Das dritte Gesicht

6.

Carelis stockte in der Bewegung. /Will ich das wirklich wissen?/ Unwillkürlich schüttelte er den Kopf. "Nein.... nein. Ich... es ist nicht, dass es mich nicht interessiert, aber ich denke, dass wir unsere jetzige Beziehung mit so privaten Details noch nicht belasten können. Ich hab mich missverständlich ausgedrückt. Im Grunde wollte ich wissen, ob es das Verschulden von Daryller war, dass Sie hier eingesperrt worden sind. Wenn selbst diese Frage schwierig zu beantworten ist, dann nehme ich sie lieber wieder zurück, Fíonán. Ich möchte nicht aufdringlich erscheinen."

"Danke, Herr", sagte Fíonán leise. Es war, als hätte der Daryller ihm mit dieser Antwort einen unerträglichen Druck von der Seele genommen. Er sprach nicht gerne darüber, er hatte Angst davor. Aber im gleichen Atemzug noch hatte ihn sein Herr wieder vollkommen verwirrt. /Unsere jetzige Beziehung? Herr und Schlüssel... mit privaten Details belasten? Noch nicht...?/

"Nein, ich glaube nicht, dass es Daryller waren. Zumindest... kann ich mich an keine erinnern." Blicklos starrte er auf seinen Teller, auf Käse und Trauben, Brotkrümel. /Warum stellt er mir Fragen? Warum nimmt er... Rücksicht? Was will er? Was, das er nicht ohnehin haben kann?/ Er biss sich auf die Unterlippe und sah aus den Augenwinkeln zu seinem Herrn hin, nur um festzustellen, dass dieser ihn beobachtete. Fíonán hob den Kopf und erwiderte seinen Blick hilflos, fühlte seine Verwirrung angesichts der grünen Tiefen nur noch wachsen. "Herr... darf ich Euch auch eine Frage stellen?"

Carelis hatte von seinem Brot abgebissen und genoss den frischen, warmen Geschmack und die gut gewürzte Soße zum Salat gerade genauso wie die sanfte Stimme des Elfen, als dieser ihn ansah und mit der Bitte überraschte. Er war erfreut, dass es keine Daryller gewesen waren, die den Elf in diese Lage gebracht hatten und lächelte deswegen. "Oh, natürlich..." Carelis spülte alles mit einem Schluck Tee herunter. "Was möchten Sie wissen?"

Fíonán atmete durch, spürte, wie er die Fingerspitzen fester gegen den kühlen Stein des Tisches drückte, wie sein Herz nervös schneller schlug, doch er wandte den Blick nicht ab. /Eine einfache Frage, kein Grund, nervös zu sein. Aber man stellt ihnen keine solche Fragen./ Er biss sich auf die Unterlippe, wie er es so häufig tat. "Warum interessiert Euch das, Herr? Warum stellt Ihr mir überhaupt Fragen? Warum wollt Ihr etwas von mir wissen? Reicht es nicht, dass ich da bin?" /Was wollt Ihr? Bitte sagt mir, was Ihr wollt, damit ich keinen Fehler mache./ Doch das wagte er nicht auszusprechen.

Carelis holte Luft, um die Frage zu beantworten, dann zog er seine Brauen ein wenig zusammen und überlegte. /Ja, warum will ich das eigentlich genau? Es ist so ein Gefühl, etwas, das ich mache, weil es sich besser anfühlt./

/Gut, fangen wir am Anfang an./ "Nein, es reicht mir nicht, wenn Sie einfach nur da sind. Wozu wären Sie denn da, wenn es weder von Ihnen zu mir noch umgekehrt irgendein Interesse gäbe. Ich weiß, dass es mit einem normalen Herrn oder einer Herrin vielleicht einfacher ist, aber Daryller erwarten von Begegnungen, vor allem von Begegnungen mit Wesen, bei denen sie sich entspannen sollen, etwas mehr als bloße, stumpfe Anwesenheit. Können Sie mir soweit folgen?" Neugierig betrachtete er das schlanke Gesicht des Elfen und bemerkte die Wimpern über dessen Augen in dem Moment zum ersten Mal bewusst /Wie Vogelschwingen, ich wünschte, er würde sie weiß lassen, sie würden seine Augen vermutlich nicht so sehr verstecken... diese Augen.../

"Ja, Herr", sagte Fíonán leise. Es kostete Kraft, den Blick nicht abzuwenden, jetzt, wo der Daryller ihn so intensiv erwiderte. Aber er wollte es auch nicht, wollte in diese Augen sehen und hoffen, dass er darin erkennen konnte, ob sein Herr die Wahrheit sagte oder ob er... Geschichten erfand, um etwas zu erreichen, von dem Fíonán keine Ahnung hatte, was es sein sollte. "Aber andere entspannen sich, ohne auch nur das Geringste von mir zu wissen. Einfach, weil ich da bin. Weil ich... tun kann, was ich tue, weil ich... ihnen zur Verfügung stehe."

"Andere?" Carelis lachte leise. "Sie werden mir, wenn sonst nichts, dann doch wenigstens zugestehen, dass ich nicht bin wie andere, oder?" /Ich klinge eingebildet. Dabei will ich etwas anderes sagen? Wieso eigentlich ich? Was soll das hier? Er hat doch Recht. Er ist da, ich habe meine Ruhe, ich sollte längst arbeiten!/

Carelis wusste selber nicht genau, warum er sich erklären wollte, wieso es ihm so wichtig war, dass der weiße Elf ihn verstand, aber mit einem Mal war es wichtiger geworden als das kostbare Metall in der Tasche, das er deutlich streiten spüren konnte.

Fíonán konnte nicht anders, leise fiel er in das Lachen mit ein. Verlegen senkte er den Blick, nur um dann doch wieder aufzusehen und seinen Herrn anzulächeln. "Ja, Herr. Wie andere seid Ihr nicht, da habt Ihr allerdings Recht." Er kicherte und griff nach seinem Glas, um einen großen Schluck zu nehmen und sich dann tiefer in den Sessel zu kuscheln, ohne den Blick von dem Daryller zu lassen, darauf wartend, dass dieser weiter sprach. Von einem Moment auf den anderen fühlte er sich wesentlich entspannter.

Carelis lächelte ebenfalls und beobachtete, wie der Elf sich ein wenig zusammenfaltete, um seine langen Glieder in dem Sessel bequemer unterzubringen. Erneut bewunderte er die Eleganz der Bewegungen, die Feinheit seines Aussehens.

Unsicher warf er einen Blick auf die Arbeit, gefolgt von einem erneuten, raschen Blick auf den Elf, der gerade einen großen Schluck von seinem Saft trank. Carelis zuckte kurz mit den Schultern, bevor er sich ein zweites Glas nahm, um es halb mit Weißwein zu füllen. "Ich glaube, dass Sie sich wirklich für die Daryller interessieren. Also werde ich Ihnen von unserer Entstehung erzählen. Einverstanden, oder gibt es etwas, das Sie erledigen müssen?"

Wieder lachte Fíonán leise auf und hob die Hand vor dem Mund, um das darauf folgende Grinsen zu verbergen. "Nein, Herr. Alles, was ich erledigen muss, ist, für Euch da zu sein. Das ist meine ganze Aufgabe, so lange Ihr hier seid, mein einziger Tagesinhalt." Leicht verwundert stellte er fest, dass er sich ein wenig darauf freute. Wenn er immer so lange schlafen durfte... Und überraschender Weise interessierte er sich wirklich für Daryller. Er wollte ihn verstehen. Wollte... keine Angst haben. Ihm vertrauen...

Carelis musste nun auch lächeln. "Ah, gut, dann haben Sie heute Abend die Aufgabe, mir zuzuhören. Was man über die Daryller wissen sollte, ist..." Er trank einen Schluck Wein, der herrlich frisch und prickelnd schmeckte. "Nummer eins. In der netten Form sind sie Vegetarier. Nummer zwei, in der netten Form wollen sie immer ein gutes Geschäft machen. Ich schlage Ihnen ein Geschäft vor, Fíonán. Ich erzähle von meinem Volk und Sie..." /Was wäre für mich ein gutes Geschäft?/ "... Sie vertrauen mir soweit, dass ich Sie bestimmt nicht anrühren werde, wenn Sie es nicht wollen, dass Sie die nächste Nacht gleich oben schlafen, damit ich Sie nicht wieder hochtragen muss."

Carelis betrachtete den anderen forschend. "Ist das ein Vorschlag, den Sie akzeptieren können? Wenn nicht, machen Sie einen, den ich vielleicht akzeptieren kann."

Fíonán lehnte die Wange gegen die Rückenlehne, zog die Beine an den Körper und schlang einen Arm darum, vorsichtig, um keinen Saft zu verschütten. Seine silbergrauen Augen musterten den Daryller. /Nicht anfassen, ohne dass ich es will? Also nie? Was ist das für ein Mann?/ "Wenn... Ihr Euch sicher seid, dass Ihr das wollt, ist das für mich... für mich ein sehr gutes Geschäft. Aber ich sehe den Sinn nicht. Es ist für mich beides von Vorteil. Ich bekomme etwas erzählt, was mich interessiert und werde dafür nicht angefasst, wenn ich es nicht will."

Carelis hob eine Braue und überdachte dieses Argument. "Hm. Das ist nur solange ein gutes Geschäft, wie Sie nicht wollen, dass ich Sie anfasse", erklärte er dann nachdrücklich. "Es spricht zwar nicht für mich, dass es Ihnen zur Zeit als ein gutes Geschäft vorkommt, aber verdenken kann ich es auch nicht. Gut, Sie haben also angenommen." Er nahm sein Glas wieder auf und fragte "Auch noch etwas zu trinken, Fíonán?"

Röte schoss in Fíonáns Wangen, als die Worte des Daryllers ihm klar machten, was er da zugegeben hatte. "So war das nicht gemeint, Herr!" Erschrocken machte sein Herz einen Satz und begann ängstlich wieder schneller zu schlagen. "Ihr seid nicht hässlich oder unattraktiv oder... Vergebt mir... ich..." Er verstummte, wandte den Blick ab und fuhr sich mit der freien Hand über das Gesicht und durch die Haare. Seine Finger verkrampften sich in der weißen Fülle. "Das wollte ich damit nicht sagen", endete er kläglich.

Carelis lächelte ein wenig und drehte das Glas; der Wein leuchtete golden und die sich senkende Nachmittagssonne spiegelte sich gerade darin, um Lichtreflexe über den Tisch huschen zu lassen. Verspielt versuchte Care, den goldenen Schein bis zu Fíonán zu lenken, was leider nicht gelang, währenddessen antwortete er eher abgelenkt.

"Ich denke nicht, dass ich hässlich oder unattraktiv bin. Ich weiß jedoch genau wie Sie, in welcher Situation wir uns ursprünglich hier befunden haben. Ich dachte, dass ich diese Situation zwischen uns versuche aufzuheben, denn es liegt mir nicht. Ich will nur, dass Sie verstehen, dass es nichts gibt, zu dem ich Sie zwingen würde. Egal, was bei all den anderen gegolten hat, die hier zu Gast waren, bei mir gilt nur eine Regel. Wenn Sie meine Freundschaft wollen, müssen Sie so ruhig bleiben, wie Sie zur Zeit sind, gelassen gegen meine Art und ehrlich." Er hob die Weinkaraffe und fragte "Wein? Oder lieber weiter Saft? Können wir mit der Unterhaltung beginnen?"

Zögernd sah Fíonán wieder zu ihm hin, dann seufzte er, stellte sein Saftglas auf den Tisch und nahm ein neues. "Wein", sagte er entschieden. Vielleicht würde ein wenig Alkohol das ganze leichter machen. Der Daryller konnte ihn zwingen. Konnte ihn zu allem zwingen, was er wollte. Und nicht nur durch das Recht, das ihm der Besitz des Schlüssels verlieh. Und Freundschaft? Wollte er seine Freundschaft? Nein, nicht wirklich. In ein paar Wochen, bestenfalls Monaten würde sein Herr wieder gehen, wenn Fíonán ihm überdrüssig geworden war. /Ruhig? Ich bin nicht ruhig. Ich bin nervös. Ich habe Angst..../ Wenn auch nicht mehr so viel. Und nicht in exakt diesem Augenblick.

Carelis goss das Glas des Elfen ebenfalls halb voll und hob seines dann kurz an, um erneut davon zu nippen, während er beobachtete, dass auch sein Gastgeber einen kleinen Schluck trank.

"Gut. Ich fange am Anfang an. Es gibt in der unendlichen Weite des Alls viele bewohnte und bewohnbare Planeten. Auf nur ganz wenigen, nämlich – wenn ich das vorneweg schon einmal verraten darf – auf denen aus dem daryllischen System, kommt intelligentes Metall vor. Das mächtigste, was man im All für Geld bekommen kann zur Zeit. Kennen Sie sich in Sternkunde ein wenig aus, oder soll ich Ihnen noch erklären, wie das daryllische System aufgebaut ist?"

Fíonán nahm noch einen weiteren Schluck, genoss die frische Kühle auf der Zunge, die dann seine Kehle hinab rann. Bereits jetzt spürte er einen Hauch der Wirkung des Alkohols. Mehr als dieses halbe Glas durfte er auf keinen Fall trinken, er vertrug ihn nicht sehr gut. "Ein wenig kenne ich mich aus", sagte er und lächelte entspannt. "Aber von den Daryller habe ich kaum Ahnung. Weder von Eurem Volk, noch von dem System, Herr. Wenn es zum Verständnis wichtig ist, würde ich es schon gerne erklärt bekommen. Wir haben Zeit, oder?"

Carelis nickte leicht und zog sich einen freien Hocker dichter heran, um seine Füße hochzulegen. "Nach der Hetze der letzten Tage bin ich eigentlich sehr für Erholung zu haben und dafür nehme ich mir die Zeit jetzt einfach." Er streckte sich wohlig und überlegte kurz, dann begann er erneut zu erzählen. "Das daryllische System ist folgendermaßen aufgebaut. Drei große Sonnen, jede noch jung und unregelmäßig glühend. In ihrer Mitte ein System aus 639 mehr oder weniger bewohnbaren Planeten. Die Planeten, die sich genau zwischen den Sonnen befinden, weisen alle ein sehr angenehmes, leicht tropisches Klima auf. Auf ihnen finden sich undurchdringliche Wälder."

Carelis trank einen Schluck. "Soweit ist das eigentlich uninteressant, solche Systeme gibt es überall. Unter diesen Wäldern jedoch findet sich das intelligente Metall. Es versteckt sich, schützt sich, will seine Ruhe haben. Es ist nur auf diesen Planeten in der Mitte solcher Systeme zu finden, die ihm den geeigneten Raum der Entstehung und den geeigneten Schutz bieten."

/Das klingt eher wie ein Lebewesen als wie Metall./ Wieder nippte Fíonán an seinem Wein. Er mochte den Geschmack sehr; das war der Grund, warum er ausgerechnet diesen hier bestellt hatte. Und es freute ihn, dass der Daryller ihn auch gerne zu trinken schien.

Seine Augen huschten über die kräftige Gestalt des anderen Mannes, beobachtete dessen geschmeidige Bewegungen, während seine Gedanken ein wenig abdrifteten. Nein, hässlich war er bestimmt nicht. Ganz im Gegenteil. Er war einer der bestaussehendsten Herren, die er je gehabt hatte. Fremd mit dem Rotton seiner Haut und dem tiefen Farbton seiner Haare, mit den faszinierenden Raubtieraugen. Fíonán hatte noch nie schönere Augen gesehen. Allein die Farbe...

Bei einem weiteren Schluck Wein merkte er, wie angenehm es war, dem Daryller einfach nur zuzuhören. Seine Stimme war dunkel und warm, und Fíonán stellte fest, dass er ihm auch gerne gelauscht hätte, wenn sein Herr ihm die Funktionsweise eines Raumschiffantriebs in Fachchinesisch erklärt hätte. Niemals hätte er gedacht, dass er sich in der Gegenwart eines Herrn, noch dazu eines Daryller so sehr entspannen könnte.

Carelis streifte Fíonán mit einem Blick. "Ich weiß nicht, ob sie eine Art Schule besucht haben, ich kenne wenige Wesen, die in ihrer Schulzeit nicht von den fleischfressenden Pflanzen, den Lemar, gehört haben. Es gab auch einmal die Praxis, einen zum Tode verurteilten Menschen in die Wälder des daryllischen Systems zu werfen, um das Urteil von den Pflanzen vollstrecken zu lassen.

Die Lemar sind nicht einfach nur Pflanzen, sondern haben sich sehr weit entwickelt. Sie können geplant lauern und jagen, sie vermögen es, komplexe Vorgänge durchzuführen. Sie sind sehr stark, ihre Kraft reicht aus, um ein Raumschiff zu fassen und am Start zu hindern. Durch den langzeitigen Kontakt zum Metall sind die Lemar nach und nach derart aggressiv geworden, dass sie das gesamte Ökosystem der Planeten zu vernichten drohten. Außerdem fanden einige Völker der Umgebung heraus, was intelligentes Metall ist und wie man es nutzen kann. Das hat den Konflikt auf den Planeten der Lemar erst recht geschürt. Sind Sie soweit im Bilde? Fragen Sie doch bitte, wenn etwas unklar sein sollte."

Aufmunternd blickte Carelis den Elf noch einmal an und bemerkte lächelnd, das jener von den wenigen Schlucken Wein schon rote Wangen bekommen hatte, was ihn deutlich lebendiger aussehen ließ.

"Ich habe heute das erste Mal von intelligentem Metall gehört, Herr. Aber selbst ich weiß, was Lemar sind." Fíonáns Lächeln vertiefte sich, als er den Blick des Daryllers erwiderte. "Und noch komme ich gut mit, noch verstehe ich alles. Es ist interessant."

/Interessant hat er gesagt. Zum Glück langweile ich ihn nicht./ Carelis nickte leicht und stellte fest "Ein Wesen kann noch so unnütz sein, noch so hässlich, wenn es nur einigermaßen mordlüstern ist, dann werden die anderen Lebewesen sich darüber unterhalten und nicht umhin können, eine gewisse Faszination zu empfinden." Er lächelte. "Die Faszination an den Lemar ging allerdings nicht so weit wie die Faszination an dem intelligenten Metall. Eine Substanz, der man etwas beibringen kann wie einem Tier, wie einem höheren Wesen. Mit einem Unterschied. Es braucht keine Nahrung, keine Pflege, nur einen guten Lehrer, der die Sprache beherrscht, die es versteht. Dann kann ein winziges Teilchen von intelligentem Metall ein ganzes Raumschiff lenken, wenn man ihm den Zugang zu den Daten ermöglicht und es ihm beibringt."

Carelis stutzte und füllte sein Glas langsam nach. "Ich schweife ab, Entschuldigung. Auch noch einen Schluck? Der Wein ist hervorragend, eine gute Wahl, Fíonán." Während er ihn lobte, schenkte er auch dem Elf nach, obwohl dessen Blicke mit einer gewissen verdächtigen Trägheit an seinem Gesicht zu hängen begannen. /Hoffentlich verträgt er Alkohol und fühlt sich jetzt nicht genötigt von mir/ Carelis verwarf den Gedanken. Der Elf sendete kein Unbehagen aus; die Angst, die Carelis deutlich gespürt hatte, war fort und das war schon ein guter Anfang.

"Die Lemar wurden nun häufiger besucht, von gierigen Weltraumpiraten vor allem, die das Metall schürfen wollten, um Waffen herzustellen. Die Pflanzen haben sie fast immer getötet, gerieten nach und nach durch die vielen Kämpfe gegen Gegner, die sich bewegen konnten, in eine Lage, in der sie sich zu wünschen begannen, dass sie sich auch bewegen, den Flüchtenden folgen könnten. Sie wollten nicht mehr Fallensteller, sondern wirkliche Jäger sein. In der Situation passierte eine Art... Wunder. Glauben Sie an Wunder, Fíonán?"

"Wunder?" Fíonáns Lächeln verblasste ein wenig. "Es gab eine Zeit, da habe ich daran geglaubt... aber vielleicht bin ich ja wieder bereit dafür. Das kommt auf das Wunder an, Herr." Sein linker Zeigefinger zog eine Spur durch die kleinen Tröpfchen, die sich durch die Kälte des Weins an der Außenwand des Glases gesammelt hatten. Doch er merkte es kaum, nahm den Blick nicht von dem Daryller.

Carelis erwiderte den Blick und fragte sich, wie viel von der verspielten Sinnlichkeit der Elf noch brauchen würde, um sich vollständig unwiderstehlich zu machen. Dass er hier bestimmt Herren hatte, die ihn teuer bezahlt hatten, konnte Carelis gut verstehen. Er besann sich wieder auf seine Erzählung und fuhr fort: "Die Raumflotte eines kleinen, unbedeutenden Volkes, das sich auf der Flucht befand, nachdem ihr Heimatplanet von einer stärkeren, aggressiveren Rasse verdrängt worden war, stürzte auf die Planeten der Lemar ab. Die Wesen waren zierlich, wegen der empfindlichen Haut lichtscheu, ruheliebend, gleichmäßig in ihrer Art und sie konnten mit dem Metall sprechen. Als die Lemar sahen, wie die sanfte Art der Wesen zum Erfolg führte, wünschten sie sich dieselbe Art oder wenigstens einen Teil davon für sich und verbanden sich mit den Wesen. Die Fliehenden wurden alle ausgelöscht, es entstand das Volk der Daryller. Das Volk der zwei Gesichter. Das nenne ich ein Wunder."

"Aus zwei Rassen ist eine entstanden? Also seid Ihr jetzt einer dieses zarten Volkes und... der andere, Rachaet, ist eigentlich eine Pflanze?", fragte Fíonán nachdenklich und legte einen Finger an seine Lippen. /Aber er sieht gar nicht zart und lichtscheu aus, er ist so stark und dunkel. So... schön.../ "Das ist wirklich ein Wunder. Dass sich eine fremde Rasse mit Pflanzen hat verbinden können. Dadurch ist Euer Volk also geworden, was es ist. Raubtierhaft. Wenn Rachaet Euch... übernimmt? Tut er das? Was passiert dann mit Euch?"

"Nein, so einfach ist es nicht. Rachaet hat das Bewusstsein der Pflanze, und sein Einfluss lässt sich auch an meinem Äußeren sehen, aber ich trage ebenso Teile der Pflanze in mir, sowie Rachaet Teile des zarten Wesens in sich trägt, von dem ich abstamme. Die Stärke, der Wille, die Kraft mit dem Metall zu reden, die Geschäftstüchtigkeit, die Art von uns, die unseren Erfolg gebracht hat, ist eine Mitte zwischen der Zartheit und dem Phlegma der Fliehenden und der Aggression und dem Willen der Lemar.

Um die Aggression der Lemar unter Kontrolle zu bringen, bedarf es leider eines enorm starken Willens. Das Bewusstsein der Pflanzen wandert in den Körper und wird so älter und mächtiger. Rachaet ist bereits im dritten Körper und obwohl ich schon fast achtzig bin, habe ich ab und zu noch immer Probleme, seine Instinkte und Triebe einzuschläfern." Carelis trank einen Schluck, dann endete er mit träumerischen Blick auf den nun feuerroten Abendhimmel. "Aber all das ist vorbei, sobald das dritte Gesicht bei uns ist. Sobald ich heirate, wird Rachaet ruhiger, vor allem, nachdem erst einmal ein Nachkomme geboren wurde. Darauf freue ich mich, ich sehne die Ruhe wirklich herbei mittlerweile."

Fíonán spürte so etwas wie Wehmut, als er das Glas zurück auf den Tisch stellte. Das Abendlicht vertiefte den Rotton der Haut des Daryllers und legte gleichzeitig einen Goldschimmer über dessen Gesicht, der es weicher wirken ließ. /Seht Ihr, und darum kann Freundschaft zwischen einem Herrn und einem Schlüssel nicht wirklich sein. Sobald Ihr verheiratet seid, werdet Ihr nicht mehr hierher kommen./ Er sagte nichts von diesen Gedanken, doch sein Lächeln wirkte mit einem Mal verletzlich. "Nun, jetzt seid Ihr erst einmal hier, Herr. Ich werde mich bemühen, Euch etwas Ruhe zu bringen. Darf ich fragen, wie lange Ihr bleiben wollt?"

/Er lächelt wieder so... unangebracht./ Carelis seufzte und warf einen Blick auf die Tasche mit dem Metall. "Ich werde hier bleiben, bis der elende Vermittler mir eine Ehe vermittelt hat." Er stand langsam auf und streckte den Rücken. "Ich weiß, dass es nicht nett ist, in Gesellschaft von dem Wunsch nach einer Ehe zu reden, aber ich hab nun einmal keine Wahl. Ich muss das Wesen nehmen, das genetisch verträglich ist mit sowohl Rachaet, als auch mit mir." Er wendete sich vom Tisch ab und erklärte freudlos "Ich habe meinem Bruder versprochen, dass ich diese Arbeit erledige in meiner Wartezeit hier. Entschuldigen Sie mich doch bitte." /Wieso macht mir der Gedanke an die Arbeit keinen Spaß mehr?/ "Manchmal wünschte ich..." Carelis ging in die Hocke und berührte die Steine "... wenn ich nur einmal eine Wahl haben könnte... Aber..." Er warf einen Blick auf Fíonán und lächelte entschuldigend. /... die habe ich nicht./

"Ich bin müde, noch immer, aber werde jetzt ein wenig mit dem Metall sprechen. Wenn Sie wollen, können Sie jetzt Ihre Zeit für Ihre Pläne verwenden."

"Danke, Herr." Geschmeidig stand Fíonán auf und verneigte sich vor dem Daryller. Das plötzliche Schwindelgefühl ließ ihn schwanken, doch er fing sich wieder und verdammte sich in Gedanken dafür, dass er so viel getrunken hatte. "Und macht Euch wegen mir keine Gedanken. Meine Gesellschaft ist wirklich keine, in der man nicht den Wunsch nach einer Ehe äußern kann. Ich bin nur ein Schlüssel, Herr."

Carelis schwieg dazu, aber dachte leicht gepeinigt, dass Fíonán nicht gelernt hatte, was Freundschaft sein konnte. Er hatte anscheinend nicht verstanden, was für ein Angebot er von dem Mann erhalten hatte, den er doch nur als einen weiteren Herrn ansah.  /Solange du denkst, dass du nur der Schlüssel für mich bist, kann ich doch auch nichts weiter sein als nur der Herr./ Ein betrüblicher Gedanke. Aber solche Dinge brauchten Zeit, und die hatte Carelis dieses Mal ja zur Verfügung.

Fíonán hatte nicht wirklich mit einer Reaktion gerechnet, und so überraschte es ihn auch nicht, dass keine kam. Er war, was er war, und das beinhaltete, dass er ignoriert wurde, wann es seinem Herrn gefiel. /Nur ein Schlüssel. Niemand, mit dem man irgendeine Art der Partnerschaft in Betracht ziehen könnte, die darüber hinaus geht. Nicht einmal Freundschaft. Man muss keine Versprechen halten, Gefühle sind verschwunden, wenn man die Tür hinter sich geschlossen hat./ Er fragte sich, warum die Erinnerung noch immer so schmerzte. Es war doch schon so lange her.


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