, Rot auch hier, natürlich. Rot war die letzte Farbe, mit der man einen gereizten Daryller konfrontieren sollte, wenn man ihn beruhigen wollte und auch musste.

"Wer hat dir gesagt, dass du Rot tragen sollst?!" Er packte das Mädchen grob am Arm und zerrte sie zu einem der Schränke hin. Die Türen sahen solide aus, gut. Carelis ruckte an ihrem Arm. "Wer?!" "Ich...ich... Herr! Aua! Ich bin der Abendhauch-Key! Ich trage immer Rot, nur Rot! Immer!"

"Verdammt noch mal! Geh in den Schrank! Sofort!" Sie stolperte und wand sich in seinem Griff. Dann begann sie verwirrt zu reden. "Aber, Herr. Soll ich etwas anderes anziehen?" "NEIN!", heulte er auf! "Das ganze verdammte Zimmer ist rot! Rot, rot, rot!" Er stopfte sie kopfüber in den Schrank und schob sie mit beiden Händen auf dem Hintern noch tiefer hinein.

"Du bliebst hier im Schrank! Keinen Ton, kein Geräusch, verstehst du?! Kein Geräusch, halt am besten die Luft an, sonst bist du morgen tot!" "Aber Herr! Ich verste...." Carelis knallte die Tür zu, eine Spiegeltür. Er sah die Tarnmuster über seinen Hals kriechen, ihn umschlingen, Rachaet begann sich in seinem Inneren zu rekeln, zu erwachen. Erschrocken fuhr Carelis zu der Eingangstür herum, diese war zum Glück geschlossen.

Rasch schloss er den Schrank zweimal ab und warf den Schlüssel fort, dann sank er auch schon auf den Boden und es begann. Seine Haare eröffneten den Ablauf der Veränderung meistens, wie auch jetzt. Sie wanden sich zusammen, verdrehten sich und bildeten innerhalb von kurzer Zeit ein Vielzahl fester Zöpfe, die seinen Kopf schützend umgaben. Dann veränderte sich seine Sicht der Dinge, er nahm Gerüche und Vibrationen wahr, die Umgebung begann aus Abstufungen von warm und kalt zu bestehen.

Im nächsten Moment schaltete Rachaet sein Bewusstsein aus und Carelis konnte sich nur in die Schwärze fallen lassen, die ihm blieb und hoffen, dass dieses Mädchen so schlau war, in dem Schrank zu bleiben.

Carelis kam wieder zu sich... seine Muskeln schmerzten ihn, Rachaet nahm keine Rücksicht. Als nächstes bemerkte er, dass er nicht hatte verhindern können, dass sein zweites Gesicht nicht nur Anstoß in der Dekoration des Zimmers genommen hatte, sondern dieses auch gleich zum Anlass für umfangreiche Renovierungsarbeiten hatte werden lassen.

Seufzend besah er sich die Fetzen, die von den Vorhängen, dem Bett und den Teppichen übrig geblieben waren. Das zweite Gesicht der Daryller war ein blutlüsterndes Wesen, ein wildes, nicht zähmbares Raubtier, das auf einem tropischen Mond lebte, jagte und sich durch das Übermaß an Aggression nicht ohne die nüchternen und eher kühlen Händler, dem ersten Gesicht, vermehren konnten.

Die Händler verdankten dem zweiten Gesicht die außerordentlich guten Sinne, sowie den Ruf, der ihnen vorauseilte und der ihre Geschäfte zu Erfolgen machte. Zudem konnten nur Daryller das intelligente Metall so beeinflussen, dass es sich verformte und begann, eine Arbeit zu übernehmen.

Carelis rieb sich die Stirn und streifte die Fetzen seiner Kleidung ab. Rachaet war so jähzornig, so wild, so schwer zu kontrollieren. Eine Heirat war auch noch nicht in Sicht. Die Verbindung zu einem genetisch festgelegten, dritten Wesen beruhigte das zweite Gesicht. Rachaet würde sich nach der Eheschließung, nach der Verbindung, nachdem sie die Nachkommen auf den Planeten gebracht hatten, bestimmt beruhigen und - wie bei seinem Bruder Jotanef und seinen Eltern - lenken lassen.

Ein wenig beschämt betrachtete Carelis die Schäden, während er sich Kleidung zum Überziehen zusammensuchte. Dann spürte er etwas und roch etwas und erschauderte. /Das verdammte Mädchen!/

Carelis fuhr zu den Schränken herum. Diese waren unangetastet, die einzig nicht roten Dinge in dem Zimmer und als einzige heil geblieben. Aber die Tür war offen und die rote Kleidung lag in Fetzen umher. Wütend starrte Carelis auf die Drehknäufe auf der Innenseite der Türen. /Sie hat die Tür geöffnet! Dummes Ding!/

Er beugte sich dichter, es waren blutige Fetzen.

Carelis seufzte noch einmal und schlug sich selber über den Kopf, dann sah er sich im Spiegel der Schranktür in die grünen Augen und schimpfte leise "Es reicht ja nicht, dass du sie tötest, Rachaet! Nein, der Herr muss auch noch auffressen, was sich so schön bewegt und gewehrt hat, nicht? Dass er es nie ausbaden muss, sondern immer nur Carelis, der ja für alles aufkommt und Geduld hat, das interessiert ihn mal wieder nicht! Verdammter Mist, du blödes Monster!"

 

Es war nicht so, dass Fíonán wirklich etwas anderes erwartet hätte. Es gab einen Daryller im ganzen Palast, und wenn er ihn auch nicht als Herren hatte, was schlecht möglich war, so wie die Dinge lagen, so war es doch ausgeschlossen, dass er sich von ihm fern halten konnte. Nicht, wenn alle anderen Angst hatten, auch nur in seine Nähe zu kommen. Und deswegen hatte man ihn ausgewählt, das Essen zu bringen.

Fíonán hatte den Vorteil, dass er immerhin wusste, dass der Daryller ihn nicht sofort anfallen würde; vorausgesetzt, er hatte sich seit gestern nicht verändert. Er bemitleidete den armen Abendhauch-Key, dass sie mit ihm die Nacht hatte verbringen müssen und hoffte für sie, dass mindestens die Hälfte der Gerüchte nicht stimmte.

Das Tablett auf einem Arm ausbalancierend, was nicht einfach war bei dem Gewicht, strich er sich die weißen Haare aus der Stirn. Er war müde und fühlte sich zerschunden. Die Nacht war nicht erholsam gewesen; und das lag nicht allein daran, dass er wenig Schlaf bekommen hatte. Hastig griff er zu, als das Essen ins Rutschen geriet und konnte gerade noch eine Katastrophe verhindern. Sein Magen knurrte protestierend schon allein bei dem Gedanken, das gute Frühstück auf dem Boden zu sehen. Doch auch wenn er noch so hungrig war, fürs Essen würde er erst später Zeit finden.

Vor der Tür zum Abendhauch-Zimmer blieb er stehen und schloss noch mal kurz die Augen, in der Hoffnung, dass seine Nervosität sich ein wenig legen würde. Sie tat es leider nicht, so dass ihm nicht viel anderes blieb, als sie hinter einem freundlichen Lächeln zu verstecken. Mit etwas Glück schlief der Daryller noch und er würde nur den Abendhauch zu Gesicht bekommen. Schließlich war es früher Morgen.

Carelis hatte lediglich eine schwarze Hose an und das Hemd noch in der Hand, als bereits jemand anklopfte. /Früher oder später muss man ja mit jemanden darüber reden. Naja, wenigstens muss der Vermittler dafür zahlen und nicht ich./ Er warf noch einen schnellen, vom schlechten Gewissen ein wenig betrübten Blick auf Anteile der roten Spitzenwäsche des Mädchens und ging dann zur Tür.

Davor stand, ein Tablett mit Essen auf einem Arm balancierend, der weiße Elf vom Vortag. Carelis brachte ein entschuldigendes Lächeln zustande und ließ das Hemd sinken, das er sich soeben überziehen wollte. Er wusste, dass die Tarnmuster sich nur langsam zurückzogen und bestimmt noch zu sehen waren, aber irgendwie vergaß er, worüber er sich geärgert hatte.

"Ich... wollte gerade nach jemandem rufen. Es sieht so aus, als bräuchte ich ein neues Zimmer, ob mit oder ohne einen Sklaven drin, ist mir eigentlich egal, solange es nur nicht rot ist", erklärte er in seinem typisch ein wenig gleichgültigen, missmutigen Tonfall.

Der Elf starrte ihn lediglich an und wirkte wie eine Lichtquelle, strahlend, Carelis' Gewissen verschlechternd. "Können sie sich darum kümmern..., Fíonán?" Innerlich gratulierte Carelis sich dazu, dass er die Namen seiner Geschäftspartner immer auf Anhieb behalten konnte.

Fíonáns Blick glitt über den Mann, der ihm anstelle des Abendhauchs geöffnet hatte, und nacktes Grauen regte sich in ihm. Es kostete ihn alle Anstrengung, das Tablett nicht fallen zu lassen, sich nicht umzudrehen und einfach davonzulaufen, als er an ihm vorbei die Verwüstung in dem ehemals ordentlichen Zimmer sehen konnte. Der Vergleich mit dem Raubtier, der ihm am Vortag in den Sinn gekommen war, schien mehr als zuzutreffen. Irgendetwas Großes hatte dort gewütet und alles zerfetzt, was ihm in die Quere gekommen war. Fíonán war sich sicher, dass der Abendhauch nicht mehr lebte. Dass die Gerüchte wahr waren, die man sich über Daryller erzählte. Jedes einzelne von ihnen.

"Ich bin nur ein Schlüssel", wisperte er mit tauben Lippen, als er langsam registrierte, dass der Mann ihm einen Frage gestellt hatte. "Ich... kann... das nicht, Herr... aber... ich werde... es weiterleiten."

Kurz schloss er die Augen, und als er sie wieder öffnete, war jede Emotion aus seinem Blick verbannt. Er verneigte sich vor dem Daryller und es gelang ihm sogar zu lächeln, als er ihm das Tablett hinhielt. Selbst seine Hände zitterten nur minimal. "Ich... habe Euch Frühstück gebracht, Herr. Ich hoffe, es sagt Euch zu..."

"Nein, vielen Dank, das sagt es nicht. Mir sagt ein Zimmer zu und zwar recht bald. Und zwar eines, in dem die Farbe Rot nicht vorkommt, denn das macht mein zweites Gesicht nervös." Carelis vergaß über seinen erneuten Ärger, dass er den jungen Mann mit Sicherheit erschreckte.

Eine Stimme, ein leises Lachen weiter vorn auf dem Gang, brachten ihn wieder zu sich und er trat einen Schritt in den Raum zurück. "So kann ich hier nicht rumstehen. Kümmern Sie sich um ein Zimmer, bitte. Sagen Sie doch ihrem Boss... wem gehört denn all das hier überhaupt?"

Es fiel Fíonán zunehmend schwer, ruhig zu bleiben, als der andere Mann so aufbrausend reagierte. Wer wusste schon, wann er wieder so etwas tun würde wie offensichtlich in der vergangenen Nacht? Er biss sich auf die Unterlippen und zog das Tablett zurück, das er wie ein Schutzschild an sich presste, auch wenn ihm binnen Sekunden klar war, wie lächerlich es wirken musste. Es würde ihm mit Sicherheit nicht helfen. "Der Palast gehört der Herrin der Winde, Herr. Ich werde es ihr ausrichten. Oder wollt Ihr sie selber aufsuchen und das mit ihr direkt abklären? Euer Schlüssel, Euer Vertrag gilt nur für dieses Zimmer. Ich kann Euch zu ihr führen, wenn Ihr das wünscht."

"Ich bin gleich wieder da, warten Sie doch bitte hier." Der Elf starrte Carelis weiterhin an, seine Füße in den zierlichen Sandalen akkurat nebeneinander gestellt, das Tablett wie als Schutz gegen die schmale Brust gepresst und die Augen aufgerissen. Er biss sich auf die Lippe, Care betrachtete seinen Mund und die Kinnpartie ein wenig genauer. Dann sah er in die noch immer starr blickenden Augen. /Graue Wimpern? Sollten sie nicht weiß sein? Wieso lächelt er so irritierend unangebracht?!/

"Ja, Herr." Fíonán nickte, wieder überkam ihn das Gefühl, dass dieser Mann sich nicht dafür interessierte, ob sein Gesicht zeigte, was er fühlte, ob er lächelte oder nicht, weil er tiefer blicken konnte. Dass er wusste, was er dachte. Dass er seine Angst sehen konnte. Doch das war Unsinn. Diese Fähigkeit hatten nur sehr wenige Völker, und die Daryller gehörten mit Sicherheit nicht dazu.

Rasch schloss Carelis die Zimmertür und zog sich zu Ende an. Schwarze Kleidung, vornehmlich aus dem festen Material seiner Raumuniform. Seine Taschen standen unangerührt in einer noch ordentlichen Ecke des ansonsten verwüsteten Zimmers. Rachaet wusste, dass sogar er Ärger bekommen konnte, wenn er sich an Carelis' Dingen und den von ihm geliebten Personen vergriff.

/Der Vertrag gilt nur für dieses Zimmer? Na, sie wird ja wohl einen Ersatz schaffen können.../ Sein Ruhebedürfnis stieg mit jedem weiteren Moment. Er wollte sich zurückziehen, ausschlafen, endlich erholen und diese zermürbende Suche für ein paar Tage vergessen.

Ungeduldig zerrte er sich die Kleidung über den Kopf und stieg über einige zersplitterte Tischchen und zerborstene Möbel hinweg, um in das Badezimmer zu gelangen. Müde und verärgert blickte er in den Spiegel. Seine grünen Augen hatten ihre normale Form zurückerhalten, die ovalen Pupillen waren wieder den gewöhnlichen, runden und sehr dunkelbraunen Pupillen gewichen, die Tarnmuster, die grünlich bis lehmfarben seinen Körper bedeckt hatten, waren kaum noch zu sehen. Seine Hände waren wieder gewöhnliche Hände, mit fünf Fingern und manikürten Fingernägeln. Die messerscharfen Krallen, die auch hier im Bad gegen die roten Fliesen gewütet hatten, hatten sich vollständig zurückgebildet.

Die einzigen Anzeichen, die zurückblieben, die er nie verlor, waren seine Geschmeidigkeit und das Misstrauen im Blick, wenn schnelle Bewegungen ihn erschreckten, oder er Fremden begegnete und die Kraft, die Carelis wie alle anderen Daryller eher versteckte, mit der sie selten auffallen wollten. Die Kraft, Metallen zu befehlen.

Carelis bürstete seine roten Haare aus, bis sie in der gewohnten Glätte über die Schultern fielen, dann berührte er die goldenen Ohrstecker in seinem linken Ohr und seufzte. /Meine Eltern sind so glücklich, mein Bruder ist es, obwohl seine Gefährtin eine Katastrophe ist, wieso soll ich dann nicht auch glücklich werden können? Das wird doch wohl möglich sein?/ Mit einem Ruck wendete er sich vom Spiegel ab und ging zur Tür zurück, zu dem beruhigenden, weißen Elf.

Das Lächeln war in dem Augenblick aus Fíonáns Gesicht gewichen, als das Schloss zum Abendhauchzimmer eingerastet war und das Sonnenuntergangsmosaik den raubtierhaften Mannes verborgen hatte. Mit einem Mal begann er zu zittern, und Fíonán beeilte sich, das Tablett auf dem Boden abzustellen, ehe er es doch noch fallen ließ. Er schlang die Arme um seinen schmalen Oberkörper und lehnte sich gegen die Wand, schloss die silbergrauen Augen.

Fast im selben Moment hatte er das Zimmer wieder in jedem Detail vor sich stehen, das zersplitterte Holz von Möbeln, die Fetzen roten Stoffes, Scherben, die zerstreute Füllung der Bettdecke, der Matratze. Und er sah den Daryller inmitten dieser Zerstörung. Die dunkle, rötliche Haut, auf der blasse Muster in grünlich und braun zu sehen waren, die Fíonán an die Zeichnungen auf dem Fell des Tigers erinnerten und die vielleicht den gleichen Zweck erfüllten, nämlich Tarnung. Die ausgeprägten Muskeln und die breiten Schultern. Die dunkelroten Haare, die so wirr waren, dass sie ihn an eine Löwenmähne denken ließen. Und der durchdringende Blick dieser dunkelgrünen Augen.

Er schauderte und versuchte, das Bild zu vertreiben. Es gelang, nur um durch das lachende Gesicht des Abendhauchs ersetzt zu werden. Er hatte nicht viel mit ihr zu tun gehabt, und gesprochen hatten sie kaum miteinander. Aber dass sie so einfach weg sein sollte, dass sie tot war... weil ihr Herr sie umgebracht hatte... Fíonán schluckte. Es kam nicht oft vor, dass von dem Sonderpunkt der Verträge Gebrauch gemacht wurde. Allen nützten die Schlüssel mehr, wenn sie lebten. Aber hin und wieder geschah es eben doch, dass ein Sklave starb.

Fíonán warf der noch immer geschlossenen Tür, der man nicht ansah, was dahinter stattgefunden hatte, einen Blick zu. Er hatte nicht das Recht, schlecht von diesem Herrn zu denken. Immerhin hatte er den Abendhauch schneller getötet, als manch anderer Herr es getan hätte, dem es Vergnügen bereitete, so etwas über Tage, Wochen oder Monate hinzuziehen. Aber warum gab jemand so viel Geld aus, um gleich in der ersten Nacht... Und wenn er es nur falsch verstanden hatte? Wenn der Abendhauch einfach nur im Bad war? Doch die Worte waren deutlich gewesen. Der Daryller wollte ein neues Zimmer, ob mit oder ohne neuen Sklaven.

Mit bebenden Fingern strich sich Fíonán das weiße, glatte Haar hinter die leicht spitzen Ohren zurück und versuchte, seine Ruhe zurückzugewinnen. Er würde sie brauchen, wenn er den Daryller durch den Palast zur Herrin der Winde führen musste. Ihm fielen wieder die Blicke ein, mit denen der neue Gast am Tag zuvor bedacht worden war und beschloss, einen ruhigeren Weg als den schnellsten zu nehmen. Viele führten in das Herz des Palastes, man musste niemanden unnötig erschrecken.

Als der große Mann die Tür wieder öffnete, hatte Fíonán sich soweit beruhigt, dass er nicht mehr sofort die Flucht ergreifen wollte, kaum dass er ihn zu Gesicht bekam. Hilfreich war dabei allerdings auch, dass der andere nicht mehr ganz so bedrohlich wirkte, jetzt, wo seine schwarzen Klamotten den kräftigen Körper ein wenig verbargen und das Haar ordentlich gekämmt war.

Fíonán verneigte sich erneut vor ihm und deutete mit einer kleinen, nichts sagenden Geste den Gang hinab. "Wenn Ihr mir folgen wollt, Herr."

Carelis nickte leicht und folgte ihm wirklich, ließ ihn auf dem Weg über dicht gewebte Teppiche und kostbare Mosaike wenigstens zwei Schritte voran gehen. Er bemerkte von der Umgebung nichts, weil er sich mit gesenktem Kopf auf die bevorstehende Verhandlung vorbereitete. Ein Daryller nahm nichts so ernst wie einen Handel... von seiner Heirat einmal abgesehen.


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