Das dritte Gesicht

4.

Das Terrain war vertraut und somit weniger beunruhigend. Fíonán entspannte sich langsam etwas. In einem hatte er recht gehabt, der Daryller sah durch ihn hindurch wie durch Glas, aber daran würde er sich gewöhnen. Immerhin hatte der große, dunkle Mann versprochen, ihm nichts zu tun, was zumindest ein Anfang war. Und selbst wenn er es nicht halten sollte, konnte Fíonán rein gar nichts dagegen unternehmen. Wenn er diesen Rachaet doch nicht kontrollieren konnte, war er ihm ausgeliefert.

Im Grunde genommen war es also auch nicht anders als mit anderen Herren. Seine Augen weiteten sich überrascht, als er das begriff. Er hatte Herren gehabt, die ihn mit weniger Ernst angesehen hatte. Herren, die nur darauf gewartet hatten, die Tür zu schließen und mit ihm allein zu sein, und zwar nicht, um mit ihm zu schlafen. Als er in die grünen Augen blickte, stellte er verwirrt fest, dass er ihm doch glaubte. Und das war mehr, als man von anderen behaupten konnte.

Er öffnete den Mund, um sich zu bedanken, aber kein Ton verließ seine Lippen. Er konnte nicht. Aus irgendeinem absurden Grund konnte er es nicht. Stattdessen lächelte er. Aber mit einem Mal kam ihm der Ausdruck selber schal vor, nicht einmal mehr seine schützende Maske, sondern unecht und blass. Das Lächeln verblasste und hinterließ Verwirrung.

"Es sind nur noch zwei Gänge, Herr", sagte er leise. "Wollt Ihr... wollt Ihr dann sofort schlafen? Oder vielleicht noch die Sauna nutzen? Oder das Dampfbad? Vielleicht soll ich Euch massieren? Es entspannt." Er hielt den Zusatz für nötig. Viele Herren dachten bei einem Schlüssel scheinbar immer nur an eine andere Art der Massage.

Carelis hatte die Emotionen auf dem Gesicht des Sklaven entlang huschen sehen. Dieser junge Mann schien es deutlich nicht gewohnt zu sein, wenn man ihm eine Wahl gab. Ein Befehl machte ihn da anscheinend glücklicher. Mit ein wenig Genugtuung bemerkte er jedoch, wie Fíonán mit dem Lächeln aufhörte.

Der geschäftsmäßige Ausdruck in der Stimme passte mit einem Mal zu dem Ausdruck in seinem Gesicht. Ein wenig flach, deutlich nicht emotional interessiert, aber in starre Höflichkeit gebannt, mit der er es sicherlich bei einem normalen Herrn leichter hatte als bei einem Daryller.

"Eins nach dem anderen. Ich möchte erst einmal ausschlafen. In einigen Stunden klären wir dann, wie es weiter gehen soll, Fíonán." Er ging auf den Gang zu, dem Fíonán gefolgt war und bemerkte über die Schultern zurück "Für gewöhnlich ist meine Arbeit für mich entspannender als alles andere. Vermutlich werde ich von der Vielzahl Ihrer Aufgaben gerade einmal die Gesellschaft benötigen."

Er betrachtete die schimmernden Haarfluten des Elfen, der ihn nun überholte, um mit gesenktem Kopf voran zu gehen und murmelte "Diese Gesellschaft allein ist doch angenehm genug und deutlich den Preis wert, auch wenn ich das nie öffentlich zugeben würde." Er lachte. "Aber da ich nicht bezahlen muss... Der Vermittler wird sich schon wieder von seinem Schock erholen." Fíonán hörte seinen Herrn lachen, doch die Worte, die er leise murmelte, verstand er nicht. Er hoffte nur, dass sie nicht an ihn gerichtet gewesen waren. /Schlafen. Einfach nur schlafen. Und dann klären, wie es weitergehen soll./ Irgendwie klang es so, als wollte sein Herr ihn miteinbeziehen in dieses Klären. Nun, vielleicht würde er ihm auch nur sagen, was seine täglichen Routinen waren, damit Fíonán sich danach richten konnte, um dafür zu sorgen, dass alles reibungslos lief.

/Und von meinen Aufgaben nur die Gesellschaft? Mehr nicht? Meint er wirklich damit einzig meine Anwesenheit?/ Dieser Daryller war seltsam! Für was brauchte er einen Key? Mit einem Zimmermädchen und einem Luxus-Hotelzimmer wäre ihm vermutlich besser gedient gewesen. Das war auch längst nicht so teuer. /Oh ja, und vielleicht noch ein Computer mit Netzzugang, zwei Dutzend Intercoms und eine Sekretärin. Damit ist er bestimmt glücklicher als mit jemandem wie mir./ Sein Zimmer hatte nichts von alledem. Nicht einmal einen Schreibtisch.

Er war so in Gedanken versunken, dass er fast an dem Gang, der zu seinem Zimmer führte, vorbeigelaufen wäre. Röte schoss in seine Wangen, und er sah nicht auf, als er scharf abbog. Er musste sich unbedingt zusammenreißen! So konnte das nicht weiter gehen. Wenn er nur... seine Augen leuchteten hoffnungsvoll auf. Sein Herr wollte schlafen. Je nachdem, was er derweil tun sollte, konnte er das danach vielleicht auch noch. Wenigstens ein oder zwei Stunden...?

Der Raum, in dem er stehen blieb, hatte die Form eines Dreiecks mit abgestumpften Winkeln. Die Wände bestanden aus glattem, hellem Sandstein, durch den sich dunklere Schlieren zogen. In kleine Nischen hatte man Lampen gestellt, die den Vorraum mit einem warmen Licht erfüllten. Neben dem leicht unregelmäßigen Torbogen, durch den sie eingetreten waren, gab es hier zwei Türen, die beide ebenfalls aus Sandstein gemacht zu sein schienen. Auf der linken war in Augenhöhe eine Spirale eingraviert, bei der rechten fand sich in gleicher Höhe eine hauchdünne Scheibe aus einem durchscheinenden Material, das ein wenig wie Eis wirkte. Carelis begriff in dem Moment, indem sie in der eigentümlichen kleinen Halle stehen geblieben waren, dass in dem Palast nicht nur die Farbe und Einrichtung unterschiedlich war, sondern sehr wahrscheinlich das gesamte bauliche Konzept.

Die warmen Erdtöne der Wände strahlten eine beruhigende Lebendigkeit aus. Fíonán wirkte vor der unregelmäßig gemaserten und glatt geschliffenen Sandsteinmauer noch heller und kühler, noch mehr wie eine maskierte Figur. Carelis war deutlich aufgefallen, wie der Elf fast an dem Gang vorbeigegangen war. /Ein müder, kleiner Elf.../ Carelis verzog den Mund.

Kleiner? Das passte nicht. Fíonán brauchte kaum zu ihm aufschauen, die schlanke Höhe wurde nur durch seine Zartheit um ihre Wirkung betrogen. Dass er feingliedrig gebaut war, wusste Carelis, da die leichte Tunika seines Keys im Gegenlicht nur wenig seiner Gestalt verhüllte. Wie auch nun, als sie durch den von indirektem, goldenen Licht beschienen Torbogen traten.

Carelis ertappte sich dabei, dass er die Schatten der schlanken Beine mit den Augen entlang fuhr und in abschätzende Überlegungen zu dem unbekleideten Körper des Elfen abglitt.

"Wir sind da, Herr." Fíonán trat vor und drehte die Scheibe leicht, was die Tür lautlos aufschwingen ließ. Dann nahm er den Schlüssel ab und gab dadurch den Blick auf einen Schneekristall frei. Für einen Moment blieb sein Blick an der Vertiefung hängen, lange schon hatte er ihn nicht mehr gesehen. Es war ein eigenartiges Gefühl. Er atmete tief durch, wandte sich zu dem Daryller um und hielt ihm die Scheibe entgegen, die auf der anderen Seite das erhabene Abbild desselben Kristalls trug. "Euer Schlüssel..."

Carelis nickte und gähnte verhalten. "Schließen Sie ruhig auf. Meinen Sie, die Koffer sind schon angekommen? Zu wünschen wäre es ja." Der Schlüssel wirkte genauso zart, durchscheinend und empfindlich wie der dazugehörige junge Mann.

"Bestimmt, Herr." Fíonán konnte sich eigentlich nichts anderes vorstellen. Nicht, nachdem die Vertreterin der Herrin so ärgerlich über den unterlaufenen Fehler gewesen war. Und selbst wenn sie es nicht gewesen wäre, gehörte es einfach dazu, so etwas schnell und problemlos zu erledigen.

Er öffnete die Tür komplett und ermöglichte dadurch den Blick in das große, hohe Zimmer. Wie auch im Vorraum waren die Wände ein wenig unregelmäßig, der Stein hatte jedoch eine sehr viel hellere Farbe und die Musterung war derart dezent, dass sie lediglich ein wenig Leben in die Fläche brachte, sie jedoch nicht unruhig wirken ließ. Es gab keine harten Kanten und Ecken, und durch die weichen, abgerundeten Formen erinnerte der Raum vage an eine durch Wind und Wasser geschliffene Höhle.

Den Boden bedeckte ein flauschiger, weißer Teppich, in dem man mit den Füßen einsank, so dick war er. Auf der gegenüberliegenden Seite der Eingangstür befand sich in halber Höhe eine Art offenes Zwischengeschoss, das man über eine geschwungene Treppe erreichen konnte. Ihre Stufen wurden von flachen, wie ausgewaschenen Mulden gebildet. Viel konnte man von unten aus nicht erkennen, lediglich ein großes, rundes Fenster war zu sehen, in dessen Mitte ein Feng Shui-Kristall aufgehängt war, in dem sich das Licht brach und ein buntes Farbspiel an die Wand warf.

Den Part unter dem Zwischenstock erhellten drei große Fenster, von denen das mittlere die Tür zu dem Balkon war. Auch hier brachten einige Feng Shui-Kristalle ein wenig Farbe. Eine niedrige Couch und zwei flache Sessel gruppierten sich um einen ebenfalls niedrigen Tisch aus hellem, grauem Stein, dessen unregelmäßige, geschwungene Form zum Rest des Zimmers passte. Geschlossene, helle Regale verbargen einen Teil der Wände. Eine der Türen stand einen Spalt auf, so dass man ein buntes Durcheinander verschiedener Buchrücken sehen konnte.

"Ich hoffe, es gefällt Euch", sagte Fíonán, während er darauf wartete, dass der Daryller an ihm vorbei und ins Zimmer trat. "Willkommen im Wind-Zimmer, Herr."

Carelis wollte den Raum, der sich vor ihm auftat, gerade betreten, als fünf Männer in hellgrünen  Botenuniformen mit seinem Gepäck angeschleppt kamen. Ein Mann trug - leicht unter dem Gewicht schwanken - drei der Taschen von Carelis. Die vier weiteren Männer schleppten keuchend an der vierten und kleinsten Tasche.

Carelis konnte nicht anders, er musste lachen. "Warum haben Sie denn keinen Wagen genommen?" Einer der Männer ließ die Tasche, über Carelis' Stimme erschrocken, los, sie entglitt daraufhin den anderen auch und fiel mit einem dumpfen Schlag auf den Boden. "Oh.. oh... Herr..."

"Schon gut, ich nehme meine Tasche lieber selber." /Ich hätte den Droiden hier behalten sollen. Wer konnte aber auch ahnen, dass sie hier keine Wagen für das Gepäck haben?/ Carelis ging einen Schritt auf die mit bleichen Gesichtern zurückweichenden Boten zu, dann hob er die Tasche mit einem entschuldigenden Lächeln in Richtung der zitternden Männer auf.

"Das ist mein intelligentes Metall. Es wiegt natürlich einiges und dieses hier ist noch wild, es wehrt sich vermutlich."

Amüsiert beobachtete er, dass die Umstehenden, den Elf eingeschlossen, nicht verstanden, dass intelligentes Metall sich wie ein Lebewesen wehren, festkrallen, magnetisch anhaften und so schwer wie nur möglich machen konnte, wenn es nicht transportiert werden wollte.

Carelis gähnte noch einmal, die Männer wichen noch ein Stück an die Wand zurück, dann murmelte er fragend "Bringen Sie die anderen Taschen in das Zimmer? Heute noch? Ich bin müde." Die Wirkung war ausreichend und innerhalb von einigen Augenblicken huschten die Boten nach einer Verbeugung wieder durch den bizarr geformten Flur hinaus, während Carelis seinem Key in den Raum hinein folgte.

Fíonán hatte noch nie von intelligentem Metall gehört, aber er würde nicht fragen. Er warf dem seit Jahren das erste Mal wieder sichtbaren Schneekristall auf seiner Tür noch einen nachdenklichen Blick zu, dann schloss er sie lautlos hinter seinem Herrn.

Für einen Moment verharrte er, ehe er sich straffte und umdrehte. Jetzt waren sie allein. Keine anderen Gäste, keine Diener, keine Keys. Wenn sein Herr ihm etwas tun wollte,... er beendete den Gedanken nicht. Der Daryller wirkte einfach nur müde, was Fíonáns schlechtes Gewissen sich leise regen ließ. Sein Herr hatte ihm nichts getan - noch nicht - und er dachte die ganze Zeit an nichts anderes, als was er ihm tun könnte.

Verlegen sah er zu Boden, dann lächelte er unsicher. "Das Bett ist oben, Herr. Ich sehe gerade nach, ob es gemacht ist. Wollt Ihr noch irgendetwas für jetzt oder nach dem Aufwachen? Darf ich Eure Koffer auspacken, während Ihr schlaft?"

"Ja, dürfen Sie. Aber nur, wenn Sie selber ausgeschlafen sind, wenn ich nachher aufwache. Ansonsten gibt es den Befehl: schlafen. Ich kann keinen übermüdeten Gastgeber brauchen. Wenn Sie die Taschen doch angehen, dann lassen Sie das Metall bitte in der Tasche. Es könnte Ärger machen, den ich nicht brauchen kann. Wo ist das Bad?"

Die weiche, ungewöhnliche Form des Zimmers, die runden glatten Wände, die Farbgebung des Steins und die schon fühlbare Weichheit des Lichts umher ließ ihn unbewusst aufatmen. Carelis verfolgte die ausgewaschen wirkende Treppe zu der zweiten Ebene, auf der er das Bett vermutete, mit einem Blick, dann wandte er sich dem Elf zu.

Fíonán war schon wieder rot geworden. Es war nicht gut, wenn man ihm seine Müdigkeit anmerkte! Gar nicht! Aber... er wollte ihn trotzdem ausschlafen lassen. So müde, wie er war, fühlte er einfach nur Dankbarkeit deswegen.

Er wies auf eine unauffällige Tür unter der Treppe. "Dort, Herr. Und im Bad ist hinter der ersten Tür die Sauna, hinter der zweiten das Dampfbad und hinter der dritten die Toilette. Das Waschbecken befindet sich rechter Hand. Ich bringe Euch Handtücher..." Eilig wandte er sich einem Schrank zu und öffnete ihn, um zwei flauschige, naturweiße Frotteetücher heraus zu holen. Carelis nickte und ging mit schnellen Schritten auf die Tür zu und ließ sie offen stehen. Der junge Mann war bestimmt weitaus mehr Intimität gewohnt, als einen Herrn, der ihm hier Gesellschaft leistete, nackt zu sehen.

Im Bad, dessen Ausstattung in der gleichen Art aus glatten, eher runden Steinen bestand wie der restliche Raum, stellte er nach einem orientierenden Blick in der Runde herum und hinter die Türen das Wasser in der Badewanne ein und begann sich auszuziehen.

Die schwarzen Kleidungsstücke legte er auf einen runden Hocker und stellte seine Schuhe daneben. Es war angenehm warm im Raum, und der Fußboden schien geheizt zu sein, weswegen er sich vollständig auszog und Fíonán zurief "Können Sie vielleicht meine Waschtasche aus dem schwarzen, mittleren Koffer mitbringen?"

Er beugte sich gerade über den Beckenrand, um die Temperatur des Wassers zu testen, als er den Elf mehr in den Raum kommen spürte als hörte. Eine angenehme Schwingung ging von diesem Wesen aus, Gelassenheit und eine gewisse Sorglosigkeit verbreitend. Carelis lächelte im Prinzip grundlos.

Fíonán legte die Handtücher auf einen Vorsprung neben dem Waschbecken und erhaschte in dem geschwungenen Spiegel darüber einen kurzen Blick auf sich. Er verzog das Gesicht, als er feststellte, dass er fast so müde aussah, wie er sich fühlte. Hastig glättete er seine Miene und wandte sich zu seinem Herrn um.

Fast lautlos näherte er sich ihm, um ihm die Waschtasche zu bringen, während er seinen Blick ängstlich forschend über den nackten Körper gleiten ließ. Die Muster, die er vorhin noch hatte sehen können, waren verschwunden. Stattdessen war die Haut überall von der gleichen dunklen, rötlichen Farbe, glatt und schön. Selbst die kleinsten Bewegungen wirkten noch geschmeidig, als sein einen Arm ausstreckte, um die Temperatur zu prüfen, als er sich leicht zur Seite zu drehte, das Gewicht ein wenig verlagerte.

Fíonán merkte, dass er ihn anstarrte. Die langen, kräftigen Beine, die breiten Schultern, den Rücken, den festen Po. Die starken Arme. Das dunkelrote Haar, das glatt war und im Licht glänzte. /Er wirkt nicht wie ein Monster. Nicht so, als könnte er ein Zimmer derart zerfetzen wie das des Abendhauchs.../ Wahrscheinlich lag es an seiner Müdigkeit, doch seine Angst schwand langsam.

Er wandte den Blick zu Boden und legte die Tasche neben ihn. "Bitte, Herr. Wenn Ihr erlaubt, werde ich mich jetzt um das Bett kümmern."

"Fíonán?" Carelis richtete sich erneut auf und betrachtete den blassen Mann vor sich. "Es gibt vermutlich nur ein Bett, nicht wahr?" Ein leichtes Nicken war die Antwort, begleitet von dem leisen, schamhaft wirkenden Erröten der Wangen seines Gesellschafters. Carelis nickte ebenfalls. "Legen Sie sich bloß hinein und schlafen Sie. Ich komme sehr gut allein zurecht," schlug er dann mit neutraler Stimme vor und fragte sich, wie es kam, dass er fast gefragt hätte, ob Fíonán auch baden wollte. /Natürlich will er das nicht! Er würde es nur tun, weil er denkt, dass ich es will. Sklaven... Schlüssel... was für ein Betrug an den Gefühlen. Und dieser Kleine hier fällt doch gleich um. Er kann ja eigentlich schon froh sein, dass er an mich geraten ist, anstelle dort draußen am Tor sitzen zu müssen./

Carelis warf einen Blick in den Spiegel, in dem er sah, wie das weiße Wesen mit wehenden Haaren sich langsam umdrehte. Ja, die Bewegungen sahen mühsam aus und irgendwie schwer, als würden sie den Elf Kraft kosten, von dem man doch sonst befreite Eleganz erwarten würde.

Fíonán blieb in der Tür stehen und sah noch einmal zu seinem Herrn zurück. Das Lächeln auf seinem Gesicht war echt, echt und müde. "Danke, Herr. Ich mache noch schnell alles bereit, dann werde ich mich auf das Sofa legen." Eilig verließ er das Bad und ging die Treppe empor. Das große Bett, das eher eine weiße Liegewiese mit unzähligen weichen Polstern und Kissen war, bot weitaus mehr Platz, als zwei schlafende Personen brauchten. Doch sein Herr hatte klar gemacht, dass er von ihm nicht diese Art der Nähe wollte und Fíonán war dankbar dafür.

Mit einem Blick stellte er fest, dass es frisch bezogen, die Kissen und Decken geordnet worden waren. Die kleine Truhe am Fußende war geöffnet, die ... Spielzeuge wohl ersetzt worden. Schaudernd schloss er sie und stapelte sorgfältig einige Kissen davor. Sein Herr der letzten Nacht hatte viel zu viel Gefallen an einigen der Sachen gefunden.

Fíonán nahm sich eine Decke und ein Kissen, der Daryller würde sie wohl kaum vermissen. Dann ging er wieder nach unten, streifte seine Tunika kurzerhand über den Kopf und legte sie über einen der beiden Sessel. Er kuschelte sich auf der Couch zurecht und schloss die Augen. Die Decke war angenehm weich und schmeichelte seiner Haut, sein Gesicht versank fast in dem flauschigen Kissen. Vom Bad drang leises Plätschern zu ihm. Für einen winzigen Moment spürte er so etwas wie Schuldbewusstsein, dass er nicht bei seinem Herrn war oder seine Taschen ausräumte, doch es verschwand, als der Schlaf ihn überwältigte.

Carelis hatte nur kurz gebadet, aber all die exotischen Kräuter in den Gläschen in den Schränken erschnuppert, ohne sich für eines zu entscheiden. Dann hatte er sich eine Pyjamahose aus weichem Stoff angezogen. In Anbetracht der Wärme im Zimmer ließ er das Oberteil wieder in der Tasche verschwinden. Er zog kurz in Erwägung, seine Taschen auszupacken, doch verwarf den Gedanken nach einem weiteren Gähnen wieder und stellte sein Gepäck lediglich in einer ordentlichen Reihe auf.

Er wollte gerade die Stufen hinaufgehen, um sich endlich hinzulegen, als ein leises Seufzen ihn zu der Sitzgruppe herumfahren ließ. /Dieser Elf hat mehr Angst vor mir, als ich gedacht habe./ Langsam schlich er auf die Couch zu, auf der, in eine natürlich weiße Decke gehüllt, der Key lag und selig schlief.

Carelis ging in die Hocke und betrachtete die zarten Gesichtszüge, die nun entspannt einiges von der Müdigkeit preisgaben, die er schon länger an dem Elf vermutet hatte. Die Finger der einen Hand lagen locker auf dem dicken Kissen, gleich neben dem entspannten Gesicht. Die Nägel schimmerten und opalisierten beinahe, ein faszinierender Anblick. Carelis fiel auf, wie zierlich und feingliedrig der Elf gegen ihn wirkte. Wie hell seine Haut gegen seinen eigenen, tiefen Rotton und wie zerbrechlich jedes seiner Körperteile.

Das eine Ohr lag frei, die Haare waren zurückgefallen und Carelis bemerkte, dass es leicht spitz war, der inneren Windung folgte ein Schwung, der das Ohr insgesamt streckte. Carelis seufzte tonlos, als er bemerkte, wie der Key die Augen hinter den Lidern bewegte, in einem Traum gefangen, wie es schien. Er blickte zu dem Bett auf der oberen Ebene hoch und murmelte beinahe tonlos "Vermutlich muss man dir also doch befehlen, du Dummerchen. Komm schon, mach dich nicht so steif."

Damit hob Carelis den Elf in der Decke hoch, berührte eigentlich nur die Decke und das Kissen. Auf ein Murmeln von seinem Key reagierte er mit einem leisen "Sch... ich bin es nur, ich bringe dich ins Bett."

Fíonán wachte nicht auf, er war zu erschöpft, um es auch nur zu registrieren. Alles, was er mitbekam, war Wärme. Mit einem leisen Seufzen drehte er sich näher dazu hin. Carelis lächelte ein wenig und stieg mühelos mit der geringen Last, die der Elf für ihn darstellte, die Stufen hinauf.

Auf der oberen Etage legte er Fíonán zuerst auf die breite Liegefläche und zog die Decke über ihn zurecht, dann schob er das Kissen gerade und erst danach legte er sich in einiger Entfernung von ihm auf das Bett und deckte sich locker zu, bevor er sich wohlig streckend in den herbeigesehnten Schlaf versank.


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