Das dritte Gesicht

7.

Während Fíonán die Reste des Essens und das Geschirr zusammen räumte, drifteten seine Gedanken in die Vergangenheit ab, seine sorgfältig aufgebaute, schützende Mauer war vom Alkohol untergraben worden. Es war die Schuld eines seiner Herren gewesen, dass er versucht hatte zu fliehen. Die Schuld eines seiner Herren, dass er zum Tordienst verdammt worden war. Doch deswegen konnte er ihm nicht zornig sein. Nicht deswegen. Es tat nur nach wie vor weh.

Er hielt inne, sein Blick glitt zu dem Daryller, dem ersten, festen Herrn, den er seit diesem Tag hatte. Dem ersten seit sechs Jahren. /Er bekommt seine Gefährtin ausgesucht, ich meine Herrschaft. Und wir haben beide keine Wahl. Ein wenig Ähnlichkeit bei all den Unterschieden./ Fíonán stellte Geschirr und Essensreste auf ein Tablett, das übrig gebliebene Obst drapierte er in einer Schale, die er in der Mitte des Tisches platzierte. /Müsst Ihr auch perfekt funktionieren, Herr? Kommt Rachaet zum Vorschein, wenn Ihr nicht mehr funktionieren könnt?/

Er ertappte sich bei dem irrwitzigen Gedanken, dass er Rachaet gerne einmal sehen würde. Ihn kennen lernen. Sich mit eigenen Augen davon überzeugen, was genau er war. Wie er war. Ärgerlich schüttelte Fíonán den Kopf. Genauso gut konnte er sich auch selbst umbringen. Er nahm das Tablett auf und ging lautlos an dem Daryller vorbei zur Tür, um es draußen in die Vorhalle zu stellen. Erneut musterte er den eingravierten Schneekristall, der seit ebenfalls sechs Jahren das erste Mal wieder zu sehen war, ehe er die Tür wieder schloss.

Der Abend ließ die Schatten länger werden und zog mit Dunkelheit auch in das Wind-Zimmer ein. Fíonán entzündete ein paar Kerzen und schaltete das Licht ein, dimmte es auf ein angenehmes, leicht schummriges Maß. Unschlüssig verharrte er einen Moment, wusste mit einem Mal nicht mehr, was er mit all der Zeit anfangen sollte, die er so plötzlich bekommen hatte. Dann glitt ein Lächeln über sein Gesicht. Viel zu lange hatte er schon keine Muße mehr für Musik gehabt, und sein Herr hatte gesagt, dass er sie mochte. Vielleicht würde es ihn ja nicht stören.

Carelis hatte sich den schwierigsten der Brocken in seiner Tasche vorgenommen und ertastete, wohin sich das Metall verteilt hatte, sich als Erz versteckte und regungslos darauf hoffte, dass es nicht gefunden wurde. Er hatte den Kontakt gerade hergestellt und begonnen, mit leisen Versprechungen zu erreichen, dass es sich formierte, um ihm zu lauschen, als goldenes Licht die Dämmerung im Raum unterbrach. Rasch hob er einmal den Kopf und beobachtete, wie Fíonán mit leicht wehenden Kleidern von Kerze zu Kerze huschte, um diese zu entzünden.

Das helle Gesicht wirkte ausdruckslos, aber das genoss Carelis mehr als dieses Lächeln, diese Maske. In den Momenten, in denen sich der Elf unbeobachtet zu fühlen schien, war er viel schöner als in den Momenten, in denen er versuchte, das zu sein, was anscheinend hier sonst von ihm erwartet wurde. Gespannt beobachtete Carelis, wie sein Gesellschafter im Zimmer umherschlich, ein echtes Lächeln auf seinen Lippen. In dem Dämmerlicht des abendlichen Zimmers wirkte er mit den weißen Haaren, die seinen schmalen Körper umgaben und den weißen, durchscheinenden Kleidern beinahe wie ein Geist, eine unwirkliche Erscheinung.

Fíonán ging lautlos zu einem der Schränke, in denen er seine Musikinstrumente aufbewahrte und zögerte wieder, ehe er sich für die Harfe entschied. Aus irgendeinem Grund schien seine Herrschaft ihn am liebsten damit zu sehen, und Fíonán wollte nicht, dass der Daryller ihm das Spielen aus einem so banalen Grund wie dem Missfallen des Instrumentes wieder verbot. Liebevoll hob er sie hinaus und trug sie in eine Ecke des Zimmers.

Er zog sich einen kleinen Hocker zurecht und setzte sich. Regelrecht zärtlich glitten seine Finger über das Holz und die Saiten der großen Harfe. Als er die ersten Töne anschlug, vertiefte sich sein Lächeln. Es klang ein wenig schräg, doch schnell hatte er das Instrument gestimmt. Fíonán schloss die Augen, als seine Hände liebkosend über die Saiten flogen, Melodien hervorriefen, deren Klänge ihn entführten und mit sich davontrugen.

Carelis hatte seine Konzentration erneut auf das Metall in seinen Händen gelenkt, als die zarten Klänge ihn herausrissen. Er hob zunächst gereizt den Kopf, bemerkte dann jedoch die Verzückung, die Freude in dem Gesicht des Elfen und musste lächeln.

Als nächstes sah er, dass das Erz die Musik mochte. Es wurde flüssig, bewegte sich in Carelis' Händen, kam freiwillig aus seinem Versteck heraus. Schon bald hielt Carelis den kleinen Tropfen des Metalls in der einen hohlen Hand und konnte es behutsam in das passenden Gefäß geben, während er den Steinklumpen beiseite legte.

/Wunderbar! Es mag seine Musik!/ Dankbar blickte Carelis zu dem Elf hinüber, der seine Finger noch immer über die Seiten zupfen oder streichen ließ. /Mach bloß noch weiter, dann habe ich meine Arbeit schneller getan, als ich gedacht hätte. Wundervoll!/

Fíonán spielte lange. Wenn er erst einmal in seiner Welt gefangen war, konnte er Ewigkeiten in Melodien, Rhythmen und Klangfolgen schweben, ohne irgendetwas um sich herum wahrzunehmen. Musik war lange Zeit das einzige gewesen, was ihn gehalten, seinem Leben Sinn gegeben hatte, Hoffnung und Licht. Und irgendwie war es ihm immer gelungen, ein wenig Raum in seinen oft viel zu engen Arbeitsplänen zu finden, in dem er hatte spielen können. Jetzt plötzlich alle Zeit dafür zu haben, war ungewohnt, traumhaft schön... und irritierend.

Die Melodien wechselten sich ab, mal folgten harmonisch einige Läufe aufeinander, mal klang es nach Wasser, nach Regen, dann wie ein Sturm, fast schon aufgebracht, wild, dann wieder nach Sonnenschein, verspielt. Carelis stellte fest, dass es ihm leicht fiel, das Metall zu locken; wenn ihm die Musik gefiel, kam es fast von allein.

Endlich war er fertig, aber der Elf spielte noch immer. Also nahm Carelis sich ein neues Glas, goss sich noch ein wenig Wein ein und ließ sich auf dem Sofa nieder, sehr bald schon in die Musik des Elfen ebenso versunken, wie dieser in seinem Spiel versunken war. Faszinierend.

Langsam klangen die Töne aus, hingen noch eine Weile im Raum, ehe sie ganz verstummten. Nach wie vor umspielte ein leicht entrücktes Lächeln Fíonáns Lippen, als seine Finger auf dem Saiten zur Ruhe kamen, und er die Augen wieder öffnete. Sein Blick huschte durch das Zimmer und blieb an dem Daryller hängen, forschend, ein wenig ängstlich, um zu sehen, ob dieser verärgert war. In Musik zu versinken hieß gleichzeitig, nicht mehr für seine eigentliche Aufgabe da sein zu können. Es hieß, seinen Herrn zu vernachlässigen.

Carelis lächelte, starrte blicklos auf die helle Scheme auf der anderen Seite des Raumes und bemerkte es ein wenig verspätet, als die Musik aufhörte. "Das war sehr schön, Fíonán. Sie spielen gern, das hört man."

"Danke, Herr. Ich liebe es", antwortete Fíonán einfach. Seine Hände glitten zärtlich über das glatte Holz der Harfe, seine Finger folgten dem Verlauf einer Blütenranke, die in etwas dunklerem Holz über den Klangkörper verlief, und fast konnte er das Instrument antworten spüren. Nahezu von allein kehrte er zu den Saiten zurück. Doch noch ehe er sie wieder anschlagen konnte, rief er sich selbst zu mehr Disziplin auf, als ein Blick zum Fenster ihm zeigte, dass die Sonne schon lange untergegangen war. /Er hat es gemocht, er hat dir erlaubt, lange zu spielen, doch übertreib es nicht. Vielleicht... vielleicht darfst du morgen wieder./

Fíonán fühlte sich leicht und gelöst, als er aufstand und die Harfe zu ihrem Platz in dem Schrank zurücktrug, in dem er den Großteil seiner Instrumente aufbewahrte. Mal wieder merkte er, wie sehr es ihm fehlte, wenn er längere Zeit nicht spielen konnte. Und so lange wie eben war es schon ewig nicht mehr gewesen.

Die tiefe Dankbarkeit, die er plötzlich seinem neuen Herrn gegenüber empfand, überraschte ihn selber. Der ganze Tag war vollkommen anders verlaufen, als er befürchtet hatte. Und sehr viel angenehmer, sehr viel besser. Er hatte fast ausgeschlafen, gut gegessen und musiziert. Sein Herr hatte sich mit ihm unterhalten und versucht, ihm seine Angst zu nehmen. Faszinierender Weise war es ihm auch gelungen, was sich Fíonán nicht erklären konnte.

/Er hat den Abendhauch umgebracht. Es könnte ein Plan sein, um dein Vertrauen zu gewinnen, und dann.../, flüsterte seine innere Stimme. Nachdenklich schloss Fíonán die Schranktür, starrte auf die helle Fläche, ohne sie wahrzunehmen. /Rachaet hat sie getötet, nicht der Mann, der mein Herr ist. Eine wilde Pflanze. - Das hat er dir gesagt. Wieso glaubst du ihm? Du weißt, dass es Herrschaft gibt, die Vergnügen daran hat, Vertrauen zu gewinnen, nur um den Schlüssel anschließend zu zerbrechen./ Doch der Daryller gehörte nicht dazu, egal was seine innere Stimme ihm sagte.

Fíonán kannte nur zwei Arten, um wirkliche Dankbarkeit auszudrücken, die aus mehr bestand als aus dem, was Worte zu sagen vermochten, hatte nur diese beiden gelernt. Die eine Art war die eines Kindes, ungestüm und voller Freude, die andere... Vielleicht war es der Wein, vielleicht noch die verklärte Stimmung, in die ihn die Musik versetzt hatte. Bevor er weiter darüber nachdenken konnte, war er zu dem Sofa gelaufen. Anmutig sank er vor dem Daryller auf die Knie und neigte den Kopf.

"Ich danke Euch, Herr", sagte er nur, um dann wieder aufzusehen und seinen Herrn anzulächeln, strahlend und ohne dass eine Maske sein Gesicht verbarg.

Carelis hob eine Hand, verwundert, ungläubig beinahe über diese Geste der Unterwerfung, die er mit seinem Lob ganz und gar nicht hervorrufen wollte. Dann ließ er seine Finger wieder sinken, bevor er das weiche Haar, den schlanke Hals des Elfen womöglich hätte streicheln können. "Fíonán, Sie müssen sich nicht für ein Lob bedanken, das Ihnen mehr als nur zusteht. Sie spielen großartig. Ich... habe jetzt auch lange genug gearbeitet. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich werde mich zurückziehen und schlafen. Morgen ist ja auch noch ein Tag." Er streckte sich gähnend und stellte sein leeres Glas auf den Tisch.

"Bitte", murmelte er an den noch immer auf dem Boden knienden Anderen gewendet. "Der Teppich ist zwar weich, aber knien Sie sich doch nicht hin vor mir. Ich ... Es wirkt so unterwürfig, das brauche ich nicht... Die Musik war ein Geschenk, das mich gefreut hat. Ich sollte danken, nicht umgekehrt."

Träge streckte er sich noch einmal, dann ging er nach einem kurzen Besuch im Bad die Treppe hinauf, knöpfte im Gehen schon das Hemd auf. Bewusst überließ er den Elf sich selbst auf dem Teppich, ließ ihm einige Wahlmöglichkeiten.

/Er mag es nicht?/ Verwirrt folgte Fíonán ihm mit den Blicken. /Aber wie soll ich mich sonst bedanken? Zudem hat er es vollkommen falsch verstanden./ Aber er hatte seine Musik ein Geschenk genannt. Und das hatte noch niemand zu Fíonán gesagt. Sein Lächeln vertiefte sich und endete in einem kleinen Lachen; er umarmte sich selbst und ließ sich gegen die Couch sinken, auf der bis vor wenigen Augenblicken noch sein Herr gesessen hatte. Die Wärme haftete ihr nach wie vor an, ebenso wie der Geruch des Daryller. /Ich bin unmöglich und sollte keinen Wein trinken./

Als sein Herr aus dem Bad kam, sah er ihm nach, wie er die Treppe hoch lief. /Er ist so anders als alle anderen, die ich je getroffen habe. Als alle anderen Herren. Wieso ist er hier? Er wartet auf eine Gefährtin durch seine Agentur. Aber warum hier? Er will keinen Schlüssel, er mag es nicht./ Mit einem fast lautlosen Seufzen erhob er sich. /Ich werde ihm morgen sagen, wofür ich mich wirklich bedankt habe.../

Regelrecht automatisch, weil sein Herr zu Bett gegangen war, ging auch Fíonán nach oben, nachdem er kurz im Bad gewesen war und die Kerzen und das Licht gelöscht hatte. Er stieg vorsichtig über den Daryller hinweg, der mit geschlossenen Augen im Bett lag, auch wenn Fíonán sich nicht sicher war, ob er schon schlief. So weit entfernt von ihm wie möglich kuschelte er sich ebenfalls in eine Decke. Doch schlafen konnte er noch nicht. Verträumt sah er durch das runde Fenster in den Himmel empor, spürte, wie glücklich er war, bis ihm schließlich doch die Augen zufielen.


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