Das dritte Gesicht

3.

Es gelang Fíonán, allen anderen Besuchern des Palastes aus dem Weg zu gehen, ohne auf Dienstbotenpfade ausweichen zu müssen, die er mit diesem Gast auch nicht nehmen wollte, um ihn nicht zu beleidigen. Es war nun mal ein deutlicher Unterschied zwischen den luxuriösen Gängen und den einfachen Korridoren, auf denen Diener und Sklaven möglichst ohne Umstände von beispielsweise einer der vielen Küchen zu den Zimmern gelangen konnten. Ebenso unterschieden sich die edlen Aufzüge sich von Lastenaufzügen deutlich.

Was ihm dabei zu Hilfe kam, war die frühe Uhrzeit, zu der nur wenige der Herrschaft schon wach waren. Ein paar Mal schreckten sie Dienstboten auf, die aber genügend Erziehung besaßen, um ängstlich zu warten, bis sie vorbei waren, anstatt wie die hohen Herren und Damen am Vortag auffällig oder unauffällig zu fliehen.

Endlich erreichten sie den Teil des Palastes, in dem die Gemächer der Herrin lagen. Fíonán brachte den Daryller zu einem der kleineren, gemütlicheren Warteräume, von dem er wusste, dass er auf keinen Fall etwas Rotes beinhaltete.

Er öffnete die schwere Holztür und gab damit den Blick frei auf hellgrünen Teppich, dezente Tapete mit kaum sichtbaren, grünen Schlieren und mehrere mit grünem Samt bezogene Sessel. Zwei große Fenster ließen das Licht der Morgensonne herein, ein Spiegel in altgoldenem, schlichten Rahmen zierte die gegenüberliegende Wand.

"Herr, bitte wartet hier, bis ich Euch bei der Herrin angemeldet habe. Es wird nicht lange dauern, bis sie Euch empfängt." Zumindest hoffte Fíonán das inständig. "Wollt Ihr trotzdem etwas zu trinken? Wollt Ihr so lange Musik hören?"

Carelis blickte dem Sklaven ins Gesicht, und der Ausdruck von Verletzlichkeit und Nervosität lenkte ihn überraschender Weise von seiner Konzentration auf die bevorstehende Unterhaltung ab. "Nein... nein. Wird es länger dauern?"

Fíonán schüttelte den Kopf und lächelte leicht, obwohl er sich wieder unbehaglich fühlte unter dem durchdringenden Blick. "Nein, ich denke nicht, Herr. Ich werde mich beeilen." Man ließ Daryller im Allgemeinen eher weniger warten, und er betete, dass die Herrin hier keine Ausnahme machen würde. Mit einer neuerlichen Verneigung schloss er die Tür, nachdem Carelis eingetreten war und ging, um ihn anzumelden.

Etwas später stand er vor dem Büro. Er hob die Hand und verharrte einen Moment regungslos, ehe er sich schließlich überwand und doch anklopfte. Zwar hatte er von einem Diener mitgeteilt bekommen, dass die Herrin der Winde unpässlich war, wie eigentlich schon seit vier Wochen, doch ihre Vertreterin mochte Fíonán genauso wenig, obwohl sie ihm nie etwas getan hatte. Immerhin aber war sie schon wach und wohl auch bereit, Gäste zu empfangen.

Für einen Moment blieb es still, dann drang eine Frauenstimme gedämpft durch das dicke Holz der Tür. "Ja?"

Fíonán atmete einmal tief durch und öffnete die Tür. Für einen kurzen Augenblick erfasste sein Blick das kleine, aber helle Zimmer, dessen Wände von Regalen verborgen waren, die fast ausschließlich Kästen enthielten, in denen Datenträger aufbewahrt wurden. Hinter einem großen Schreibtisch saß die schwarzhaarige Frau, welche die Herrin der Winde vertrat, wenn diese verreist oder aus anderen Gründen nicht erreichbar war.

Fíonán spürte einen kleinen, nervösen Stich im Magen, als er registrierte, dass ihre Bluse leuchtend rot war. Sie hob kurz den Kopf, sah aber fast sofort wieder auf einen Stapel Papier, der vor ihr auf der Tischplatte lag, während Fíonán folgsam auf die Knie sank und wartete, bis sie ihm zu sprechen gestattete.

Es dauerte nicht lange, dann hörte er das Rascheln von Blättern. "Was willst du?", fragte sie kühl, aber nicht abweisend. Ihre Stimme wirkte immer, als habe sie sie eben erst aus dem Gefrierschrank genommen.

Fíonán hob den Blick und schluckte nervös, doch die kleine Bewegung seiner Kehle war das einzige, woran man seine Unsicherheit erkennen konnte. "Verzeiht mir die Störung, Herrin. Der neue Gast möchte Euch in einer dringenden Angelegenheit sprechen. Er hat... der Abendhauch-Key gehört ihm. Er ist Daryller, und ... das Zimmer ist vollkommen zerstört. Der Abendhauch... ist tot." Er schluckte erneut, als die Endgültigkeit dieses kleinen Wortes ihm die Kehle zuzuschnüren drohte. "Er bittet um Ersatz."

Ihre grauen Augen hatten sich bei dieser Nachricht geweitet, jetzt zog sie ihre schmalen Brauen zusammen und schüttelte unwillig den Kopf. "Wer ist der Narr gewesen, der einem Daryller ausgerechnet den Abendhauch gegeben hat?" Mit einem verärgerten Schnauben ließ sie ihre Hand über den Rand des flachen Monitors gleiten, der sich daraufhin einschaltete. Die in die Tischplatte eingelassene Tastatur leuchten auf, als der Computer mit einem fast unhörbaren Surren ansprang. "Das wäre wirklich zu vermeiden gewesen. Wie ärgerlich. Sage ihm, dass ich gleich kommen werde. Und warte anschließend vor der Tür, damit du ihn in sein neues Zimmer bringen kannst."

Fíonán nickte und erhob sich geschmeidig. "Ja, Herrin", sagte er leise, doch sie achtete schon nicht mehr auf ihn, als sie mit flinken Fingern etwas eintippte und dann mit gerunzelter Stirn auf den Bildschirm starrte. Erleichtert huschte er aus dem Büro. Sie schien Daryller zu kennen, immerhin etwas.

Mit einem schon etwas besseren Gefühl eilte er zurück zu dem Warteraum. Als er die Tür öffnete, blickte er direkt in die grünen Augen des Daryller. Erschrocken hielt er inne. Ob der raubtierhafte Mann die Tür ununterbrochen im Blick behalten hatte? Oder hatte er ihn kommen gehört? Doch binnen Bruchteilen von Sekunden hatte Fíonán sich wieder gefangen. Er lächelte nur und sah beiseite. "Die Herrin der Winde ist leider unpässlich; ihre Vertretung wird Euch sofort empfangen, Herr."

"So?" Carelis betrachtete den Elf, der erneut so nichts sagend und scheu vor sich hinlächelte. Das einzige, was Carelis an ihm nervös machte, war die Frage, die nun doch an ihm zu nagen begann.

Er wendete sich ab. /Das geht mich nichts an. Ich werde nicht umher gehen und Dienern dieses Hauses Fragen stellen. Noch dazu welchen, die Mühe haben, ihren Fluchtinstinkt bei meinem Anblick zu unterdrücken./ Lakonisch schlug er die langen Beine übereinander und lehnte sich betont gelassen in dem unbequemen, viel zu kleinen Sofa zurück, von dem aus er die Türen und den Elf gut im Blick hatte.

Unschlüssig verharrte Fíonán noch einem Moment, dann verneigte er sich wieder. "Wenn Ihr noch etwas braucht, ruft einfach nach mir. Ich werde vor der Tür warten." Er zog sich zurück, um sich dort an die Wand zu lehnen. Daryller schienen notorisch wachsam zu sein, und dieser hier ganz besonders. Fíonán fragte sich, ob er durch die Tür hindurch alles hören konnte, was er hier draußen tat und schüttelte dann mit einem kleinen Lächeln den Kopf. /Du wirst ein bisschen zu misstrauisch... und bald wird er einen eigenen Schlüssel haben, der sich um ihn kümmert./

Es dauerte lediglich ein paar Minuten, ehe die Vertreterin der Herrin den Gang entlang geeilt kam. Mit ein wenig Erleichterung stellte Fíonán fest, dass sie ihre rote Bluse gegen kühles Türkis getauscht hatte. Fast hätte er geschmunzelt. Sie beachtete ihn nicht, als er sich höflich vor ihr verbeugte, ihr die Tür öffnete und sie hinter ihr wieder schloss.

"Es tut mir leid, dass ich Sie warten ließ." Die schwarzhaarige Frau kam auf Carelis zu und hielt ihm die Hand entgegen. "Ich bin Frau Reaves. Frau Keamondis, die Besitzerin, ist leider verhindert."

Carelis drückte die schlanke Hand der Frau ein wenig und nickte leicht, bevor er sich knapp vorstellte. "Carelis Rachaet." Abwartend begegnete er ihrem Blick.

Sie setzte sich ihm gegenüber, legte den kleinen Palmpilot, den sie mitgebracht hatte, auf ihre Knie und klappte ihn auf, lud etwas hoch, das sie kurz schweigend musterte, ehe sie sich wieder ihm zu wandte. "Ich habe von ihrem Problem gehört und möchte mich für die Umstände entschuldigen, die Ihnen dadurch entstanden sind. Ihr Schlüssel ist von einer Agentur erstanden worden, die ausschließlich für Ihr Volk arbeitet. Es hätte klar sein sollen, dass der Abendhauch eine schlechte Wahl ist. Ich weiß nicht, wie es dazu kam, doch wir werden uns bemühen, diesen Fehler wieder gut zu machen."

Carelis blinzelte ein wenig überrascht, aber setzte sich entspannter zurück, um leicht zu lächeln. "So? Alles, was mich interessiert, ist ein ruhiges Zimmer." Sie sah ihn an und zuckte entschuldigend mit den Schultern. "Das Problem besteht darin, dass im Moment nicht allzu viel frei ist. An weiblichen Keys hätten wir nur den Feuersturmschlüssel, und der ist ähnlich ungeeignet. Wie sähe es mit einem männlichen Key aus, Herr Carelis Rachaet? Viel mehr hätte ich Ihnen da auch nicht anzubieten, aber zumindest etwas Passenderes."

"Ich bin keineswegs an einem weiblichen Key interessiert. Wie sie wissen, ist es ohnehin nicht so gut, wenn jemand Erregung in einem Daryller auszulösen versucht, ganz gleich welcher Natur." Er machte eine kleine Pause, sie verstand auch so. "Es ist gleichgültig, welcher Art der Key ist. Mir ist nur ganz und gar nicht gleichgültig, was für ein Zimmer ich bekomme. Es muss schon von vergleichbarer Qualität sein."

Sie nickte, klappte ihren Palmpilot zu und lächelte, offensichtlich erleichtert. "Das ist selbstverständlich. In dem Fall ist der Wind-Key eine gute Wahl, denke ich. Er wird Ihnen natürlich in der Zeit, die sie hier sind, vollkommen zur Verfügung stehen. Es ist der junge Mann, der sie hierher geleitet hat. Wäre das genehm?"

Carelis betrachtete sie und fragte dann misstrauisch "Stimmt etwas nicht mit ihm?"

Sie legte den Kopf ein wenig schief und sah ihn irritiert an. "Wieso? Nein, es ist alles mit ihm in Ordnung. Er ist gesund, gut ausgebildet... lediglich ein bisschen unterkühlt und unpersönlich vom Verhalten her, aber das ist ja in Ihrem Fall eher von Vorteil." Dann runzelte sie die Stirn. "Es sei denn, es stört Sie, dass er Tordienst gehabt hat. Er hatte schon länger keinen festen Herrn mehr."

"Das hat mir gerade zu Denken gegeben. Ist es in diesem Haus üblich, einem hochpreisigen Sklaven eine solche Aufgabe zu geben?" Er beantwortete sich die Frage im Geheimen selber. Das Verhuschte, das ewige Gelächel, die Angst, die er an Fíonán wahrgenommen hatte, sprachen für sich.

Sie zuckte mit den Schultern. "Ich habe es mir nicht ausgedacht, aber ich muss sagen, insgesamt hat sich diese Ausgabe mehr als gelohnt. Er ist zum Einen ein Bonus für die Gäste, der fast ausschließlich positiv aufgenommen wurde; zum Anderen bewirkt es bei anderen Keys, dass sie darüber nachdenken, ob es sich wirklich lohnt zu fliehen. - Stört es Sie? Soll ich Ihnen lieber einen anderen heraus suchen?"

Carelis lehnte die Stirn in seine Finger und betrachtete den dicken Teppich zu seinen Füßen /Ob es sich wirklich lohnt zu fliehen... / "Verstehe. Nein, ich denke, dass ich den Key akzeptieren kann. Ich will ihn in der Zeit aber immer um mich haben, die Pforte muss jemand anderes überwachen."

/Wieso habe ich das gesagt? Weil ich nicht will, dass mein Key erst von irgendwo im Palast zu mir gelaufen kommen muss. Natürlich./ Langsam erhob sich Carelis aus dem unbequemen Sofa und nickte der Frau vor sich noch einmal zu. "Vielen Dank für Ihre raschen Bemühungen. Meine Taschen müssten noch aus dem anderen Zimmer geholt werden. Ich wünsche, es nicht noch einmal zu betreten."

Er wendete sich zur Tür, hinter der er den Key vermutete. "Die Rechnung wird natürlich die Vermittlerfirma begleichen."

"Das ist selbstverständlich, Herr Carelis Rachaet. Sowohl die Sache mit der Rechnung als auch die mit dem Schlüssel." Sie erhob sich ebenfalls. "Ich danke Ihnen für Ihr Verständnis und Ihr Entgegenkommen." Sie reichte ihm noch einmal die Hand und öffnete ihm dann zuvorkommend die Tür. "Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Aufenthalt."

Fíonán wich fast automatisch einen Schritt zurück, als erst der Daryller, dann die Vertreterin der Herrin aus dem Zimmer traten. Es war wesentlich schneller gegangen, als er vermutet hatte und er fragte sich, welcher Key wohl der nächste Unglückliche sein würde.

Die schwarzhaarige Frau verabschiedete sich noch einmal von dem Daryller, dann sah sie Fíonán an und lächelte kurz und unpersönlich. "Du bist bis aufs Weitere vom Tordienst befreit. Herr Carelis Rachaet ist dein neuer Herr. Führe ihn auf sein Zimmer." Damit straffte sie ihre Schultern und ging energischen Schrittes davon.

Fíonán fühlte sich, als sei ihm der Boden unter den Füßen weggezogen worden. Er? Wieso er? Er war... er war der Pförtner! Fassungslos starrte er ihr hinterher. Das konnte nicht sein. Und der Daryller hatte doch einen weiblichen Schlüssel gehabt, wieso bekam er jetzt ihn?

/Er ist dein neuer Herr/, wisperte die Stimme in seinem Kopf und mahnte ihn zur Ruhe. /Begrüße ihn angemessen. Sonst wird er zornig. Vielleicht wird es ja auch nicht so schlimm./ Er war ein Mann, möglicher Weise blieb er deswegen von dem Daryller verschont? Weil er sich nicht für ihn interessierte? Unter Umständen war es ja nur eine Übergangslösung, bis ein anderer Key gefunden worden war...

Er biss sich auf die Unterlippe, wandte sich zu dem beunruhigenden Mann um, der seit ein paar Minuten sein Herr war, und verneigte sich tief. "Herr..." Er brachte kein weiteres Wort über die Lippen. Nicht, dass er sich freute, nicht, dass er geehrt war. Er hatte das Gefühl, als würde der Mann durch ihn hindurch schauen und solche Floskeln als Lüge enttarnen. "Wollt... wollt Ihr sofort auf Euer Zimmer?"

"Ja, das klingt wie ein ausgezeichneter Plan, Fíonán", entgegnete Carelis geduldig und nickte zu den Gängen hin. "Führen Sie mich?"

"Ja, Herr." Fíonán richtete sich wieder auf und sah ihn kurz scheu an. Nicht genug damit, dass er Angst vor ihm hatte, nein, der Daryller verwirrte ihn auch noch. "Ich bin nur ein Schlüssel, Herr, Ihr müsst mich nicht siezen", sagte er leise, ehe er sich abwandte, um vor ihm her zu laufen.

"Ich sieze meine Gastgeber solange, wie diese mir das Du nicht angeboten haben. Zudem ist es doch eine sehr angenehme Form des Umganges mit jemanden, vor dem man Angst hat, oder, Fíonán?" Er betrachtete das schlanke Gesicht des Elfen und stellte fest, dass sich dessen Wangen mit einer zarten Röte überzogen.

"Vergebt mir, Herr", flüsterte Fíonán bestürzt und biss sich wieder auf die Lippe. Der feine Schmerz lenkte ihn ein wenig ab. "Es tut mir leid..." Er musste sich zusammenreißen, musste sich besser beherrschen! Das war sein Herr, und er konnte ihm nicht dienen, wenn er vor Furcht schlotterte. Irgendwie gelang es ihm, wieder das Lächeln auf sein Gesicht zu bringen. "Ich... ich werde mich bestimmt bessern, Herr..."

"Bessern? Soll das etwa heißen, dass Sie schlecht sind, Fíonán?" Carelis wusste, dass es nicht fair war, diesen so tief verunsicherten jungen Mann noch weiter zu hinterfragen. Der Hinweis der Frau auf dessen Flucht aber verriet Carelis doch, dass in diesem Elfen noch mehr als nur ein scheues, vor sich hinhuschendes Wesen steckte.

Er blieb in einer kostbar erscheinenden runden Halle mit mehreren Springbrunnen stehen, die vor kurzem mit Sicherheit noch einige andere Gäste beherbergt hatte; halbvollen Gläser auf zierlichen Tischchen deuteten darauf hin. Carelis trat auf eines der Tischchen zu und schob die Gläser fort, um sich aufzustützen.

Fíonán folgte ihm und blieb neben ihm stehen. Es war so irritierend, dass sein Herr ihn siezte! Und es war verwirrend, wie er mit ihm umging. Er dachte über dessen Frage nach, überlegend, ob er sie ernst meinte. Doch bevor er zu einer Antwort kommen konnte, sprach der Daryller schon weiter und forderte seine Aufmerksamkeit erneut.

"Sie haben Angst vor mir und das ist doch nur natürlich. Ich möchte diese Angst nun zerstreuen, indem ich versichere, dass ich Ihrem Leben keine Gefahr darstellen werde. Zu keiner Zeit." Er beobachtete, wie sich die Emotionen in den Augen des Elfen spiegelten, sie erreichten keinen seiner ewig lächelnden Gesichtszüge. "Der Einzige zwischen uns, der Schaden zufügen kann, ist Rachaet. Aber ich kann es einrichten, dass der Schaden Sie nicht trifft.

Das konnte ich gestern durch eine unglückliche und von mir mit Sicherheit nicht vorausgesehene Verknüpfung von widrigen Umständen, die in dieser Kombination mit Sicherheit nicht wieder auftauchen werden, leider nicht."

/Er will mir die Angst nehmen...?/ Fíonán sah ihn an, betrachtete das markante Gesicht mit einem Mal aus einer anderen Sicht. Die leicht schräg stehenden, sonst so beunruhigenden Augen waren voller Ernst und wirkten nicht so, als wollte er ihn in falscher Sicherheit wiegen. Um seinen schmalen Mund lag ein erschöpfter Zug, der Fíonán deutlich machte, wie müde er sein musste. Alles in allem wirkte er viel weniger bedrohlich als noch vor wenigen Minuten. Doch vielleicht irrte er sich auch.

Als er merke, dass er ihn anstarrte, schluckte er und senkte den Blick rasch auf den Tisch, nur um dann doch erneut aufzuschauen. Bestimmt war der andere es nicht gewohnt, wenn ihm sein Gesprächspartner ständig mit den Blicken auswich, und wie einen Schlüssel behandelte er ihn nicht wirklich. "Ich dachte, Ihr seid Rachaet, Herr. Die Herrin nannte Euch doch so."

"Nein, mein Name lautet Carelis Rachaet. Sein Name lautet Rachaet Carelis. Immer der, der den Körper lenkt, nennt sich zuerst. Ich bin nicht er. Oder trauen Sie mir zu, eine zugegeben dumme und unangenehm süß riechende, aber dennoch unschuldige, junge Dame umzubringen und zu fressen?" Carelis schüttelte den Kopf leicht und erklärte "Wenn ich ständig ein schlechtes Gewissen und Depressionen wegen der Dinge hätte, die er getan hat, dann wäre ich längst eingegangen. Er hingegen wäre längst eingegangen, wenn er sich Gedanken um meine langweilige Lebensweise machen müsste." Er warf einen langen Blick in Fíonáns Gesicht, suchte nach Verstehen darin.

/Zwei Wesen in einem Körper?/ Fíonán nickte langsam. Er wusste nicht, ob er damit würde leben können, wenn jemand seinen Körper benutzen würde, um andere umzubringen... aber vermutlich konnte man mit allem leben. /Gefressen?/ Dieses Wort schlich sich in seinen Kopf und ließ Übelkeit in ihm hochkommen, doch er verdrängte den Gedanken und das Gefühl sofort. Und ob er es dem Daryller zutrauen würde...? Ein weiterer Blick in die grünen Augen ließ ihn zu keiner Antwort kommen.

Carelis fuhr fort "Wir ergänzen uns nur in den Sinnen, Fíonán. Und meine Sinne sagen mir, dass wir beiden uns noch eine ganze Weile siezen sollten, denn ich duze nur Freunde. Freunde sind nicht die Wesen, deren Angst durch eine schwere Tür hindurch zu wittern ist."

Jetzt wurde Fíonán richtig rot. Er senkte den Kopf und starrte auf die Tischplatte, heller Marmor, wie vieles im Palast. /So offensichtlich! Du musst dich beherrschen. Mehr beherrschen. Oder lege deine Angst ab. Ist es nicht egal, ob du stirbst? Du hast doch schon öfter daran gedacht.../ Aber er hatte es nie wirklich in Erwägung gezogen. Er lebte gerne, trotz allem. /Und wenn du ihm einfach glaubst? - Einem Herrn glauben? Sie erzählen doch immer, was ihnen gefällt.../

Er verschwendete keinen Gedanken daran, jemals mit diesem Mann befreundet zu sein. Sein einziger Freund war vor ein paar Wochen mit dessen geliebten Herrn gegangen, und bis auf wenige, ganz wenige Ausnahmen wie diese befreundeten sich Herren nicht mit Schlüsseln. "Wie Ihr wünscht, Herr."

Carelis betrachtete den erröteten jungen Mann vor sich und sah auch, wie dieser seine Rede interpretierte. "Schade, dass Sie so wenig Vertrauen in das Kennenlernen haben. Daryller haben wenige Freunde, wenige, die es aushalten, dass sie nicht nur den nüchternen Geschäftspartner, sondern auch das instinktgelenkte Wesen vor sich haben. Von Ihnen hatte ich es irgendwie angenommen, weil sie so viel Ruhe ausstrahlen."

Er bemerkte, wie der anderen zusammenzuckte und lächelte leicht. "Ja, Ruhe. Nicht innerlich vielleicht, aber nach außen, für mich." Er richtete sich wieder auf und trat von dem Tischchen zurück. "Wo wir schon bei dem Thema Ruhe sind. Ist es noch weit bis zum Zimmer? Ich fange an, sehr müde zu werden."


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