Das dritte Gesicht

5.

Als Fíonán erwachte, stand die Sonne hoch am Himmel, hatte den Zenit bereits überschritten. Einer der Kristalle warf sein buntes Farbenspiel genau in sein Gesicht und ließ ihn blinzeln. Fíonán streckte sich wohlig, fühlte sich schon viel besser, richtig gut. Wann hatte er das letzte Mal so lange geschlafen? Und vor allem... sollte er nicht schon lange am Tor sein?

Langsam kehrten die Erinnerungen zurück in sein noch schlaftrunkenes Gedächtnis. Der neue Herr, dem er jetzt auf längere Zeit gehörte... der Morgen... Sein Blick klärte sich, und er sah auf. Erschrocken fuhr er hoch, als er feststellte, dass er nicht mehr auf der Couch, sondern im Bett lag.

Neben ihm, aber nicht zu nah, schlief der Daryller, ein dunkler Körper auf dem hellen Untergrund. Fíonán betrachtete ihn nachdenklich, während sich sein aufgeschrecktes Herz langsam wieder beruhigte. Sein Herr lag einfach da und schlief. Entspannt. Weit von ihm entfernt. Und das, obwohl sie sich im selben Bett befanden.

Ein scheuer Blick glitt zu der verhassten Truhe, nur um zu entdecken, dass sie noch immer verborgen war, und kehrte dann zu dem dunkleren Mann zurück. Friedlich wirkte er, und regelrecht harmlos, obwohl er selbst jetzt noch etwas an sich hatte, dass ihn wachsam erscheinen ließ.

Fíonán rief sich das Bild des zerstörten Zimmers in sein Gedächtnis zurück, die vollkommene Verwüstung. Doch die panische Angst, die er am Vormittag noch empfunden hatte, kam nicht wieder. Unbehagen, ja. Ein wenig Ängstlichkeit auch. Aber nicht diese Panik. /Wieso hat er mich hoch geholt? Ich hätte unten auch gut geschlafen. Er hat... er hat mich nicht angefasst. Warum also bin ich hier?/

Er schlug die Decke beiseite und stand geschmeidig auf. Lautlos stieg er über den Daryller hinweg und ging nach unten. Es gab noch genug zu tun. Er bestellte ein leichtes Mittagessen für sich und seinen Herrn, in der Hoffnung, dass er auch essen durfte, zog rasch seine Tunika über und bürstete eilig sein Haar, dann machte er sich daran, möglichst leise die Taschen auszuräumen.

Carelis erwachte und fühlte sich ausgeruht, zufrieden, ausgeglichen und vor allem voller Tatendrang. Er warf einen Blick neben sich, aber die Seite im Bett war schon verlassen; gleich darauf vernahm er ein feines Kleiderrascheln, der Sklave schien seine selbst gewählte Aufgabe begonnen zu haben.

Leise glitt er aus dem Bett und nahm auf einer der oberen Stufen zum Wohnraum Platz, um den erneut weiß gekleideten Elf zu beobachten. Dieser war bei der dritten Tasche angelangt und hielt einige schwarze und dunkelgrüne Pullover und Hemden in den Händen, die er auf der Liegefläche der Couch noch einmal zusammenlegte.

Seine Finger glitten routiniert über den Stoff, die Bewegungen erforderten keine dauernde aufmerksame Kontrolle, denn der Elf hatte den Blick ein wenig abwesend auf eines der im Sonnenlicht spielenden Kristallstücke im Fenster gerichtet.

Carelis unterbrach ihn nur ungern, aber er wollte noch etwas essen und hoffte, dass Fíonán auch dafür sorgen konnte, weswegen er von seinem Sitzplatz aus sagte "Guten Morgen, ich hoffe, Sie haben gut geschlafen. Ich habe mich jedenfalls ganz ausgezeichnet erholt. Das grüne Hemd würde ich gern anziehen, wenn Sie das draußen liegen lassen würden?"

Er erhob sich und ging langsam in den nun im Sonnenlicht gebadeten Wohnraum hinab. "Ein sehr schönes Zimmer. Ist es nach Ihrem Geschmack eingerichtet?"

Fíonán legte das geforderte Hemd beiseite und sah zu seinem Herrn auf. Er lächelte, als er seinen Blick von dem großen Mann weg und durch das Zimmer gleiten ließ. "Ja, Herr. Es freut mich, dass es Euch gefällt." Er strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und schaute kurz zur Tür. "Ich habe etwas zu essen bestellt, falls Ihr Hunger bekommen solltet. Es müsste jeden Augenblick hier sein. Habt Ihr Vorlieben oder Abneigungen?"

Während der geruhsamen Tätigkeit des Taschenausräumens war er mit sich überein gekommen, den Daryller auch nicht anders zu behandeln als seine anderen Herren. Nur... nur in einem. Er würde sich bemühen, ihm kein Lächeln zu schenken, wenn ihm nicht nach Lächeln zumute war.

"Ich esse kein Fleisch. Daryller sind zur Hälfte Vegetarier, auch wenn das unsinnig erscheinen mag. Aber wenn es Käse geben sollte und Obst, dann bin ich sehr begeistert. Kann man hier denn Kräutertee bekommen?" Verwundert sah Fíonán ihn an. Nein, das hätte er wirklich nicht gedacht. Vielleicht bekamen sie in ihrer anderen Form derart viel Fleisch, dass sie das wieder ausgleichen mussten. Er schauderte, als er an den Abendhauch dachte. "Obst und Käse, ja, das ist dabei. Ich hatte Saft und leichten Weißwein bestellt, aber das kann ich noch dazu fügen. Und das Geflügel bestelle ich dann wieder ab."

Er ließ die Tasche erst mal liegen und huschte schnell zur Tür, um über die dort eingebaute Kommunikationsanlage die Bestellung abzuändern. Er drückte kurz auf die Mute-Taste und sah fragend zu seinem Herren hin. "Ein bestimmter Kräutertee? Und habt Ihr sonst noch Wünsche?"

"Alkohol? Vielleicht später, jetzt noch nicht. Es ist eigentlich egal, welche Kräuter Sie mir anbieten können. Hauptsache der Tee ist warm und süß. Das Geflügel können Sie doch auch selber essen. Ich esse es nicht, aber ich nehme keinen Anstoß daran, wenn andere Fleisch essen."

Er streckte sich und begann dann, seine Pyjamahose gegen ein dunkelgrünes Hemd und eine schwarze, leichte Hose zu tauschen, die Schuhe ließ er nach einem Blick über den flauschigen Teppich fort.

Dann kniete er sich neben seiner vierten Tasche auf den Boden und öffnete den Verschluss. "Sagen Sie mir Bescheid, wenn das Essen da ist? Ich muss erinnert werden; wenn ich erst einmal arbeite, neige ich dazu, es zu vergessen."

Er hatte zwar gesagt, dass er arbeiten wollte, aber was er anschließend tat, war eigentlich eher das aufgebrachte Metall zu beruhigen und Fíonán zu beobachten. Er ließ seine Finger über die verschieden großen Brocken von unterschiedlicher Qualität und Intelligenz gleiten, bis in der Sammlung Ruhe eingekehrt war. Derweilen verfolgte er, wie Fíonán den Tisch neben der Sitzgruppe für das Essen herrichtete. Teller verteilte, Gläser und ein Stövchen für die Teekanne.

Die Sonne schien erneut durch den zarten, weißen Stoff der Tunika, und während der Elf sich zum Tisch beugte, um einige Schalen abzustellen, konnte Carelis sich nicht davon abhalten, seine Figur zu bewundern, anzustarren und den Wunsch zu haben, ihn zu berühren. /Das solltest du dir nicht wünschen, es ist zu riskant. Hör auf mit solchen Gedanken und konzentriere dich endlich auf die Arbeit!/

Fíonán sah auf und direkt in die beunruhigenden dunkelgrünen Augen, die ihn beobachteten und im Sonnenlicht geheimnisvoll leuchteten. Mitten in der Bewegung hielt er inne und verharrte regungslos, erwiderte den Blick verwirrt und ein wenig ängstlich. Hatte er einen Fehler gemacht? Hatte er etwas überhört, was sein Herr verlangt hatte? Störte er mit den Geräuschen, die er verursachte? Dabei hatte er sich so bemüht, leise zu sein.

Er wollte gerade den Mund öffnen, um sich zu entschuldigen, für was immer er getan hatte, als ihm aufging, dass es kein Vorwurf war, der in den grünen Tiefen lag. Eher schon war es... Gefallen. Bewunderung? Eine feine Röte zog sich über Fíonáns Wangen, auch wenn er sich gleich darauf sagte, dass es unmöglich sein konnte. Sein Herr hatte einen weiblichen Schlüssel gehabt und wollte insgesamt gar keinen haben. Er würde nicht plötzlich seine Meinung ändern. Zumindest hoffte Fíonán das. Vielleicht war es ja etwas ganz anderes, was der andere Mann in ihm sah. Scheu lächelte er.

Das Klopfen riss ihn aus seiner Verlegenheit und erlaubte ihm, seine Aufmerksamkeit auf etwas anderes zu richten, ohne dass es zu sehr nach Rückzug, nach Flucht aussah. "Das wird das Essen sein", erklärte er überflüssigerweise und eilte zur Tür, um sie zu öffnen.

Carelis zuckte leicht zusammen, als das dumpfe Pochen an der Tür und Fíonáns hastiges Fortgehen den Blickkontakt unterbrach. Der junge Mann hatte ihm wie gebannt in die Augen gesehen. Nun, ihre Raubtieraugen waren auch bemerkenswert, das wusste Carelis selber. Die Gefährtinnen seiner Verwandten hatten fast alle erzählt, dass sie am Blick, an der Tiefe in diesen Augen nicht selten zuerst bemerkt hatten, dass da noch mehr war als möglicherweise Todesangst vor dem im All langhin als das ultimative Raubtier bekannten Daryller. Gleich nach der Verbindung konnten sie sich eine Trennung ohnehin nicht mehr vorstellen.

Träumerisch das Sonnenlicht auf der Haut genießend schloss Carelis die Augen und sah eher ungebeten das Bild seines Bruders Jotanef nach dessen Verbindung vor sich. Die leuchtenden Augen, die freudige Art zu sprechen und dann dieses Mädchen mit den zusammengenommen wenigstens zehn Ohrringen und den blauen Igelhaaren, das ungeduldig von der Rampe hopste. Ungeduldig, weil sie sich gleich wieder auf ihn stürzen wollte.

Jotanef, der eigentlich immer mehr als missmutig gewesen war, lachte, als sie ihn ansprang, um von hinten die Beine um ihn zu schlingen. Sie war gerade einmal 1,60 m groß, gegen ihn winzig, was nichts zu tun hatte mit ihrer Macht über Jotanef. Anstelle sich zu verbeugen, Geschenke zu verteilen und den Eltern die Begrüßung zukommen zu lassen, die ihnen zustand, war Carelis' Bruder zunächst mit einem Zungenkuss beschäftigt gewesen, dessen Intensität selbst die Droiden verunsichert hatte.

Carelis lachte leise und murmelte "Jota, wenn du mir nun wenigstens etwas von deinem Glück abgeben könntest." Er seufzte und wurde von dem leisen Geschirrklappern hinter sich aufgeschreckt.

Fíonán war damit beschäftigt, die Schalen und Töpfe auf dem Tisch zu verteilen. Das Geschirr war ebenfalls von hellbeiger Farbe, mit der dezenten Maserung, die auch im Stein der Wände zu finden war. Der Duft von Kräutern und frischem Brot stieg Carelis in die Nase und er erhob sich, um barfuß auf den Tisch zuzugehen.

Erst, als er direkt davor stand, bemerkte der weißhaarige, junge Mann ihn und zuckte ein wenig zusammen. "Danke, Fíonán, das sieht alles sehr ansprechend aus. Sie essen doch auf jeden Fall etwas mit mir, oder?" Er hob eine Hand an den Mund. "Sie bestellen sich doch hoffentlich auch Dinge, die sie essen möchten?"

Der Daryller war zu leise! Fíonán hörte normalerweise trotz der Dicke des Teppichs, die jeden Schritt dämpfte, immer, wenn sich ihm jemand näherte. Aber dieser Mann schien sich vollkommen lautlos bewegen zu können. Wie ein sich anpirschendes Raubtier. /Hör auf damit! Er benimmt sich wesentlich zivilisierter als so manch anderer Herr./ Irgendwie erschien ihm der Gedanke, dass sein Herr es gewesen war, der das Abendhauchzimmer so zugerichtet hatte, immer absurder. Aber das Bild des Morgens, wo noch Tarnmuster dessen Körper überzogen und das glatte, glänzende Haar eine zerzauste Mähne gewesen war, sagte ihm anderes.

Ihm fiel auf, dass er ihm schon wieder eine Antwort schuldig zu bleiben drohte, weil seine Gedanken abgewandert waren. Er beugte sich tiefer über den Tisch, was sein Haar über seine Schultern gleiten ließ, so dass es seine sich schon wieder rötenden Wangen verbarg. "Ja, Herr, gerne. Und ich esse eigentlich fast alles, das ist kein Problem." In dem Moment knurrte sein Magen laut und vernehmlich, was den Rotton seiner Wangen vor Verlegenheit noch mehr vertiefte. Dieser Herr bekam wirklich nicht gerade seine beste Seite zu sehen.

Carelis lachte leise auf und bemerkte "Na, wenn das nicht eine ehrliche Antwort war." Er ging um den Tisch herum, um die liebevoll dekorierten Teller kurz zu betrachten. Für gewöhnlich war es ihm doch egal, warum freute ihn der Anblick in diesem Moment so sehr?

Mechanisch schenkte Fíonán Tee in eine der beiden Tassen und stellte die Kanne wieder auf das Stövchen zurück, dann arrangierte er schnell und ohne weiter darüber nachzudenken die dekorativen Kräuter neu, die auf der Käseplatte verrutscht waren. /Fragen... er stellt mir Fragen. Und er ist immer höflich. Er hat mich schlafen geschickt, weil ich müde war. Er denkt darüber nach, dass ich nur nach seinen Wünschen bestelle und dass es vielleicht mir nicht schmecken könnte. Was will er von mir, das er nicht ohnehin bekommen kann? Was will er überhaupt?/

Fíonán war es gewohnt, die Bedürfnisse seiner Herrschaft möglichst noch zu erraten, bevor sie diese äußern mussten. Es stimmte sie meist zufrieden und erleichterte ihm dadurch seine Aufgaben, denn so lange sie keine Wünsche hatten, die offen blieben, waren sie mit Strafe nicht so schnell zur Hand. Aber dieser Herr war anders. Er war... undurchschaubar. Für einen Moment dachte Fíonán an einen seiner alten Herren zurück, der ebenfalls so unberechenbar gewesen war. Doch dieser hatte ein Spiel daraus gemacht, um ihn zur Verzweiflung zu treiben. Bei dem Daryller war es das nicht. Und das verunsicherte Fíonán und brachte ihn immer wieder zum Grübeln.

"Setzt Euch doch, Herr." Noch immer hinter seinem Haar versteckt wies er auf einen der beiden Sessel, dann zögerte er und formulierte die Frage um, die er eigentlich hatte stellen wollen, die, was er ihm reichen sollte. "Soll ich Euch aufgeben oder wollt Ihr Euch lieber selber nehmen?"

Carelis nahm auf einem der gepolsterten Sessel Platz und ließ seinen Blick über die Platten schweifen, dann meinte er unkompliziert "Nehmen Sie sich, was Sie möchten, Fíonán. Ich kann mich ebenfalls selber bedienen. Kann ich Ihnen vom Wein einschenken? Oder lieber Saft?"

/Mir? Er mir?/ Fíonán hob jetzt doch den Kopf und sah seinen Herrn unverwandt an. "Saft, bitte", sagte er schließlich und schob seinen Sessel etwas näher an den Tisch, ehe er sich ebenfalls setzte und seine Beine in den Schneidersitz zog. /Verrückt! Verrückt, verrückt! Wenn ich jetzt Wein trinke, dann wird es noch schlimmer./

Carelis goss dem Elf aus der Karaffe von dem sonnenfarbenen Saft etwas ein, bevor er sich Salat und Brot nahm. Nachdem sie beide schweigend einige Bissen gegessen hatten, fragte er betont freundlich "Was machen Sie in ihrer freien Zeit? Haben Sie freie Zeit, Fíonán?" Unsicher blickte er einmal in dem Raum umher und stellte für sich fest, dass der Raum zwar sehr ungewöhnlich gestaltet war, aber durch und durch unpersönlich wirkte, kühl. Eben wie das Spiegelbild zu dem Elf, dessen undurchdringlichen Gesichtszüge im Verlauf des Essens erneut zu der lächelnden Maske geworden waren.

Fíonán zupfte sich eine Traube ab und drehte sie zwischen den schlanken Fingern. /Schon wieder Fragen. Man könnte meinen, es interessiert ihn wirklich./ Fast spürte er so etwas wie Ärger. Doch er ließ ihn sich nicht anmerken, als er den Kopf leicht schief legte und seinen Herrn anschaute. "Ich habe nur wenig, aber das ist nicht schlimm. So langweile ich mich wenigstens nicht wie manche der anderen Keys." Auch wenn es oftmals derart wenig Zeit war, dass er nicht einmal zu Schlaf und Essen kam. "Ansonsten... wenn ich frei habe... ich mache gerne Musik." In dem Moment war sein Lächeln echt, seine silbergrauen Augen bekamen einen warmen, lebendigen Schimmer. Gern haben war nicht wirklich richtig, er liebte es einfach. Liebte es, Instrumenten egal welcher Art, Melodien zu entlocken, in ihnen zu versinken, mit ihnen davon zu schweben in eine andere Welt, seine Welt.

"Wirklich? Welches Instrument spielen Sie denn?" Carelis kaute auf dem Salat herum und fand, dass er dem Essen trotz seines Hungers nur wenig Beachtung schenkte. Die Bewegungen und die Mimik seines Gegenübers faszinierten zu sehr. Er verspürte, je mehr er von Fíonán kennen lernte, dass er ihn mehr als angenehm fand. Ein neues Gefühl für ihn. Sonst gingen ihm Leute schnell auf die Nerven, wenn er zu lange mit ihnen in einem Raum eingesperrt war. Er war immer eher ein Einzelgänger gewesen.

"Viele", antwortete Fíonán einfach. Er strich sich eine Haarsträhne hinter das rechte Ohr und steckte sich die Weintraube in den Mund, zerbiss sie genießerisch. Sein Lächeln vertiefte sich, und er sah zu seinem Herrn hin. "Harfe. Klavier. Querflöte. Geige. Gitarre. ... und noch einiges mehr. Soll... darf ich Euch vielleicht... später... etwas vorspielen?"

Carelis lächelte und nickte leicht. "Wenn es keine Umstände bereitet, sehr gern. Ich mag Musik, aber bin leider selber nicht besonders talentiert, was das Spielen von Instrumenten angeht." Er nahm die zierliche Teetasse auf und sog den Duft ein. Lieblich, zart. "Hm, das ist Jasmin. Wie angenehm." Mit halb geschlossenen Augen genoss er die Stimmung der Ausgeglichenheit, in der er sich gerade befand.

Wenn Rachaet seinen Willen mal wieder hatte durchsetzten können und ihn gelenkt hatte, mindestens eine schreckliche Sache angestellt und jemanden umgebracht hatte, dann wurde er für wenigstens eine Woche so ruhig. Diese Ruhe fühlte sich jedoch anders an als die Unbeweglichkeit, die Müdigkeit, die er sonst verspürte. Dieses Mal war es eine ausgeglichene Gelassenheit, die Carelis unbekannt war, die er jedoch sehr genoss.

Er bemerkte, dass seine Gesellschaft gegenüber am Tisch ihn mit fragenden, abwartenden Blicken beobachtete. Unauffällig zwar, aber mit Sicherheit sehr wachsam, auf ein Zeichen wartend, auf einen Befehl womöglich. "Fíonán, ich werde Ihnen nichts vorschreiben. Ich möchte lediglich, dass Sie hier in der Nähe sind, um mich herum, irgendwo. Sie können dabei tun und lassen, was Sie wollen... ach, eine Ausnahme gibt es."

Carelis setzte die Tasse ab und warf einen Blick in dem Zimmer herum. "Ich könnte Ihnen vielleicht eines Tages, vielleicht in einer Woche, vielleicht später, den Befehl... Befehl geben, in der... in die Sauna zu gehen, die Tür fest zu schließen und dort zu bleiben. Ich möchte, dass Sie das dann ohne eine weitere Frage tun. Es ist deutlich in Ihrem Interesse, glauben Sie mir."

Fíonáns Lächeln erlosch, als hätte man eine Kerze ausgeblasen. Allein der Gedanke an die Musik und dass sein Herr ihm erlaubt hatte zu spielen, wann immer er wollte, hatte ihn glücklich sein lassen wie schon lange nicht mehr, hatte ihm ein warmes, zufriedenes Gefühl geschenkt, das um so intensiver war, weil er ausgeschlafen und satt war.

Die Erwähnung von Rachaet zerriss die friedliche Ruhe, die sich über ihn gelegt hatte, und brachte die Bilder des Morgens zurück. Für einen Moment sah er sein eigenes Zimmer, sah wie es aussehen würde, zerfetzte Bücher, zerstörte Instrumente, zerrissene Decken, zersplitterte Regale. Er neigte den Kopf, das Gesicht bar jeder Emotion, die Augen leere Spiegel. "Ja, Herr. Natürlich."

Carelis bemerkte, dass der junge Mann vor ihm die Schultern eine Spur versteifte, die Angst, die er zuvor schon an ihm wahrgenommen hatte, kehrte jedoch nicht zurück, eher etwas schlimmeres, etwas kälteres. Er senkte ebenfalls den Blick auf seinen Teller zurück, auf dem er begann, einige Gurkenscheiben vor sich herzuschieben.

Er wusste, dass niemand den Gedanken an seine zweite Hälfte besonders gut aufnahm. Warum also hatte er sich von dem Elf Verständnis erhofft? /Wieso hab ich denn gewollt, dass er um mich ist?/ Nachdenklich sah Carelis über den Tisch auf die schlanken Finger des Elfen hinüber, die akkurat neben dessen Teller ruhten. Man konnte keine Angst sehen oder spüren, aber etwas ähnliches war da. /Vielleicht will ich einfach, dass er mich versteht./ Carelis schüttelte den Kopf und stützte das Kinn in eine Hand, um Fíonán anzusehen.

Sein Gegenüber bemerkte es nicht, weil er zu sehr damit beschäftigt war, unauffällig auf den Teller zu starren. /Wieso will ich, dass er mich versteht?/ Carelis konnte an dem Äußeren des Elfen nichts finden, was außergewöhnlich war, nur etliche Dinge, die er ansprechend fand, schön.

Er kannte einige seiner Artgenossen, die nicht so wohlsituiert waren wie er und seine Familie, die nicht mit intelligentem Metall handelten, sondern mit Sklaven. Er fragte sich, ob sein Volk diesem Elf vielleicht Unrecht getan hatte. /Vielleicht war es ein Daryller, der dieses zarte Wesen gefangen und an den Palast verkauft hat?/

"Fíonán, ich weiß, dass es eine sehr persönliche Frage ist und ich erwarte keine Antwort. Aber können Sie mir vielleicht erzählen, wie Sie hierher gekommen sind?" /Ich muss verrückt sein. Der arme Elf schämt und fürchtet sich doch auch so schon vor mir!/ "Wenn es ein Ihnen zu unbehagliches Thema ist, dann ziehe ich die Frage sofort zurück, wenn Sie auch nur den Kopf schütteln." Carelis hatte es hastig angefügt, aber blickte das weiße Wesen ihm gegenüber dennoch auf die Antwort gespannt an.

"Natürlich werde ich es Euch erzählen, Herr, wenn Ihr das wünscht." Fíonáns Stimme war flach und emotionslos. Die meisten Herren nahmen es als gegeben hin, dass ihre Schlüssel hier und für sie da waren. Die wenigsten interessierte es, ob die Keys ein Leben jenseits der Zeit hatten, die sie mit ihren Besitzern verbrachten. Und noch viel weniger wollten wissen, ob es ein Leben davor gegeben hatte. Mit den unangenehmen Aspekten dieses Palastes beschäftigte man sich einfach nicht, wozu auch.

Aber es war angenehm, dass sie nicht viel fragten, dass sie nie etwas darüber wissen wollten. Erinnerungen, Gedanken, Gefühle waren das einzige, was einem Schlüssel in diesem Palast überhaupt gehörte. Doch Fragen, die gestellt wurden, mussten beantwortet werden.

Fíonán hatte nur einmal einen Herrn gehabt, der mehr von ihm hatte wissen wollen als das Übliche. Der seinen Antworten interessiert zugehört und ihn selber hatte fragen lassen. Er war auch der einzige gewesen, dem er jemals erzählt hatte, wie er in den Palast gekommen war, nicht alles, denn an alles erinnerte er sich nicht. Es war hinter einem Schleier verborgen, hinter den er selber noch nie geschaut hatte. Manchmal tauchten Erinnerungsfetzen auf, hervorgehoben wie von einem gleißenden Blitz und genauso kurz, zu kurz, um wirklich etwas zu erkennen, um einen Zusammenhang zu sehen, um zu begreifen. "Wo soll ich anfangen? In der Nacht, in der es geschah? Schon etwas davor? Wollt Ihr etwas über meine Familie wissen?"


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