Das dritte Gesicht

8.

Carelis erwachte in den sehr frühen Morgenstunden. Das violett-orangefarbene Licht spielte mit den Kristallen in dem großen, runden Fenster. Nebel bildete ein Meer um die Klippen, die Bergspitzen traten wie Inseln daraus hervor.

Er stand leise auf, zog sich nicht an, sondern blieb mit bloßem Oberkörper und der leichten, schwarzen Hose an dem Fenster stehen. Die Nebelschwaden umwallten die Berge wie Fluten, und er stellte sich vor, dass jemand, der fliegen konnte, in solch einem Meer auch ohne Sorgen badete.

Lächelnd dachte er daran, dass Rachaet die Erde nah brauchte, es hasste, dass Carelis so häufig flog, so oft vom daryllischen System entfernt war, so dass die Pflanze vom Heimweh zerfressen wurde und deprimiert war. Einzig der Grund der Reisen, die Suche nach der dritten Seele in ihrem Bund, stimmte Rachaet geduldiger.

Mit Neid dachte Carelis daran, dass Rachaet die Ruhe, die Gewissheit und die Vollkommenheit schon zwei Male gespürt hatte, die Carelis sich noch herbeisehnte. Er seufzte leise und drehte sich zum Bett um. Sein Blick wurde unwillkürlich von der Gestalt angezogen, die in seeligem Schlaf gefangen, in die Decken gekuschelt auf der anderen Seite lag.

Ein schlanker Arm lag über das Kissen drapiert und daran entlang blickend fiel Carelis auf, dass der Elf nackt zu sein schien. Die ersten Wirbel im Nacken waren zu sehen, leichte Erhebungen auf dem ebenmäßigen Rücken; die Weißheit seiner Haut war frappierend. Durch die Decke zeichneten sich die Glieder ab. Der Eindruck war verwischter als bei der Kleidung, aber in dem goldenen Morgenlicht der langsam aufgehenden Sonne und durch die Schutzlosigkeit, die unschuldig wirkenden Züge, ließ es den Elfen ungleich reizvoller erscheinen.

/Wie ein Kind... so lieb und frei in der Art, wenn man ihn nur ließe./ Carelis ertappte sich bei der Vorstellung, den Palast nicht ohne diesen Elf zu verlassen und fragte sich verwirrt, wann er von seinem 'Ist mir doch egal' auf das 'Er ist es wert' verfallen war.

/Durch die Musik gestern, durch seine Art, mich zu beruhigen. Rachaet ist  nicht einmal zu ahnen, solange er im Raum ist... Naja, er hat sich ja auch gerade erst ausgetobt./ Carelis ging um das Bett herum, um den Elf nicht zu wecken und wollte ihm die Decke nur ein wenig weiter über die Schultern ziehen, als er mit den Zehen seines linken Fußes gegen eine hinter den Kissen verstecke Kiste stieß und mit einem dumpfen Schmerzenslaut auf das Fußende vom Bett sank, um seine lädierten Zehen zu massieren.

Das Geräusch weckte Fíonán. Er schreckte hoch und blinzelte erst müde, dann ziemlich schnell wach zu seinem Herrn hin, der mit schmerzverzogenem Gesicht auf dem unteren Ende des Bettes hockte. Die Nacht war erholsam gewesen, er hatte ausgeschlafen, doch trotzdem beschlich ihn ein unangenehmes Gefühl, als er die Decke beiseite schlug, um zu dem Daryller hin zu krabbeln. "Guten Morgen, Herr. Habt Ihr euch verletzt?"

Noch im selben Moment, in dem er fragte, wusste er, woran sich sein Herr gestoßen hatte. Er schluckte und schlug den Blick zu Boden. "Tut es sehr weh? Soll ich einen Arzt holen?"

Carelis starrte auf den nackten Körper, ein flügelloser Engel, die weißen Haare fielen ihm schwer um die Schultern, verdeckten seine Brust zum Teil, und dennoch blieb noch genügend Sicht auf die Brustwarzen, auf die Muskeln, auf die Rippen und den Schoß, um Carelis den Blick dann doch rasch abwenden zu lassen.

Er vernahm verspätet, was der junge Mann ihn fragte und lachte leise. "Nein, ich hab mir den Zeh gestoßen, an dem Pfosten, oder was ist das hier eigentlich? Da brauche ich keinen A... Was ist das denn?!"

Während er sprach, hatte er den Deckel der kleinen Truhe gehoben und blickte mit Fassungslosigkeit auf den Inhalt. Zaghaft beinahe berührte er einen der Gegenstände, dann sah er zu dem Elfen hinüber.

Dieser hatte den Kopf gesenkt und starrte blicklos auf die Matratze. Er wusste nur zu gut, was sein Herr zu sehen bekam. Handschellen, Vibratoren in den verschiedensten Größen und Ausführungen und ein reichhaltiges Sortiment an Peitschen waren noch das harmloseste, was dort drin zu finden war. /Wenn er nur nicht... wenn er bitte... nur nicht.../ Seine Gedanken endeten alle im Nichts, seine mit einem Mal zitternden Hände klammerten sich in das Betttuch.

Carelis blinzelte einige Male, dann fragte er eher sich selber als den Elfen, der mit gesenktem Kopf und am ganzen Körper zitternd vor ihm saß "Die Fenster lassen sich ja sicherlich öffnen, oder?" Er hob die Kiste mühelos hoch und ging zu dem Fenster, von dem aus er die ausgezeichnete Sicht genossen hatte. Er öffnete es und fragte zurück "Brauchen Sie diese Sachen eigentlich sehr häufig, Fíonán?"

"Ich... manchmal die Herrschaft, Herr...", flüsterte Fíonán ohne aufzusehen. Seine Stimme gehorchte ihm kaum.

Carelis nickte einmal, dann blickte er aus dem Fenster. "Und die Kiste? Brauchen Sie die Kiste?"

"Nein, Herr." Fíonán biss sich auf die Unterlippe, bis er Blut schmeckte. /Was tut er? Was will er?/, fragte er sich verschwommen, doch er wagte nicht aufzusehen.

"Gut. Ich hätte zum Frühstück gern Kräutertee; wenn es Jasmintee gibt, nehme ich den wieder. Wenn es geht, hätte ich dann gern auch noch Milch und vielleicht wieder von dem leckeren Brot? Ist das machbar? Sagen Sie mir, wie ich es bestellen kann, dann können Sie auch gern noch im Bett liegen bleiben."

Mit diesen Worten kippte Carelis die Kiste hinaus und lauschte deren Zerschellen an der Felswand. Er lächelte Fíonán zu und schloss den verschnörkelten Riegel wieder. "Sonst wird Ihnen noch kalt bei der leichten Bekleidung."

/Was... weg.../ Fíonán sah auf, starrte ihn blicklos an, registrierte, dass die Truhe weg war, dass sein Herr nichts, was darin war, benutzen würde. Weil er es soeben aus dem Fenster geworfen hatte. Alles. Er zitterte wie Espenlaub.

"Danke", hauchte er tonlos und spürte die Tränen, die ihm plötzlich in die Augen stiegen. /Hör auf... hör auf... er tut nichts... es ist... hör auf.../ "Danke, Herr..." Zitternd atmete er aus und fühlte die warme Feuchtigkeit seine Wangen hinabrinnen. "Ich... werde gleich... bestellen..."

Carelis sah den Elf verwundert an, der so außer sich schien. "Oh... Es tut mir leid. Hätte ich das nicht wegwerfen dürfen? Ich kann Ihnen gern die Sachen wieder hinstellen lassen, kann ja behaupten, dass Rachaet etwas gegen diese Dinge hatte." Er holte Luft und sah den anderen genauer an.

"Fíonán, ich... ich hätte das eben vielleicht mit Ihnen bereden sollen. Ich hatte nur so ein Gefühl..." /Gefühl? Was redest du da, Care?!/ "... einen Eindruck, dass Sie diese Kiste vor mir versteckt haben, weil der Inhalt Ihnen unangenehm ist."

Carelis streifte das Fenster mit einem Blick und gestand "Mir hat der Inhalt Angst gemacht, und ich habe eigentlich keine Angst, nie. Im Gegensatz zu Rachaet, der sich häufiger fürchtet vor fremden Dingen, habe ich so selten Angst, dass mir das Gefühl eben kalt den Rücken heruntergelaufen ist."

Er betrachtete das schöne, helle Gesichtchen vor sich, unterdrückte den Wunsch, die Wangen zu streicheln, den Mund zu berühren, mit den Fingern nur, so vehement er konnte, dann erklärte er "Es war Angst darum, was Sie denken, solange diese Kiste am Bett steht, in dem wir nur schlafen. Nichts weiter. Schlafen." /Versteht er, was ich will? Nein, vermutlich nicht. Warum nur ist er so eine Versuchung für mich? Sobald ich ihn berührt habe, weiß Rachaet, dass er da ist. Das geht nicht. Ich hätte das Mädchen schon nicht berühren dürfen. Ich will nicht, dass Rachaet von ihm erfährt. Fíonán ist mein Freund. Allein meiner.../ Carelis hob den Kopf und lächelte mit einem Mal.

"Fíonán?" Er setzte sich zu dem noch immer so herrlich nackten und wunderschön verletzlich aussehenden Elf auf das Bett. "Eben gerade habe ich gedacht, dass Sie keine Angst mehr vor mir haben, stimmt das? Wenn ja, könnten wir vielleicht heute schon beginnen, uns mit Du anzureden, wie wäre das?"

Als er in die grünen Augen sah, die ihn so warm musterten, musste Fíonán unter Tränen lächeln. Die dunkle Stimme war beruhigend, und das, was der Daryller sagte...

"Oh Herr... ich... Herr... danke...", flüsterte und wischte sich mit noch immer zitternden Händen die Nässe von den Wangen. "Nein, es ist nicht schlimm, dass Ihr die Truhe weggeworfen habt. Ich bin... ich bin Euch so dankbar dafür. Ich hatte Angst... Angst, dass Ihr etwas... dass Ihr Gefallen daran... es tut mir leid..." Er merkte, dass er unsinnige Sätze von sich gab und atmete ein paar Mal tief durch.

"Ich hasse diese Truhe", fuhr er ein wenig ruhiger fort und ein Schauer rann über seinen Rücken, überzog seinen Körper mit einer feinen Gänsehaut. Fast kam es ihm vor, als würde er Halt im Blick des anderen finden. "Es war dumm. Die Tränen... meine Angst... Ihr würdet... würdet das nicht tun. Aber Ihr habt sie aufgemacht... und dann..." Verlegene Röte stieg in seine Wangen. /Du plapperst. Hör auf damit! Hast du überhaupt mitbekommen, was er gesagt hat? Das letzte? Ganz zum Schluss?/

Fíonán verstummte. Ein leichtes, wie warnendes Kribbeln durchlief ihn und ließ ihn den Blick senken. "Herr, ich habe keine Angst mehr vor Euch", sagte er leise und spürte einen beinahe schmerzhaften und doch angenehmen Stich in der Magengrube. /Und was ist mit dem zweiten Gesicht? - Rachaet ist nicht er. Er hat gesagt, er würde dafür sorgen, dass Rachaet  mir nichts antut. - Du glaubst ihm? Er ist dein Herr! Und weißt du nicht mehr, was er gestern noch gesagt hat?/ Sein Lächeln verblasste.

Er wollte sich nicht daran erinnern, weil er nichts sagen wollte, was das warme Leuchten aus den Augen des Daryllers vertrieb. Und doch... "Herr, ich bin lediglich ein Schlüssel. Ihr habt gemeint, Ihr würdet nur Freunde duzen. Freundschaft zwischen Herr und Schlüssel ist unmöglich."

/Aber er ist so anders! Und ich will... will so gerne... Ich will nicht wieder verletzt werden. Und doch... Er hat die Truhe weggeworfen, weil sie ihm Angst gemacht hat. Ihm! Er hat mich ausschlafen lassen. Er hat mir Zeit für meine Musik geschenkt. - Vielleicht hat er sich nur beherrscht. Ein Tag ist nicht viel. - Und wenn nicht? Was verlierst du, wenn du es riskierst? Und was, wenn du es nicht tust und er es... ernst meint?/ Er wagte nicht aufzusehen, als sich seine Lippen teilten und stumm bewegten. Für einen Moment brachte er keinen Ton heraus.

"Aber vielleicht bin ich bereit... das Unmögliche zu versuchen... Carelis", wisperte er schließlich kaum hörbar.

Als der weißhaarige Mann den ersten Satz gesagt hatte, wendete Carelis sich schon ab, weil er enttäuscht war. Zu enttäuscht, um es den anderen sehen zu lassen. /Was ist nur mit mir los? Sonst bin ich doch nicht so... empfindlich!/ Doch dann flüsterte die feine Stimme des Elfen seinen Namen, und er hob den Kopf, drehte sich zurück und starrte ihn an.

"... Fíonán. Wenn du es versuchen willst, dann bin ich schon zufrieden. Freunde nennen mich Care. Wie nennen Freunde dich?" Aufmerksam blickte er in das schlanke Gesicht. Die feuchten Wangen reizten ihn noch immer viel zu sehr, darüber zu streichen, der Mund reizte Care, ihn lächeln zu machen. Der junge Mann strahlte so viel aus, verhexte durch seine Ausstrahlung und alles, ohne es im Geringsten zu bemerken.

/Du.../ Bei diesem Mann klang alles anders, selbst das Du war nicht herablassend. Fíonán spürte Wärme durch sich hindurchlaufen und sah endlich auf. Er lächelte und wischte sich noch einmal über das Gesicht, um die letzten Tränenspuren zu beseitigen.

"Care", sagte er und testete den ungewohnten Klang. Sein Lächeln vertiefte sich, als sein Blick die grünen Augen des Daryllers fand. "Ich bin einfach nur Fíonán. Mein Freund hat mich manchmal Fio genannt, wenn du das lieber magst...?" Ja, Amaiis hatte das manchmal zu ihm gesagt, und er konnte in seiner verschwommenen Erinnerung die Stimmen seiner Eltern diesen Namen rufen hören. Es war schön, die Koseform seinem Herrn – nein, Care – anbieten zu können.

/Fio? Nein, das klingt zu sehr nach einem Haustier. Vielleicht später einmal... später.../ Carelis wusste, dass jedes Vertrauen zu ihm, jede Freundschaft, ganz gleich, wie sehr er sie beschützt hatte, doch irgendwann einmal dem Misstrauen, der Furcht, der Todesangst vor Rachaet anheim fallen musste. /Wenn ich doch erst das dritte Gesicht hätte, dann könnten Fíonán und ich Freunde sein, ohne Angst, ohne auf Berührung verzichten zu müssen.../

Wieder spürte Fíonán diese tiefe Dankbarkeit gegenüber dem anderen Mann. Irgendwie schien alles, was dieser im Moment tat, dazu beizutragen, dass er glücklich war. "Gestern... als ich mich bei dir bedankt habe, hast du mich falsch verstanden. Es war nicht wegen dem Lob meiner Musik. Ich freue mich, dass sie dir gefallen hat. Unheimlich. Aber mein Dank galt dir, für das, was du getan hast. Alles. Irgendwie machst du, dass ich mich gut fühle. Und jetzt will ich mich schon wieder bedanken und weiß nicht wie." Er lachte leise. Jedes einzelne Du machte ihn kribblig und ließ ihn sich mehr und mehr fühlen, als hätte er Alkohol getrunken. /Wie schaffst du das nur, Care?/

"Und bevor ich dich und mich dadurch in Verlegenheit bringe, werde ich jetzt das Essen bestellen. Das waren Brot, Jasmintee und Milch, richtig?" Als er geschmeidig aufstand, stellte er fest, dass die Sonne schien und bereits den Morgennebel vertrieben hatte. Er sah aus dem Fenster auf die glitzernde Straße aus Licht, die sie auf das Meer zeichnete, und streckte sich kurz, ehe er die Treppen mehr herunter sprang als ging. Unten drehte er sich einmal lachend um sich selbst, spürte seine Haare um sich fliegen, bevor er übermütig zur Tür lief.

/Ich bin albern/, gluckste er innerlich. Der Tag versprach, großartig zu werden.

Carelis sah dem Elf verdutzt hinterher, während dieser mit einem letzten fröhlichen Lachen und einem dazu passenden Aufwirbeln der wunderschönen Haare auf der Treppe nach unten verschwand. Dann erklang das Lachen des jungen Mannes vom Wohnraum her noch einmal und Carelis stimmte mit ein. Was auch immer er getan hatte, er hatte Fíonán anscheinend doch das Wesen entlockt, das er schon am ersten Tag in ihm vermutet hatte. Unbesorgt und fröhlich, ein lachender Junge. /So sollst du von jetzt an immer sein... Immer! Wenn Rachaet dir etwas antut, dann bringe ich ihn um!/ Entschlossen folgte Carelis seinem Elf, um zu frühstücken.

Während der Wartezeit nach der Bestellung duschte Fíonán und suchte sich Kleidung heraus. An diesem Tag blieb die Tunika im Schrank hängen, ihm war nach etwas anderem, nach Veränderung. Eine Weile stand er unentschlossen vor der großen, jedoch fast ausschließlich weißen Auswahl, ehe er sich für eine Hose aus weichem, fließendem Stoff entschied, die bis zu den Knien eng anlag und von dort in einem seitlich geschlitzten, weiten Schlag bis auf den Boden fiel. Federn waren in schimmerndem, weißem Garn am unteren Saum der Beine entlang gestickt. Das Oberteil mit den langen Ärmeln und dem runden Halsausschnitt war denkbar schlicht, schmiegte sich jedoch ebenfalls weich an seinen Körper. Mit flinken Fingern flocht sich Fíonán ein paar dünne Zöpfchen, deren untere Enden er mit kleinen, federverzierten Klipsen schloss.

Carelis lächelte noch, als er auf der untersten Stufe angekommen war und seine Füße in dem flauschigen Teppichboden versanken, doch dann fiel sein Blick auf das Intercom, das flache, anthrazitfarbene Gerät. Es blinkte, zwei Nachrichten seit gestern. Carelis seufzte und rieb sich die Augen. Anstelle sich anzuziehen, setzte er sich auf die Couch und nahm das Gerät in die Hand, klappte es auf. Auch dieser Intercom war aus intelligenten Teilen, das hatte den Vorteil, dass die Nachrichten nach seinen Wünschen sortiert werden konnten. Carelis hatte alle Geschäftpartner ausgeschlossen aus seinem Ordner, weil er Urlaub machen wollte. Also gab es für diese Nachrichten nur zwei Möglichkeiten, nein drei. Zum einen seine Offiziere, dann seine Familie und zuletzt die Vermittlerfirma.

Carelis hörte das Wasser der Dusche rauschen und blickte kurz zur offen stehenden Badezimmertür. Den Engel ohne Flügel nassglänzend zu sehen, war gewiss kein Schritt in Richtung des Vorhabens, ihn nie zu berühren, ihn als Freund für sich zu behalten, weswegen Carelis den Impuls zu Fíonán zu gehen, rasch unterdrückte. Stattdessen hackte er zu grob auf die Tasten, um den Code einzugeben, damit er seine Nachrichten empfangen konnte.

Fíonán huschte in dem Moment hinter seinem Rücken zu einer Reihe von Schränken und begann, hinter der Tür zu kramen und zu suchen. Carelis warf ihm einen Blick zu und grinste, als er Federn auffliegen sah. /Er hat also doch Flügel, mein Engel?/ Dann erkannte er Hosenbeine, in die helle, schlanke Beine hinein stiegen und schüttelte den Kopf, um das Bild zu klären. Sein Intercom pfiff und summte leise, dann sah er den Kopf des Vermittlers. Durch die Verzerrung auf dem kleinen Bildschirm wirkten die wässrigen Augen noch hervorstehender.

"Herr Carelis Rachaet, wir haben eine mögliche Gefährtin für Sie gefunden. Anbei schicken wir Ihnen per Beamer ein Stück ihres Blutes und der Haut. Senden Sie mir bitte, sobald es Ihnen möglich ist, das Ergebnis der Probe zu." Darunter erschien ein blinkendes Schildchen 'Beamvorgang beginnen'. Carelis vernahm ein Pochen an der Tür, aber wendete den Blick nicht von dem Schildchen ab.

Fíonán sprang nahezu an ihm vorbei und öffnete die Tür; und er seufzte, warf einen raschen Blick auf die Haarfluten und die sachte wehenden und trudelnden Federn um den jungen Mann, dann berührte er die Tasten erneut und das Pochen und Zischen begann den Beamvorgang.

Barfuß lief Fíonán zu der Tür und öffnete, um das Tablett entgegen zu nehmen. Ein wenig irritiert wurde er gemustert, was ihm ein weiteres Lächeln entlockte. Er sagte jedoch nichts; stumm nahm er das Tablett und schloss die Tür mit einem Fuß wieder. Leise vor sich hinsummend deckte er den Tisch, atmete genießerisch den Duft des Jasmintees und der heißen Schokolade ein, die er für sich bestellt hatte. /Wenn er auch nur zwei Wochen bleibt, werde ich dick und kugelrund. Ich darf bestellen, was ich will und habe nichts zu tun. Nicht einmal Sex./

Er kicherte und warf dem Daryller eine fröhlichen Blick zu. /Ob er sich diesen Part noch mal anders überlegt? Aber nein, er will eine Gefährtin./ Fíonán verdrängte den Gedanken schnell wieder.

"Frühstück, Care!", rief er fröhlich. "Bist du fertig?"

Carelis blickte auf das silberne Tellerchen, auf dem nun ein wenig Blut lag. Geschmacklos, aber der sicherste Weg. "Fíonán, kannst du einmal herkommen bitte?" Er versuchte ruhig zu klingen, aber dies hier war zu wichtig für ihn, zu lange erhofft, erwartet, erbetet. Fíonán war auch wichtig geworden, aber nichts im All konnte dem Weg zu der dritten Seele gleichkommen, Carelis hoffte darauf, dass Fíonán es verstehen würde.

Irgendetwas lag in der Stimme des Daryllers, das Fíonán nicht gefiel. Doch er ignorierte es, als er zu ihm kam, ihn lächelnd ansah. Aber als er die leichte Spannung bemerkte, unter der die kräftigen Schultern standen, den Ernst in den Augen, verblasste sein Lächeln langsam und wich einem bangen Erwarten. "Ja? Was ist?"

Carelis bedeutete dem anderen, sich hinzusetzen und Fíonán nahm, vermutlich aus alter Gewohnheit, auf dem Boden zu seinen Füßen Platz. Einmal mehr fragte Carelis sich, was er für Herren gehabt haben konnte.

"Siehst du das hier? Der Fleck. Das ist ein Blutstropfen. Wenn ich ihn berühre, gleich werde ich das tun, dann weiß ich, ob die Person, von der er stammt, meine dritte Seele hat. Verstehst du das?" Er betrachtete das helle, erschrockene Gesichtchen. "Ich bleibe trotzdem hier bei dir, ich würde nicht gleich fortgehen, bestimmt nicht. Aber weswegen ich dich gerufen habe, ist auch etwas anderes. Wenn ich den Tropfen berühre, und er gehört zu dem dritten Gesicht, dann erwacht Rachaet. Das bedeutet, dass ich dich jetzt gern bitten würde, das zu tun, was wir gestern besprochen haben. Sollte der Blutstropfen nicht zu einer Person gehören, die zu mir passt, dann wird gar nichts passieren, dann hole ich dich in einer Minute und wir frühstücken, in Ordnung? Ja? Können wir das so machen, Fíonán?"

Fíonán sah ihn an, und alle Freude war aus seinem Gesicht gewichen. "Ja, natürlich", sagte er leise und wandte den Blick ab. Er konnte die grünen Augen nicht länger ertragen. /Warum so schnell? Zwei Tage reichen nicht für Freundschaft. Es wird sein wie immer. Bleiben, ja, natürlich. Rachaet wird mir das Zimmer verwüsten, wie er es mit dem des armen Abendhauchs getan hat. Dann wird er wieder Carelis werden. Und dann kann er es nicht schnell genug abwarten, zu dieser Frau zu kommen. Tür zu, vergessen./

Er konnte fast spüren, wie sich sein Blick verschloss, Spiegel sich vor seine Augen legten. Als er den Kopf erneut hob, lächelte er, maskenhaft, unnahbar. "Ich wünsche Euch Erfolg." Hastig stand er auf und lief in das Bad, schloss die Tür hinter sich und rannte mehr in die Sauna, als dass er lief. Auch diese Tür schloss er, legte den Riegel davor, der Rachaet bestimmt nicht abhalten würde, wenn er hier rein wollte.

"Du bist ein solcher Dummkopf, Fíonán!", flüsterte er, als sich mit dem Rücken zur Tür auf den Boden sinken ließ. "Gut, dass es so schnell kam und dich wieder aufgeweckt hat."


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